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Tiere blicken dich an

Wenn wir sie im Zoo hinter Panzerglas oder Gittern sitzen sehen, scheinen sie uns fremd. Aber ohne Affen wären wir nicht in der Lage zu erkennen, wer wir selber sind.

Leipzig, Pongoland. Eine der weltführenden Zooanlagen für Menschenaffen. Ich stehe neben dem Silberrücken eines Silberrückens. Über Menschenaffen in Zoos mag man streiten. Über Schimpansen in den Bürgerkriegsgebieten des Kongo, Wilderern ausgesetzt, hie und da als Buschfleisch im Angebot, nicht minder. Über die langfristige irreversible Zerstörung ihrer Habitate durch die Spezies Mensch allemal.

Der Gorilla beachtet mich nicht. Er scheint zufrieden, regiert aus seiner Fels-Panzerglasecke sein Reich. Es ist klein, aber hoch, der Himmel von tropischen Vögeln gekreuzt. Heiß. Ich habe hier nie einen Primaten kotzen und das Erbrochene essen sehen, wieder und wieder, wie jüngst im Stuttgarter Zoo.

Ich habe hier nachgedacht über das Spiegelverhältnis Mensch-Tier. Jedes Mal, wenn ich in den Jahren der Recherche für meinen Roman in die sächsische Affenhalle aus Fels, Glas, Affen und Menschen kam, hatte mein Blick sich verändert. Das verdankte sich vor allem der Forschung zu Primaten in den letzten 20 Jahren, den Ergebnissen Julia Fischers, gesammelt in Afrika und Göttingen, der Weiterentwicklung der Umgangsformen mit unseren intelligenten Verwandten, den philosophischen Frageansätzen des Max-Planck-Institutes für Evolutionäre Anthropologie, dessen Denken hinter dem Aufbau der Anlage in Leipzig steht. Mit ihren Affen arbeitet man, erforscht Verhalten und die es begleitenden Bewusstseinsbilder und forscht parallel an Kleinkindern, Jungaffen und Wölfen – weil die sozialen Kompetenzen oder Eigenheiten des Menschen sich allein aus unserem genetisch dominanten Verwandtenbezug zu anderen Primaten nicht erklären lassen.

In der Schule hatte ich gelernt, dass der Mensch sich nur durch ein Merkmal von allen anderen Tiere unterscheide: seine Sprache. Doch schon in den siebziger Jahren hätte man das besser wissen können. Die Affensprache Yerkish war entwickelt, Schimpansen und Bonobos zeigten sich in hohem Maß dazu in der Lage, nicht nur einzelne Wörter (lautlich und in Zeichengestalt) zu erlernen, sondern auch Sätze zu bilden. Sie erwarben die Grammatik des Fragens, Antwortens und Behauptens, artikulierten neben Wünschen und Befindlichkeiten Zukunftsvorstellungen. Von ihrer eigentlichen Affensprache, ihrem natürlichen, reichen Repertoire an Mimik, Gesten und Lauten und seinem sozialen Ansatz, ganz zu schweigen.

Aufgrund ihrer Kehlkopfanatomie können Affen unsere Laute nicht sprechen; Computertastaturen, verbunden mit Audioprogrammen, schaffen Abhilfe. Ich las von einer Forscherin, die, als sie den Affenraum betrat – ein Schimpanse saß dort mit dem Rücken zu ihr – eine Stimme sagen hörte: „A glass lemonade, please!“ Da das Tier den Computer verdeckte, den es bediente, klang es, als habe es selbst gesprochen. Das Glas, so die Forscherin, hätte sie fallen lassen, hätte sie es denn dabeigehabt.

Wir brauchen Tiere, um uns selbst zu verstehen: Unsere Identität bestimmen wir in Wechselspielen. Wir brauchen Menschenaffen, weil sie uns so nahe sind. Wer sind wir auf diesem Planeten? Wo (und wie) können wir zu Hause sein? Michael Tomasello, seit 1998 Co-Direktor des Leipziger MPIs und Leiter des Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrums, führt Kultur als Unterscheidungsmerkmal zwischen ihnen und uns ins Feld. Gemeint sind über Zeiten und Räume gestreckte, als Interaktionszusammenhänge gebaute kulturelle Systeme – Geschichten und Geschichte, Wissensweitergaben über die unmittelbare Gemeinschaft hinaus, Traditionen.

