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So hat eine gute Mutter nun mal zu sein

Frauen müssten dies. Frauen sollten das. Mütter sowieso. All unsere Feminismus-Debatten werden auf Nebenschauplätzen geführt. An der Sache selbst ändern sie nichts.

 © Sean Gallup/Getty Images
© Sean Gallup/Getty Images

Das Kind war krank. Es hatte eine dieser Kinderkrankheiten, die dem Kind in Form von großen roten Flecken und aufgeblasenen Backen jede Niedlichkeit, aber nicht die Energie nehmen, andere Mütter im Schwimmbad und auf Spielplätzen im Nu alarmieren und leider keine weiteren Begleiterscheinungen wie Fieber mit sich bringen, so dass auf Müdigkeit und Schlaf nicht zu hoffen war. Das Kind müsse eine Woche lang zuhause bleiben, sagte die Ärztin, das andere Kind blieb aus Solidarität ebenfalls da, beide wollten in den Bergtierpark oder an den See, weil „das macht nicht so viel, dass ich ansteckend bin“. Ich rief die Babysitterin an, noch bevor ich dem Kindergarten Bescheid gab. Ich wollte in jener Woche schreiben, einen Text über die Feminismus-Debatte zum Beispiel, über das Rollenverständnis von Frauen und Müttern in unserer Gesellschaft, also diesen Text, der natürlich einen anderen Einstieg gehabt hätte, nur: Das Kind war krank.

Als die Babysitterin klingelte, die ich ganz fest an mich drückte, von plötzlicher Wiedersehensfreude und Dankbarkeit ergriffen, sagte das Kind, das bis vor ein paar Sekunden noch in seiner Eigenschaft als Feuerwehrmann Wasser über das Parkett verteilt hatte, mit Krokodilstränen im rotgefleckten Gesicht: „Aber Mama, ich bin doch so krank. Da musst du doch bei mir bleiben. Das ist so bei Mamas.“ Um es kurz zu machen, ich verließ zehn Minuten später das Haus. Die Babysitterin war zu einer Feuerwehrsfrau befördert worden und hatte ein Eis versprochen. Alles war gut, nur der Satz war hängen geblieben: Das ist so. Mamas machen das. Mütter sind so. Frauen sind so.

Dabei ist das kindlich formulierte „ist so“ natürlich eine normative Anspruchshaltung, die man ständig und überall antrifft: Mütter haben zu sein. Frauen haben zu sein. Für ihre Kinder da zu sein. An diesen mehr hängend als an der Karriere. Und gleichzeitig: Hart im Nehmen, wenn sie es in den oberen Etagen mit den Männern aufnehmen wollen. Bereit, zu verzichten, wenn sie es schaffen wollen. Das Normative hat einen Beigeschmack: Die Unterstellung, dass Frau nicht genug ist, nicht genug kann. Wenn du arbeitest, bist du keine gute Mutter. Wenn du nicht bei deinen Kindern bist, wenn sie krank sind, bist du keine gute Mutter. Wenn du deinen Arbeitsplatz mal früher verlässt, um bei einem Schulfest dabei zu sein, dann gibst du nicht Vollgas bei der Arbeit. Wenn du Kinder hast, kannst du dich nicht voll einsatzbereit zeigen, wie ein Mann das tut. Wenn du dich heute für den Job und gegen Kinder entscheidest, dann kann sich das jederzeit wieder ändern, weil du eine Frau bist und ein Kinderwunsch bei einer Frau ganz natürlich. Wenn du eine Mutter bist, dann solltest du voller Emotionen sein, im Job hingegen ja nicht zu emotional. Ach so, und auch das ist ein Grund, warum beides sich nicht miteinander verbinden lässt.

Solange aber Vorstellungen und Ansprüche wie diese noch durch die Gesellschaft geistern, solange sie sich festsetzen und festgesetzt werden in den Köpfen von Kindern, solange es immer noch Unterschiede in der Entlohnung von Männern und Frauen gibt, solange in den Arabischen Emiraten mehr Frauen in Führungspositionen arbeiten als hierzulande, solange noch diskutiert werden muss, ob eine Frauenquote etwas an dem herrschenden System ändern kann oder schon in der Idee diskriminierend ist, so lange wird man den Feminismus noch brauchen. Man wird den Feminismus als Bewegung brauchen – also als einen konstruktiven Ansatz zur Verbesserung der Gesellschaft, als einen Weg zur Gleichberechtigung, nicht als ein gedankliches Konstrukt, das sich in der Theorie anfeinden lässt, indem man seine Akteure – Akteurinnen in dem Fall – persönlich angreift, indem man ihn immer noch in zwei Kategorien führt, die unüberwindbar sind, Männer und Frauen nämlich. Vielleicht sollten wir aufhören darüber zu diskutieren, wie der Feminismus aussieht – ob seine Vertreterinnen Achselhaare haben, ob Netzfeministinnen lustig sind oder angestrengt, ob Männer Teil davon sind. Sondern sprechen sollten wir endlich über die Forderungen, die er im besten Falle stellt.

