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„Country habe ich als Kunstform nie geschnallt“

© Sven Sindt
© Sven Sindt

Jochen Distelmeyer hat eine neue Platte aufgenommen: Songs from the Bottom – ein Coveralbum! Wie konnte das passieren? Darüber müssen wir mal reden.

Songs from the Bottom. Der Titel lässt Düsteres befürchten: abgestürzt. Auf Grund gelaufen. In den Brunnen gefallen. Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Aber nein, die neue Jochen Distelmeyer-Platte klingt luftig, licht, akustisch. Die Gitarre hat Raum zum Schwingen und Atmen, ein Piano tupft impressionistische Tonkleckse dazu, manchmal zwitschern sogar die Vögel. Auch der Sänger ist beim Treffen in Berlin blendender Stimmung. Ein fester Händedruck: „Jochen.“ Mein Gott, diese irre Physiognomie. Das große, offene Gesicht, das dennoch so wenig preisgibt. Der Blick zugleich heiter und latent bedrohlich, auf sanfte Weise stechend. Eine Sphinx. Ähnlich wie die Figur auf dem Plattencover, die den Betrachter offensiv aus gebleichten Zähnen anraucht.

Florian Werner: Blöde Frage: Wer ist das Covermodel? Man würde ja erwarten, dass wie bei Deinem ersten Solo-Album Heavy ein Foto von Dir vorne drauf ist. Stattdessen sieht man eine sehr androgyne Figur. Eine Frau, aber sehr breitschultrig. Auf den ersten Blick war ich nicht sicher, ob es nicht …

Jochen Distelmeyer: Ich kenne sie nicht. Als ich darüber nachgedacht habe, wie ich mich selbst fotografieren lassen könnte, bin ich zufällig auf das Bild gestoßen, und da dachte ich: Das ist es eigentlich! Man kann offen lassen, wer das ist.

Das passt. Zum einen, weil Distelmeyer sich auf Songs From The Bottom ein Dutzend fremder Rollen und Personae aneignet: Das Album versammelt Coverversionen unter anderem von Aztec Camera, Radiohead und The Verve. Zum anderen, weil die stärksten dieser Songs im Original von Frauen geschrieben oder interpretiert wurden: Just Like This Train von Joni Mitchell, Video Games von Lana del Rey sowie natürlich die erste Single des Albums, Toxic von Britney Spears. (Nachtrag und Spoiler: Bei der Dame auf dem Cover handelt sich um die amerikanische Sex-Kolumnistin Karley Sciortino.)

Florian Werner: Meine erste Assoziation, als ich das Album gehört habe, waren die American Recordings von Rick Rubin mit Johnny Cash. Zum anderen musste ich an eine Live-Aufnahme von Travis aus dem Jahr 1999 denken: Da interpretiert die Band ebenfalls einen Britney-Spears-Song, Hit Me Baby One More Time, aber das Interessante ist: Das ist alles sehr ironisch, tongue in cheek. Als sie anfangen zu singen, müssen sie erst mal selber lachen, dann johlt das Publikum.

Jochen Distelmeyer: Sowohl bei der Auswahl der Songs als auch bei der Art, wie ich sie spiele, kann ich nicht mit Ironie arbeiten. Wenn ich so etwas „from the bottom of irgendwas“ singe, dann ist das nicht ironisch gemeint. Bei Britney Spears war für mich interessant, dass eben zu dem Zeitpunkt, als sie tatsächlich rock bottom ging, als sie sich Haare abgeschnitten und das Sorgerecht verloren hat und ich weiß nicht was alles – genau da kam das Album mit den ersten drei Stücken von ihr raus, die ich wirklich gut fand: Toxic, Womanizer und Circus. Das Album war ihr größter Flop. Für mich hat eher ein Stück wie Beautiful Cosmos von Ivor Cutler selbst eine ironische Wendung: „Now and again we meet for tea / we’re two of a kind… This is our universe.“ Ich mag das. Cutlers Understatement und seine fast schon kleinkunsthafte Position haben mich an Hanns Dieter Hüsch erinnert, von dem es auch eine Coverversion auf einem Album von mir gab. Ich fand das einen sehr schönen Schlusspunkt.

Gemeint ist das ähnlich friedvoll-verschrobene Abendlied von Testament der Angst: „Alles tauscht sich im Leben wieder aus / Es sitzt schon der Abend auf unserem Haus.“ Wie Cutlers Beautiful Cosmos markiert es das Ende, die Coda der Platte.

