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Zeuge eines blutsaugerischen Kusses

Von den Flüchtlingsfamilien können wir einiges lernen: Vor allem über uns selbst. Wir müssen nur versuchen, uns mit ihren Augen zu sehen. Das Fax der Woche

Rhein im Nebel, Zug fährt auf der Ufertrasse, die Burgen auf den Hügelkuppen sind verschluckt; der Himmelsstrich ist verschliert. Lasse heißen Kaffee abkühlen. Lesen unmöglich, klappe das Buch zu. Brüllendes Kind im Gang schmiert Schokoschnörkel auf die Glastür. Der Schaffner ist kein Unmensch, er lässt es weiter fingermalen.

Nach der Durchfahrt des ersten Tunnels schaut mich die dicke Dame im Abteil böse an. Habe ich im Dunkeln ihre Tochter lüstern begafft, bin ich wollüstig geworden? Nein. Das Mädchen zählt die Münzen in ihrer Börse, geht im Bordbistro ein Limo kaufen. Zweiter Tunnel, Mutter glotzt, ich sage: Klebt mir ne Erbse an der Backe? Nein. Nebel verflogen, die Ritterburgen entlocken der Dame Entzückungslaute.

Ausstieg der otternhaft keckernden Dame und Tochter in Köln. Einstieg syrischer Flüchtlinge: Mann, Frau, fünf Kinder besetzen die freien Plätze im Abteil. Mutter sieht aus wie Maria auf den Ikonenbildern. Vater zieht am Rosenkranz. Kinder sind still, leise Unterhaltung auf Arabisch. Sind sie Besatzungsjanitscharen, fühle ich mich überwältigt, bin ich eine Humanistenpfeife, weil sie mir sehr sympathisch sind?

Sie schauen heimlich und höflich nach allen Seiten, sie wollen im Neuen Land das Unvertraute verstehen. Sie schauen mich an und sehen: Kerl in Schwarz, in Nahkampfstiefeln, beringt wie ein Kirmesknallwilli. Schaffner gibt durch: Es fehlen die Wagen acht, neun, elf, zweite Klasse, und Wagen vierzehn, erste Klasse. Es bleibt ruhig im Abteil. Einstieg einer Frau in Solingen, sie hat reserviert, ein Kind quetscht sich neben die Schwester auf dem Nachbarsitz. Schaffnerin bittet sie nett, in die zweite Klasse umzuziehen. Solingerin stapft schnaubend hinterher, sie hat sich vertan.

Allein im Abteil, langweilig, ich zupfe zwei Nasenhaare, löse und binde die Schnürsenkel, lese im Wälzer über den Trinitätsstreit frühchristlicher Theologen, öde Theologie. Hamburg, kurzer Aufenthalt. Eine Studentin hält ein Schild hoch: Welcome home! Sie meint Urlaubsheimkehrer, ihr Freund wird dramatisch, rennt ihr entgegen, beißt sich ploppend fest, ihre Lippen verschwinden in seinem Mund. Entsetzter Syrer will einschreiten, er vermutet eine kriminelle Tätlichkeit, aber da sieht er die Studentin den Jungen umschlingen, er wankt weiter.

Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu

Was wird er den Verwandten im Kriegsgebiet schreiben? Liebe Leute, bestellt Osman von mir, dass ich ihm bei nächster Gelegenheit mindestens einen Schneidezahn ausschlage. Er soll nur noch dünne Grütze essen können. Fragt er nach dem Grund, so teilt ihm bitte folgendes mit: Er, Osman, hat mir erzählt, dass die Deutschen kalten Blutes sind. Er, Osman, hat mir empfohlen, mit der Umstellung und Anpassung schon vor der deutschen Grenze zu beginnen. Nun werde ich Zeuge eines blutsaugerischen Kusses, was sage ich, einer freiwilligen Selbstzerfleischung in aller Öffentlichkeit. Die Deutschen lieben wie die Barbaren, verglichen mit ihnen sind wir Knäbchen und Mädchen. Zurück zu Osman: Es nützt nichts, dass er aus Buße die Hinterbacken eines Maultiers küsst. Es macht auf mich keinen Eindruck, wenn er den mit Gewürznelken gespickten gebratenen Schädel eines Schakals aufisst. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich fehlgeleitet bin. Ich übe mit Hatidsche, meinem Eheweib, den Lippenfresserkuss. Wir küssen uns und wischen das Blut von den Lippen. Noch trauen wir uns nicht an die Öffentlichkeit…

