Wie alle Blätter von Weltgeltung, so bereitet auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihrem Publikum immer wieder eine schöne Bescherung. Pünktlich zum zweiten Advent des Jahres 2006 warnte das konservative Blatt die deutsche Öffentlichkeit vor rechter Gefahr und der Verführbarkeit deutscher Eliten. 1 Doch kaum war der alarmistische Weckruf in den Großräumen des Feuilletons verhallt, glaubte der Leser seinen Augen nicht zu trauen: In zartfühlenden Worten beichtete der FAZ-Redakteur Henning Ritter wenige Seiten weiter seine Jugendliebe zu dem Staatsrechtler Carl Schmitt aus Plettenberg im Sauerland. Der berühmte Herr Schmitt hatte die Familie Ritter 1957 im westfälischen Münster besucht. "Es klingelte, und ich lief zur Tür." Auf Anhieb ist der Vierzehnjährige von dem "kleinen älteren Herrn" eingenommen. Seine Zuneigung steigert sich noch, als der fremde Gast dem kleinen Ritter ein Buch über Piraten und Seeschäumer in die Hand drückt, die Abhandlung Land und Meer. Kann ein so kinderlieber Herr politisch von zweifelhaftem Ruf sein? Er kann es nicht. "Die Gewissheit, dass Carl Schmitt von seiner geistigen Herkunft und seinen intellektuellen Loyalitäten her keine substanziellen Beziehungen zum Nationalsozialismus hatte, ist mir seit dieser Begegnung geblieben." Handpolierte Erinnerungsstücke dieser Art sind kein Einzelfall. Die Berührungsscheu vor Carl Schmitt (1888 bis 1985) ist weitgehend verschwunden, und die geistesgeschichtliche Normalisierung seines Werks gehört zum Alltag. Um es plakativ zu sagen: Die Interpretationen von Schmitts Politischer Theologie nehmen in dem Maße zu, wie die von Adornos Negativer Dialektik abnehmen. Sein Werk enthält scheinbar kugelsichere Argumente, mit der die westliche Lebensform mal als "Aufhalter" des weltweiten Terrors fundamentalistisch verteidigt, mal als machtvergessener "Liberaldemokratismus" verworfen werden kann. Schmitt liefert funkelnde Passepartouts zur Lage der Nation, auch wenn man es gar nicht bemerkt. Mit seinen Begriffen lässt sich kaltblütig begründen, warum der Bürger im Ausnahmezustand ein Opfer für den Staat zu bringen hat, zum Beispiel als abgeschossener Flugzeugpassagier; warum ein Feindschaftsrecht überfällig ist und das Folterverbot eingeschränkt werden muss. Sowohl die Schwächung des Nationalstaates durch den Investoren-Kapitalismus wie auch die Sicherheitslage befeuern den Wunsch nach dem Schmittschen Leviathan – wahlweise nach einem protektionistisch geschützten Großraum mit Interventionsverbot für raumfremde (Wirtschafts-) Mächte (Gabor Steingart) oder dem heimlichen Wunsch nach einem demokratisch nicht mehr begründungspflichtigen Imperium, das von der eisernen Hand des amerikanischen Hegemons zusammengehalten wird, bis der Herr einst wiederkommt (so der Politikwissenschaftler und Irakkriegs- Befürworter Herfried Münkler).