Florian Werner: Der Song kann eigentlich nur am Schluss stehen. Er endet ja mit so einer merkwürdigen Vision von Versöhnung: Jeder hat seinen eigenen Kosmos: „You are the centre of your little world / and I am of mine…“

Jochen Distelmeyer: Jeder hat seine eigene Welt. Aber durch die Begegnung dieser Welten entsteht dieser gemeinsame, wundervolle Kosmos. „We have a beautiful cosmos…

Florian Werner: „… you and I!“ Da bin ich unschlüssig, wie diese Zeile eigentlich zu verstehen ist, heißt das: Wir haben zu zweit einen Kosmos? Oder heißt es: Ich habe einen Kosmos, und du hast einen anderen …

Jochen Distelmeyer: Nee, ich bin für die erste Version! In der Begegnung dieser beiden Gestirne ergibt sich ein gemeinsamer, schöner Kosmos.

Florian Werner: Bei Ivor Cutler bist du mit deiner Interpretation ja sehr nah am Original, sowohl vom Sound als auch vom Tempo her. Bei anderen Songs ist das radikal anders. Um noch einmal auf Britney Spears zurückzukommen: Da gibt es im Original erst mal diesen arabesken Streichereinsatz, dann diesen sehr elastischen Bass, den Beat natürlich, und nicht zuletzt die Persona von Britney …

Jochen Distelmeyer: …das toxische Subjekt!

Florian Werner: Das alles ist in deiner Version weg.

Jochen Distelmeyer: Ja? Okay, für mich ist das ein Blues-Song. Ich hab die Nummer gehört und hab gedacht: Oops, das muss ich jetzt leider geil finden. Ist nämlich geil! Ich hatte Toxic schon einmal, als ich gerade angefangen hatte den Roman zu schreiben, live gespielt – und da dachte ich: Krass, wenn ein Typ das singt, dann besingt er eine Sirene! Ich stehe zwar total drauf, aber es ist echt ganz schön gefährlich. Fand ich sweet.

Distelmeyer beginnt, im Vierertakt mit den Füßen auf den Boden zu stampfen, als schwinge er sich rhythmisch auf einen Blues ein. Überhaupt bräuchte man ein eigenes Gesten-Notationssystem, um Distelmeyers Körpersprache während des Gesprächs angemessen wiederzugeben: Mal schlägt er unvermittelt auf der Sitzfläche seines Sofas einen Trommelwirbel. Mal massiert er sich Slavoj-Žižek-artig mit beiden Händen das Gesicht. Mal lässt er sich entspannt zurückfallen, dann plötzlich rückt er wieder ganz nah heran, wenn ein Punkt ihm wichtig erscheint.

Jochen Distelmeyer: Ich habe dann anhand des Albums auch einen Punkt machen können in meiner Auseinandersetzung mit Blues und Country. Für Blues interessiere ich mich schon seit Ewigkeiten, aber Country habe ich als Kunstform nie geschnallt. Eigentlich erst in der Beschäftigung mit meinem Roman, mit dieser Frage von Irrfahrt und Heimkehr habe ich ein Verständnis für Country gewonnen. Blues- und Country-Songs handeln thematisch eigentlich von denselben Umständen: unglückliche Liebe, keine Kohle. Der Unterschied ist: Während der Blues-Sänger die Gemeinschaft verlässt und alleine singt, bleibt der Country-Sänger in der Gemeinde. Er tritt als Solist aus dem Chor heraus – bleibt aber Teil davon. Das markiert eine andere Erzählposition.

Florian Werner: Dieser Unterschied zwischen Blues und Country hat natürlich auch etwas damit zu tun, dass der Blues als genuin afroamerikanische Musik eher von den gesellschaftlichen Rändern her kommt. Während Country die weiße Gemeinschaft stützt und auch erhält …

Jochen Distelmeyer: Richtig! Und natürlich gibt es auch Country-Interpreten, die als Solitäre auftreten: Hank Williams, Willie Nelson und andere. Aber mich als Sänger, Autor und Song-Schreiber sprechen eben andere Traditionslinien an. Jemand wie John Lee Hooker, der als Analphabet an die tausend Songs geschrieben hat, sehe ich in einer erzählerischen, sängerischen Traditionslinie mit Homer und Hafis. Hafis war ja auch jemand, der nie selber etwas verschriftlicht hat. Orale Kultur als Beginn von Literatur. Das ist für mich so ein interessanter Strang, aus dem ich Blues- und Folk- Sänger oder Rapper verstehe.

