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Die Stille nach dem Erbrechen

Unser Kolumnist ist jetzt Mainzer und weiß, was tun, wenn die Wurst zu doll wackelt. Sollen die Frankfurter doch sagen, er hat einen Schuss an der Waffel! Das Fax der Woche

Mainz. Mein erster Tag als Stadtschreiber. Aschermittwoch, Fastnacht vorbei, Putztruppe fegt den Marktplatz sauber, der leichte Wind lässt Konfettischnipsel aufflattern. Beziehe brandschutzsaniertes Dichterdomizil. Krache als Arschbombe aufs frischbezogene Bett. Vom dritten Stock runter vor die Tür, starre hoch zur Stuckdecke: Putte greift Putte an die ausgewachsene Brust. Finde einen abgefallenen schwarzen Türkenbart beim Gang um den Dom. Zeichen oder Zufall, es wird sich zeigen. Im Lottoladen darf man Kaffee trinken. Erhitzter Mann ruft: Die wollen uns in’d Engä dreibä. Kollegen grölen: Jawoll! Frage nicht nach, wer da jagt, und wer von wessen Flintenschuss erlegt wird.

Laufe durch hohle Gassen, will Geschichte fühlen, spür aber nur Hunger. Blick auf die Speisekarte im Kasten am Bierbrauhaus Zum Halben Runden Rad: Handkäs mit Musik, Saftrippchen mit e Gurk. Rüttele an der verschlossenen Tür. Laufe am Rhein entlang, will Legenden fühlen, stoße auf einen Baum, an dessen Ästen abgelatschte Turnschuhe hängen. Auf gestutzte Platanen, deren Astenden im Dunkeln aussehen wie zu Baumfäusten erkaltetes schwarzes Wachs. Esse Erdnüsse in der Wohnung.

Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu
Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu

Besorgte Kieler Kumpel rufen an, schimpfen mich Mainzelmann, Verräter an Kiel. Kehre zurück, sage ich, es kann nur eine Heimat geben. Sie fragen mich nach den Mainzern, ich lobe, sie legen auf. Poltere die Treppen herunter, Wirt will schließen und erbarmt sich aber meiner, er serviert Saufbegleiter. Käsewürfel vom Emmentaler. Glück um Mitternacht.

Am nächsten Tag staune ich über den Markt auf dem Domplatz. Japanerin mit Mundschutzmaske geht die Stände ab. Fürchtet sie, daß die Runkelrübe oder das Hunsrücker Steinofenbrot sie anstecken? Ich ziehe an den Plüschtierchen am Rucksack, sie schreit auf vor Schreck, ich verbeuge mich und sage: Wir Mainzer freuen uns über Menschen aus aller Welt. Kommen Sie wieder. Bringen Sie ihre Onkels und Vettern mit … Sie flieht in die Arme ihres Freundes, der für einen Japaner äußerst groß geraten ist.

Die Wurstesser mit Papptellern auf der niedrigen Mauerkrone sind meine Rettung, ich verschwinde hinter dem Metzgerwagen, ducke mich am Reifen. Freundlicher Mainzer Mann sagt: Sind Sie der neue Stadtschreiber? Wollen Sie hier kacken? Wir kommen ins Gespräch, der Japaner hat mich aufgespürt, er stößt dazu, ich erkläre im deutschen Englisch, dass wir Mainzer die Wurst knapp überm Zipfel packen, dass wir die Wurst schütteln, dass wenn die Wurst allzu doll wackelt, wir Mainzer die Wurst als Kröpfchen in der Pelle schimpfen, dass die Wiesbadener und Frankfurter deshalb glauben, wir hätten einen an der Waffel … Freundlicher Mainzer Mann runzelt die Stirn, ich wünsche Ihnen einen guten Tag.

Später Einkehr im halbleeren Wirtshaus, die Leut sind längst in ihren Stuben. Kellner will Freundin übern Tresen küssen. Sie aber mahlt gerade den großen Bissen gefüllte Paprikaschote klein. Der erzwungene Kuss nimmt ihr den Atem, sie keucht und erbricht sich. Geschrei, Liebeskrise. Kellner beteuert: Ich will dich nicht töten, bitte glaube mir … Sie glaubt ihm nicht, kündigt für die nächsten Tage Kontaktsperre an, geht mit Kantholzabsätzen aufstampfend ab.

