Jackie Thomae

Welche Farbe hat Action-Humor?

Der Marvel-Film Black Panther wird als Meilenstein für das schwarze Empowerment bejubelt. Und wie hört sich das dann an? Zu Gast in einer Vorführung, zu der Weiße keinen Zutritt hatten.

Black Panther - Ein emanzipatorischer Blockbuster - Freitext
© Walt Disney Pictures

Es ist soweit: Black Panther ist da. Die Welt hat ihren ersten ausschließlich schwarzen Blockbuster. Der Film, der bereits im Vorhinein als Meilenstein, als Beginn einer neuen Ära gefeiert wurde, hat bereits in den ersten Tagen mehr als 200 Millionen US-Dollar eingespielt. Dieser kommerzielle Erfolg ist ein Politikum, weil eine schwarze Besetzung in Hollywood bisher als Kassengift galt. Dabei handelt es sich nicht um einen politischen Film, sondern um eine Comic-Verfilmung, die versiert mit allen Superheldenzutaten arbeitet und die ihr Publikum ordentlich unterhält und zuballert. Trotzdem, oder gerade deswegen, wird der Marvel-Held Black Panther 52 Jahre nach seiner Schöpfung gefeiert wie ein schwarzer Messias. Als hätte jeder Nichtweiße dieser Welt auf ihn gewartet. Und zwar seit sehr langer Zeit. Weiter„Welche Farbe hat Action-Humor?“

Katja Oskamp

„Wissense, wo se hier sind? Uff de Scheiße von Berlin“

Herr Paulke, Marzahner Ureinwohner, hat sein Leben lang geschleppt: Schränke oder Klaviere. Seine Füße sind reparaturbedürftig, seine Sprüche dafür umso flockiger.

© [M] Andrew Ruiz / unsplash.com (https://unsplash.com/photos/VeuxVCo5m54)
Am östlichen Rand von Berlin, in Marzahn, stehen die Plattenbauten: Elfgeschosser, Achtzehngeschosser, Fünfundzwanziggeschosser. Am Fuß eines solchen Hochhauses liegt unser Kosmetikstudio. Hier arbeite ich als Fußpflegerin. Als ich vor knapp drei Jahren anfing, gehörte Herr Paulke zu meinen ersten Kunden. Während der ersten Behandlung hatte er mich lachend gefragt: „Wissense, wo se hier sind? Uff de Scheiße von Berlin. Dit warn früher allet Rieselfelder, und denn hamse Hochhäuser hinjeklotzt. Wo de Erde uffjebuddelt is, könnset noch riechen.“ Weiter„„Wissense, wo se hier sind? Uff de Scheiße von Berlin““

Dana Grigorcea

Vom Sprechen in lieblosen Zeiten

Im Rumänien meiner Kindheit war Zynismus ein Ventil, um sich Luft in der Diktatur zu verschaffen. Warum kommuniziert heute auch der Rest der Welt nur noch höhnisch?

© Raul Petri/unsplash.com

Meine Nachbarin, Frau Hefti, hat vergangene Woche ihre beiden Zeitungsabos gekündigt – ein Neujahrsvorsatz. Das hat mich deshalb erstaunt, weil die fast neunzigjährige Dame viel Wert darauf legt, akkurat informiert zu sein und ganz bewusst auch darauf, die unabhängige Presse zu unterstützen. Weiter„Vom Sprechen in lieblosen Zeiten“

Emma Braslavsky

Die Vorfahren aus Afrika, die Tochter semmelblond

Warum haben Menschen Angst vor Migration? Wir alle sind Geflüchtete. Eine Speichelprobe hat mir die Geschichte meiner Familie erzählt. Sie wird bei allen ähnlich sein.

Zugvögel nahe Rahat, Israel © REUTERS/Nir Elias

Es geschah im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in Westafrika, unweit der Atlantikküste, wo die Geschichte zwar längst nicht begonnen hatte, aber wo sie einen nächsten entscheidenden Wendepunkt nahm: Eine meiner Ur-Ur-Ur-Ahninnen ergriff die Flucht. An sich keine spektakuläre Sache in den Annalen meines Klans, aber diesmal sollte sie nicht nur interkontinentale Ausmaße haben, sondern derartige Konsequenzen, die die jüngsten genuinen Linien meines Geblüts im (für historische Verhältnisse) „Affentempo“ verbogen. Weiter„Die Vorfahren aus Afrika, die Tochter semmelblond“

Norbert Niemann

Nicht Atmo, sondern Aufstand

Revolutionär sind heute Nassrasierer oder Autos. Was einmal politische Brisanz hatte, wird zur Hohlformel. Dabei wäre echter Widerstand gegen die Verhältnisse so wichtig.

