Kursbuch 166 Über das Munkeln in der Geschichte
Was das Volk sagt, denkt oder vielleicht vielsagend-verschweigend erzählt, erreicht die Obrigkeit als Gemunkel. Und was es hoffen darf, wird auch gemunkelt. Von der Wunderwaffe Hitlers bis zur nächsten Steuersenkung – alles Gemunkel
In einer Viertelstunde kann die Welt sich verändern.
Wer behauptet solch einen Unfug? Die
Werbemenschen des Senders BR 5. Und suggestiv
schieben sie nach: B5, das Radio für die Infogesellschaft.
Infogesellschaft? Bin ja ich, möchte
aber so nicht apostrophiert werden, ein bemooster „Nachrichten-
Junkie“ sogar, seit das Kind, früh und gewaltsam aus
seinen Träumereien geschüttelt, hineinkroch in den Volksempfänger
VE 301 DYN, anschließend an die Fanfaren der
Sondermeldungen den auf- und abschwellenden Feindsender
BBC suchend. Verfluchtes Fading. Rückkoppeln, bis es
quietschte. Geheimnisvolle, verbotene Stimmen, englischer
Akzent. Hugh Carlton Green, Lindley Frazer. Was tat das
Kind als Schwarzhörer vor dem Volkslautsprecher? Es war
ausersehen von der Familie, Informationen zu häufeln, eine
Vertrauens-, eine Zutrauensstellung; durfte Vortrag halten
über die Lage, falls man sie zu erfahren wünschte – so wie
das Kind sie verstanden hatte. Eine Summe aus Wehrmachtsbericht
plus BBC.
Aufgestört von auf- und abschwellenden Alarmsirenen,
verließen wir, alsbald die elektrodynamische „Goebbels-
Schnauze“ abgeschaltet wurde, das Wunschkonzert der deutschen
Wehrmacht, untergehakt gleichsam stolperten wir in die muffige Höhle des Luftschutzkellers, wo eine weitere
Senderfamilie uns erwartete, der Drahtfunk, ein Service
der Nazis, welcher „Luftlagen“ ausspuckte. Unangenehm
tickend, als sei’s selbst ein Sprengmittel. Dann: Achtung! Achtung!
Schwache feindliche Bomberverbände über Arnheim
im Anflug auf Oberhausen. Das stimmte uns zufrieden, so
lange, bis unsere Flak, unsere Achtacht, auf dem Mechtenberg
zu ballern begann und die schwachen Lancaster ihre
Bombenschächte über uns öffneten, uns ängstigten, töteten,
uns, die Leute von Gelsenkirchen, während Oberhausen ein
anderes Mal drankam.
Das Kind lernte im Laufe des Krieges, notgedrungen
früh gereift, jeglicher Botschaft aus dem Äther zu misstrauen,
anzuerkennen aber die Realität von Fliegerangriffen und
nachfolgend hagelnden scharfzackigen Granatsplittern – um
bald allem, was gesagt, angeordnet, befohlen wurde, in feindlicher
Abwehr zu begegnen. Einbildungskraft, schweifende
jugendliche Fantasie plus schlechter Empfang des Radios
ließen Einbildungen wuchern. Das Kind, bald auch ringsum
seine Erwachsenen, bevorzugte mehr und mehr das
Ungefähre, wenn es an die Kriegswelt draußen dachte, das
ließ Spielraum für Hoffnungen, für ein Hinzuerfinden, für
eine Abwehr des Unerträglichen. Das Kind merkte: offiziös mitgeteilte Tatsachen, etwa: Zielwege der Bomberverbände,
kalkig aufgemalte Parolen entlang der Köln-Mindener Bahn
(Räder müssen rollen für den Sieg – doch der Zug als Träger
des Imperativs war längst durchlöchert, zum Krüppel
geschossen worden, lächerlich, mitsamt seinen Siegeswörtern,
durch die Garben der Tiefflieger) – das Kind merkte
(sich) also, dass die ihm übermittelte Welt „nicht stimmte“,
nicht übereinstimmte mit der seinen; in der Wirklichkeit
war vorherrschend ein Raunen und Flüstern. Denn in den
Kriegen, wenn niemand Genaues nicht weiß, manchmal
nicht erfahren will, oft nicht erfahren soll, blühen Gerüchte.
Mutmaßungen. Hörensagen diktiert Erzählungen. Ja,
großes Gemunkel wogt über Zeit und Land.
