Viktor Martinowitsch

Der Drachenbezwinger

Vom Staat erwartet man in Russland nicht Politik, sondern Wunder. Wahlen sind nur Schaukämpfe. Der Sieger steht vorab fest. Deshalb ist Putin so mächtig und so beliebt.

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Russland ist literaturfixiert. Über die Haltung der Amerikaner zu ihrer Regierung informiert man sich am besten in Fernsehen und Internet, über die der Vietnamesen auf dem Basar, über die der Deutschen am Stammtisch. In Russland erfährt man im Fernsehen nur, was die Regierung von sich hält, auf dem Basar wird eingekauft und weiter nichts, und in der Bar sind nach alter Tradition seit Iwan III. Diskussionen über Politik tabu. Dafür gibt es die Küchengespräche, zu denen man aber erst mal eingeladen werden muss. Doch seit Gogols Zeiten finden sich sämtliche Antworten auch in der hochwertigen Belletristik. Weiter„Der Drachenbezwinger“

Lena Gorelik

Warum ich froh bin, keine Tochter zu haben

Ob der alltägliche Sexismus überwunden ist, wenn unsere Kinder groß sind? Die Geschlechterklischees, in denen sie noch immer aufwachsen, lassen daran zweifeln.

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Die Frau, die einmal die Woche meine Wohnung putzt, legt die Wäsche in schön gefalteten Stapeln zusammen: Hosen von Kind Nr. 1, T-Shirts von Kind Nr. 2, selbst die Socken der beiden, die sich nur um eine Größe unterscheiden, hält sie ordentlich auseinander. Und dann gibt es immer den Stapel, bei dem sie nicht weiß, wohin damit: Die Nachthemden meines Sohnes. Rosa- und fliederfarben, im – aus seiner Sicht – besten Fall mit großen Pferden bedruckt. Einhörner sind auch gerne genommen, Elsa, was es da nicht alles gibt. Er liebt sie, hat explizit darum gebeten, nur in Nachthemden schlafen zu dürfen, aber sie fragt mich, und zwar jede Woche aufs Neue, die Verwunderung weicht nicht ihrer Stimme, ob ich mir vielleicht eine Tochter wünsche. Ich schüttle wahrheitsgemäß den Kopf, nein. Weiter„Warum ich froh bin, keine Tochter zu haben“

Tijan Sila

Nudeln nur an Mogeltagen

Je radikaler Diäten sich geben, desto beliebter sind sie. Tatsächlich steckt hinter Heilsversprechen durch Ernährung nur eines: unser Selbsthass.

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Früher waren Diäten aufrichtiger. Nein wirklich: Bis in die Neunzigerjahre ging es bei ihnen vor allem darum, den Körper ohne jegliche Heilsversprechen zu verarschen, damit er schlanker wird. Man wusste, dass das Unterfangen ungesund war, aber es herrschte Kalter Krieg, und man wollte die Tage vor der allgemeinen nuklearen Auslöschung wenigstens in der Lieblingsjeans verbringen. Weiter„Nudeln nur an Mogeltagen“

Ann Cotten

Drei Wochen in der Normalität

Wie das Erwachen aus der Kindheit oder aus einem mit skandinavischen Möbeln vollgestellten Traum: Wer nach China reist, muss die europäischen Krustenrüstungen ablegen.

© Ann Cotten


 

In China zu sein! Endlich! Ich setze einen Fuß in meine größte Bildungslücke. Es ist die Schwelle einer U-Bahn-Station. Polierter Granit, mit Blindenleitrillen und Warnansagen auf Chinesisch und Englisch. Peking. Weiter„Drei Wochen in der Normalität“

Tanja Maljartschuk

Die Heimat im Rucksack

Erst seit ich die Ukraine verlassen habe, koche ich Borschtsch und liebe Dill. Oder Natron. Warum man das Vertraute braucht, um ein neues Leben beginnen zu können.