Bei meinen Recherchen stieß ich auf einen weiteren Aspekt. (Menschen-)Affen besitzen die Fähigkeit, sich in ein anderes Lebewesen zu versetzen. Sie tun dies anderen Affen gegenüber, Menschen gegenüber. Hier kommt es, wie etwa in der folgenden Interaktion, zu komplexen Vorstellungen davon, was der andere wahrnehmen und sich dabei vorstellen mag: Ein Affenmännchen flirtet mit einer Affendame. Das dominante Männchen der Gruppe sitzt nicht weit entfernt, an einen Stein gelehnt. Es bemerkt nichts. Oder tut so, als bemerke es nichts. Nach einer Weile steht es nachlässig auf, geht, als wäre nichts, ein paar Schritte, hebt einen Stein auf. Das flirtende Männchen hat inzwischen nicht nur vom Flirten abgelassen, sondern ist eifrig damit beschäftigt, seinen erigierten Penis zum Schrumpfen zu bringen. Der Pascha kommt – doch alles, was er sieht, ist vollkommen harmlos …

Also kehrt er um. Den Stein legt er auf dem Rückweg ab.

Sehen, denken, verstehen. Sich vorstellen, was das Gegenüber wahrnimmt. Wie es weitergeht. Spiegelung nicht nur in den anderen hinein (das kann dem herrschenden Männchen nicht gefallen), sondern von diesem anderen zurück auf mich selbst (er sieht den Penis – dann weiß er, was los ist – ich muss mich anders präsentieren/sehen lassen). Die geschilderte Interaktion setzt Konzepte eines Selbst und von Zeit, setzt Körper- und Regelwissen voraus. Und doch: Die menschliche Fähigkeit zu Empathie ist, so der Stand der Primatenforschung, sehr viel ausgeprägter; nachahmen nicht eine äffische, sondern eine ausnehmend menschliche Eigenschaft.

Da stehe ich am Panzerglas, stelle mir den Innenblick des Gorillas vor und nehme mich dabei deutlich als Homo sapiens wahr: Ich weiß, dass ich stärker bei ihm bin als er bei mir, spüre die Möglichkeiten des Hineinversetzens und seine Grenzen. Denn ich kann nicht anders, ich kann nicht nicht empathisch sein.

Das Glas spiegelt mein Gesicht. Endlich dreht auch er den Kopf. Tieraugen blicken mich an: eine gelbbraune Iris umschließt die schwarzen Pupillen, alles schwimmt in einem dunkelbraunen, ledrig aussehenden Gallert. Auch unsere Augen sahen einmal so aus. Das Augenweiß, so Michael Tomasello, entwickelte sich, weil man vor hellem Hintergrund besser sieht, worauf der dunkle Augenkern sich richtet. Was der andere sieht bzw. zeigen will. Weil Zeigen, Teilen, Folgen für uns wesentlich waren und sind.

Ob diese These zum Augenweiß stimmt? Schön ist sie. Weil sie unsere weiche Seite betont. Etwas Unverfügbares. Der wahre Sündenfall, so der Affenforscher in meinem letzten Roman, äußert sich nicht im Wahrnehmen von Nacktheit und folgender Scham. Der wahre Sündenfall ist unsere Abhängigkeit von fremder und eigener Empathie. Was nicht heißt, dass man sich nicht nicht mitfühlend verhalten könnte … Doch gegessen haben wir vom Baum der Erkenntnis – des anderen, in uns.

5 Kommentare

  1.   wial

    die verhaltensforschung begibt sich seit einigen jahren auf höchst unsicheres, man könnte sagen: populistisches terrain. neuerdings wird angeblich seriös erforscht, was tiere „empfinden“ und wie sie miteinander „sprechen“. schaut man sich die entsprechenden untersuchungen genau an, entdeckt man hinter der inszenierung von hochwissenschaftlichkeit viele methodische fallstricke, sehr weitreichende setzungen, ohne die die testergebnisse völlig nichtssagend wären.
    ich fühlte mich nicht in meiner menschlichkeit gekränkt, sollten tiere sprechen und komplexere empfindungen haben. für gefährlich halte ich aber eine wissenschaft, in der die skepsis an den eigenen erkenntnismöglichkeiten keinen raum mehr hat.
    daß wir tiere als gegenüber brauchen, um uns selbst zu verstehen, kann ein fruchtbarer gedanke sein. er sollte uns aber auch daran erinnern, daß wir zur projektion neigen: das tier antwortet uns letztlich eben nicht, sondern wir spiegeln uns in ihm. so liefert das tier allerhand höchst menschliche argumente – jedem betrachter die ihm genehmen. respekt vor der natur, vor dem uns ähnlichen und doch ganz anderen bedeutet aber gerade auch zu akzeptieren, was wir alles nicht verstehen – und vielleicht aufgrund der aporie unserer individuellen subjektivität (die auch keine wissenschaft überwinden kann) gar nicht verstehen können.