Was das ist? Gemunkel? Erklärung kaum möglich, undefinierbar,
lautmalerisch. Nicht zufällig verspricht der schönste passende
Reim ein Munkeln im Dunkeln. Aha, schlag nach
bei Christian Morgenstern? Palma Kunkel vielleicht? Nein.
Aber Dichter fühlen sich wohl, wenn sie munkeln. Davon
später mehr. Am geheimnisvollsten tönt die englische Version.
Munkeln ist auch: whispering. Raunen.
Also ergriff das große großdeutsche Gemunkel alle einfachen
sowie alle bessergestellten Volksgenossen, die Arbeiter
der Faust wie jene der Stirn und erfüllte sie mit Furcht,
Hoffnung und Torheit. Wir schreiben den Zweiten Weltkrieg.
Man munkelte, der gute Hitler werde öfter im Dunkeln
gelassen hinsichtlich dessen, was die Seinen, was seine
Bonzen täten oder verbrächen. Wenn das der Führer wüsste!,
kräftigten die Volksgenossen autosuggestiv-rhetorisch ihren
unverbrüchlichen Glauben an den unfehlbaren Allmächtigen.
Man munkelte, im kommenden Monat werde eine Sonderzuteilung
Butterschmalz aufgerufen, werde der Amerikaner
Köln nicht bombardieren, der Ford-Werke wegen, werde der
Blitzkrieg gegen den Erbfeind X morgen restlos zu Ende
sein. Das dumme deutsche Herrenvolk munkelte sich was
zusammen in den Bombennächten und beim Schlangestehen.
Bald käme „die Vergeltung“. Die seinerzeitigen IMs des
Sicherheitsdienstes der SS notierten in ihren selbstverständlich
reichsgeheimen Lage- alias Munkel-Berichten:
„Fast allgemein ist die Ansicht, dass die Vorbereitungen
für die Vergeltung abgeschlossen seien. Dabei beruft man
sich auf Erzählungen von Soldaten … jetzt werde nur noch
der psychologisch günstige Zeitpunkt bzw. der Einsatzbefehl
des Führers abgewartet. Es hieß, der Führer habe erklärt, das
deutsche Volk werde noch eine schöne Weihnachtsüberraschung
erleben … Aufforderungen zur Umquartierung von
Frauen und Kindern hätten nur den Zweck, das Ausland zu
bluffen. Die Engländer“, munkelten meinungsmäßig abgeschöpfte
Volksgenossen-Kreise, „würden unmittelbar nach
Beginn der Vergeltung mit Großangriffen kommen, aber die
Luft würde ihnen sehr bald ausgehen. Dazu erzählt man sich (respektive munkelte man, d. Verf.), in Westdeutschland sei
die Bevölkerung aufgefordert worden, sich für einen 6o-stündigen
Aufenthalt im Luftschutzkeller mit dem Nötigsten zu
versehen, so lange dauere nämlich die Vergeltung, wenn sie
aus dem Keller herauskäme, sei der Krieg zu Ende.“ – („Meldungen
aus dem Reich“, 27. Dezember 1943)
Irgendwie eine märchenhaft törichte Szenerie, welche
nur eins nicht enthielt: Zweifel am Führer, am Krieg, an
der eigenen rassistischen Verblendung – eine Szenerie, in
welcher „die Vergeltung“ derartig batmanmäßig personalisiert
war, dass man sie persönlich zu kennen glaubte oder
spätestens als wundertätiges Sammelabzeichen für das Winterhilfswerk
erwartete. Das Volk faselte von Stratosphären-
Geschossen, welche New York, wahlweise London, in Brand
setzen respektive dem Erdboden gleichmachen würde, öff-
nete seine Ohren einer Sorte Eisbomben, welche ätzenden
Nebel versprühen könnten, erdichtete Roboterflugzeuge
aller Art, derweil die reguläre, kämpfende deutsche Truppe
großen Mangel litt an schlichtem Kriegszubehör wie Benzin
und Munition, Verbandsmaterial – derweil der „Volkssturm“
gar, das allerletzte Aufgebot (wozu auch der Verf. zählte als
unfreiwilliger Kindersoldat des Führers), mit italienischen
Karabinern des Jahrgangs 1917 aufgerüstet wurde, dessen
wunderlichstes Teil ein fest aufgestecktes Seitengewehr war.