Stille nach dem Erbrechen, alle Gäste starren schweigend aufs Tischtuch. Ich bin der neue Stadtschreiber, ich darf bestellen. Ingwertee. Kellner wischt erst einmal die Sauerei weg. Ich denke: Das glaubt mir kein Schwein. Komme Stunden später im Dichterdomizil ins Grübeln: Bin ich ein antigalantes Sudeltier, da ich degoutante Details nicht ausspare? Ist der Hippie der bessere Mensch? Will ich mich hinter vielen Häufchen Unrat verbergen?

Letzte Zigarette vor dem Haus. Das Bierbrauhaus ist geöffnet. Stehend schunkelnde Frau hinterm Rauchglas, vom Kerzenlicht erhellt, die Tüllgardinen sind zugezogen. Werfe grinsend die Kippe weg, mache mich auf zur Rheinterrasse. Kieler Geist unter Mainzer Platanen.

9 Kommentare

  1.   Rico Sack

    Hallo, Herr Zaimoglu,
    Ihr Fax lese ich jede Woche mit Genuss. Ihre Bilder sind so beeindruckend und plastisch wie gute Street Photography. Ja, da klingelt was. Ja, so ist es. So und ganz anders. Aber auch so. Gut, dass das „so“ auch gesehen und aufgezeichnet und niedergeschrieben wird. Niedergeschrieben? Die deutsche Sprache ist putzig. Erbrechend putzig, oft.


  2. De beste Worscht gibt’s inne Meenzer Worschtstubb am Hauptbahnhof. Die hot aach nachts uff.

    Un aach fer Ringeritschte is Rhoihessewoi e schee Sach! Rhoihessewoi wegsd nämlich uff de richdisch Rhoisoit. 🙂

  3.   BoBo

    „Erhitzter Mann ruft: Die wollen uns in’d Engä dreibä. Kollegen grölen: Jawoll!“

    Als gebürtiger Mainzer, und jetziger Beute-Hesse an den Hängen der Tauniden wohnhaft, gilt mein wohlwollendes Mitleid einem Zugereisten der sich der Gefahr aussetzt lokale Mundart in Schrift gießen zu s-/wollen. Ich denke da lauert der Anschiss an jeder Ecke. Ich hoffe er kann sich am offenen liberalen Wesen der Mainzer erfreuen und deren frankophiler Lebensart (Grussema an die steife Wissbaddener von hier aus!).

    Ei, der Zaimoglu, die Kieler Bambelschnud, der wirdes schonn mache. Da mach isch mir abber ma gakein kopp drumm.

    Alla gud :o)


  4. Wolle mer ne reilosse?


  5. „Käsewürfel vom Emmentaler. Glück um Mitternacht.“ Käsewürfel – Emmenthaler – Glück. Das ist doch so etwas von gelogen!

  6.   Digitalius

    Ein bisschen mulitkulti sollte man doch heutzutage schon sein. Kenntnis bringt Verständnis. Japaner tragen Mundschutz – ja, man glaubt es kaum, dieser Altruismus – nicht um SICH nicht anzustecken (das wäre geradezu deutsch), sondern um ANDERE nicht anzustecken.

    Denke mal, die Frau hatte eine Erkältung („grippaler Infekt“, wie auch der Laie weiß), was nix mit Kälte zu tun hat, sondern mit Rhinoviren. Oder gar die, haha, Asiatische Grippe. Und die oder auch Letztere will sie nicht unter die Eingeborenen verstreuen. Ansonsten: Obacht, Japaner können alle, ausnahmslos, durch die Bank Mikado, und das übergriffige Zupfen an fremdem Plüsch wird mit heftigen Handkantenschlägen geahndet.


  7. Des kann abber aach nur en Meenzer saache. Die richdisch Roiseit is nähmlisch hübbe im Rheingau, aach wenn sse jetz die Schnuud e bissche hänge lasse.


  8. Mainz 0:5 – die Niederlage wirkt so vertraut wie das Ekelgefühl. Wozu braucht die Stadt einen Stadtschreiber, in der Gutenberg schon vor 500 Jahren den Buchdruck erfunden hat? Kulturelle Größe steigt vom Lerchenberg herab: Gu’n’Aaabend……Klaas Klever und Gundel Gaukeley mühen sich ab. Heute Journal – morgen vergessen. Mainzer Republik. Dann der Mantel des Schweigens.

    Zaimoglu, du suchst am falschen Ort.

  9.   Gitta

    Finden kann man überall!