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Feindschaft als letzte Freiheit

Recht hat, wer Erfolg hat. Gut ist, was laut ist. Die Werte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens werden gerade zerstört. Wir schauen seelenruhig zu.

Populismus: Feindschaft als letzte Freiheit
© Riccardo Botta//EyeEm

Seit geraumer Zeit befinden wir uns in einer Phase enormer Zuspitzungen. Überall und ständig verhärten sich die Fronten. Als wären wir in eine Beschleunigungsspirale geraten, wird der Ton beinahe täglich schärfer. Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Man will einander nicht mehr zuhören, geschweige denn aufeinander eingehen. Reizwörter reichen, um dem Gegner das Wort abzuschneiden, während Einigkeit herrscht unter Gleichgesinnten. Sie befeuern einander mit den technischen Hilfsmitteln sogenannter Schwarmintelligenz. Im Übrigen schafft man Fakten, der Rede vom postfaktischen Zeitalter zum Trotz. Wladimir Putins militärische Unterstützung Assads in Syrien oder Donald Trumps Einreiseverbot für Staatsbürger einer Reihe muslimisch geprägter Länder sind dafür Beispiele. Öffentlichkeit darf wieder missbraucht werden als Propagandamaschine. Autokratische Meinungskontrolle und Manipulation mittels Zensur und juristischer Willkür stehen erneut auf der Tagesordnung. Schien die Gleichschaltung von Macht und Medien mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts untergegangen oder zumindest in weiten Teilen eingedämmt zu sein, feiert sie heute auf dem internationalen Parkett der Politik fröhliche Urstände.

Als Schriftsteller und Essayist beschäftigt mich seit Langem die Frage nach den Ursachen für diese Entwicklung. Woher rührt die allgemeine Tendenz, bei der Bewältigung von Krisen zunehmend auf Konfrontation, Täuschung, Gewalt zu setzen? Offenkundig hat hier eine Verschiebung im zwischenmenschlichen Verhalten stattgefunden. Sie verstärkt auf der Ebene politischer Meinungsbildung die Anfälligkeit für Populismen. Das einzige Gegenmittel zum Populismus ist die analytisch-phänomenologische Betrachtungsweise. Sie bleibt als Deutungsversuch offen für erweiternde, vertiefende oder alternative Sichtweisen, ohne die zu beobachtenden Ungereimtheiten und Verwerfungen einer immer nur vermittelten und vorinterpretierten Realität auszublenden.

Schock- und Provokationspotenzial

Die mutwillige Zerstörung der kulturellen Grundlagen unseres Zusammenlebens durch Karrieristen und Profiteure der Macht und des Geldes stand bereits bei Karl Kraus im Zentrum der Kritik. 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, erläutert er in seinem Aufsatz In dieser großen Zeit die geistige Situation Wiens am zufälligen Nebeneinander von Plakaten auf einer Litfaßsäule. Dort klebt neben und über der Kriegserklärung des Kaisers Werbung für ein „Vergnügungs-Etablissement“ und für Gummiabsätze: „So müsste man auf die Welt kommen“ steht unter der Zeichnung eines Säuglings, der mit Gummiplatten an den Fersen geboren zu sein scheint. Kraus schreibt: „Menschheit ist Kundschaft“, und: „Die Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft hat ihr nur die Freiheit der Feindschaft gelassen.“

Die Verbindung einer marktschreierischen Öffentlichkeit mit skrupelloser Bereicherung und opportunistischer Demagogie ist auch heute wieder zu beobachten. Zu bekämpfen gilt ein eklatanter Wandel der Öffentlichkeit. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine – zunächst stellenweise, dann beschleunigte und flächendeckende – Veränderung der Umgangsformen vollzogen. Inzwischen wird sie als selbstverständlich hingenommen. Diese Veränderung ist aufs engste verknüpft mit der Durchsetzung einer Praxis des öffentlichen Auftretens. Seit Georg Francks in den späten neunziger Jahren erschienener Studie über den mentalen Kapitalismus nennt man sie „Ökonomie der Aufmerksamkeit“. Was vor zwanzig Jahren eine relativ neue soziokulturelle Entwicklung beschrieb, bedarf heute kaum noch der Erklärung. Wir haben die Kernbotschaft längst verinnerlicht: Gut, richtig und nicht zuletzt profitabel ist, was Erfolg hat. Und um erfolgreich zu sein, ist vor allem eins erforderlich: die Erzeugung von Rumor.

