Viktor Martinowitsch

Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!

Um Proteste zu verhindern, sind in Belarus Verleger, Journalisten und Aktivisten „präventiv“ festgenommen worden. So schlimm war es seit den dreißiger Jahren nicht mehr.

Polizisten vor der Demonstration in Minsk am 24. März (© Vasily Fedosenko/Reuters)

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Die in Belarus per Präsidialdekret Nr. 3 eingeführte Arbeitslosensteuer hat seit Mitte Februar in Minsk und anderen Großstädten in Belarus viele Menschen auf die Straße getrieben. Zunächst forderten sie die Rücknahme der Strafen für „Parasiten“ (als „Parasit“ gilt, wer nicht bereit ist, für den Monatslohn von 100 Dollar zu arbeiten, der vom Arbeitsamt für freie Stellen in Aussicht gestellt wird). Nikalai Statkewitsch, Ex-Präsidentschaftskandidat, hat die Regierung aufgefordert, das Dekret bis zum 25. März zurückzunehmen. Für den 25. März, den Unabhängigkeitstag, wurde eine Großdemonstration angekündigt. Weiter„Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!“

Frank Schulz

Der zuverlässigste unter den Hippies

Harry Rowohlt war ein Paganini der Abschweifung. Auf neuen Hörbüchern kann man ihm noch einmal lauschen. Erinnerungen an einen Schriftstellerfreund. Und viele Getränke.

© Rolf Vennenbernd/dpa

15 Jahre ist es nun auch schon wieder her, dass in der Edition Tiamat In Schlucken-zwei-Spechte erschien; Untertitel: Harry Rowohlt erzählt Ralf Sotscheck sein Leben von der Wiege bis zur Biege. Connaisseuren muss man weder sagen, dass der Titel eine Anspielung auf Harrys Lieblingsbuch In-Schwimmen-zwei-Vögel des unvergessenen irischen Romanciers Flann O’Brien, noch dass Ralf Sotscheck Irland-Korrespondent der taz ist und mit Harry befreundet war. Bei ihm daheim in Ballyvaughan an der irischen Westküste quatschte Harry im Juli 2001 sage und schreibe acht Tonbandkassetten voll, um die Grundlage für das im Jahr darauf erschienene obige Buch zu schaffen. Weiter„Der zuverlässigste unter den Hippies“

Roman Ehrlich und Michael Disqué

Das Theater des Krieges

Gegen die Langeweile hilft das Basteln mit der Laubsäge. Bier gibt es zwischen 21 und 22 Uhr. Es gilt die Zwei-Dosen-Regel. Zu Besuch im Bundeswehrcamp in Afghanistan.

© Michael Disqué

 

Der Fotograf Michael Disqué und der Schriftsteller Roman Ehrlich reisten im Sommer 2015 in das Nato-Feldlager Camp Marmal bei Masar-i-Scharif in Afghanistan. Sie verbrachten drei Wochen innerhalb der Grenzen des Camps, sprachen mit den dort stationierten Soldaten und besuchten die verschiedenen Einrichtungen, Dienststellen und Arbeitsbereiche. Weiter„Das Theater des Krieges“

Tilman Rammstedt

18 Dinge, die Sie im Alter bereuen werden

Alt werden heißt auch: im Leben möglicherweise etwas verpasst zu haben. Das macht einigen Menschen Angst. Ein paar Dinge, über die Sie sich dann wirklich ärgern sollten

© Keith Bedford/Reuters

 

1. Nie Ihre Träume verwirklicht zu haben. Halt bis auf den einen, in dem Sie nackt noch einmal Ihre Abiturprüfung ablegen müssen, aber darüber wollen Sie lieber nicht mehr sprechen.

2. Ihrer großen Liebe nie Ihre wahren Gefühle gestanden zu haben. Dabei hört jede Mutter gern, dass keine andere Frau je an sie herankommen kann. Vor allem Ihre Mutter. Die ist nämlich die Beste von allen. Lassen Sie sich nichts anderes einreden.