Florian Werner: Ließe sich Songs from the Bottom denn als eine Art Liederzyklus verstehen? Ich war beim Hören immer versucht, da eine Kontinuität, eine übergreifende Erzählung hineinzulesen. Zunächst geht es ja erst einmal sehr viel um Einsamkeit, um Verlust, darum, wie man mit der Erinnerung an eine verflossene Liebe umgeht: Indem man wie Joni Mitchell in den Zug steigt und deutschen Wein trinkt (Just Like This Train), oder indem man sich wie Nick Lowe in die Literatur stürzt (I Read A Lot). Mit Pyramid Song von Radiohead ist dann der Tiefpunkt erreicht: Man geht ins Wasser. Man wartet, wohin der Fluss einen trägt. Aber danach geht es mit Al Green und Let’s Stay Together wieder zurück an die Wasseroberfläche. Man hört plötzlich Vögel zwitschern. Die Welt ist wieder klar.

Jochen Distelmeyer: Genau so! Wobei man sagen muss, dass es bei I Read a Lot für mich nicht bloß um Literatur geht! Da „liest“ jemand alles – nicht nur Texte – in seiner „world of fantasy“. Dass dann bei Let’s Stay Together so ein field recording-Element mit dazugekommen ist, fand ich einen sehr schönen Zufall.  Ich hatte immer den Eindruck, dass es bei der Idee von field recording um zweierlei geht: Einerseits um einen Orientierungsversuch, die Selbstverortung in der natürlichen Schöpfung, um ein Wiedereintreten in das Schöpfungsganze … Gleichzeitig stellt es aber auch einen Bannungsversuch dar: Es geht  darum, den möglichen Bedrohungen der natürlichen Umgebung etwas entgegenzusetzen. Weil ich es einfangen kann, habe ich die Macht über etwas, das sich sonst meiner Kontrolle entzieht.

Distelmeyer tiriliert plötzlich wie eine Amsel, rutscht mit der Stimme drei Oktaven nach unten und knurrt, und ahmt schließlich täuschend echt das Bellen eines Hundes nach – hier ist ein Tierstimmenimitator verlorengegangen! Wie überhaupt Songs From The Bottom zeigt, was für ein verdammt guter Sänger Distelmeyer ist. Elegant schwingt er sich vom satten, maskulinen bottom der Baritonlage in sirenenhafte Höhen. Und wenn man, wie ich, einmal begonnen hat, auf seine Vibrato-Dosierungen zu achten, kann man viele vergnügliche Stunden ausschließlich mit dem Anhören langgezogener Vokale zubringen. Anspieltipps: Der halb menschliche, halb animalische Sirenengesang auf Pyramid Song, der erst nach Sekunden des ruhigen Dahinfließens in ein kleines Beben mündet. Und die subtile Weise, wie der Sänger in dem Joni-Mitchell-Song das Wort „heart“ erzittern lässt.

Jochen Distelmeyer: Dass Just Like This Train am Anfang des Albums stehen würde, war schon klar. Es gab bestimmte Eckpunkte. Diese Geschichte von Abstieg und Wiederauftauchen ergab sich dann aber eher zufällig. Als die Reihenfolge stand, dachte ich: Ist ja irre! Ich habe mich für meinen Roman verstärkt mit schamanistischen Kulturen beschäftigt, und was eigentlich alle diese Kulturen bis hin zur Psychoanalyse vereint, ist, dass der zukünftige Medizinmann oder Schamane in ein Totenreich, den Hades, eine Unterwelt hinabsteigen muss und dort in Begegnungen mit Dämonen und Gespenstern seine skills erwirbt. Fähigkeiten, die ihn aufgrund seiner eigenen Erfahrungen auszeichnen. Wichtig ist dann immer der richtige Zeitpunkt des Wiederaufstiegs! Man darf nicht zu lange da unten bleiben, sondern muss rechtzeitig zurückkommen, um seinen Dienst für die Gemeinschaft, die Lebenden leisten zu können. Und diese Rückkehr wird in eigentlich fast allen Kulturen als Gang durch ein „Sonnentor“ imaginiert. Ich meine: Es ist nur eine Pop-Platte mit zwölf Liedern drauf – aber das schwingt natürlich mit. Dieser lange Gang: „I could be the one.

Interessant, wie Themen und Versatzstücke aus Otis immer wieder immer ihren Weg ins Gespräch finden – aber vermutlich kein Wunder, die Idee zu der Platte entstand auf Distelmeyers Lesereise. Der Monolog über das „Sonnentor“ ist im Roman allerdings einem durchgeknallten Experimentallyriker in den Mund gelegt, und daher vermutlich mit einem Körnchen Salz zu genießen: „Ja! Helios! Die Frage hier: Was ist die Sonne? Die Wahrheit. Ein flammendes Inferno. Vernichtung sprühender Gasball zwischen Werden und Vergehen.“ Unser Thema.