Den Anfang beim Umbau des öffentlichen Raums machten die Marketingstrategen mit ihren immer aggressiver werdenden Werbekampagnen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Moraldebatten über das Modelabel Benetton. Das Unternehmen machte in den achtziger Jahren Reklame mit riesigen Fotoplakaten von Kriegsschauplätzen oder Aidskranken. Zu Beginn der nuller Jahre löste der Saturn-Slogan „Geiz ist geil“ heftige Kontroversen aus. Die Entrüstung war groß, ökonomisch aber ging das Kalkül auf. Also setzte sich die Strategie durch und wurde so lange weiter verschärft, bis ihr Schock- und Provokationspotenzial erschöpft war. Mit der Zeit sprang sie jedoch auch auf die Unterhaltung, die Kulturindustrie, auf TV-Formate wie Talkshows, Polit- oder Satiremagazine über.

Amerikanische Porno-Schmonzette

Der Literaturbetrieb hat sich länger als andere kulturelle Bereiche gegen die Strategien des Rumors wehren können. Damit ist es mittlerweile vorbei. Auch die Ware Buch wird kaum noch anders wahrgenommen als in Kategorien der Verkäuflichkeit, die heute stets Kategorien des Spektakels sind. Der Einfluss der klassischen Bewertungsinstanzen für die Qualität von Literatur wie Verlagslektorate, Feuilletons, Kultursendungen im Radio und Fernsehen auf die Auflagenhöhe tendiert mehr und mehr gegen null. An ihre Stelle ist der Rumor unter den Buchkäufern getreten. Er wird flankiert von aufwändigen Reklamehypes, sofern Aussicht auf Verkaufserfolg besteht.

Es ist eben jener erwähnte Rumor, den die Marktstrategen des Buchgeschäfts ins Visier nehmen. Genauer gesagt, sie versuchen die Voraussetzungen zu erfüllen, die nötig sind, um ihn auszulösen. Großspurige Verlagsankündigungen begleiten die Veröffentlichungen. Auf den Buchrücken finden sich sogenannte Blurbs. Die Zitate sind immer öfter frei erfunden: „So großartig wie Der Name der Rose!“ ist da zu lesen, und in Klammern darunter zum Beispiel: Washington Post. Moralisch kontrovers besetzte Sujets erweisen sich generell als absatzfördernd. Je größer der Aufschrei, desto höher die Auflage. Ein triviales Machwerk wie Fifty Shades Of Grey, objektiv ein zur Schwarte aufgeblasenes Groschenheft, wird plötzlich als literarisches Ereignis gefeiert. Als Megaseller und Blockbuster-Vorlage ist es freilich nichts als eine Gelddruckmaschine. Auf nationaler Ebene und im kleineren Maßstab ließe sich derselbe Vorgang bei dem Roman Feuchtgebiete von Charlotte Roche beschreiben.

Das Erfolgsmodell von Fifty Shades Of Grey eignet sich bestens, auch die zunehmende Attraktivität von Populisten zu beschreiben. Seit sich das Rumor-Prinzip des aggressiven Marketings in der Politik durchgesetzt hat, wird das Terrain des Politischen immer weniger mit Argumenten, immer mehr jedoch durch das Auffinden und Instrumentalisieren von Erregungsherden abgesteckt. Die populistischen Akteure surfen auf Wellen der Zustimmung und der Empörung, die sich wechselseitig hochschaukeln. Beide Wellen sind es, die sie zur Macht tragen. Sind sie einmal dort angekommen, setzen sie Vorstellungen von politischem Handeln um, die der amerikanischen Porno-Schmonzette an Trivialität in nichts nachstehen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Sie schaffen nicht nur gewinnträchtige Hypes, sondern Wirklichkeiten. Das Pendant zur Trivialität auf der Ebene politischer Realität aber sind Willkür und Gewalt.