Hernach materialisierte sich die Wunderwaffe „Vergeltung“
als großes V: V1 ein unbemanntes Strahlflugzeug, V2 eine
echte Mittelstreckenrakete (siehe auch Wernher von Braun,
Häscher der USA, Mondfahrt usw.). Vollgepackt mit Dynamit
trafen V1 und V2, weit streuend und das Kriegsgeschick
glücklicherweise nicht wendend, das südliche perfide Albion,
was das Verhältnis der britischen Boulevardpresse zum
deutschen Wesen bis zum heutigen Tag und in alle Ewigkeit
trüben sollte.
Erklärlich wird der kollektive Realitätsverlust, weil die
Unmittelbarkeit eines bis in die Städte, bis in die „Heimat“
vorgerückten Krieges die „Schrumpfung des Menschen auf
das Nächstliegende“ (H. D. Schäfer) bewirkte, ja sogar „eine
dauernde Schrumpfung des Horizonts“ (Felix Hartlaub),
dies als Folge der eingeschränkten und eingeengten Weltverbindung
durch das Angewiesensein auf Nazipresse und
eben „Volksempfänger“. Eine ähnliche, den Wunderwaffen
verwandte, aber kaum intelligentere Bedeutungserhöhung
erlangte übrigens „die Invasion“. Munkelsammler des „Sicherheitsdienstes“
notierten zum
Zweck der geheimen Information
der Nazileitungskader, dass
die Nachricht vom Beginn der
I. teilweise mit großer Begeisterung
aufgenommen worden
sei, nachdem man wegen des
langen Ausbleibens schon nicht
mehr daran geglaubt habe (an die Invasion! d. Verf.). Das Schlimmste, was hätte passieren
können, sei gewesen, dass die Invasion überhaupt nicht
komme. Ergänzend erfand das munkelnde Volk eine eigenartig
dämliche, vermischte Haupt- und Sinnfrage: „Kommt
mit der Invasion auch die Vergeltung?“ Und wer sich in
den Tagen der alliierten Landung in der Normandie (Juli
44) schämte, vorübergehend am versprochenen Endsieg gezweifelt zu haben, weil er möglicherweise heimlich den
Feindsender BBC gehört hatte – der retirierte schleunigst
und meldete sich innerlich bei Hitler zurück. „Vor allem
aber (las der ‚Sicherheitsdienst‘ von der Volksgenossen Lippen)
erkenne man wieder einmal die weitsichtige Planung
des Führers. Es habe sich jetzt gezeigt, wie recht der Führer
hatte, auf allen Kriegsschauplätzen kurzzutreten und alle
Kraft auf den entscheidenden Schlag im Westen zu konzentrieren.“
Dass solche Munkeleien nicht rein und allein in der
Tiefe des deutschen Gemüts entstanden, ist einer dünnen
Schicht von Zeitgenossen nicht verborgen geblieben. Theo
Findahl, Korrespondent der norwegischen Zeitung Aftenposten,
veröffentlichte 1946 sein leider nie wieder aufgelegtes
Tagebuch aus der Reichshauptstadt „Letzter Akt Berlin
1939 – 1945“. Dem klugen, von einem fremden Krieg in
Haft genommenen Beobachter Findahl entging nicht, dass
„Goebbels seine Landsleute mit unzähligen Geschichten von
neuen Zauberwaffen vollstopfte“. In Berlin sei es um solche
Dinge still geworden, stattdessen seien neue Geschichten in
Umlauf gebracht worden von neuen Offensiven; (…) aber
hier draußen in den Vorstädten gehen noch die Erzählungen
von den Wunderwaffen um …“
In der Mitte aber, wo der Magen knurrte, wisperte es
(so unisono berufsmäßige Berliner Wisper-Journalisten und
Wisper-Horcher wie Findahl, Ursula von Kardorff, Jacob
Kronika, Isa Vermehren, Margret Boveri, Howard K. Smith
und H. G. von Studnitz und andere) – es wisperte, wenn
im „Adlon“ markenfreies Essen angeboten wurde – mit
einem Nachschlag! Oder wenn der französische Fremdarbeiter
Dupont Rotwein „besorgt“ hatte; und auf andere
Weise, wenn nach dem 20. Juli 1944 der Freund verhaftet
und in die SS-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße gebracht
worden war, was wiederum niemand hätte wissen sollen
und dürfen. Und ganz oben? An der Spitze des Großdeutschen / des
Dritten / des Tausendjährigen Reiches – bei den Spitzen-Entscheidungsträgern,
wie man heute sagen würde? Wurden
die Gipfel-Bonzen des Führerprinzips, voran der Führer &
Oberste Befehlshaber, nicht exklusiv blendend versorgt mit
Informationen der genauesten und geheimsten Stufe, zu
jeglicher Lage, himmelweit erhoben über die beabsichtigte
dumpfe Ahnungslosigkeit der Massen? Waren die Höchsten,
das Schicksal des munkelnden Volkes jonglierend – wussten
wenigstens sie genau, wie der Hase lief, was sie anordneten
und warum, befahlen, in die Wege leiteten? Hatten
ihre Entschlüsse solide Fundamente? Teilweise.