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Ich kannte einmal einen Tunesier, der jeden Satz mit „Bei uns in Tunesien ist es so“ begann. Als ich ihm sagte, ich sei Schriftstellerin, schaute Furt, so hieß er, mich mit solch tiefem Mitleid an, als wäre ich ein verkrüppeltes Kaninchen. „Bei uns in Tunesien ist es so“, verkündete er prompt, „die Klugen studieren Mathematik und Physik, die Dümmeren Wirtschaft, und die ganz Dummen, die zu nichts nütze sind, beschäftigen sich mit Literatur. Damit du nur weißt, ich bin Mathematiker.“ Weiter„Die Heimat im Rucksack“

Nora Bossong

Willkommen zurück in der Bonner Republik

Lange wurde ich für meinen Glauben an das innovative Potenzial der FDP belächelt. Dass sie sich nun selbst verweigert, ist enttäuschend und ein Rückfall in alte Zeiten.

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Über Partys, auf denen man selbst nicht war, sollte man nicht reden, gerade darum redet es sich über sie so gut. Wer weiß schon, ohne dabei gewesen zu sein, wie es tatsächlich zuging bei den Sondierungsgesprächen. Ich kann nur sagen, dass es schon als FDP-Sympathisantin auf manchen Partys nicht so spaßig ist. Genervt genug bin ich oft gewesen, wenn mir mit der Geste ungeprüfter moralischer Überlegenheit erklärt wurde, dass FDP ja nun gar nicht gehe, ehe überhaupt meine Argumente gehört wurden. Ich habe dann allerdings die Party nicht verlassen, sondern tief durchgeatmet und mir ein Bier geholt. Weiter„Willkommen zurück in der Bonner Republik“

Matthias Nawrat

Humanismus darf keine Illusion sein

Mit Egoismus, Panik oder Wut reagieren viele auf die Unsicherheit der Gegenwart. Ist eine Utopie möglich, die dem Einzelnen wieder Halt und eine geistige Behausung gibt?

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Mein Onkel erkrankte als Kind schwer an der Lunge. Er wurde von Opole in ein Krankenhaus in Głuchołasy gebracht, wo er über mehrere Monate in einem Bett lag und mit dem Tod rang. In den 1960ern herrschten in Polen die kommunistischen Kader, durch die Planwirtschaft war das Land stark verarmt, die Krankenhäuser waren schlecht ausgerüstet. Weiter„Humanismus darf keine Illusion sein“

Jakob Nolte

Eine scheinbar unüberwindbare Schlucht

Suizid ist eine erschreckend häufige Todesursache. Dennoch oder gerade deshalb wird das Thema tabuisiert und fetischisiert. Versuch einer Annäherung über zwei Filme


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Als junger Mann zwischen 15 und 35 Jahren in Deutschland geht die größte Lebensgefahr für mich von mir selbst aus. In dieser sonst eher gesunden Bevölkerungsschicht ist jede sechste Todesursache der Suizid. Würde ich in Bayern leben, wäre es noch schlimmer. Würde ich in Sachsen-Anhalt leben, etwas weniger. Die Statistiken sind furchteinflößend. Jährlich nehmen sich in diesem Land etwa 10.000 Menschen das Leben, was die Gesamtanzahl der Toten durch Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch und HIV-Erkrankung deutlich überschreitet. Weiter„Eine scheinbar unüberwindbare Schlucht“

Paula Fürstenberg

Wir brauchen die Einheit nicht

Auch wir Nachgeborenen unterscheiden noch zwischen „wir Ossis“ und „ihr Wessis“. Aber das ist nicht schlimm. Warum wir uns vom Einheitsgedanken verabschieden sollten.

© Peter Kneffel / dpa

Es ist wieder Herbst in Deutschland, und seit ich denken kann, bedeutet das, dass der Osten zum medial umsorgten Problemkind wird. Irgendwo zwischen der Veröffentlichung des Jahresberichts zum Stand der Deutschen Einheit im September und den Jubiläen von Einheitsvertrag und Mauerfall im Oktober und November, dieses Jahr zusätzlich befeuert durch die Wahlerfolge der AfD, fragt sich das Land rituell, wie es eigentlich den Ossis geht. Weiter„Wir brauchen die Einheit nicht“