Feindschaft als letzte verbliebene Freiheit

Die Liste der Beispiele für diese neue Praxis der Antidiplomatie, des offensiven Drohens, Verfälschens und Attackierens ist lang. Sie reicht – in verschiedenen Abstufungen – von Putin über Erdoğan, Orbán, Kaczyński, Farage, Le Pen, Trump und so weiter bis in den Stil politischer Auseinandersetzungen hierzulande. Der verunglimpfende Ton gegenüber der griechischen Regierung während der Schuldenkrise wäre hier zu nennen oder die Debatten um die Flüchtlingspolitik. Sie haben wesentlich dazu beigetragen, aus einer Willkommens- eine Angstkultur zu machen. Die Liste ließe sich durch unzählige Scharmützel auf Nebenschauplätzen ergänzen. Wutbürger aller Art fühlen sich in ihrer vermeintlichen nationalen, religiösen oder sozialen Identität bedroht und machen ihrem Unmut mit verbalen und tatsächlichen Gewaltakten Luft. Rumor allerorten.

Das Prinzip selbst aber ist keineswegs neu. Es schien allerdings der Geschichte anzugehören. Pseudodemokratische, in Wahrheit demokratiefeindliche Gesten sind über Umwege in die Gesellschaften des 21. Jahrhunderts zurückgekehrt. Sie erklären kollektive Stimmungen zum Volkswillen. Soziale Medien wie Twitter spielen dieser Entwicklung zweifellos in die Hände. Die Formen sogenannter Schwarmintelligenz, in der sich kollektive Stimmungen heute vor allem manifestieren, sind jedoch ihrem Charakter nach identisch mit dem, was schon Elias Canetti in Masse und Macht für das Entstehen totalitärer Strukturen verantwortlich gemacht hat. Die Masse tritt an die Stelle des haltlos gewordenen Ichs und ersetzt es: „Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. Sie ist absolut und indiskutabel und wird von der Masse selbst nie infrage gestellt“, schreibt Canetti, „auf Unterschiede zwischen ihnen kommt es nicht an. Um dieser Gleichheit willen wird man zur Masse. Was immer davon ablenken könnte, wird übersehen.“ Dies macht begreiflich, warum auch die anonymen Absender kollektiv getragener, digitaler Botschaften des Hasses, der Wut und der Verachtung für jede andere als ihre blindwütigen „Meinung“ restlos unempfänglich sind.

Dieses uneinsichtige aggressive Beharren und Verteidigen mehr gefühlter als gedachter Positionen ist das große Problem unserer Rumor-Kultur. Vorgebildet und als Verhaltensmuster etabliert von der heute gängigen ökonomischen Praxis, ist sie im Begriff, Abschottung, Ausgrenzung und Entzweiung zur sozialen Norm zu erheben. Einen durchaus vergleichbaren Prozess umschreibt Karl Kraus, wenn er 1914 von der Feindschaft als letzter verbliebener Freiheit der Menschen unter dem Diktat der Wirtschaft spricht. Im selben Aufsatz findet sich auch die berühmte Sentenz: „Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, der trete vor und schweige!“ Auf jeden Fall ließe sich vom beredten Schweigen Karl Kraus‘ und seiner Zeitschrift Die Fackel eine Menge lernen, wie dem Rumor zeitgenössischer Öffentlichkeit zu begegnen wäre, ohne ihn weiter zu vergrößern. Den Krieg beenden allerdings – auch das muss leider gesagt werden – konnte sogar Die Fackel nicht.

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21 Kommentare

  1.   Christopherus

    Das kommt halt davon, wenn man dutzende Millionen Kulturfremde ins Land lässt.

    Auflösung der kohärenten Gemeinschaft, der Standards, usw.

  2.   mimuspolyglottos

    Ist Populismus am Ende nicht eine kollektive Angstreaktion infolge einer Auflösung von Identität und Realität? Die Auflösung der Realität ist doch aber älter als und kein Erzeugnis der gegenwärtigen populistischen Demagogie, sondern logische Folge einer nihilistischen Philosophie der Postmoderne , die der Westen sich selbst und anderen injiziert. Wenn sich unser Verständnis von Realität auflöst, erodieren natürlich auch die entsprechenden Wertefundamente und Normen des Miteinanders. Eine Reaktion darauf kann dann die „Feindschaft“ sein, was ja eigentlich nichts anderes ist, als der Versuch diesem dissoziativen Zustand mittels dem Urinstinkt der Aggression zu entkommen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Aggression gegen sich selbst richtet, wie wir bei einigen VertreterInnen der radikalen Linken betrachten können oder ob sich Aggression wie im Falle der radikalen Rechte gegen Andere richtet. Die Zerstörung ist unumgänglich.