Wir Nachfahren lächeln zynisch-hämisch, wenn wir uns
erinnern. Das Kind in Gelsenkirchen war hineingekrochen in
den Volksempfänger VE 305 DYN, um da drinnen zwischen
geheimnisvoll rötlich glimmenden, aber Unzulängliches leistenden
Radioröhren nach der Wahrheit zu suchen – und, je
nachdem, zu verfolgen: die Kriegslage aus britischer Sicht,
jene mit obligatem Nazigeschmettere oder im Luftschutzkeller
die auf Südkurs drehenden Bomberpulks über Kleve!
Na ja, man war ja nur Volks. Wenn wir gewusst hätten, dass
der oberste Kriegsführer A. H. in seinem ostpreußischen
Hauptquartier Wolfsschanze vom Fall der Festung Sewastopol
offenbar nicht über Funk unterrichtet wurde oder durch
reitenden Ritterkreuzträger! Nein, es kam eine gewöhnliche
„Sondermeldung“, als Hitler im Speiseraum war, nebst seinen
Leuten, über das Medium des krächzenden Volksempfängers
Typ VE 301W. Da nun an jedem Ende der bombastisch
servierten Siegesnachrichten
„die Hymnen“ gespielt wurden,
Deutschlandlied und das
unsägliche Nazi-„Horst-Wessel-
Lied“ (Die Fahne hoch),
stand Hitler auf, mitsamt seiner
Tischgesellschaft, reckte
stramm den rechten Arm, wie
ein heutiger Neonazi, zum sogenannten
„deutschen Gruß“
(welcher bekanntlich „Heil Hitler!“ bedeutete) und huldigte
sich also selbst in einer Szene von geschlossener, grotesker
Lächerlichkeit. Wenn dies das deutsche Volk gewusst hätte,
an seinen Millionen Munkel-Empfängern draußen in der
Heimat? Nein, nichts hätte sich geändert. Diese Geschichte
ist uns einigermaßen zuverlässig zugemunkelt worden vom
protokollierenden Stenografen Henry Picker, welcher dabei
gewesen.
Da nun der Untergang nahe herbeigekommen, finden wir das Wrack Hitler unter seiner zerbröselnden Reichskanzlei im Bunker; das Großdeutsche Reich war geschrumpft, ungefähr auf den Umfang des Berliner Tiergartens, und jegliche „Kommunikation“, Verbindungen nach „draußen“, Beurteilung der Wahnsinnslage in dieser letzten, gleichwohl obersten Befehlszentrale Nazi-Deutschlands geschah ein bisschen durch Funkverkehr, durch Melder zu Fuß, Gerüchte, wahrhaftig auch durch Gemunkel – und mittels des alten Telefons. Nichts Mobiles. Man darf sich die Geräte nicht schwer genug vorstellen, jedenfalls so, dass die Redewendung „er / sie hängte sich ans Telefon“ beinahe wörtlich zu verstehen war. Als innere Verwirrung und aufkeimende Todesangst ein umgekehrtes Verhältnis zur Kenntnis der Lage erreicht hatten, Tage vor dem Selbstmord Hitlers, verdiente sich Rittmeister Boldt ein goldenes Braunhemd für seine einzigartige Informationsfantasie in aussichtsloser Lage. Boldt griff, auch dies sagte man so in jener Zeit, zum Hörer, läutete nach dem Zufallsprinzip wildfremde Berliner an und sprach sinngemäß wie folgt: Tach, gnä’ Frau. Hier Boldt, Führerbunker. Geht’s denn so? Ich hätte mal eine Frage: Sagen Sie, sind die Russen schon bei Ihnen? Wenn Sie mal aus dem Fenster schauen könnten? Ja? Fünfzehn Stück? – Fahren Richtung Zehlendorf? Danke vielmals und Handkuss, gnä’ Frau, hilft uns sehr. Nein, half nicht. Die Besatzung des Untergangsbunkers Reichskanzlei hätte den Panzern des Marschalls Schukow nicht einmal mehr mit einer Currywurst entgegentreten können.
