Kursbuch Kriegsreporter

Die Heimatredaktion erwartet, dass es richtig knallt. Ein Erfahrungsbericht

Anfang der neunziger Jahre ermahnte mich ein Chefredakteur mit den Worten: „Was haben Sie denn da gemacht! Sie müssen dorthin, wo es knallt!“ Ich hatte ihm eine Geschichte aus dem kroatischen Pakrac in die Redaktion geschickt. In Pakrac explodierten keine Granaten, es rollten keine Panzer, und es marschierten keine Soldaten. Es knallte gerade woanders, in Sarajevo, in Mostar, in Goražde, in Srebrenica und wie all die unglücklichen bosnischen Städte heißen.

Und ich war in Pakrac gelandet, in einem zerschossenen, menschenleeren Ort. Der Krieg hatte sich hier bereits ausgetobt. Häuserruine reihte sich an Häuserruine. Das Dach der Dorfkirche war eingerissen, die Fenster zerschlagen und die Fassade übersät mit Einschusslöchern. In dieser Kirche erlebte ich durch einen Zufall eine Hochzeit. Nach der Trauung spielte die Kapelle ein patriotisches Lied, ein Junge schwang eine überdimensionierte kroatische Nationalflagge. Das Paar ging langsam über die von Schutt, Mauerwerk und Scherben zugedeckte Straße. Ich beschrieb diese Szene für meine Redaktion und schilderte auch, wie serbische Soldaten durch ein Fernglas von der anderen Seite eines Schlagbaumes den Hochzeitszug betrachteten. Es war, wie mir schien, ein starkes Bild. Stark, weil es nicht erklärt werden musste. Es wirkte allein durch seine Kraft.

Mein Vorgesetzter blieb trotzdem unzufrieden. Er wollte mich mittendrin haben, im Zentrum des Krieges, wo Menschen ums Leben kommen. Sein Motiv war nicht etwa Voyeurismus, sein Motiv war die Angst davor, nicht mit den anderen Medien „mithalten“ zu können. Die „anderen“ waren dabei das Fernsehen. Die TV-Sender setzten die Maßstäbe. Wenn auf den Bildschirmen Explosionen zu sehen waren, dann mussten eben auch in den Zeitungen die Granaten „explodieren“. Das Fernsehen war in der Kriegsberichterstattung das Leitmedium geworden, seit Peter Arnett von CNN 1991 auf dem Dach des Hotels Bagdad gestanden und live über den Bombenkrieg gegen den Irak berichtet hatte. Man musste plötzlich als Zeitungsjournalist so schnell sein wie das Fernsehen und vor Ort das Drama des Krieges möglichst in Nahaufnahme beschreiben.

Damals widersprach ich meinem Chefredakteur: „Wenn ich dort bin, wo es knallt, dann kann ich nur eines schreiben: ES KNALLT! Das war es dann auch schon!“ Das war freilich polemisch zugespitzt, aber es drückte doch meine Überzeugung aus: Es ist wichtig, vor Ort zu sein, aber das allein reicht nicht. Man muss wissen, was zu tun ist, wenn man einmal dort ist, wo es knallt. Das gilt für alle Journalisten, egal ob sie fürs Fernsehen oder für Zeitungen arbeiten.

„Kamera draufhalten!“

Auf diese Frage allerdings geben Fernseh- und Zeitungs- journalisten völlig unterschiedliche Antworten, müssen sie geben, denn sie „bedienen“ unterschiedliche Medien. Ich wage zu behaupten, dass die Aufgabe des Fernsehens leichter ist. „Kamera draufhalten!“ – das ist das erste Gebot, wenn der Krieg mit seinen Schrecken kommt. Das mag eine Vereinfachung sein, aber es ist doch eine relativ wirksame Umschreibung dessen, was das Fernsehen als Kriegsberichterstatter tut und wohl auch tun muss. Wer für Zeitungen arbeitet, kann das genau nicht. Schon alleine deshalb, weil er nicht über die technischen Möglichkeiten verfügt – und er sollte es auch nicht tun. Der schreibende Kriegsberichterstatter ist gut beraten, immer einen Schritt zurückzutreten. Er soll die Hitze des Krieges spüren, aber er darf sich von ihr nicht verzehren lassen. Der Krieg fährt mit solcher Wucht auf die Menschen ein, dass er Herzen verwirrt und Köpfe vernebelt. Die Folge ist, dass wir unzählige Bilder, unzählige Geschichten aus vielen Kriegen haben, die nichts erklären. Vieles, was wir lesen und was wir sehen, ist inzwischen austauschbar geworden. Der Flüchtling, der Soldat, das Opfer, der Verbrecher, alles scheint da zu sein. Aber das: Was? Wo? Wann? Warum?, diese journalistischen Grundfragen bleiben allzu oft unbeantwortet, weil es nur mehr darum geht, dort zu sein, am Ort des Geschehens. Wir hören den Lärm des Krieges, zu selten wird uns geholfen, ihn zu verstehen. Wie könnte eine Kriegsberichterstattung aussehen, die genau dies leistet?

Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Berichterstattung sich einzig und allein den Menschen verpflichtet fühlen muss, über die sie schreibt und nicht für die sie schreibt. Das ist ein Paradox und ein Verstoß gegen alles, was Journalisten bereits in ihrer Grundausbildung lernen. Sie werden angehalten, immer zu überlegen, wie sie eine Geschichte schreiben können, die ihre Leser auch interessiert. Sie müssen fesseln, vom ersten Moment an. Einen Großteil seiner Zeit verbringt der Journalist deshalb mit Fragen wie: Wie bringe ich die Leser dazu, meine Geschichte zu lesen? Diesen Leser, der doch nur wenig Zeit, aber eine große Auswahl an Medien hat und ohnehin mit schlechten Nachrichten nicht überlastet werden will. Das alles schwingt im Kopf des Autors mit, und sehr wahrscheinlich findet sich dort auch das Bild des Lesers, der gerade sein Frühstücksei aufschlägt, während er eine Geschichte über ein Massaker liest.

Ich glaube, dass alles dies für einen Kriegsberichterstatter unerheblich ist. Natürlich, er sollte sich um die Lesbarkeit der Geschichte kümmern. Aber das ist es auch schon. Der Kriegsberichterstatter ist in erster Linie den Menschen verpflichtet, über die er schreibt. Das klingt wie ein moralisches, ist aber auch methodisches Gebot.

Wer sich entscheidet, als Berichterstatter „in den Krieg“ zu gehen, begibt sich in das Reich der Notwendigkeit. Andere bestimmen, was und worüber man berichtet. Diese anderen sind nicht die Manipulatoren, die in allen Kriegskabinetten sitzen. Es sind auch nicht professionelle Wahrheitsverdreher, die den ganzen Tag damit verbringen, sich zu überlegen, wie man Menschen hinters Licht führt. Natürlich muss man diese Leute im Auge behalten, man muss sich vor ihnen hüten, und man muss bisweilen auch mit ihnen arbeiten. Der alltägliche Kampf mit Lügnern gehört zum journalistischen Handwerk dazu, besonders in Kriegszeiten. Es ist lästig, unausweichlich, aber auch hilfreich und sogar notwendig. Wie etwa sollte man den Krieg verstehen, wenn man nicht die Absichten der handelnden Personen begreift? Man muss die Chancen nutzen, ihnen nahe zu kommen, auch auf die Gefahr hin, dass man von Verbrechern manipuliert wird. Aber letztendlich entscheiden allein die Opfer, worüber man Zeugnis ablegt. Nie- mand sonst. Das ist kein leichthin formulierter programmatischer Satz, sondern ein sehr konkreter Vorgang. Im April 2004 beispielsweise befand ich mich gemeinsam mit einem Fotografen auf dem Friedhof von Nadschaf, Irak. Der Friedhof ist sehr groß, größer als die Stadt selbst. Das rührt daher, dass die Schiiten, wenn es ihnen denn möglich ist, am liebsten hier begraben werden – im Schatten der Moschee ihres verehrten Ali. Die Angehörigen bringen ihre Toten manchmal über Hunderte Kilometer Distanz nach Nadschaf. Wir standen inmitten der unzähligen Grabsteine und bemerkten mit Erstaunen, wie viele Wagen über den Friedhof fuhren. Auf ihren Dächern waren grob gezimmerte Särge festgezurrt. Die Toten schaukelten in einer endlosen Prozession an uns vorbei. Während wir sie betrachteten, wurden wir plötzlich von Dutzenden Leuten umringt. Ein paar fragten uns: „Ihr seid doch Journalisten?“ Als wir bejahten, sagten sie: „Kommt mit! Es ist etwas passiert! Wir müssen es euch zeigen!“ Sie schoben uns vor sich her. Nach wenigen Minuten standen wir vor einer Lagerhalle. Am Eingang drängten sich die Menschen, es herrschte lautes Durcheinander. Schwarz gekleidete Frauen schlugen sich auf die Brust. Ihre spitzen Klageschreie schmerzten in den Ohren. Wir wurden von der Menge zu der Eingangstür förmlich getragen. Ich wusste sofort, dass wir jetzt etwas zu sehen bekämen, was wir nie wieder aus unseren Köpfen bekommen würden.

