Nachruf Beredtes Schweigen
Alles, wirklich alles ist Gespräch, meinte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick, der am vergangenen Samstag im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Eine Wiederlektüre seiner Werke lohnt sich.
Vor vier Jahrzehnten erschien Paul Watzlawicks Buch
„Menschliche Kommunikation“. Es ist das Werk eines kalifornischen
Autorenkollektivs, aber der in Österreich
geborene Emigrant ist der eigentliche Urheber. Der
Wissenschaftsverlag Hans Huber veröffentlichte eine Übersetzung
im Jahr 1969. „Menschliche Kommunikation“ wurde zur Pflichtlektüre
jener „68er“, die Erholung von der politischen Ökonomie suchten, deren
heuristischer Wert zur Analyse der Gesellschaft in der Flut modischer
Dissertationen im Suhrkamp-Format verloren zu gehen drohte.
Einige Jahre später wurde der Kalifornier, dem die Erfindung der
„double bind“-Theorie zu Unrecht zugeschrieben wurde, mit seiner
„Anleitung zum Unglücklichsein“ der populärste Psycho-Bestsellerautor
seiner Zeit. Er selbst, im Nebenberuf psychoanalytischer Familientherapeut,
bezeichnete sich damals als „radikalen Konstruktivisten“. In Wirklichkeit
war und ist er vor allem ein hochgebildeter Europäer, dessen
transatlantischer Lebenslauf sich widerspiegelte in seiner profund-eklektischen,
literarischen Produktivität, die seine Lesefrüchte der Kybernetik,
des Wiener Positivismus, der Spieltheorie, der amerikanisch-holistischen
Systemtheorie (im Übrigen auch eine Erfindung eines kakanischen Emigranten
– Karl Ludwig von Bertalanffy), des Freudianismus und diverser
anderer zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Moden munter und
unbefangen collagierte. Immer aber ging es ihm (wie seinem nicht ganz
so berühmten Kollegen in der Emigration, Alfred Schütz) um die soziale,
kommunikative Konstruktion von Wirklichkeit – beziehungsweise um
die unvermeidlichen Konstruktionsfehler bei diesem primären, uralten
Unternehmen menschlicher Existenz in Gesellschaft.
Um schöne Beispiele solcher Fehler und kultureller Dissonanzen ist
„Menschliche Kommunikation“ nie verlegen. So beschreibt das Buch
das unterschiedliche Poussierverhalten von Amerikanern und Engländerinnen
während des 2. Weltkriegs: „Während z. B. das Küssen in
Amerika relativ früh kommt, tritt es im typischen Paarungsverhalten der
Engländer relativ spät auf. Praktisch bedeutete dies, dass eine Engländerin,
die von ihrem amerikanischen Soldaten geküsst wurde, sich nicht
nur um einen Großteil des für sie intuitiv ‚richtigen‘ Paarungsverhaltens
betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung
an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben
sollte. Entschied sie sich für die letztere Alternative, so fand sich der
Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in
dieses Frühstadium der Beziehung passte und nur als schamlos zu bezeichnen
war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die
beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil
derartige kulturbedingte Verhaltensformen und -abläufe meist völlig
außerbewusst sind.“
Die Überwindung des offenkundigen Problems, das, folgen wir Margarete
Mead, jedem Anthropologen des Pazifikraums bekannt gewesen sein dürfte – von den christlichen Missionaren ganz abgesehen (siehe
auch: „Missionarsposition“), – die Problemlösung also wäre unter heutigen
Kulturbedingungen des Westens den Betroffenen wesentlich
leichter gefallen, da sich die globalisierte sexuelle Aufklärung spätestens
seit Olivia Newton-Johns Welthit, „Let’s get physical“, in der gemeinsamen
schamüberwindenden Sprache durchgesetzt hat: „let me hear
your body talk“. Aber damals redete man noch nicht offen über Sex, man
tat es – oder zog sich schweigend und betroffen zurück. Was aus jener
Epoche übrig blieb, war ein englisches Vorurteil über die GIs: „They are
over here and oversexed.“ Was die GIs über die englischen Mädchen
dachten, ist hingegen nicht sprichwörtlich, sondern Literatur geworden
in J.P. Donleavys ziemlich unsterblichem Roman „The Ginger Man“.
Heben wir das kleine Missverständnis jener Kriegsjahre auf das höhere
Niveau der internationalen Außenpolitik heute, dann hilft Watzlawicks
Kommunikationstheorie sofort weiter. Unsere Sprache unterliegt
nicht nur akustischen und grammatikalischen Voraussetzungen,
sondern vor allem historisch-kulturellen. Was wir in ihr mitschleppen,
ist das Gewicht ihrer eigenen Zivilisations- und Bedeutungsgeschichte,
ihrer unmerklichen Sinnverschiebungen und ihrer Tabus. Die wiederum
sind in allen Sprachen höchst unterschiedlich. Das mag banal klingen,
ist aber das Hauptproblem der Dolmetscher von Brüssel.