November 1918. Endzeit des 1. Weltkriegs. Kaiser Wilhelm
II. noch einmal im großen Hauptquartier, in Spa, Belgien,
in Berlin regierte seit dem 3. Oktober Großherzog Maximilian
gen. Max von Baden, ein Vetter des Kaisers, welcher
eine knappe Agenda zu erfüllen hatte – das Desaster des
Besiegten und Erschöpften abzuwickeln. Der Großherzog
berief einen Sozi in seine Regierung, Scheidemann, entließ
den schrecklichen General Ludendorff, beendete den
uneingeschränkten U-Boot-Krieg und wusste gleichwohl,
dass nichts mehr aufzuhalten, zu retten war. Krieg verloren,
Hohenzollern-Monarchie samt Vetter Wilhelm am Ende.
Heimlich sehnte sich Großherzog Max zurück ins Badische,
wo er bald etwas Friedliches tun und eine Schule gründen
würde, zusammen mit dem Pädagogen Hahn, ein nachmals
berühmtes Landerziehungsheim zur Heranbildung geistiger
Elite, Schloss Salem am Bodensee.
Noch aber musste abgewickelt werden. Nicht autorisiert (lediglich hatte er läuten hören, dass sein Vetter willens sei), ließ Max am 9. November 1918 dem Wolffschen-Telegraphen- Bureau die Nachricht zukommen, der Kaiser und König habe sich entschlossen, von seinen Thronen ein für alle Mal herabzusteigen. Extrablätter verbreiten die den Tatsachen vorauseilende Neuigkeit. Am 28. November endlich unterschrieb der Kaiser – welchen man sich (weit weg im belgischen Spa, wenig später im holländischen Exil) ungeungefähr so vorstellen sollte: alt geworden, seines forschen Charmes verlustig, desinformiert und düpiert von der obersten Heeresleitung (Hindenburg & Ludendorff), umgeben von exzentrischen Getreuen und kokonisiert in absolutistisch-höfischen Ritualen. Am 8. November (letzter Arbeitstag als Monarch) hatte Wilhelm II. sich zu einem höchst merkwürdigen Geraune verstiegen: Es sei nicht ausgeschlossen, dass die Engländer ihm noch Truppenhilfe anböten, um den Bolschewismus in Deutschland zu unterdrücken. Dass sie also gleichsam den Spieß umdrehen würden, die englischen Vettern, in letzter Sekunde, das Ende womöglich wendeten, so spekulierte aufs Wildeste der Enkel der Queen Victoria.
Auch Hitler und Goebbels, historisch grob verblendet,
schämten sich nicht, zu den absonderlichsten Mitteln der
Selbstillusionierung Zuflucht zu nehmen, als, geschichtlich
betrachtet, ihre letzten Sekunden geschlagen hatten. Am
12. April 1945 im Führerendbunker in der Reichskanzlei – als
„draußen“ längst Munkeleien umliefen, „der Amerikaner“
werde zusammen mit der Wehrmacht Front machen gegen
den Bolschewisten – als Goebbels die Nachricht empfing,
Franklin Delano Roosevelt, der amerikanische Präsident,
sei plötzlich gestorben – als Goebbels sinngemäß rief: Sekt,
mein Führer! Der Vorsehung hat es gefallen, Ihren größten
Feind niederzuwerfen, so wie sie, die Vorsehung, seinerzeit
Zarin Elisabeth sterben ließ, als Friedrich der Große in verzweifelter
Lage war und Russland ausschied aus der antipreußischen
Allianz … da munkelten sie sich zu, die Anti-
Hitler-Koalition werde nun zerbrechen; Hitler wie Goebbels
schwebten im siebten Himmel falscher historischer Analogien,
vielleicht vierundzwanzig Stunden lang, und dachten
nicht daran, wie nahe sie dem letzten deutschen Kaiser in
ihren Wendefantasien gekommen waren.