Auch die kulturelle Intelligenz ist neugierig geworden. Schmitt beflügelt das tragische Lebensgefühl, wonach es ganz natürlich ist, dass in der Geschichte kein Rosenwasser versprüht, sondern Blut vergossen wird. Er wärmt die Sehnsucht nach "Herrschaft und Heil" (Jan Assmann) wie auch den literarischen Anti-Judaismus eines Martin Walser. Die Gespenster von Schmitts Raumdenken spuken in Peter Handkes Hass auf die UN und in seiner Fantasie vom volksnahen Recht im serbischen Boden ebenso wie im gespreizten Elitismus eines Botho Strauß und dessen Verachtung von Demokratie und Öffentlichkeit (bei origineller Beschreibung ihrer Phänomene). Sogar das postmoderne, von "Alterität" und "Differenz" erschöpfte Bewusstsein scheint die Demokratie inzwischen für eine nette Erfindung, aber doch für eine vorübergehende Erscheinung zu halten. Es sehnt sich nach geistiger Führerschaft und einem metaphysischen Kommando, das jene Feldzeichen wieder ordnet, die es einst eigenhändig verwirbelt hatte. Statt "Anything goes" nun Schmittsche Dezision: Es ist in den "wichtigsten Dingen wichtiger, dass entschieden werde, als wie entschieden wird". Kurzum, Carl Schmitt kommt als weisungsbefugter Interpret der komplizierten Welt wie gerufen und antwortet auf das verständliche Bedürfnis nach einem symbolischen Zentrum, nach der Ruhe im Sturm – während brave Weltverbesserer wie immer im Verdacht stehen, dem Feind zuzuarbeiten und noch tiefer in das Unheil hineinzuführen. Mag die ein oder andere dieser Schmitt-Lektüren  sogar ausgesprochen anregend sein: Frivol ist die Entnazifizierung seiner Person, die Verklärung zum epochalen Großdiagnostiker, der nach den Irrfahrten durch die sieben Weltmeere des Geistes seine Hände getrost in Unschuld waschen dürfe. Solche Freisprüche zwingen leider zu einem kleinen Rückblick auf historische Tatbestände. Man muss noch einmal daran erinnern, wofür sich der "Kronjurist des Dritten Reiches" (so Schmitts ehemaliger Freund und späterer Kritiker Waldemar Gurian) "engagierte" und welche Art "Politische Theologie" es war, die zur spektakulären Parteinahme für Hitler führte.

Anders als die konservative Legende unterbreitet, hatte sich der Katholik Schmitt, der wie Martin Heidegger den Führer führen wollte, ohne Not und aus freien Stücken zu seinen "nationalsozialistischen Aktivitäten" (FAZ) entschieden. Nach der Machtergreifung bis Ende 1936, als er Opfer einer Intrige wurde und alle politischen Ämter verlor, verfasste Schmitt in atemberaubender Geschwindigkeit mehr als vierzig Aufsätze zur Verteidigung der NS-Herrschaft. Hitlers Niederschlagung des angeblichen "Röhm-Putsches" vom Juni 1934, bei der innerhalb von drei Tagen 85 Menschen ermordet wurden, rechtfertigte er mit den Worten: "Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Missbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft." Der wahre Führer sei immer auch Richter, denn aus "dem Führertum fließt Richtertum!". Als sein juristischer Gegner, der Staats- und Völkerrechtler Hans Kelsen, aus Deutschland vertrieben wurde, rühmte Schmitt die "Reinigung des öffentlichen Lebens von nichtarischen Elementen". "Wir lernen wieder zu unterscheiden. Wir lernen vor allem Freund und Feind zu unterscheiden." Der "deutsche Geist muss von allen jüdischen Fälschungen" befreit werden, denn der "Jude hat zu unserer Arbeit eine parasitäre, eine taktische und eine händlerische Beziehung". In fiebriger Eile entwarf Schmitt eine "artgerechte" deutsche "Rechtslehre", organisierte den "Kampf der deutschen Rechtswissenschaft wider den jüdischen Geist", verlangte die Säuberung juristischer Bibliotheken von jüdischen Autoren einschließlich deren Zitierverbot und machte sich Hitlers Satz zu eigen, wer sich "des Juden erwehre, tue das Werk des Herrn". So wirkte der berühmte Carl Schmitt im "Dritten Reich", und der Religionsphilosoph Micha Brumlik hat recht, wenn er schreibt: "Die durchaus lebendigen und somit dem Tod ausgelieferten Chiffren dieser fixen Idee aber waren die deutschen und europäischen Juden, an deren Ermordung Carl Schmitt in seinem