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Mann und Poesie ist wie Mann und Kosmetik

Ein Mann verzweifelt. Seine Frau liest plötzlich Gedichte. Warum kocht sie nicht lieber Marmelade ein? Unser Kolumnist versucht zu vermitteln. Das Fax der Woche

Pasche Bombe, Zypriot, neuer Mann im Viertel, Arme wie Kellen, Beine wie Keulen, sagt in der Stunde seiner Verstimmung: Der Heiland, der ist mir gut, der hält einen Platz für mich frei… Er will über das Himmelreich reden, ausgerechnet mit mir, dem Muslim, er will mich im Kieler Hafenbecken taufen, ich lehne ab.

Er schraubt den Deckel des Weckglases auf, sticht mit der Plastikgabel eine Orangenscheibe mit Schale heraus, der Sirup tropft mir auf Hosensaum und Schuhe, ich mag Pascha nicht verärgern, beiße ein Stück ab. Es schmeckt wie gesüßter Ziegelsplitter, er reißt mir beim Schlucken den Rachen auf. Ich lobe die Marmeladenkochkünste seiner Frau, er verbittet sich das Lob, tänzelt um die Discounter-Kassiererin, der er eine tropfende Orangenscheibe vors Gesicht hält.

Ich schlage die Zeitung auf: Aufbrausende Kriegsherren, sie haben sich fein gemacht und geben Presseerklärungen ab, man sollte sie mit Arschtritten von den Pulten vertreiben. Teufel im Gewand der Rechtschaffenheit. Wem nützt meine Wut in einer stillen Kieler Gasse?

Also laufe ich zurück nach Hause, tauche für die nächsten vier Tage unter. Habe die Korrekturfahnen meines nächsten Romans bekommen, achthundert Seiten, ich gehe sie Satz für Satz durch, esse wenig, schlafe wenig, stelle mich gelegentlich ans offene Fenster, starre hinab auf fidele Ausländer und Studenten, die die Sonne herausgelockt hat. Ackere den dicken Stapel durch. Schön, denke ich, und jetzt?

Pascha Bombe brüllt mich runter auf die Straße, er hat vom Tod des Dichters gehört, er regt eine symbolische Beweinung am Flandernbunker an. Nein, zu weit weg, und wie blöde ist das, wenn zwei Mamelucken in einer Bunkerruine Gedenkminuten einlegen? Wir streifen durch die Einkaufsstraßen, und setzen uns auf die Parkbank an der Nikolaikirche.

Er sagt: Ist Dichter tot, ist Dichter tot. Ich kann ihn nicht fragen, du lebst, ich frage dich. Meine Frau, du hast in hausgemachte Orange gebissen, Kinder sind aus dem Haus, sie hat neues Hobby. Geht in Buchladen, blättert im Buch, schreibt Gedichte ab. Abends, komm von der Arbeit, esse, trinke, bade, nein, bade, esse, trinke, ich schalte TeeVau ein, sie macht TeeVau aus, steht im Zimmer, liest. Als würde Fahne flattern und sie für Vaterland singen.

Verstehe nix. Will TeeVau, sie nicht, wir kämpfen, sie gewinnt. Fragt: Fühlst du beim Gedicht? Nein, Herz klopft normal. Fragt: Bist du Metall? Nein, Fleisch und Seele. Fragt: Bist du nicht Seele bei schönen Worten? Das geht hin und her wie Tischtennis, mir ist wie Mischung aus Herzinfarkt und fünf Gläser Metaxa. Bin ich Tier? Mann und Gedicht ist wie Mann und Kosmetik…

Pascha Bombe vergleicht Gedichtelesen mit dem Bruderkuss von Honecker und Breschnew, und da er von mir einen Vergleich fordert, sage ich: Gedicht ist wie eine Wortapotheke. Man kauft eine Medizin, nimmt sie ein, und wird krank. Es gibt viele, sie kränkeln, und sie möchten, dass sich die leichten Schmerzen zu einer Krankheit auswachsen. Bombe stellt fest, dass seine Frau kerngesund sei, ich solle ihm nicht mit Zimt und Tinnef kommen, tatsächlich röhrt er: Frau gut in Schuss, du bist selber leere Apotheke am Sonntag…

Wir erheben uns von der Bank, Bombe schimpft auf Dame Poesie, seine Frau, die von glühenden Dichtern angetan ist, die sich mit spätestens fünfundzwanzig ein Loch in den Kopf schießen. Apotheke?, ruft er und bleibt stehen, nix, lebst du, dann schreibst du nicht, lebst du nicht, schreibst du, bist du Dichter, bist du tot, einfach wie Einmaleins und ABC. Aber meine Frau Poesie liest große Qualität im Gedicht, wer ist schuld, das bist du… Er erklärt: Bei einem Besuch bei Pascha Bombe habe ich der Dame des Hauses statt Konfekt oder Konfitüre neutral weiße Nelken geschenkt, ein Strauß Neutralität, und sie hat zwei Tage später einen Nelken-Gedichtband gekauft, um mich zu ergründen. Wieder eine, die der Welt verloren ist. Freude.

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2 Kommentare

  1.   Outside_Observer

    Lang‘ ist’s her, es gab‘ einmal eine Zeit, da waren wir stolz auf unsere Dichter (Goethe, Schiller, Rilke, Brecht…) – schade, denn nun sind nur noch die Denker übrig, und wahrscheinlich nicht mal mehr die.

    Paradox, denn dieser Beitrag von Zaimoglu ist sprachlich so schön, man könnte fast meinen: dichterisch.


  2. Ewig Gelämmer: „Lang’ ist’s her, es gab’ einmal eine Zeit, da waren wir stolz auf unsere Dichter (Goethe, Schiller, Rilke, Brecht…)“ – Dieses Gejammer ist Braindumm, gelogen, wie still Besaufen und spät abnippeln, Singsang selbstens.
    Oder, wie Grass schrieb:

    An alle Gärtner
    (1956):
    Wer wird mich vor den Vegetariern schützen?
    Lasst mich vom Fleisch essen.
    Lasst mich mit dem Knochen alleine,
    damit er die Scham verliert und sich nackt zeigt.
    *
    Als Goethe noch leib- und lebtEE, musste er sich mit Dämel wie Napoelon und Dingsda abgeben. Und goote Sätze schreibern:
    „Die Krankheit ist das Leben selbst.“
    Ach? Das war von Kfka? ja, auch ein Dichter. Also: Lessisng, Goethe, Schiller, Rilke, Brecht, Döblin, Walser (Robert), Dürrernmatt. Ach, ich glaub’s nicht, dass hier in Foren eine Kommunikation möglich