Wilhelm II. wiederum (wir wechseln kurz zurück in den
November 1918) war einmal doch auf der richtigen Spur, als
er Sigurd von Ilsemann, seinen Adjutanten, ins Vertrauen
zog und stolz berichtete, wie er Vetter Max (von Baden), den
Reichskanzler, kürzlich angeherrscht habe: „Ich warne dich,
ich weiß, dass man in Berlin von meiner Abdankung MUNKELT,
bringe mich nicht in die Lage, dass ich als König von
Preußen gegen das Reich Stellung nehmen muss.“
Einen Tag später zog sich der Kaiser mittags nicht wie
gewöhnlich in die obere Etage zurück (es scheint, unserer
Erinnerung nach, in der Villa Fraineuse sich abgespielt zu
haben), sondern hockte am Kamin in seinem Lehnstuhl. Um
ihn herum die Herren seiner Entourage. Wilhelm II. aber –
und an dieser Stelle muss man fragen, ob ein derart inkorrektes Verhalten späteren Generationen zuzumuten sein wird oder
ob nicht gewisse Stellen der Geschichte schonungsvoller neu
formuliert werden sollten (siehe auch: Tabak-Kollegium) –,
Wilhelm II. also soll dem Vernehmen nach in jener Szene
am Kamin eine Zigarette nach der anderen geraucht haben.
Kette! Wenig später tauchte er ein ins holländische Exil, erst
Amerongen, später Haus Doorn. Die Niederländer aber munkelten,
der Kaiser habe Millionen mitgebracht.
Lassen wir Exkaiser Exkaiser sein, in seinem holländischen
Exil, wo er bis zu seinem Ende (1941) unglaublich
viele Bäume fällte, zersägte; Adjutant Sigurd von Ilsemann
resignierend-ergeben mitwirkend an dieser unöffentlichen
Dekonstruktion (welche im Kunstbetrieb unserer Tage ein
hochbezahlter „Event“ wäre – aber die Zeit für Performances
solcher Art war noch nicht reif). Eine Prozedur, welche von
Baum zu Baum mühsamer wurde; Wilhelm war alt, sein verkrüppelter
linker Arm ein ungeeignetes Körperwerkzeug, aber
er war nicht zu alt, immer wieder aberwitzigen Gerüchtlein
und Munkeleien Glauben zu schenken, welche von einer
Restituierung der Monarchie (unter Hitler!) wissen wollten.
Dieses Mannes Leben währte 82 Jahre, er gilt als Fantast,
politisch infantil, als Meister im Zurechtbiegen von Realität.
Anderseits wollte W II. ein moderner Monarch sein.
Selbstinszenierer von hohen Graden, begeisterte er sich für
die aufkommenden technischen Errungenschaften, so als des
Reiches erster Automobilist, Fotografie vermochte er instinktiv
und intensiv zu nutzen für das Image der Hohenzollern-
Monarchie und seiner Person.
Man sollte aber daneben sich vorstellen, welche ungeheuren
Umbrüche die Lebensspanne Wilhelms enthielt – und jene
seiner Parallel-Zeitgenossen. Als Wilhelm geboren wurde,
1859, bestand „die Erde“ im Bewusstsein gebildeter Europäer
aus zahlreichen weißen, unerforschten, auch romantisierten
„Flecken“, von den Polen, Süd oder Nord, bis zum Inneren
Afrikas, man bewegte sich, die Naturwissenschaften eingeschlossen,
immer wieder respektive „noch“ im wunderbaren
Großreich des Spekulativen, des Unerforschten, des Un-
Exakten. Nichts scheint von uns aus gesehen herrlicher, als
inmitten des 19. Jahrhunderts „Reisender“ gewesen zu sein,
Reisender von Beruf, Großwildjäger oder, allen Gefahren
durch „Wilde“ und Wildnisse trotzend, tollkühner Naturforscher
im zivilisatorischen Niemandsland. Was dies bedeutete,
zum Entsetzen aller Couch-Potatoes, kann man den
Reiseschilderungen Humboldts und Darwins entnehmen.
Die Nachrichten über alle jene Taten und Entdeckungen
(eingeschlossen Aufstände, Siege, Niederlagen) gelangten
oft erst per Schiff in die europäische Zivilisation, später
per wortgeizige Depesche; das hektische Kommunikationswesen
unserer Zeit mit seinem fatalen, alarmistischen
Eindruck von Gleichzeitigkeit war nicht einmal zu eraherahnen.
Was einen melancholischen Seufzer über den Segen
verlangsamter Sensationen einschließt.
Ungefähr an dieser ziemlich unbegrenzten Zeitnahtstelle
beginnt eine Reise in das Innere Afrikas, das bis auf den
heutigen Tag wie ein glühendes Gestirn erster Güte anmutet
und riesige Protuberanzen aus Untatsachen, ungefähren
Annahmen, Kinofilmen, Mythen – ja und immer noch: Munkeleien
– ausstößt, und nicht zufällig ereignete sich in der
afrikanischen Erforschungsgeschichte des 19. Jahrhunderts
ein klassisches, stilbildendes, fabelhaftes Munkelereignis, welches
zu Unrecht in den Plappermühlen der zeitgenössischen
sogenannten Infogesellschaft verschwunden ist.
