Michael Ebmeyer

Mehr Siesta wagen!

Nur die Siesta kann den Kontinent vor der grassierenden aggressiven Vertrottelung bewahren. Spanien soll sich zu diesem segensreichen Kulturgut bekennen, anstatt sich dafür zu schämen.

Mehr Siesta wagen!
Gäste in Pamplona halten Siesta während eines Stierkampffestivals. (Copyright: Christopher Furlong/Getty Images).

Haben Sie es auch gehört? Überall wird gerade das Ende der Siesta ausgerufen; Schockschwerenot! Verursacher der Hiobsbotschaft war Mariano Rajoy, auch das Stück Holz genannt, Spaniens amtierender Ministerpräsident und Vorsitzender einer zutiefst korrupten Partei. Rajoy hat … doch bleiben wir noch kurz bei seiner korrupten Partei. Der ist es soeben gelungen, bei den wegen Nichtzustandekommens einer Regierung wiederholten spanischen Parlamentswahlen abermals stärkste Kraft zu werden. Weiter„Mehr Siesta wagen!“

Nora Bossong

Brits don’t quit

Es scheint, als hätten die Deutschen ein größeres Interesse am Brexit als die Briten selbst. Ist dieses Referendum mehr als ein Ja oder Nein zu Gurken- und Glühbirnenverordnungen?

Brexit: Brits don't quit

 

Nahe der Tate Gallery werden am Sonntag Plakate und Sticker verteilt: I’M IN. Die Kampagnen für und gegen den Brexit, die nach dem Mord an der Parlamentarierin Jo Cox vorübergehend ausgesetzt worden waren, haben zumindest partiell wieder begonnen. Eine ganz Schar junger Leute läuft mit den Aufklebern auf ihren Kleidern durch die Museumsräume, es wirkt wie ein Bekenntnis zu Cox, die sich klar zur EU bekannt hatte und vermutlich genau deshalb Ziel des Attentats geworden war. Weiter„Brits don’t quit“

Ulrike Draesner

Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung

Was die enthemmte, volksverdummende Brexit-Rhetorik angerichtet hat, macht viele Briten fassungslos. Auch wenn der Mörder von Jo Cox psychisch gestört ist, bleibt seine Tat politisch.

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Als ich am Donnerstagabend von Jo Cox‘ Tod hörte und erfuhr, dass sie einen Mann und zwei Kinder hinterlässt, musste ich an das Buch Trauer ist ein Ding mit Federn von Max Porter denken. Es schildert, wie ein Mann und seine beiden Söhne nach dem überraschenden Tod der Mutter trauern und versuchen, mit der neuen Lage zurechtzukommen. Ihre Leben sind auf immer verändert. Eine Krähe, rau, schwarz, brutal, Aasfresser, Allesfresser, riesig, zieht bei ihnen ein.

Porters Roman sagt radikale Taten gegen Andersdenkende (Politiker, weiblich) nicht voraus. Er hat mit dem Fall von Jo Cox nichts zu tun. Doch Trauer fühlte ich, wie mir angesichts der brutalen Tat in Birstall deutlich wurde, bereits seit Wochen. Weiter„Gegen den Brexit hilft nur Aufklärung“

Lena Gorelik

Einfach sagenhaft eben

Auch wenn man es für ein Klischee hält: Island ist einfach magisch. Grund dafür sind aber nicht die vielbeschworenen Trolle und Elfen. Das Geheimnis steckt woanders.

 © MARTIN BUREAU/AFP/Getty Images
© Martin Bureau/AFP/Getty Images

Ich glaube nicht an Trolle und nicht an Elfen. Es ist wichtig, das an dieser Stelle festzustellen, weil es so viele gab, die mir einen Glaubenswandel prophezeit haben: Wenn du aus Island zurück kommst, wirst du an Trolle und Elfen glauben, dieses Land wird dich verändern, und manche fügten hinzu: „du sowieso, du mit deiner Fantasie“, weil das irgendwie passt: Elfen und Trolle und Schriftsteller. Vielleicht war ich auch deshalb so fest entschlossen: Auf gar keinen Fall an Elfen und Trolle zu glauben, wenn ich zurückkehre von meinem sechswöchigen Aufenthalt in diesem Land als writer in residence. Noch so ein erbärmliches Klischee: Eine Schriftstellerin, die verzweifelt versucht, keinem Klischee über Schriftsteller zu entsprechen. Weiter„Einfach sagenhaft eben“

Fridolin Schley

Noch einmal fliegen und sein Herz verlieren

Wenn alle Götter jung sind wie Neymar oder Kroos, müssen viele gestandene Helden frühzeitig abdanken. Dabei zeigt uns der Fußball doch, wie anmutig das Alter sein kann.

© Marcus Brandt/dpa
© Marcus Brandt/dpa

Er fliegt, noch immer fliegt er. WM 2014 in Brasilien, ein unerwartet nickliges Vorrundenspiel gegen Ghana. Ich konnte es nicht sehen, sondern nur blechern hören über die Kopfhörer eines alten, kleinen Taschenradios, das ich immer wieder leise fluchend nach stabilem Empfang auf meinem Schoß ausbalancierte, auf einer Busfahrt über Long Island, New York, umgeben von Amerikanern, denen Soccer kaum mehr bedeutet als eine weitere europäische Extravaganz und die ungläubig den Kopf schütteln, wenn sie hören, dass so ein Spiel tatsächlich 0:0 enden kann. Weiter„Noch einmal fliegen und sein Herz verlieren“

Michael Ebmeyer

Schland flaggt ab

Pegida-Märsche und AfD-Gestänker verderben vielen die Lust am Party-Patriotismus zur EM. Die Rechten haben sich die Deutungshoheit über das Nationalgefühl zurückerobert.

© Patrik Stollarz/AFP/Getty Images
© Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Vor zwei Jahren um diese Zeit konnte man sich vor Schwarz-Rot-Gold kaum retten. Von Flutschfinger bis Fliegenklatsche trug alles die deutschen Farben. Sie nisteten als Schminkset im Deckel des Nutellaglases, umschmiegten eine Traumkombination von Putzmitteln im praktischen Wischeimer und lagen als Wimpel jeder zweiten Zeitschrift bei. Denn die WM in Brasilien stand an, und seit dem „Sommermärchen“ von 2006 galt es als deutscher Brauch, zu den internationalen Fußballturnieren massenhaft Flagge zu zeigen. Weiter„Schland flaggt ab“