Konnte ich dem ausweichen? „Es ist ja bestimmt wichtig, dass Sie mir das zeigen wollen, aber … nein danke!“ Sollte ich das sagen? Das hätten die Menschen nie begreifen können. Wie auch? War ich denn nicht als Journalist in dieses Land gekommen? War ich denn nicht gekommen, um darüber zu schreiben, was hier geschah? Hätte ich jetzt die Augen geschlossen, diese Menschen wären zutiefst enttäuscht gewesen. Ich hätte auch vor mir selbst keine Rechtfertigung finden können. Also gingen wir hinein.

In der Halle standen Dutzende Schaulustige um einen langen, rechteckigen Betonsockel, zu dessen Längsseite ein Becken angebracht war. Es war still. Das Klagen der Frauen draußen konnte ich kaum mehr vernehmen. Deutlich hören konnte ich das Plätschern von Wasser, das von dem Betonsockel herkam. Als sich die Menge teilte, um mich durchzulassen, sah ich die Leiche eines Jungen von ungefähr zwölf Jahren. Sein Körper war in zwei Teile geteilt. Es sah aus, als hätte ein Untier die eine Hälfte des Jungen abgebissen. Gesicht, Brustkorb, Becken, Bein, einfach abgebissen mit schwarzen Zähnen, denn der Rest dieses Menschen war schwarz wie Kohle – bis auf ein übrig gebliebenes Auge, das offen war und weiß leuchtete. Der Leichenwäscher goss Kübel Wasser aus und strich dann mit einem Tuch über den Jungen, vorsichtig, als müsste er fürchten, dass der restliche Körper auseinander fallen könnte, wenn er zu heftig schrubbte. Ich starrte auf den Jungen, bis mich ein paar Männer weiterdrängten, zum nächsten Betonsockel, auf dem ebenfalls ein Junge lag, „Acht Jahre alt!“, wie mir berichtet wurde, und dann ging es weiter zum nächsten: „Sechs Jahre alt!“ und noch einem, der vier Jahre alt war. Alle Körper waren zerfetzt und zerschunden, alle aber hatten ein Gesicht, das zumindest zum Teil noch als menschliches erkennbar war, ein Gesicht, in dem sich ein Ausdruck spiegelt, den ich nicht beschreiben, aber den ich nicht vergessen kann. Die Stille, die in der Leichenhalle herrschte, der allgegenwärtige Geruch nach verbranntem Fleisch, die glotzende, entsetzte Menge, die sich schlurfenden Schrittes herumbewegte, das Klagen der Frauen draußen, die entstellten Körper der Jungen – das alles erschien mir wie ein Abbild aus der Hölle.

Jedenfalls reichte es nicht, sich damit zu begnügen, dieses Bild des Entsetzens zu beschreiben, weil es allein uns wenig gesagt hätte, vor allem aber weil es Jungen, die ums Leben gekommen waren, und ihren Angehörigen nicht gerecht geworden wäre. Freilich, es gab im Irak täglich Hunderte Kriegstote. Hätte mir mein Vorgesetzter die typische Journalistenfrage gestellt: „Was ist Besonderes an ihnen?“, ich hätte nur sagen können: „Nichts!“ Nur, diesen vier Jungen war ich begegnet. Im Augenblick einer solchen Begegnung unter solchen Umständen geht der Journalist nach meiner Überzeugung die Verpflichtung ein, die Geschichte dieser Toten zu erzählen. Kriegsberichterstattung ist vor allem ein Gespräch mit Toten.