Um Näheres auszugraben, schließen wir uns an einer Gruppe (wie man heute sagt) von strikten Gruppenreise-Verweigerern, welche sich eingefunden hatte auf der Veranda des Hotels White Horse Inn, Kabale, Uganda. Der Boy brachte Laphroig, doch der penetrante Abgang des einzig vorrätigen Malt-Whiskys deprimierte allgemein. Bed and Breakfast in dieser Unterkunft, welche sich Hotel nannte, waren wörtlich zu verstehen; mehr gab es nicht. Und der ursprüngliche Auftrag, dem Genius Loci gehorchend, in Kabale dicht beim Queen-Elizabeth-Nationalpark so lange über Intrigen und geheime Machenschaften nachzusinnen, bis das Wesen des Ränkeschmiedens ergründet sei, erwies sich als undurchführbar. Es war ja längst so, dass grassierender Infantilismus vor den Intrigenspinnereien der Welt nicht haltgemacht hatte, ein so komplexes, adelsgemeines Verabredungsgespinst wie der Briefroman Les liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos war im naturwissenschaftlich dominierten 21. Jahrhundert nicht einmal zu denken – sondern höchstens zu verfilmen; wer würde denn, wie es Peter von Matt ausgedrückt hat – wer würde denn gleich der Marquise von Merteuil „die Technik der Intrige als science, als methodische Wissenschaft“ anzuerkennen sich trauen? Sie hatte sich erledigt, die Kabale. Sie war, leider, out. Also erzählte der zufällig anwesende Dr. Oe., ein Privatgelehrter, welcher mit mäßigem Erfolg am Aufbau seiner faltbaren Original-Expeditions-Gummibadewanne arbeitete, zu demonstrativen Zwecken, eines der unwirklichsten Munkel- Abenteuer des 19. Jahrhunderts, während … auf dem Saumpfad unterhalb des Hotels endlose Kolonnen von betuchten deutschen Alternativreisenden vorbeikeuchten. Sie hatten eine Gorilla-Intensivtour gebucht
und befanden sich auf dem Wege ins Auffanglager, wo sie,
abgezählt, in die Nähe einer auf solche Begegnungen vorgeschulten
Gorillafamilie herangelassen wurden, höchstens
sechs oder acht auf einmal. Es kam vor, dass Gorillafamilien
einen Termin absagten; dann blieb als Alternative das
Schimpansentrekking mit einer Sichtungswahrscheinlichkeit
von fünfundachtzig Prozent. Man stelle sich vor, sagte Oe.,
wenn seinerzeit Stanley einen solchen Primaten-Finder bei
sich gehabt hätte, dazu Google Earth – die Auffindung von
Livingstone wäre ein Klacks gewesen, I presume.
Dann berichtete der Gelehrte, während alle anderen
trockenen Gaumens lauschten, was nicht weit von Kabale,
nur einige hundert Kilometer, sich zugetragen hatte, im
unerforschten zentralen Afrika, 1871. Es war nämlich David
Livingstone von der Royal Geographical Society gedrängt
worden, der berühmte britische Afrikaforscher und Missionar
möge doch noch einmal das Rätsel aller Rätsel zu lösen
versuchen, ein Rätsel so schwer, als sei es von der Sphinx
geknüpft worden, nämlich den Ursprung des Nils zu finden.
Kaum war Livingstone unterwegs, munkelte man, er
sei erschlagen worden. Man suchte und fand, ihn, der 22
Jahre den Schwarzen Kontinent durchlitten hatte, alt und
müde geworden – lebend. Fand ihn und verlor ihn wieder
aus den Sinnen, wie ein Gerücht. Danach aber wurde es für
den Forscher erst wahrlich duster. Livingstone verlor seine
Träger, die Medizinvorräte, Malaria setzte ihm zu; nun war
er wirklich verschollen, seine Spur verloren, und das riesige
Afrika zu jener Zeit, da in Europa der deutsch-französische
Krieg tobte – ein einziges Funkloch, unterbrach flapsig, aber
drastisch Dr. Oe. den Fluss der Erzählung, um den Heutigen
klarzumachen, dass man seinerzeit oftmals einfach abwarten
musste, bis entfernte oder uneinsehbare Sachverhalte sich wie
von selbst aufklärten.