© Christof Stache/AFP/Getty Images

Es ist bereits ein paar wenige Wochen her, dass der CSU-Politiker Alexander Dobrindt „eine konservative Revolution der Bürger“ eingefordert und angekündigt hat, die endlich mit einer vermeintlichen „linken Revolution der Eliten“ (gemeint ist die Achtundsechziger-Bewegung, deren letzte Vertreter heute längst im Rentenalter sind) aufräumt. Aber schon ist sie wieder vergessen. Das ist seltsam, hält man sich vor Augen, dass eine Revolution ein radikaler, abrupter, oft auch gewaltsam herbeigeführter struktureller Systemwandel ist. Aber so sind Revolutionen heute offenbar: Sie verpuffen, kaum dass sie ausgerufen sind. Weiter„Nicht Atmo, sondern Aufstand“

Viktor Martinowitsch

Eine lupenreine Miniperestroika

Belarus lockert die Verstaatlichung und öffnet sich der globalen Wirtschaft. Die Liberalisierung gilt aber ausschließlich für die IT-Branche. Ist das schon Revolution?

© [M] Dan Kitwood/Getty Images
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Belarus, bis vor Kurzem noch der am stärksten isolierte Staat Osteuropas, hat sich mit einer radikalen Liberalisierung seiner Gesetzgebung für die globale IT-Wirtschaft geöffnet. Allerdings nur in diesem einen Bereich. Weiter„Eine lupenreine Miniperestroika“

Olga Grjasnowa

Was sagt ein Syrer über Israel?

Den aktuellen Antisemitismus vor allem mit Flüchtlingen in Verbindung zu bringen, ist falsch und gefährlich. Eine Erwiderung auf einen Text von Alexandra Berlin

© Adam Berry / Getty Images

Angst ist keine gute Grundlage für Debatten. Auch ich habe Angst, Angst vor Katzen und davor, dass, wenn ich Neukölln die U-Bahn nehmen muss, der Aufzug schon wieder nicht funktioniert und ich einen Kinderwagen mitsamt zwei Kindern hinuntertragen muss. Weiter„Was sagt ein Syrer über Israel?“

Mirna Funk

Erinnern kann auch cool sein

Wir brauchen eine Erinnerungskultur an den Holocaust, die einen emotional erreicht und nicht zur Abwehr zwingt. Sie muss das Alte mit dem Gegenwärtigen verbinden.

Copyright: Alex Grimm/Getty Images

Vor ein paar Monaten postete ich auf Facebook ein Gesuch, in dem ich nichtjüdische Deutsche fragte, ob sie an einem Workshop zur Nachkommenschaft der Täter des Nationalsozialismus teilnehmen möchten und deshalb sie darum bat, die Akten ihrer Großeltern und Urgroßeltern zu beantragen. Ich erhielt Hunderte von Nachrichten. Nachrichten, in denen diese nichtjüdischen Deutschen erzählten, sie wüssten gar nicht, dass sie überhaupt Akten beantragen können, dass sie es schmerzlich bedauern, nichts über ihre Großeltern und deren politische Verbindungen zu wissen, dass sie diese diffuse Schuld leid seien, und dass sie aufarbeiten möchten, was bis dato niemand aufgearbeitet hat. Das Deutsche Bundesarchiv war so genervt von den vielen Anrufen, dass man mir ausrichten ließ, ich solle aufhören, diese Deutschen auf ihre Großeltern anzusetzen. Es wäre alles nicht so leicht, wie ich behaupte, die Akten zu bekommen, dauere sowieso bis zu einem Jahr und überhaupt, ist das denn nicht alles ewig her? Wozu das Ganze? Weiter„Erinnern kann auch cool sein“

Katja Oskamp

„Wenn’s wehtut, denn schrei ick“

Frau Guse aus Berlin-Marzahn, 85, hat fünf Kinder und ist seit Jahrzehnten Witwe. Alle sechs Wochen erzählt sie mir ihr Leben, während ich sie pediküre.

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Mit der Straßenbahnlinie 6 fahre ich vierzehn Stationen, nach Osten, an den Berliner Rand. Die Reise dauert einundzwanzig Minuten. Ich steige aus und registriere den Temperaturunterschied. Wie immer kommt mir das Wetter in Marzahn, einst die größte Plattenbausiedlung der DDR, intensiver vor als in der Innenstadt. Die Jahreszeiten riechen stärker. Weiter„„Wenn’s wehtut, denn schrei ick““

Manfred Rebhandl

Der Sex kommt zu kurz

Seit Sebastian Kurz Kanzler ist, wird das neoliberale Geschnatter in Österreich lauter. Im Bett aber herrscht Flaute. Vielleicht erledigt sich das Problem so von selbst.

© Nik MacMillan / unsplash.com (https://unsplash.com/@nikarthur)

Es ist schon etwas länger her, dass in Europa eine neue Regierung angetreten wäre mit einem Programm, das in etwa meinte: „Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde, und deswegen sind sie auch so zu behandeln.“ Europäische Grundsätze halt, nicht einmal links, sondern nur christliche Soziallehre. Möglicher Zusatz: „Also schauen wir erst mal, dass die himmelschreiende ökonomische Ungerechtigkeit beseitigt wird, die für die allermeisten unserer Probleme verantwortlich ist.“ Weiter„Der Sex kommt zu kurz“