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Kunst kann das Nichts

Das Relevanzdiktat dominiert die Kunst. Und wo sie keine politische Aufarbeitung betreibt, da soll sie bitte wenigstens Aufmerksamkeit erregen. Ist das wirklich sinnvoll?

Copyright: Feng Li/Getty Images
Copyright: Feng Li/Getty Images

Man fliegt um den halben Globus, landet auf einem fremden Subkontinent, Gedichte werden übersetzt. Die Autoren, die einem gegenübersitzen, haben eine Agenda. Nicht, dass man selbst keine hätte. Eine Agenda der Kunstfreiheit etwa, gespeist aus dem Gedankenraum europäischer Aufklärungstradition. Kants Idee der Nutzenfreiheit des ästhetischen Genusses, aufgegriffen und gespiegelt, wenn Luhmanns systemische Sozialmodelle der Kunst die Funktion der Funktionslosigkeit zusprechen.

Das Gegenüber schreibt Botschaftslyrik. Der soziale Ansatz ist aller Unterstützung wert: unterdrückte Ureinwohner, die Fortsetzung tausend Jahre alter Macht- und Beraubungsverhältnisse mit Hilfe europäisch-kolonialistischer Strukturen. Eingesetzt gegen sogenannte Kastenlose oder Frauen, deren Gesundheit und körperliche Integrität in großem Maßstab mit Füßen getreten werden. Poesie also, die versucht, Menschen eine Stimme zu geben, die mit dem Wort kaum umgehen können und gewiss nicht zu Wort kommen – sie leben in Slums, schlafen um den Fuß eines Verkehrsschildes gerollt, werden zum Sterben in einen Zug gelegt, weil niemand ihr Begräbnis bezahlen kann.

Relevanz? Gewiss.

Gewissensberuhigung für uns, und/oder sogar Voyeurismus, wenn man das übersetzt? Nicht auszuschließen.

Information und Berührung: hoffentlich.

Doch die Frage lautet: Wie übersetzen? Wie Sprache finden für diese Art von Sprachlosigkeit? Das ist hier nicht primär eine Frage der beim Übersetzen wirksamen kulturellen Reibungen. Es ist eine Frage der Direktheit. Der Poesie ohne Poesie.

Denn es liegt eine Verwechslung vor.

Dass Literatur nicht identisch damit ist, Aussagen zu machen, die man westlich-politisch-zeitgenössisch auf der Gut-Seite einordnen kann, ist ein Klischee. Dass ich es äußere, beruht auf einer Diskrepanz: man mag so denken, unterschreibt den Satz leichthin – und handelt ihm entgegen. Zunehmend klammern Institutionen und Veranstalter, Journalisten und Kritiker sich an der Relevanz des Kunst-Gegenstandes fest. Spiegelung, Mimesis, historische Aufarbeitung.

Wir sollten uns fragen, was wir wirklich erwarten. Kunst kann Ereignis sein, Spektakel, aufregend, laut. Doch leise darf sie ebenfalls auf uns zukommen, oder? Und auch subtil, komplex, intellektuell, intelligent? Als eine Herausforderung, die den alten Satz des docere et delectare, den man heute vielleicht besser umdreht in ein delectare et docere, nicht vergessen hat.

Wo also setzen wir an? Die Angst, in den Aufmerksamkeitsnetzen verschalteter, geld-und krisentaumelnder Bildgesellschaften zu kurz zu kommen, kann kein guter Berater sein. Ebenso wenig hilft ein schlechtes Gewissen, wenn es nicht gelingt, dem Partygegenüber die eigene Relevanz in zwei, drei Sätzen zu erklären.

Vor Kurzem sprach ich mit einem renommierten Neurowissenschaftler. Er erzählte mir, wie er um seine Grundlagenforschung kämpft. Denn auch sie sei nicht ausreichend relevant.

Da liegt er, des Pudels Kern. Der Pudel ist kein echter Hund: Er trägt Haare statt Fell. Ein literarisches Tier ist er zudem, wie man spätestens beim Osterspaziergang von Goethes Faust erfährt. An Faust 2 zu denken, kann hier überhaupt hilfreich sein. Das Stück zeigt eine Wissens- und Nützlichkeitsgesellschaft, die es in zahlreiche Aspekte aus- und zu Ende denkt.

Was Kunst also kann?

Am wichtigsten scheint mir die Antwort „nichts“.

Kunst kann das Nichts.

Kunst kann den Nichtnutzen.

