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Geht’s noch beschissener?

Der FC Bayern suhlt sich in Selbstmitleid. Der Ungar ist schuld! Prima Ausrede auch für kommende Bundesliga-Miseren. Da kann man selbst als Fan die Krise bekommen.

FC Bayern München: Geht's noch beschissener?
© Oscar del Pozo/AFP/Getty Images

Logisch ist der Ungar schuld. Der Ungar, der schon gesamteuropäisch im Zwielicht der Zivilisation steht, weil das Land seinen Beitrag zur Integration von Kriegsflüchtlingen eher mit Vidal-mäßigen Grätschen leistet. Der Ungar hat das Spiel verpfiffen, sagte der Vorstandschef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, und der Subtext seiner Aussage leuchtete wie ein Flutlichtscheinwerfer in der iberischen Nacht: Beim nächsten entscheidenden Spiel wollen wir gefälligst einen Referee aus Katar, da wissen wir nämlich, dass alles mit rechten Dingen zugeht und wir auch noch Geschenke kriegen.

Beschissen, das alles, vermeldete der FC Bayern nach dem Viertelfinale gegen Real Madrid, so was von total beschissen, dass nicht einmal Präsident Uli Hoeneß Worte für die galaktischen Ungerechtigkeiten fand, die im Estadio Santiago Bernabéu die Münchner ins Nirwana der Champions League katapultierten. 2:4 verloren – unglaublich. Das hätte nie passieren dürfen. Und es wäre auch nie passiert, wäre der Ungar nicht gewesen, und nicht nur Viktor Kassai mit seiner Pfeife und seinen Karten, da waren auch noch vier weitere Ungarn am Spielfeldrand, die in Regelkunde offensichtlich keine Sekunde aufgepasst haben oder von Haus aus farbenblind sind. Muss man doch sehen, wenn einer im weißen Trikot vor einem im roten Trikot steht, den Ball kriegt und im Tor versenkt. So was heißt gewöhnlich Abseits.

Les auf Ungarisch. Sprich: lesch.

CR7 war lesch. Zweimal lesch.

Lewandowski war auch lesch, aber nur einmal. Hat auch kein Ungar bemerkt.

Und: Abseitstore zählen nicht.

Außer in Ungarn.

Das war dem Vorstandschef des FC Bayern bisher nicht klar. Wer könnte es ihm verübeln? Er fühle, bekannte Rummenigge all night long in Madrid, eine „wahnsinnige Wut“ in sich. Weil? „Weil wir beschissen worden sind.“ Und zwar nicht im übertragenen Sinn oder einfach so. Sondern: „Wir sind beschissen worden heute Abend, im wahrsten Sinn des Wortes.“ Ja, gut. Im wahrsten Sinn des Wortes. Schon heftig. Doch musste die Mannschaft deshalb gleich aus dem Turnier ausscheiden? Nur eine Frage, im wahrsten Sinn des Wortes.

Meiner Wahrnehmung nach hat der FC Bayern das Viertelfinale im Hinspiel daheim vergeigt, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes. Man verliert nicht 1:2 im eigenen Stadion, wenn man die erste Halbzeit fundamental dominiert und eigentlich mit 2:0 in die Pause gehen müsste. Wieso müsste? Weil unser Lieblingschilene möglicherweise etwas verwechselt hat. In der Aufregung dachte Vidal vielleicht, er müsse elf Meter drüber schießen, statt elf Meter Abstand nehmen, damit das Tor, falls er trifft, überhaupt zählt. Kann passieren. In der zweiten Hälfte wurde dann Martínez wegen Foulspiels vom Platz gestellt, allerdings nicht von einem Ungarn (ein Italiener war’s). Dann schoss ausgerechnet der portugiesische Ferenc Puskás der Madrilenen den Ausgleich und zu allem Übel auch noch den Siegtreffer. Cristiano Ronaldo, der Überirdische, setzte die Bayern auf den Hosenboden und im Rückspiel erst recht mit weiteren drei Toren. Der Typ schoss also fünf Tore in zwei Spielen gegen den FC Bayern. Kein Wunder, dass Rummenigge eine wahnsinnige Wut in sich wahrnahm, zumal, wie gesagt, fünf Landsmänner des unsterblichen Puskás‘ dermaßen beschissen an dem Match teilnahmen, dass es im wahrsten Sinn des Wortes zum Himmel stank.