Wie bist Du ums Leben gekommen?
Warum bist du ums Leben gekommen?
Was hast du gemacht, gewollt, geträumt vor deinem Tod?
Was hat dich bewegt?
Was hast du mit uns gemeinsam?

Lauter Fragen, die zunächst allesamt auf die Rekonstruktion eines uns fremden Lebens hinauslaufen. In einem weiteren Sinne geht es jedoch um die Möglichkeit, öffentlich an diese Toten zu erinnern und damit auch an die Umstände ihres Todes und kollektiv über die Ursachen nachzudenken, die zum Krieg geführt haben, über die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit dieses Krieges. Kriegsberichterstattung kann auch das sein, eine öffentliche, würdige Bestattung der Toten. Ich habe in dem Fall der vier Jungen versucht, ihr Leben nachzuzeichnen. Es ist mir misslungen. Die Gründe für dieses Scheitern allerdings warfen ein erhellendes Licht auf den Irak und seine Menschen.

Einen Tag nach dem Begräbnis fuhren wir in das Heimatdorf der vier Jungen. Es lag rund 120 Kilometer südlich von Bagdad, nicht weit von den Ufern des Euphrat entfernt. Das Land war grün, fruchtbar und einladend. Den Hof, von dem zwei der vier Jungen stammten, fanden wir sehr schnell. Er bestand aus mehreren einfachen Lehmhäusern, die am Rande der Dorfstraße lagen. Als wir in den Vorhof bogen, sah ich ein halbes Dutzend Frauen dort sitzen, schwarz gekleidet und offensichtlich trauernd. Wir stiegen aus dem Wagen, und im Nu verschwanden alle Frauen. Sie stoben davon, als hätten sie eine tödliche Gefahr gesehen. „Da verschwinden meine Auskunftspersonen“, dachte ich, „die Mutter wahrscheinlich, die Großmutter, die Tanten und wer auch immer!“

Die Quellen versiegen, der Reporter schämt sich, eine Story kollabiert

Zwei Männer kamen uns entgegen. Sie führten uns in das Gästezimmer eines der Lehmhäuser. Dort saßen schon ein rundes halbes Dutzend andere Männer, darunter der Vater der beiden Jungen und zwei Brüder. Nachdem ich ihnen wiederholt mein Beileid ausgedrückt hatte, begann ich, den Vater darüber auszufragen, wie denn seine beiden Söhne gewesen waren. Ich merkte bald, dass der Vater meine Fragen nicht verstand. Bevor ich den Grund dafür ausmachen konnte, stieß der Sheikh des Dorfes zu uns. Er begrüßte uns auf pompöse Art und Weise, setzte sich, und danach redete nur mehr er. Auch wenn ich den Vater noch direkt ansprach, der Sheikh antwortete für ihn. Alle anderen schwiegen. Das ging mehrere Stunden so.

Als ich das Lehmhaus verließ, war mir klar, dass ich die Geschichte über die zu Tode gekommenen Kinder nicht schreiben konnte, jedenfalls nicht so, wie ich mir es vorgestellt hatte. Ich wollte nämlich über diese Kinder als Individuen schreiben, das entsprach dem typischen Ansatz eines Journalisten aus dem Westen; aber Kinder als Individuen gab es hier nicht, nicht in diesem Dorf, in dem der Sheikh für alle anderen sprach und sogar böse wurde, wenn einer auf meine direkte Frage hin antwortete. Und wenn es diese Kinder vielleicht doch jenseits der Gemeinschaft gab, war mir der Weg zu ihnen versperrt, etwa weil die Frauen als Quellen für mich nicht zugänglich waren. Ich konnte wahrscheinlich auch deshalb nicht über die Jungen schreiben, wie ich es mir vorgestellt hatte, weil der Vater nicht über sie nachgedacht hatte, wie ich über sie nachdenken würde. Sie waren für ihn offensichtlich so sehr ein Teil der Familie, so sehr festgelegt in den ihnen zugeschriebenen Rollen wie alle anderen Mitglieder dieser Familie auch, dass er die Frage: „Wie war er denn, Ihr Sohn?“ nicht verstehen konnte. Denn sie zielte auf das Innere eines Menschen, das offensichtlich nicht so wichtig war, weil es von den Äußeren, von der Funktion des Menschen in der Gemeinschaft überschattet wurde.