Wir brauchen den Feminismus, nicht nur für eine Herstellung von Gerechtigkeit, sondern auch, um gesellschaftlichen Vorstellungen von dem Sein als Frau zu entkommen. Um Bewertungen zu entkommen. Um Ansprüchen zu entkommen, die nicht wir an uns – als Frauen wie als Menschen (und dass ich beides erwähnen muss, sagt bereits Einiges aus) – stellen, sondern andere. Um nicht in allem, was wir tun, an der Frage gemessen zu werden, ob wir Frauen sind oder nicht.

Als das Kind nicht mehr krank war und in den Kindergarten ging, bat mich die Kindergärtnerin, etwas für den Kindergarten einzukaufen. „Kann ich machen“, antwortete ich, „dauert aber ein paar Tage, weil ich die nächsten Tage beruflich unterwegs bin.“ „Macht nichts, ich finde schon eine gute Mutter, die nicht beruflich unterwegs ist und das erledigt“, antwortete die Kindergärtnerin. Im selben Moment fiel ihr auf, was sie da gesagt hatte, sie entschuldigte sich: „Soll natürlich nicht heißen, dass eine Mutter, die beruflich unterwegs ist, keine gute Mutter ist.“ Da hatte ich den Satz aber bereits gehört. Das Kind im Übrigen auch.

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52 Kommentare

  1.   matthias eberius

    Was im Freitext beschrieben wird stimmt alles. Aber: Alle Argumente die je nach Situation und aktueller Rolle (Mensch, Frau, Mutter, berufstätige Mutter, berufstätige Frau ohne Kinder etc.) genau diese in Frage stellen, genannt werden sind entweder aus der Gewohnheit leider gewachsene Unbedachtheiten („gute“ Mutter) oder reine Kampfargumente zur Herabstufung der Rolle und Wertschätzung der Frau an sich, die dem Gegenüber gerade nicht passt (warum auch immer). Deshalb sind es auch keine wirklichen Erwartungshaltungen, die erfüllbar wären. Feminismus muss deshalb an Gleichberechtigung aller Menschen auf allen Feldern arbeiten. Männern, die für ein Väter-Kinder Kindergartenzeltlager die Ernährung organisieren wollen, kann es übrigens ähnlich gehen. Die bekommen dann von der Kindergärtnerin zuerst einmal den schönen selbsterlebten Satz der Kindergärtnerin zu hören: „Lassen sie das mal mit der Organisation. Ich hänge dann morgen einen Zettel aus und da können sich dann alle Mütter eintragen“. Die Väter haben dann erfolgreich protestiert und nach dem Zeltlager hat man ihnen dann sogar geglaubt, dass sie am Lagerfeuer mit den Kindern Spaß haben und die Kinder beaufsichtigen können ohne sich zu besaufen! Wir müssen alle noch viel an der Gleichberechtigung arbeiten, aber Frauen haben es auf alle Fälle leider immer noch schwerer.

  2.   Quinoe

    „Solange aber Vorstellungen und Ansprüche wie diese noch durch die Gesellschaft kursieren,…“
    Dass Mütter für ihre Kinder da sind? Ja, schrecklicher Zwang, aber: hab einfach keine. „Bade mich, aber mach mich nicht naß“, geht halt nicht, haben alle kapiert, außer Feministinnen.

    „wenn sie es in den oberen Etagen mit den Männern aufnehmen wollen.“
    Deswegen ja Quotenmüll. Der ist ja nicht für die unteren Etagen. Sie scheinen irgendwie zu glaiuben, dass sie irgendwie ganz selbstverständlich in die oberen reingehören…Nein, da gehören die Individuen rein, die es ohne Quote packen.

    „solange es immer noch Unterschiede in der Entlohnung von Männern und Frauen gibt,“
    EIN Beispiel aus Deutschland, und nicht „meine Freundin hat mir erzählt…“-Nonsens..

    „…oder schon in der Idee diskriminierend ist, so lange wird man den Feminismus noch brauchen.“
    Er IST diskriminierend – gegen Männer. Und den Feminismus brauchen nur die, die sagen wollen: „Wir wissen wie falsch es ist, aber: Halt’s Maul!“

    „Da hatte ich den Satz aber bereits gehört. Das Kind im Übrigen auch. “
    Gut.

  3.   Daedalus

    Wie genau will denn dieser Feminismus ändern, dass ein krankes Kind ein besonderes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit seiner Eltern hat?

    Ich glaube, das ganze ist kein Mann/Frau Thema, hiet geht es eher um Prioritäten und unsere Arbeits- bzw. Arbeitergesellschaft.

  4.   Occam

    Sobald, wie im Artikel beschrieben, Frauen den Feminismus brauchen, um den Anforderungen ihrer Kinder zu entkommen, halte ich es eher für angemessen, mal zu überdenken, ob dieser Feminismus gebraucht wird.