Was bedeutet das für eine Kommunikationstheorie, die sich ja nicht
an eine einzelne Sprachgruppe richten will, sondern wie alle modernen
Sozialwissenschaften universale Geltung beansprucht – und zwar in
einer eigenen, nicht universalen Sprache? „Es ist fast unmöglich, über
Kommunikation zu kommunizieren“, schreibt Watzlawick – und in dem
kleinen Wörtchen „fast“ öffnet sich der akademische Notausgang aus
dem Wittgenstein’schen Paradoxiegefängnis – „wovon man nicht sprechen
kann, darüber soll man schweigen“. Keine Sorge, so Watzlawick,
auch Schweigen ist Kommunikation, genauer, das ganze Spektrum
des menschlichen Auftritts inklusive der Körpersprache ist Teil seiner
Kommunikationstheorie.
„If you can’t communicate, the least you can do is shut up“, entgegnete
in den 60er Jahren der Harvard-Mathematiker und Kabarettist Tom
Lehrer dem Theorieschwall der damaligen Linguistik. Aber das wäre ja –
zumindest für Watzlawick – nur ein Unterfall des Kommunizierens. Also,
„man kann nicht nicht kommunizieren“.
Wer heute in sein keineswegs veraltetes Buch schaut, findet überraschend
prophetische Aussagen zu den sozialen Konsequenzen der
1967 völlig unvorstellbaren Internetkommunikation: genauer, zur
emotionalen und physiognomischen Kälte der Chatrooms. Zwar sei
die Übermittlung von Wissen ohne „digitale Kommunikation undenkbar,
„aber es gibt ein weites Gebiet, auf dem wir uns fast ausschließlich
der analogen Kommunikationsform bedienen“. Auftritt der
Tierverhaltensforschungs-Ergebnisse von Tinbergen und Lorenz. Jede Bewegung, jedes Gurren und Knurren, jedes Balzen, jede Körperdrehung
– alles ist Kommunikation, wie bei den Tieren, so bei den
Menschen.
Und wem die Aktualität des Buches dennoch zweifelhaft vorkommt,
der findet im Kapitel über „Gestörte Kommunikation“ das
Wort „schizophrenesisch“ – es wäre der richtige Terminus, um die
Gesetze zur Gesundheitsreform der Großen Koalition auf den Begriff
zu bringen: Das ist „eine Sprache, die es dem Gesprächspartner
überlässt, seine eigene Wahl unter vielen möglichen Bedeutungen
zu treffen, die nicht nur untereinander verschieden, sondern sogar
unvereinbar sein können“. Die Auflösung dieses Widerspruchs ist
semantisch unmöglich, sondern eine Machtfrage, die spätestens
bei der nächsten Bundestagswahl gelöst werden muss, in der ein
neuer Bedeutungs-Deuter des Gesetzestextes gewählt werden
dürfte. Absprachen wie die Gesundheitsreform, die eigentlich darauf
abzielen, keine wirklich verbindliche Absprachen zu sein, sind konzeptionelle
Kunstwerke der gesellschaftlichen Kommunikation und
als solche im Politischen nur kurzfristig haltbar. Ihre Urheber wissen
das, aber sie deshalb zu verachten, wäre ungerecht: Absprachen,
keine wirklichen Absprachen zu treffen, sind des Schweißes der
edlen Fraktionsführer wert.
Alle Kommunikationstheorie beansprucht, Recht zu haben, denn sonst wäre sie keine Theorie, sondern gäbe sich als Meinung zufrieden. Es geht aber nicht nur im Wissenschaftsbetrieb um Rechthaberei, sondern wie in der Politik auch um Macht. Kommunikationstheorie, die ohne Beachtung der angeborenen Libido dominandi auskäme, müsste enttäuschen. Und das sieht auch Watzlawick so. Für ihn sind Machteroberung und Machtbehauptung Kraftzentren nicht nur politischer, sondern oft genug auch privater Kommunikation. Dazu bedarf es gewisser Techniken. Und eine der diesbezüglichen „Perlen“ des Buches ist dem Rezensenten seit vierzig Jahren in Erinnerung geblieben – aus Gründen, die zu erforschen womöglich ins Private führen: „Schenken Sie Ihrem Sohn zwei Sporthemden. Wenn er zum ersten Mal eines der beiden trägt, blicken Sie ihn traurig an und sagen Sie: ‚Das andere gefällt dir nicht?‘ “ Erobert ist damit die väterliche oder mütterliche Primärposition, die erst dann wieder verloren ginge, wollte der aufgeweckte Sohn antworten: „Ach, das kenne ich doch, das habe ich bei Watzlawick gelesen.“ Schon hätte er sie zurückerobert – die begehrte „Primärposition“ im Dialog mit der Mutter, die immer Recht haben will. Und natürlich auch immer Recht hat.
- Datum 05.04.2007 - 04:56 Uhr
- Quelle ZEIT Kursbuch Heft 166
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Der Beziehunsaspekt regelt den Sachaspekt - aber leider nicht den Zeit-Aspekt!
Watzlawicks 'Menschliche Kommunikation' (das Grundlagenbuch zu den anderen sich wiederholenden Veröffentlichungen) war das wichtigste Buch meines Lehrer-Daseins.
Besondes in den Analysen zum Lehrer-Verhalten, die zumeist widerlegen wollten, was P.W. meinte mit 'Man-kann- nicht-nicht-kommunzieren'. (Lehrer k ö n n e n es, wahrheitswidrig und konfliktreich).
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