Die Infragestellung, die Nichtbotschaft. Etwas wie Geheimnishaltigkeit. Den Freiraum: selbst empfindend-denkend wahrzunehmen, zu reflektieren, zu hinterfragen.

Still zu sein.

Und da wird sie sichtbar, die neueste Amalgamierung auf der anderen Seite der Medaille: die Verkunstung von Wirklichkeit. Nicht Künstlichkeit ist damit gemeint; in Zeiten der Genetik, Robotik, Digitalität und Implantation wäre das eine andere Frage. Verkunstung betrifft Inszenierungen von Wirklichkeit, etwa unseren Umgang im öffentlichen Raum mit Toten aus Flugzeugunglücken oder dem Untergang vollbesetzter Flüchtlingsboote. Was wir hier zu greifen bekommen, ist die Kehrseite des Relevanzdiktates, das auf die Kunst zugegriffen hat. Künstlerische Inszenierungsformen gehen nahtlos über auf das, was wir als Nichtfiktion zeigen. Totengedenken. Begräbnisse ohne Leichen. Menschenzüge.

Ist Kunst etwas, das Ersatzleben Einhalt gebietet?

An diesem Punkt konnten die indischen Botschaftsdichter und ich aus den deutschen Luxusverhältnissen uns treffen und austauschen. Die Zwänge und Denkfiguren, unter denen wir stehen, sind von sehr unterschiedlicher Art. Auch bei uns ist die Freiheit ein umkämpftes, ich sollte besser sagen umzingeltes oder umschlichenes Gut. Das ökonomische Diktat der Nützlichkeiten geht auf die achtziger Jahre zurück. Tief ist es in unsere Köpfe gekrochen. Die Frage nach Nützlichkeit ist berechtigt. Entscheidend wird sein, wie wir sie intelligent – aufheben.

Um einen anderen Begriff der deutschen Philosophietradition in Anschlag zu bringen.

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7 Kommentare

  1.   Carmen Schuchna

    …wie Godard vor Jahrzehnten sagte, man müsse nicht politische Filmemachen, sondern den Film politisch.
    Er meinte damit u.a., dass die Art, wie mit jeweiligem Material umgegangen wird, darüber entscheidet, ob eine Arbeit/Werk eher am Freiheits- oder eher am z.B. Entfremdungspol liegt..
    Das erlaubt auf der inhaltlichen Ebene sämtliche denkbaren Verknüpfungen und Konkretisierungen, bleibt dabei aber nicht stehen.
    Die Rezeptionsfähigkeit (und -Bereitschaft) für diesen eher komplexen (und oft auch spielerischen, subversiven) Diskurs und entsprechende Formate ist seit den 70ern zurückgegangen, die 90er vielleicht noch ein kleines Aufflackern davon. Ich denke, der Hinweis von Frau Draesner ist richtig, dass die Angst hier das Regiment führt: u.a. vor Verlust der kostbaren Aufmerksamkeitsressourcen, und ergo Legitimationsbedarf ala – Und wie relevant sind Sie so?
    : Ein Arbeiten aus der Defensive, bemüht, alles richtig zu machen. Schwer, den Zurichtungsaspekt dieses ehrenwerten Mühens derzeit in den Blick zu bekommen.. Dank also an Frau Draesner, für den Versuch!

  2.   Marc

    Dieser Text spricht mir als freischaffender Theaterkünstlerin aus dem Herzen. Vielleicht verstehe ich ihn auch falsch. Aber ich sehe rings um mich Theatergruppen viel Fördergeld „absahnen“, die sich völlig dem Relevanzdiktat – eben aus dem finanziellen, und keinem anderen Grund – verschrieben haben. Stücke über Migranten, IS-Terror, Alte, Internet-Porno, schwule Fussballer etc. Am Schlimmsten wird es, wenn dann etwa weder die Migranten zu Wort kommen noch die Schwulen, sondern nur Projektionen verhandelt werden immer im politisch korrekten Modus, dem man nicht widersprechen kann, da die gute Sache die Mittel heiligt. Immer mehr wird nur gefördert was einen Nutzen für die Gesellschaft zu haben scheint, im Augenblick blind einfach alles, was das Thema Asyl verhandelt. Die armen Künstler reagieren sofort und hauen einen Antrag nach dem anderen zu diesem Thema raus, denn sie wollen ja leben. Allein schon die Tatsache, dass freie Kunst immer ein so genanntes Thema vorzuweisen hat, kann einem ganz schön den Boden der Freiheit unter der Kunst wegziehen.