  5.   Paul Freiburger

    Männer werden auch an Maßstäben gemessen, sie sollen erfolgreich sein, keine Versager bitte und Jammerlappen, entscheidungsfreudig, im Job ihren Mann stehen, selbstverständlich keine Angst vor starken Frauen haben, in der Familie Verantwortung übernehmen, bitte im Haushalt mithelfen und der Gattin bei der Emanzipation helfen.
    Etc. etc. etc.
    Vielleicht wird es seltener offen ausgesprochen, die Ansprüche sind trotzdem da.
    Ja, und es wird erwartet, dass man sich als Mann nicht darüber beklagt.

  6.   kuestenwache

    So viele richtige Gedanken. Natürlich ist es lästig und manchmal auch anstrengend die Erwartungen, die andere an einen stellen, zu erfüllen.

    Aber, Frau Gorelik, ob der Feminismus da tatsächlich eine Lösung darstellt? Formuliert der Feminismus nicht selbst eine ganze Reihe von Forderungen an andere, auch und vor allem an Frauen? Wird der Feminismus, die Anforderungen der Schule an Eltern beseitigen? Wohl kaum.

    Frauen und Männer sollten sich endlich emanzipieren. Und das Leben leben, das ihnen selbst vorschwebt. Mit und ohne Kinder (einem oder mehreren, eigenen oder angenommenen), mit und ohne Partner (einem oder mehreren), mit und ohne Arbeit und alles durcheinander. So, wie es zu ihnen passt.

    Der Feminiusmus ist wie alle -Ismen eine Ideologie, die vor allem deren Verbreitern nützt und die anderen vorschreiben will (und es auch tut), wie sie zu denken und zu leben haben.

  7.   Maik

    Als Vater beende ich meinen Arbeitstag in aller Regel um 16.30 Uhr, also direkt am Ende der Kernarbeitszeit, um anschließend zu meiner Frau und Tochter zu fahren. Mit dem Kind (2,5 Jahre) geht es dann zum Einkaufen oder auf einen Ausflug. Das ist nicht nur ein Vergnügen für mich (insbesondere nicht immer ein Vergnügen;), es ist auch lebensnotwendig für meine Frau, so dass sie etwas frei bestimmbare Zeit erhält.

    Bisher habe ich noch wenig Lob aus der Firma für dieses Vorgehen erhalten. 😉 Die fehlenden Überstunden haben mir sogar die angestrebte und zugesagte Fortbildung zum Steuerberater verbaut. Aus Sicht der Firma vermutlich sogar ein völlig logischer Vorgang. Wer will schon einen Abteilungsleiter implementieren, der als Vorbild dafür dient ein Leben neben der Arbeit zu haben?

    Sie sind also nicht allein damit, Frau Lena Gorelik, den Spagat zwischen Kind und Arbeit schaffen zu müssen. Sie sind nicht einmal allein mit den andere Frauen. Es gibt auch betroffene Männer. 🙂

  8.   Linus Larrabee

    Aus echtem Interesse, Frau Gorelik: Wenn Sie schreiben, der Feminismus werde weiterhin benötigt „als einen konstruktiven Ansatz zur Verbesserung der Gesellschaft, als einen Weg zur Gleichberechtigung“ – was müsste geändert sein, damit Sie sagen würden: „Gleichberechtigung ist erreicht“?
    Oder anders gefragt: Wie definieren Sie „Gleichberechtigung“?

  9.   P.S.Eudonym

    „Dabei ist das kindlich formulierte „ist so“ natürlich eine normative Anspruchshaltung, die ständig und überall trifft: Mütter haben zu sein. Frauen haben zu sein. Für ihre Kinder da. An diesen mehr hängend als an der Karriere. Und gleichzeitig: Hart im Nehmen, wenn sie es in den oberen Etagen mit den Männern aufnehmen wollen. Bereit, zu verzichten, wenn sie es schaffen wollen.“

    Womit impliziert wird, dass es Männern ganz anders geht.

    Männer haben sich nicht mit Erwartungs- und Anspruchshaltungen auseinanderzusetzen; voN Männern wird natürlich NIE (und schon gar nicht von den ach so emanzipierten Frauen http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-138379340.html ) erwartet, dass sie traditionelle Rollen ausfüllen, Männer müssen nicht hart im Nehmen sein und müssen nicht auf eine Work-Life-Balance oder Zeit mit der Familie verzichten, weil ihnen automatisch nach Abschluss des Studiums ein gutbezahlter Job mit 20 Stundenwoche spendiert wird, Männer müssen sich nicht in den oberen Etagen mit anderen Männern aufheben, weil das Boys Network sich gegenseitig leistunglos gute Posten zuschanzt und nur den armen Müttern, die viel lieber bei den Kindern wären, Steine in den Weg legt.

    Wie schön wäre es, wenn man als Mann in einer Parallelwelt leben würde, die so funktioniert, wie Feministinnen sich die reale Welt vorstellen.

  10.   rikpuk

    sehr guter Artikel, vielen Dank dafür:).