Dies aber, nämlich zu hoffen, dass die Causa Livingstone
von Unbefugten ans Licht gezogen würde, war nicht
nach dem Geschmack des Herrn James Gordon Bennett,
Verleger des New Yorker Herald. Er befahl zu sich den als
tatkräftig bekannten Reporter Henry W. Stanley, nach Paris.
Stanleys Wahlsprüche für investigative Rechercheure haben
nichts von ihrer autosuggestiven Furchtbarkeit verloren:
Ein Journalist muss stets zum Kampf bereit sein – wie ein
Gladiator / Zur Schlacht wie zum Bankett: Mache dich fertig
und geh!
Verleger Bennett empfing Stanley am Hotelbett, erörterte
das umlaufende umfangreiche Gemunkel hinsichtlich
des verschollenen Forschers und erteilte den klassischen Auftrag:
Finden Sie Livingstone!
Die Geschichte dieser Audienz (Oktober 1869) des Journalisten
bei seinem Verleger hat Stanley aufgezeichnet, ein
leider nicht mehr geläufiges Juwel der Dialogliteratur, enthaltend
auch eine rätselhafte Retardierung seines Auftrags,
den verschollnen Livingstone aufzutreiben. Sollte ich direkt nach Afrika gehen, fragte Stanley seinen Verleger, eher rhetorisch
– um dann eine einzigartige Order zu hören: Gehen
Sie erst zur Einweihung des Suezkanals, den Nil hinauf,
schreiben Sie alles, was für Touristen von Interesse ist, dann
nach Jerusalem, Konstantinopel, über die Schlachtfelder der
Krim nach Indien. Dann suchen Sie Livingstone. Das ist
alles. Gute Nacht, mein Junge!
Stanley tat, wie ihm geheißen, er ist überall erst gewesen,
ehe er sich auf Sansibar seine Suchexpedition zusammenstellte,
umgeben von 1 000 Munkeleien hinsichtlich seiner
geheimen Absichten, ausgestattet schließlich mit sechs
Tonnen Material sowie – Karl-May-Leser wissen Bescheid
aus den Balkan-Romanen – Einführungsbriefen der Hohen
Pforte, nein: des Sultans von Sansibar und Pempa.
Wir lassen acht Monate verstreichen, fuhr Dr. Oe. fort,
in welchen Stanley sich durch die Wildnis quälte, von Sansibar
aus Richtung Westen zum nördlichen Tanganjikasee,
immer dem Livingstone-Gemunkel nach, bis er im heutigen
Ujiji, seinerzeit ein Zentrum arabischer Elfenbein- und
Sklavenjäger – bis nach allerlei Präliminarien, Gewehrsalven
der Journalist Stanley an der Spitze seiner Expedition einen
anderen Weißen erblickt, blass, müde, graubärtig, „welcher“,
schreibt Stanley, „eine bläuliche Mütze mit verschossenem
goldenen Bande trug, eine Weste mit roten Ärmeln und ein
Paar graue Hosen“. Aber: Man war sich ja niemals vorgestellt
worden, und Stanley, überwältigt und unsicher auch, weil er
nicht wusste, wie Livingstone als Engländer es aufnehmen
würde, wenn er ihm um den Hals falle, lüpfte, wie er später
erklärte, „aus Feigheit und falschem Stolz“ seinen Hut und
sprach das geflügelte Wort: „Dr. Livingstone, I presume“
Ja, antwortete der verschollen geglaubte Forscher leise
lächelnd und nestelte an seiner Mütze.
Dies war eines der merkwürdigsten, von Munkeleien begleiteten Abenteuer des 19. Jahrhunderts. Aus jenem zivilisationsgeschichtlichem Surrealismus der Begegnung Stanley – Livingstone inmitten des Urwalds ist eine zeichnerische Verkürzung und Verdichtung hervorgegangen, ein ikonografisches Logo, wie wir heute sagen würden, welches Millionen Knaben wie Erwachsene der Gründerzeit süchtig machte nach dem Abenteuer um die Ecke, um eine sich immer weiter entfernende Ecke; ja, man könnte sagen, diese Szene sei schon ein vorweggenommener kurzer Traum, der auf spätere, noch abenteuerlichere Reisen in das Fremde deutete, Reisen nach El Alamein, nach Kreta, an die Wolga, in die Traumorte des Hörensagens.
- Datum 28.03.2007 - 05:58 Uhr
- Quelle ZEIT Kursbuch Heft 166
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