  3. „Das Nicht seint,
    wenn alles nichtet!“
    Heidegger

    „Nützlichkeitsfaschismus“
    Heitmeyer (Konfliktforscher)

    Repressive Toleranz
    H. Marcuse

    Die Herrschaft tarnt sich als nützlich. Hinter dem Gemeinwohl steht aber das Wohl der Herrschaft:
    Dann muss ich kommen wie der Bettler an der Hintertür der Herrschaft, dem die Köchin den Bodensatz des letzten Kaffees einzuflößen sich entscheidet.
    Kafka (aus dem Gedächtnis zitiert)


  4. Denn sie ist scheintolerant. Weil es für sie nützlich ist.
    Das ist der Kern der Herrschaft:
    Der Nutzen für sie selbst, der als gemeiner Nutzen behauptet wird.

  5.   TDU

    Zit: „Das ökonomische Diktat der Nützlichkeiten geht auf die achtziger Jahre zurück.“

    Und das Diktat der gesellschaftlichen Relevanz alles Tuns auf die 1970iger. Das hat sich jetzt vereint, und wer diese Klaviatur am besten in Musik Literatur und Kunst beherrscht, ist ökonomisch oft der King, zumindest im Feuilleton. Uta Danella und Ähnliche beweisen nicht das Gegenteil.

    Also los. Überasche man uns mit Lyrik, mit einem neuen Pfingstgedicht und führen uns zu neuer Erbauung!!! in Wort, Bild und Ton.

    Erbauung ist auch was Nützliches. Der Geist erfährt eine Stärkung, ein geistiges Wohlgefühl, was nachaltig wirken kann, und manchmal über nur ein Indiviuum hinausgreift. Dann wird man vielleicht Goethe.

    Das Nichts kann auch die Kunst nicht (wo nichts ist kann man auch nichts feststellen), höchstens das völlig Bedeutungslose. Und dann steltt sich wieder die Frage: was ist Kunst?.

    Um dieser Schleife zu entgehen: Der Künstler lasse es heraus, was in ihm ist und hoffe, aber versichere sich nicht der Aufmerksamkeit des Publikums.

    Goethe war im öffentlchen Dienst, Bach in der Kirche und andere hatten Sponsoren. Eine Kultur wie heute, die vielen was garantiert, gabs allerdings nie.


  6. Kunst kann gefallen. Und dem der die Kunst gefällt schaut, liest oder sie sich an. Manchmal kauf er sie auch, wenn sie nicht zu teuer ist.

    Die Frage ist weniger was Kunst kann. Sondern was heute Kunst ist. Der Teil der Kunstszene der ausgerechnet besonders öffentlichkeitswirksam vermarktet wird, ist einfach eine derivatisierte Finanzanlage. Das ist noch nicht mal eine Kritik, sondern einfach Bestandsaufnahme. Dieser teil der Kunst kann etwas ganz besonderes, er kann im Wert zulegen. Meist viel besser als Bankzinsen, weshalb die Derivatisierung der Kunst auch so machtvoll voraschreitet.

    Und dann gibt es noch die andere Kunst, die nicht wirtschaftlich missbrauchte. Die muss man häufig zu Fuss besuchen, weil sie halt nicht im Museen zu finden ist. Oft muss man sich direkt an die Quelle zu Künstler oder der Künstlerin begeben. Oft steht sogar noch zur Diskussion ob es sich wirklich um Kunst oder „nur“ Hobby handelt. Und vielfach ist diese Kunst sogar noch mit erheblichen handwerklichen Geschick verbunden, was einer Massenproduktion entgegensteht und ebenso einem einfach Nachmachen. Diese Kunst kann meisten tatsächlich nur zweierlei; gefallen oder nicht gefallen. Das ist sozusagen ihr Markenzeichen.

  7.   PEACEHEART

    schützt Bescheidenheit, das Relevanzdiktat der Selbstbegrenzungskunst,
    vor Fremdbestimmungskünsten. Ein sehr relevantes Leben-Kunst-Diktat
    aus dem Nichts und mit Freiheit-Diät-Qualitäten des selbsterkennenden und einsichtigen (Ich-)handelns im (Ich-)Sein kunstvoll zu erleben.
    Wünschenswert jedoch ist Wir-handeln und Wir-sein als Relevanzdiktat der
    Selbstbegrenzungskunst Gesellschaft zu erleben;
    weil es die relevante Erde-Gesamt-Leben-Freiheit-Qualität kunstvoll erhöht.
    Relevanzdiktatkunst mit qualitätrelevanten
    Freiheit(künsten)-Erleben(künsten)-Wir-kung(künst)en.