pseudopaulinischen Furor gegen das Gesetz beteiligt war." Gesinnungstreue Schüler betrachten Schmitts faschistische Jahre als eine lässliche Sünde, die weniger innerer Überzeugung geschuldet sei denn einem sehr menschlichen Bedürfnis nach Erfolg, Anerkennung und Karriere. Wer groß denkt, der dürfe auch groß irren, und schließlich sei der Spuk schon 1936 vorüber gewesen. Nun, auch das ist Augenwischerei. In seinem Buch Der Leviathan von 1938 bleibt sich Schmitt treu und wiederholt die Behauptung, die jüdische Intelligenz des 19. Jahrhunderts habe den einst "lebensmächtigen Leviathan" ‚verschnitten‘ und den sterblichen Gott vom Thron gestürzt. Und im Jahr des "Russland- Feldzuges" gibt der angeblich Bekehrte zu Protokoll: "Die Tat des Führers hat dem Gedanken unseres Reiches politische Wirklichkeit, geschichtliche Wahrheit und große völkerrechtliche Zukunft verliehen."

Ein Münsteraner Wiedertäufer aus dem katholischen Plettenberg
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als er seine Lehrerlaubnis verliert, bleibt Schmitt hochfahrend im Ton und rechthaberisch in der Sache. Bei den Nürnberger Prozessen entschuldigt er sich damit, der "obdachlose Lumpenproletarier" Hitler sei unbefugt in den "Bildungstempel" eingebrochen und habe die "reinen" Ideen entwendet, auch die Gedanken des unschuldigen Denkers Carl Schmitt. Auf diesem Niveau liegen auch die Selbsterklärungen in seinem Glossarium, den berüchtigten Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1951. Wer bislang nicht wusste, was bürgerliche Kälte ist, wird hier gut unterrichtet. Schmitt sieht sich als gejagtes Wild, als Sündenbock der Weltgeschichte, "verfolgt von den Mördern Christi", von ,"neutralisierten Humanitärs" nebst ihren moralisch "gestörten" Emigranten. "Was war eigentlich unanständiger: 1933 für Hitler einzutreten oder 1945 auf ihn zu spucken?" In klassischer Täter-Opfer-Umkehr schreibt er: "Es gibt Verbrechen gegen und Verbrechen für die Menschlichkeit. Die Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden von Deutschen begangen. Die Verbrechen für die Menschlichkeit werden an Deutschen begangen. Das ist der ganze Unterschied." So geht es weiter, dreihundert quälende Seiten lang, und fast immer sind die Juden rachsüchtige Subjekte, die Deutschland unter Kuratel stellen und als fünfte Kolonne der Besatzungsmacht Vergeltung üben. "Als Gott zuließ, dass Hunderttausende von Juden getötet wurden, sah er gleichzeitig schon die Rache, die sie an Deutschland nahmen." Schmitt, der allen die Empathie verweigert, nur nicht sich selbst, ist besessen davon, Auschwitz zu entkriminalisieren. Den Siegermächten wirft er vor, sie würden die deutsche Schuld "konstruieren" und erfinden, anstatt sich an den Grundsatz zu halten: Wo es kein Gesetz gibt, da gibt es auch kein Vergehen. "Also nun auf, ihr Prosecutoren! Auf, ihr Kriminalisierer und Konstrukteure von Menschlichkeitsverbrechen und Genoziden!" Natürlich sind "die Kriminalisierer" schlimmer als die Kriminellen. "Freiheit, Menschheit, das scheinen zwei Namen zu sein, unter denen sich spezifische Verbrechen begehen lassen. Die Stümperei Hitlers zeigt sich an diesem Punkt. Hitler hat große Verbrechen begangen, aber für die größten hat sich der Weltgeist doch andere Werkzeuge als diesen Hitler vorbehalten. Für die Atombombe und die Ex-post- Kriminalisierung des Angriffskrieges kommt Hitler schon nicht mehr in Betracht." Schließlich fühlt Schmitt lyrisch. "Und Nürnberg / Hiroshima / Morgenthau / Zu Isidore Isou: / Sie reden zwar viel von Eliten, / doch ahnen die meisten es kaum: / es gibt nur noch Isra-Eliten / im großplanetarischen Raum." Denn Juden "bleiben immer Juden. Während der Kommunist sich bessern und ändern kann … Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind. Es hat gar keinen Zweck, die Parole der Weisen von Zion als falsch zu beweisen." So weit der kinderliebe Herr aus Plettenberg, der im Jahr 1957 bei der Familie Ritter im katholischen Münster einen guten Eindruck machte und sowohl "gefährlich" denken wie auch spannend schreiben konnte.