3. Nie Klavierspielen gelernt zu haben. Und jetzt sitzen Sie da auf der Bühne der Elbphilharmonie, das Publikum wartet gespannt, und Sie haben den Salat.

4. Die Sozial-Rock-Oper über Ihre Emotionen nie beendet zu haben. Weiter„18 Dinge, die Sie im Alter bereuen werden“

Norbert Niemann

Feindschaft als letzte Freiheit

Recht hat, wer Erfolg hat. Gut ist, was laut ist. Die Werte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens werden gerade zerstört. Wir schauen seelenruhig zu.

Populismus: Feindschaft als letzte Freiheit
© Riccardo Botta//EyeEm

Seit geraumer Zeit befinden wir uns in einer Phase enormer Zuspitzungen. Überall und ständig verhärten sich die Fronten. Als wären wir in eine Beschleunigungsspirale geraten, wird der Ton beinahe täglich schärfer. Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Man will einander nicht mehr zuhören, geschweige denn aufeinander eingehen. Reizwörter reichen, um dem Gegner das Wort abzuschneiden, während Einigkeit herrscht unter Gleichgesinnten. Sie befeuern einander mit den technischen Hilfsmitteln sogenannter Schwarmintelligenz. Im Übrigen schafft man Fakten, der Rede vom postfaktischen Zeitalter zum Trotz. Weiter„Feindschaft als letzte Freiheit“

Viktor Martinowitsch

Du sollst nicht duckmäusern

Osteuropa war ein Imperium der Feigheit. Der Schriftsteller Michail Bulgakow hat das Aufbegehren dagegen gelehrt. Nun erlebt man in Belarus das Aufblühen des Mutes.

© Maxim Malinovsky/AFP/Getty Images

Meine erste Begegnung mit Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita hatte ich Anfang der Neunziger, als mein Vater einen Samisdat-Matrizenabzug mit blassen Buchstaben und improvisiertem Wachstucheinband mit nach Hause brachte. Schon auf den ersten Seiten, auf denen zwei sowjetische Schriftsteller, die an Patriarchenteichen Aprikosenlimonade trinken, dem als Ausländer verkleideten Satan einreden wollen, er existiere in Wirklichkeit gar nicht, war mir klar, dass dieser Text mit großer Vorsicht zu genießen ist. Weiter„Du sollst nicht duckmäusern“

Tanja Maljartschuk

Schlummernde Schande

Der Kommunismus hat gezeigt, dass die menschliche Natur miserabel und finster ist. Wie jedes totalitäre Regime. Es ist verstörend, die Spuren noch immer zu sehen.

© Maxim Zmeyev/Reuters

Es ist sechsundzwanzig Jahre her, dass der Kommunismus in meiner Heimat zusammenbrach. Seitdem verging eine kleine Ewigkeit, für manche sogar ein ganzes Leben. Die meisten Soldaten, die im ukrainischen Osten bereits gefallen sind, haben den Kommunismus nie erlebt. Ich erinnere mich selbst auch nur dunkel daran. 1991 war ich acht Jahre alt und trug keine Lenin-Abzeichen auf der Brust und keine Pionierhalstücher. Trotzdem zucke ich zusammen, wenn ich die Spuren des Kommunismus, vorwiegend in der Architektur, irgendwo außerhalb der Ukraine erkenne, auf der Karl-Marx-Allee in Berlin zum Beispiel, oder in den kleinen Orten an der Ostsee, oder im kroatischen Rijeka letzten Sommer. So reagieren Menschen, die eine tödliche Infektion überstanden haben. Weiter„Schlummernde Schande“

Thomas von Steinaecker

Kein gutes Gefühl

Künstliche Intelligenz ist vielen suspekt. Künstliche Empfindung gilt sogar als bedrohlich. Warum bloß? Unsere Gefühle sind längst so programmiert wie die von Maschinen.