Zug fährt durch den dichten Nebel. Durchsage: Außerplanmäßiger Halt in Pinneberg, auf unbestimmte Dauer, die Außentüren lassen sich öffnen, Sie können aussteigen… Ich steige aus, zünde eine Zigarette an, nehme einen Zug, werde wieder hinein gescheucht. Strecke frei, Weiterfahrt. Nachdenken über Deutschsein heute misslingt. Syrerfamilie steht im Gang an den Fenstern und staunt den deutschen Nebel an. Schönes Bild.

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6 Kommentare

  1.   Runkelstoss

    Bin ich eine Humanistenpfeife?

    Ich hoffe doch. Danke für den schönen Artikel.

  2.   Antoninus

    Un-erhört

    „Kirmesknallwilli“ – ja – Zaimoglus Stil ist aufregend. Er bewegt, wenn nicht Länder und geologische Bewegungen, so doch Emotionen (ob mit „blutsaugerischem Kuss‘ et ceteribus…) – und auch mit Wolken zum Sich-Beruhigen.
    Wahrnehmung als Blick und mit Schreiben und unmitttelbar operanter Intention sind un-erhört, bisher un-gesehen. Ja, kleine prosagemäße Balladen.

  3.   TomS.

    Kaum zu glauben: das ist der erste Text von Feridun Z., den ich verstehe. Die vorigen waren immer nur wirres Zeug, das über meinen (immerhin promovierten) Horizont ging.

  4.   ChacMool

    „bin ich eine Humanistenpfeife, weil sie mir sehr sympathisch sind?“

    Hat mit Humanismus nichts zu tun, das ist eher das Bild vom guten Ausländer und dem bösen Deutschen.
    Und in der Unterüberschrift steht mal wieder, was ich alles muss. Mal wieder ein neuer Vorschlag.

  5.   Hanuskript

    Also ich habe bislang noch keinem syrischen oder türkischen Pärchen bewusst beim küssen zugeschaut. Vielleicht macht mich die Beschreibung des Autors deshalb etwas ratlos? Wie küsst er denn seine Hatidsche? Küssen die beiden sich überhaupt? Oder vielleicht nur mit Küsschen à la chi chi? Dankenswerterweise fiel mir bei dieser Lektüre ein herrliches Bonmot aus meiner Jugendzeit ein: Eine der Bedienerinnen in der Kneipe neben unserer Kaserne war beschenkt und geschlagen von der Schöpfung zugleich. Beschenkt mit einer Figur, um die jede Göttin sie beneiden musste. Geschlagen mit einem Gesicht und Zahnwerk, dass frappierend an ein Muli erinnerte. Ich mochte sie, weil mich beides nicht störte. Unvergesslich aber ist ein Satz von ihr, mit dem sie (wohl eher ungewollt) ein komplettes Regiment an den Rand des Schocktodes (vor lachen) brachte: „Ihr seid doch alle gleich, fi….. wollen mich alle, aber knutschen will mich keiner!“ Vielleicht hätte Feridun sie mit (s)einem Kuss ja glücklich gemacht …

  6.   elblette

    Ja, es ist komisch, man erkennt Flüchtlinge sofort, ahnt, wo sie herkommen und warum, ein eigenartiges Gefühl, denn sie wissen ja rein gar nichts über mich.