  3.   dersiegende

    Selbst wenn man der Argumentation des Autors folgt wird die Rolle einer ziemlich abgehobenen Elite im medialen und politischen Umfeld völlig ausgeblendet.
    Denn das Volk wurde zur Masse gemacht. Die Debatte des Populismus zeigt das ganze ja, das Volk ist nicht die Gesamtheit der freien Bürger sondern ist das arme und tendenziell politisch unfähige Volk das man anleiten und einhegen muss in seiner politischen Machtentfaltung.
    Die Debatte um den Populismus geht implizit immer von der Verführbarkeit des Volkes und damit eben gerade nicht vom freien demokratischen Bürger aus.
    Meinungsführerschaft funktioniert aber nur wenn sie auch akzeptiert wird und das wird sie nicht mehr auch deswegen weil die Meinungsführer mit den Problemen des „kleinen“ Bürgers nichts mehr zu tun haben. Diese Abgehobenheit merkte man am Gerede von „Dunkeldeutschland“ und ähnlichem oder die „Deplorables“ Hilarys, das Beispiel der Literatur bringt das auch gut in Blick, die Leute machen sich selber ein Bild und lesen was sie wollen auch deswegen weil die „Meinungsführer“ nur noch um sich selber und ihre Probleme kreisen.
    Ich denke der Satz eines Freundes bringt es gut auf den Punkt „Der hat x Auszeichnungen gewonnen, der ist sicher nicht gut“, einfach weil die Auszeichnungen (auch je nach dem welche es sind) implizieren das der Film künstlerisch wertvoll ist, also im Regelfall für die Masse der Leute eh uninteressant ist.

  4.   Samuel Freitag

    „Wir schauen seelenruhig zu.“

    Kann ich nicht bestätigen. Die linksliberale Journalistik hat in ihrem Globalisierungsfimmel e i f r i g daran gearbeitet, die Werte dieser Gesellschaft zu zerstören. Er kämpfte verbissen für allgemeine Beliebigkeit mit postfaktischen Begründungen und Hauptsache Sex. Die ZEIT wurde den St.-Pauli-Nachrichten immer ähnlicher.

    Dabei boten diese Wolkenkuckucksheimer den Gesellschaftsentwurf des MultiKulti an (Beliebigkeit, anything goes: egal wo mann seinen Schwengel reinsteckt), der nun nach 20 Jahren zusammengebrochen ist. Deren letzter Gesellschaftsentwurf davor war der Sozialismus. Seit ca. 1870. Auch nicht sonderlich erfolgreich. Vor dem liefen die Menschen weg.

    Mal sehen, was sich die sog. Fortschrittlichen jetzt einfallen lassen. Unter Einbeziehung des intergalaktischen Zeitalters. 🙂

  5.   comcreatio

    Im Gegensatz zu Ihnen, lieber Herr Niemann befällt mich in Bezug auf die gesellschaftlichen Entwicklungen nur eine lähmende Ohnmacht und Sprachlosigkeit.

    Und nicht erst seit Gestern.

    Habe Ihren Artikel mit Interesse und Zustimmung gelesen.

  6.   gorgo

    Danke.

  7.   geubbgeubb

    War es je anders? Die Mächtigen sind immer die Lauten/ die Lauteren. Da ist nicht viel zerstört, weil es nie anders war. Es tritt jetzt nur unverhohlener denn je zu Tage, bzw. nervt auch die, die von solchen Leuten bislang nicht genervt wurden.

  8.   JeffCat

    Sehr richtig. So höhlen Linksradikale, Feministen und andere aktive Feinde des Zusammenlebens unsere Gesellschaft aus. Und dagegen sollte man mehr vorgehen.

  9.   Melena100

    Die Ursache warum es jetzt langsam knallt, ist doch ganz einfach. Immer mehr Menschen merken, daß sich eine Politikerkaste festgesetzt hat, die nur Märchen erzählt und Erziehungspropaganda verbreitet. Jede Lüge wird irgendwann entlarvt. Und dann dazu haben wir eine Regierung, die nur nach Gutdünken handelt und Journalisten, die das größtenteils unterstützen.

    Dummerweise gibt es das Internet, wo man sich unabhängig informieren kann. Tja, und das machen immer mehr Menschen und merken, wie sie vorgeführt wurden und werden.

  10.   Runkelstoss

    Ergaenzend moechte ich anfuegen, dass die ‚Diktatur der Wirtschaft‘ eine Gesellschaft der Angst erzeugt, der sich nur die wirklich Reich entziehen koennen.