© Kim Kyung Hoon/Reuters

Im Sommer 2013 erlitt meine Großtante Gerda einen Schlaganfall. Sie überlebte. Allerdings blieb ihre gesamte linke Körperhälfte gelähmt. Ihr Sprachvermögen beschränkte sich in dieser Zeit auf einige unartikulierte Laute, die keiner verstand. Trotzdem versicherten die Ärzte, dass „ihre Persönlichkeit“ oder, wie mein Großvater mir am Telefon sagte, „die Gerda“ weiter vorhanden sei beziehungsweise, wieder O-Ton mein Großvater, „da drin“ sei, womit er ihren Körper meinte. Weiter„Kein gutes Gefühl“

Norbert Niemann

Mischt euch ein!

Die Oscarnacht kann eine Bühne für politische Statements werden. Das sollte sie auch. Künstler tragen die Verantwortung, der Gesellschaft Impulse zu geben.

Erst die Dankesrede, dann ein politisches Statement
Meryl Streep bei der Verleihung der Golden Globes © Paul Drinkwater/NBC Universal/Getty Images

Bei der diesjährigen Oscarverleihung geht es nicht nur um die Vergabe der Preise. Mit Spannung erwartet wird auch der Moment, wenn die Prämierten ans Mikrofon treten. Geben sie, neben den Dankesworten, auch ein politisches Statement ab? Sollten sie das überhaupt? Die Frage, ob Künstler sich ins politische Tagesgeschäft einmischen sollten, wird seit jeher diskutiert. Tragen sie gar die Verantwortung dafür? Wir haben diese Frage dem Schriftsteller Norbert Niemann und der Schriftstellerin Lucy Fricke gestellt, die sie in einem Pro und Kontra diskutieren.

 

Öffentliche politische Stellungnahmen in der Form, wie sie nicht erst heute, sondern seit Jahrzehnten immer mehr gängige Praxis geworden sind, bereiten mir schon lange Unbehagen. Vor bald zwanzig Jahren fing ich an, diese Praxis – gleichfalls öffentlich – zu kritisieren. Es ging mir dabei allerdings nie darum, die Rolle der Schriftsteller und Künstler als öffentliche Intellektuelle grundsätzlich infrage zu stellen. Im Gegenteil wollte ich stets ihre nach meiner Überzeugung essenzielle Bedeutung für jede offene Gesellschaft verteidigen. Denn meine Kritik zielte gerade auf jene Mechanismen und Automatismen der politischen Meinungsbildung und des Verhaltens, die das öffentliche Argumentieren, nicht zuletzt auch das selbstkritische Nachdenken, zugunsten einer Anstiftung zur rein emotionalen Solidarisierung mit bestimmten Positionen – und seien sie noch so richtig und begrüßenswert – an den Rand drängten. Weiter„Mischt euch ein!“

Lucy Fricke

Schwingt keine großen Reden!

Bei der Oscarverleihung wird man sie sicher wieder hören: politische Statements der Künstler. Das sollten sie sich lieber sparen. Was zählt, sind allein die Filme.

Oscarverleihung: Schwingt keine großen Reden!
Szene aus dem Film La La Land © Studiocanal Filmverleih

Bei der diesjährigen Oscarverleihung geht es nicht nur um die Vergabe der Preise. Mit Spannung erwartet wird auch der Moment, wenn die Prämierten ans Mikrofon treten. Geben sie, neben den Dankesworten, auch ein politisches Statement ab? Sollten sie das überhaupt? Die Frage, ob Künstler sich ins politische Tagesgeschäft einmischen sollten, wird seit jeher diskutiert. Tragen sie gar die Verantwortung dafür? Wir haben diese Frage dem Schriftsteller Norbert Niemann und der Schriftstellerin Lucy Fricke gestellt, die sie in einem Pro und Kontra diskutieren.

 

Auf der diesjährigen Berlinale fiel eines auf: Je missratener der Film, desto politischer die Pressekonferenz, und umgekehrt. Zwei Beispiele: Richard Gere spielt eine blasse Nebenrolle in dem Wettbewerbsbeitrag The Dinner. Ein Film, der sich fast schon beeindruckend verrenkt in dem, was er alles erzählen will, und an jedem losen Ende zerfasert. Weiter„Schwingt keine großen Reden!“