Bleibt die Frage, warum in den fünfziger Jahren kluge Menschen zu Schmitt ins Sauerland pilgerten und warum auch jene ihn für den "geheimen Principe im unsichtbaren Reich deutscher Geistigkeit" hielten, die sich von seinem Fanatismus nicht anstecken ließen. Abgesehen von seiner analytischen Brillanz, der schlagenden Verbindung von Bild und Begriff sowie seiner im Wortsinn ungeheuren Formulierungsgabe war es zunächst die geheimnisumwitterte Rolle des Verfemten, die Schmitt im ausgebombten Bewusstsein der jungen, nicht nur katholischen Intelligenz attraktiv machte. Schmitt war der "fremde Gast" in der Bundesrepublik, der lebende Legitimitätsvorbehalt gegen das parlamentarische System. In den flachen Gewässern der säkularen "Massendemokratie" sollte er noch einmal die Brücke schlagen in das besiegte Reich einer heiligen deutschen Tradition, die der Geist der Re-Edukation angeblich auf den Index gesetzt hatte. Damit war der Einsiedler aus Plettenberg auch für die alten Eliten unverzichtbar. Jürgen Habermas trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er schreibt: "In der frühen Bun- desrepublik hat keine Abwicklung, kein Elitenwechsel stattgefunden. In deren sozialpsychologischem Haushalt bildet deshalb Carl Schmitt – als der Gegentypus, auf den die Rehabilitierten und die Mitläufer projektiv die verdrängten oder verschwiegenen Anteile ihrer eigenen Biographie abladen konnten – eine funktional notwendige Ergänzung zur stillschweigenden Integration der alten Trägerschichten … Carl Schmitt, der sich nicht hatte entnazifizieren lassen, brauchte auch nicht wie die anderen zu schweigen; er durfte die deutschen Kontinuitäten zur Sprache bringen, mit denen die anderen wortlos weiterlebten." Das ist Geschichte, und sie ist vorbei. Über Person und Persönlichkeit, über Schmitts "NS-Geschichte", so Ernst- Wolfgang Böckenförde, sei man "informiert" und könne sich nun der "Sache" zuwenden. Doch was ist die Sache? Und warum übt ausgerechnet Schmitts "Politische Theologie" eine mysteriöse Anziehungskraft auf alle möglichen Geister aus, selbst auf jene, die eben noch das hohe Lied der säkularen Gesellschaft angestimmt hatten? Und was heißt Politische Theologie überhaupt? Ist Schmitts Politikverständnis theologisch oder seine Theologie politisch? Er nennt sich einen "Theologen der Jurisprudenz" und bezeichnet das "Ringen um die katholische Verschärfung" als das "geheime Schlüsselwort" seiner gesamten geistigen und publizistischen Existenz. "Ich bin Katholik, nicht nur dem Bekenntnis, sondern auch der geschichtlichen Herkunft, wenn ich so sagen darf, der Rasse nach." Doch worin besteht das "Katholische" seiner politischen Theologie? Und ist es auch – christlich?