Wir verließen das Dorf. Ich fühlte mich beschämt, weil ich so naiv gewesen war zu glauben, ich könnte wirklich eine Geschichte über diese Kinder schreiben. Gleichzeitig aber fühlte ich mich auch im besten Sinne des Wortes belehrt, denn ich hatte verstanden, dass ich mit den Mitteln eines im Westen aus- gebildeten Journalisten nicht weiterkommen konnte – ich war zu sehr auf den Einzelnen getrimmt, auf das eine Besondere, das Einmalige, auf das unersetzliche Leben.

Ich rief meine Redaktion an und zog den ursprünglichen Vorschlag zurück. Die Geschichte über die getöteten Kinder war zu einer Geschichte über eine Dorfgemeinschaft geworden, über die ein Sheikh mit absoluter Macht herrschte und in der jeder seine fest zugewiesene Rolle hatte. Sie lebte nicht nur anders zusammen, sondern sie trauerte offensichtlich auch anders um den Tod der Ihren. Fällt diese Geschichte noch in das Genre der Kriegsberichterstattung? Mit Sicherheit. Denn sie hat alles, was es dazu meiner Meinung nach braucht. Den Willen, Zeugnis abzulegen über das Geschehen im Krieg, die Bereitschaft, Zwiesprache mit den Toten zu halten, und die Offenheit, dem Weg zu folgen, den diese Toten zeigen, auch wenn er am Ende ganz woanders hinführt als erwartet, unter Umständen sogar von dem Krieg weg, über den man eigentlich zu berichten den Auftrag hat.

Der ideale Kriegsberichterstatter zeichnet sich durch die Unbeirrtheit aus, mit der er zuhört, Leben rekonstruiert, erinnert und erzählt. Er geht ruhig zu Werke, unberührt von den Aufträgen seiner Redaktion, von den Aufgeregtheiten eines Massenpublikums und auch von der Nervosität der eigenen Ängste. Man täusche sich nicht. Es bedarf einer großen Unabhängigkeit, sich als Berichterstatter von denen an der Hand nehmen zu lassen, die im Krieg zu leben haben, und sich durch die Verwüstungen des Krieges führen zu lassen – es braucht dafür Unabhängigkeit des Herzens und des Geistes. Die vier Jungen aus dem Dorf sind durch eine Granate ums Leben gekommen, mit der sie gespielt hatten. Es war eine Granate der irakischen Armee. Eine motorisierte Abteilung kam in den späten Märztagen des Jahres 2003 durch das Dorf. Sie flüchtete offensichtlich ungeordnet vor den vorrückenden US-Truppen. Von einem LKW warfen zwei Soldaten Granaten in den Straßengraben. Sie hofften, ohne ihr Gewicht schneller voranzukommen. Dieser Wunsch, diese Hoffnung davonzukommen, kostete später die Kinder das Leben.

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Leser-Kommentare
  1. Schön, dass die 90-er hinter uns liegen. Die klügeren und sensibleren unter den Chefredakteuren haben heute wenigstens in Ansätzen so etwas wie ein Verantwortungsbewusstsein.

    Es gab offenbar Zeiten, in denen man es als Journalist unwidersprochen hinnehmen musste, dass die nakte, brutale Sensation wichtiger war, als jeder Anspruch. Zeiten, in denen das, was als nackte, brutale Sensation galt, vom "Boulevard" bzw. von dessen Umsatz diktiert wurde. Diese Zeiten scheinen in den meisten seriösen Blättern der Vergangeheit anzugehören. Ein Glück, aber kein Wunder. Sind doch die Zeitungen die ersten gewesen, die die Folgen ihres Verhaltens auf unser Klima in Erfahrung gebracht haben.

    Es gibt sie eben doch noch, die Meinungsmacher, die Leitmedien, und in ihnen die, die sich Gedanken machen. Wie sie sich geben, gibt sich auch der Leser. Nur, dass der die Folgen seines Tuns verspätet und indirekt erlebt - nämlich erst dann, wenn sie in der Zeitung stehen. Und selbst dann erkennt er die Folgen als Solche nur, wenn man sie ihm in dieser seiner Zeitung möglichst anschaulich e r k l ä r t.

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