Abgesehen davon, dass ein Fernsehzuschauer, der neunzig oder schlimmer noch hundertzwanzig Minuten lang auf Sky den grotesk abseitigen Kommentaren eines Wolff-Christoph Fuss ausgeliefert ist und eine immer wahnsinnigere Wut in sich aufsteigen fühlt, die im wahrsten Sinn des Wortes in der Vorstellung einer verbalen Blutgrätsche in der Sprecherkabine mündet – abgesehen davon, stellt sich demselben Zuschauer die Frage, was genau eigentlich Carlo Ancelotti beruflich so macht? Er, der Kaugummikauen mit offenem Mund endlich wieder salonfähig gemacht hat, nahm gediegene Spielerwechsel vor, ließ andererseits den von der 46. Minute an weiter munter foulenden, Gelb vorbelasteten Vidal auf dem Platz und musste wohl beim Hinspiel in der Halbzeitpause eine Ansprache gehalten haben, die im wahrsten Sinn des Wortes wirkungslos blieb oder von den Spielern irgendwie missverstanden wurde.

Egal, weil: Der Ungar war schuld. Sollte in Zukunft beim FC Bayern etwas schiefgehen – Niederlage gegen Hoffenheim, Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Heidenheim, Vizemeisterschaft –, kocht in Karl-Heinz Rummenigge garantiert wieder diese wahnsinnige ungarische Wut hoch, und es wird im wahrsten Sinn des Wortes ein großer Regen kommen und all die Fehler und Versäumnisse in die Isar spülen und weiter bis ins Schwarze Meer. Nein, der FC Bayern ist im Viertelfinale der Champions League nicht ausgeschieden, weil er zweimal verloren hat, sondern weil er von Leuten beschissen wurde, die das Wort „lesch“ aus ihrem Wortschatz verbannt und noch nicht mal einen Videobeweis zur Hand hatten.

Videobeweis? Den gibt’s doch noch gar nicht. Freilich! Im Halbfinale der Klub-WM im Dezember letzten Jahres zwischen der japanischen Mannschaft Kashima Antlers und Atlético Nacional aus Kolumbien nutzte der Schiedsrichter den von der Fifa am Spielfeldrand zu Testzwecken eingesetzten Bildschirm, um sich nach einem Foul im Strafraum Klarheit zu verschaffen. Nach einer halben Minute, in der er intensiv die Zeitlupeneinstellungen studierte, entschied er auf Elfmeter. Am Ende gewannen die Japaner mit 3:0.

Der Name des Referees: Viktor Kassai.

Womöglich läuft auch der Ungar seit dem Abend in Madrid mit einer brutalen Wut im Bauch durch die Gegend und weiß nicht, wohin damit. In seinen Augen ist irgendjemand in der Uefa schuld, der ihm diesmal den Videobeweis verweigerte. Doch Uefa und Fifa sind sakrosankt, den beiden Organisationen darf niemals ein Vorwurf gemacht werden. Vielleicht könnte sein Herzenspremier ein gutes Wort für ihn einlegen, immerhin ist Viktor Orbán Gründer der nationalen Fußballakademie (Puskás Akadémia) und unterhält die besten Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten wie Putin und Stoiber. Aber auch wir, die wir den Fußball lieben, dürfen Kassai in dieser schweren Zeit im wahrsten Sinn des Wortes nicht im Regen stehen lassen. Er hat getan, was er konnte, mehr war halt nicht drin, das gilt für ihn ebenso wie für Arturo Vidal oder Thomas Müller. In Zeiten europäischer Zerfaserung wollen wir, gerade in beschissenen Nächten, zusammenstehen und rufen: Wir schaffen das – Kassai die Prüfung mit dem „lesch“ und der FCB das Triple – im nächsten Jahr oder im übernächsten – und derweil nehmen wir uns ein Beispiel am großen Präsidenten Hoeneß, dem im Leben schon übelst mitgespielt wurde und der nach jener beschämenden Niederlage in Madrid als Einziger eine höchst ungewohnte Ruhe ausstrahlte. Man konnte fast meinen, der Ungar und seine Mitungarn gingen ihm am Arsch vorbei.

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19 Kommentare

  1.   guckstduauch

    ziemlich blöder Freitext, ist schon verständlich, das Aussagen wie von KHR nach dem Spiel so ausfallen 1
    Schiedsrichter war nicht so überzeugend

  2.   E.Wald

    Ja, stimmt, in Selbstmitleid suhlen oder Fehlentscheidungen als solche benennen, das dürfen die anderen, aber doch nicht die Bayern.