Florian Werner: Der versöhnlichste Song auf deiner Platte – abgesehen von Beautiful Cosmos – ist vermutlich der Pete-Seeger-Song Turn Turn Turn. Wo dem schmerzhaften Blick zurück ein zyklisches Zeitmodell entgegengesetzt wird: „A time to be born, a time to die / A time to plant, a time to reap…“ Alles kehrt wieder, so wie bei der mittelalterlichen Vorstellung vom Rad der Fortuna.

Jochen Distelmeyer: Ja: „For Everything There Is a Season.“ Ein tröstlicher Gedanke. Um das Schreckliche aushalten zu können. Dass es Zeiten des Friedens und des Krieges, der Liebe und des Hasses gibt. Und trotzdem sagt der Sänger am Ende: „A time for peace / I swear it is not to late“ – kann man natürlich als friedensbewegte Sentimentalität abtun. Ich sehe es aber eher als Aufforderung. Wenn man den Gedanken in seiner Aktualität annimmt.

Florian Werner: Der Text des Songs ist ja fast wörtlich aus der Bibel, aus dem Buch Kohelet übernommen. Aber diese Schlussbildung ist, glaube ich, der einzige Satz, den Seeger selbst geschrieben hat. Er sagt: Ich warte jetzt nicht darauf, dass sich das Rad dreht – ich nehme die Sache selbst in die Hand! Das ist ein sehr moderner Moment.

Jochen Distelmeyer: Ja! Er tritt aus dem vorgegebenen Text heraus und engagiert sich. Das ist für mich der springende Punkt bei der Sache. Um auf meinen Roman Otis zu sprechen zu kommen: Da identifiziert sich mein Held auch die ganze Zeit mit irgendwelchen mythischen Gestalten – aber am Ende tritt er aus dem Raum des Mythos heraus. Er verantwortet sich. Das ist für mich das Schöne an der Pete-Seeger-Nummer. Es gibt diesen biblischen Text, aber er ist nicht in Stein gemeißelt. Man kann auch darüber hinaus gehen. Und es anders machen.

Das Heraustreten aus dem Mythos bekommt dem Romanhelden, nebenbei bemerkt, nicht besonders gut: Er wird von Vertretern ebenjener bedrohlichen natürlichen Schöpfung, die Distelmeyer so trefflich nachzuahmen versteht, angefallen und zerfleischt. Man merkt: Unser Gespräch entwickelt sich mehr und mehr zu einer Irrfahrt in tiefere mythologische Schichten: vom Popsong über den Roman zum Ursprungstext der westlichen Literatur. Zur Quelle. Zum „Bottom of the Well“, wenn man so will.

Also doch.

Florian Werner: In der Odyssee, um die es in Otis ja ganz zentral geht, erscheint Gesang immer wieder als etwas sehr Gefährliches. Gegen Ende seiner Irrfahrt muss Odysseus sich ja sogar von seinen Männern am Mast seines Schiffes festbinden lassen, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, und träufelt seinen Männern Wachs in die Ohren …

Jochen Distelmeyer: Ich glaube trotzdem, dass die da an Land gegangen sind!

Florian Werner: Zu den Sirenen?

Jochen Distelmeyer: Ja, klar! Warum nicht?

Florian Werner: Und wie sind sie wieder weggekommen?

Jochen Distelmeyer: Keine Ahnung.

1 Kommentar

  1.   Hollow

    Frage: „Ließe sich Songs from the Bottom denn als eine Art Liederzyklus verstehen? Ich war beim Hören immer versucht, da eine Kontinuität, eine übergreifende Erzählung hineinzulesen. Zunächst geht es ja erst einmal sehr viel um Einsamkeit, um Verlust, darum, wie man mit der Erinnerung an eine verflossene Liebe umgeht: Indem man wie Joni Mitchell in den Zug steigt und deutschen Wein trinkt (Just Like This Train), oder indem man sich wie Nick Lowe in die Literatur stürzt (I Read A Lot). Mit Pyramid Song von Radiohead ist dann der Tiefpunkt erreicht: Man geht ins Wasser. Man wartet, wohin der Fluss einen trägt. Aber danach geht es mit Al Green und Let’s Stay Together wieder zurück an die Wasseroberfläche. Man hört plötzlich Vögel zwitschern. Die Welt ist wieder klar.
    Antwort: „Genau so“. —
    Ich kann nicht mehr. Ich halte deutsche, psychosomatische Adorno-Popkultur nicht aus.