  2.   QW

    „Über Menschenaffen in Zoos mag man streiten.“
    Ich denke jedoch, dass das Konzept eines Zoos in der gegenwärtigen Form ohne Menschenaffen aus der Tribus Hominini im Zoo, die dort als Einahmequelle fungieren, umgestaltet werden müsste.
    „Aber ohne Affen wären wir nicht in der Lage zu erkennen, wer wir selber sind.“
    Übersetzt: Aber ohne Affen wären Affen nicht in der Lage zu erkennen, wer sie selber sind.
    „Wir brauchen Menschenaffen, weil sie uns so nahe sind. “
    Übersetzt: Menschenaffen brauchen Menschenaffen, weil sie Menschenaffen so nahe sind-sofern angenommen wird, dass mit „wir“ Menschen gemeint sind, was impliziert wird.
    Warum werden hier falsche konzeptuelle Grenzen durch die Sprache gezogen, wo doch Gemeinsamkeiten ausgedrückt werden sollen?


  3. Dass Sie die das Verhältnis von uns Menschen zu den Milliarden von Tieren die alle
    Aspekte unseres Lebens existenziell mitbestimmen als so wichtig, wie es ist, sehen und es häufiger, wie hier, beschreiben,
    dafür meinen tiefsten Respekt.

    Es ist sicher das, gemessen an der freien Veränderbarkeit, aufgrund der totalen Handlungsfreiheit für uns Menschen in diesem Feld, in der weltweiten Presse
    unterrepräsentiert bis weitgehend nichtexistent.
    Ich lebe neben Deutschland seit Jahrzehnten auch in Großbritannien und Frankreich und dort scheint es, leider nahezu allen Medien zu „unfeuilletonistisch“.
    Bravo.
    Für Thema und guten Schreibstil.
    Marco Lenzen
    Düsseldorf

  4.   QW

    „Über Menschenaffen in Zoos mag man streiten.“
    Ich denke jedoch, dass das Konzept eines Zoos in der gegenwärtigen Form ohne Menschenaffen aus der Tribus Hominini im Zoo, die dort als Einahmequelle fungieren, umgestaltet werden müsste.
    „Wir brauchen Menschenaffen, weil sie uns so nahe sind. “
    Übersetzt: Menschenaffen brauchen Menschenaffen, weil sie Menschenaffen so nahe sind-sofern angenommen wird das mit „wir“ Menschen gemeint sind.
    Warum werden hier falsche konzeptuelle Grenzen gezogen?

  5.   keiner

    Wölfe unterscheiden sich von Hunden (die uns in vielem ja sehr ähnlich sind, vgl. F. Werfel ‚Stern der Ungeborenen‘, S. Freud ‚Das Unbehagen in der Kultur‘) u.a. darin, dass sie die Augenbewegungen von Menschen nicht deuten können.

    Das zeigte sich jedenfalls in einem Fernsehbeitrag (vor mindestens 10 Jahren, genaueres weiss ich nicht mehr), in dem von beiden verstecktes Futter gefunden werden sollte.

    Es gab zwei Reihen, eine mit Hilfe: Ein Mensch wies auf das richtige Versteck hin, indem er erst das Tier ansah und dann mit den Augen, ohne jede Gestik, wiederholt auf den jeweiligen Behälter deutete.

    Während die Wölfe in beiden Reihen gleich abschnitten, gemäss der zu erwartenden Zufallsverteilung, verbesserte dieser Hinweis das Ergebnis der Hunde signifikant.

    Zwar kein Beleg für die Augenweiss-These, aber eine Korrespondenz…

 

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