    Man darf noch nicht mal sachlich feststellen, dass die Bayern in dieser Saison national mehr als genug und deutlich überdurchschnittlich Fehlentscheidungen gegen sich bekommen (siehe http://www.wahretabelle.de/statistik/fehlentscheidungen).
    Man darf sich auch nicht beschweren, in einem wichtigen internationalen Spiel gegen eine Weltklassemannschaft gravierende Nachteile durch falsche Entscheidungen erlitten zu haben. Wenn man dazu objektive Einschätzungen will, muss man schon die ausländische Presse lesen: http://www.spiegel.de/sport/fussball/champions-league-aus-fuer-bayern-muenchen-pressestimmen-historischer-raub-a-1143874.html

    Das Benennen von Fehlentscheidungen bedeutet ja nicht, dass die letze halbe Stunde im Hinspiel besser gewesen sei, als sie war (ja, sie war schlecht und das weiß auch bei Bayern jeder). Oder dass die Bayern automatisch weitergekommen wären, ohne Fehlentscheidungen.

    Aber warum eigentlich darf der FC Bayern nicht auch mal sagen, dass 3 größere Fehlentscheidungen ein Spiel negativ beeinflussen können? Weil es nicht ins repetierte Weltbild der ewig bevorzugten Bayern passt, so unsinnig dieses auch sein mag?

  3.   DeLetzebuerger

    HERR..lich
    eine agressionsfreie Beschreibung der Tatsachen
    die ein jeder weiß , aber Niemand sich eingestehen möchte.
    Versuchsweise sollte es auch mal gelingen kleinere Semmeln zu backen!

  4.   RocknRoland

    So sehr das Verhalten der Bayern polarisieren mag (oh, ganz was Neues), ist diese Art des Bayern-Bashings Populismus! Man kann’s auch einfach mal ignorieren (siehe Hoeneß in Ihrem Artikel), zumal Fussball auch Emotionalität ist. Aber der Beifall jener, deren Selbstbildnis von den arroganten Bayern geprägt ist, war Ihnen wohl wichtiger.

  5.   JameZ Bond

    Streng genommen hätte Vidal schon in det 50. Minutr Rot sehen müssen – und alles hätte sich anders zugetragen, Bayern hätte wahrscheinlich nicht mehr so gut mitspielen können

  6.   Matt_Worst

    – ein weiter sehr mäßiger Artikel zum Thema Fußball

    Werter Autor, wo ist Ihr Problem ?

    Alles normal, Cl Viertel Finale mit Top Mannschaften, Schiri verpfeifft ein Spiel, hinterher ist der Verlierer sauer und weint ein bißchen; Sportpresse berichtet.
    Mehr ist es nicht. – Fußball

  7.   lordofaiur

    Verstehe ich nicht.

  8.   norbertZ

    Klasse Kommentar.

    Nicht erst seit der Inauguration Trumps habe ich den Eindruck, dass „blimey winy“ zum neuen bestimmenden Lebensgefühl unserer Zeit wird.

    Den Fehler bei sich suchen? „But her emails!“ Bzw. in diesem Fall: Der Ungar. Auch sehr beliebt: Der Ami. Und dies nicht nur im Kommentarbereich dieses Online-Auftritts.

    Ancelotti scheint in seiner Jobdescription anscheinend überlesen zu haben, dass er bei Bedarf auch die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft ändern kann. Und damit ist nicht ein Wechsel der Geschmacksrichtung seines Kaugummis im Anschluss an die Halbzeitpause gemeint.

    Aus dem schönen Hessenland
    norbertZ

  9.   Soundofsilence

    Danke für diesen herrlich satirischen Text, der die Stimmungslage nur zu treffendst parodisiert.
    Dieses harte Aufkommen, pötzlich von ganz oben, auf dem Hosenboden der erträumten TRIPLE-Lederhose zu landen,
    ist natürlich recht „beschi**en. Da hat „Uhrenkalle ja völlig recht. Wenn der grosse FCB auf so eine Art ausscheiden muss, das tut dann ja richtig weh. Bloss sollte man erstmals selber die Fussballregeln auf dem Platz einhalten, bevor man alles dem Schiedsrichter zuschiebt.
    Und dann auch noch auf so eine „beschi**ne Art, in eine Livekamera, uijehh. Muy picante Kalle, ganz großes Kino der Wut. Das Finale hat man aber eben leider durch eigen naives Unvermögen ( = dümmliche Fouls)verloren. „Souveränität, von der die Münchner in Eigenliebe so gerne schwärmen, sieht leider anders aus. Weit samma kumma, weit hommas brocht…in Bayern hängen die Fahnen auf Halbmast

  10.   Watzinger

    Hat das jemand einen Verfolgungswahn?