‹ Alle Einträge

Einmal quer durchs Leben

Im Zug kann man über die große Liebe stolpern. Unsere Autorin traf stattdessen eine 92-jährige Dame. Das Protokoll einer nicht ganz alltäglichen Begegnung.

© Ales Krivec/Unsplash

Wenn ich es einrichten kann, unternehme ich die etwa 60-minütige Zugfahrt von Bamberg nach Nürnberg, um dort am Abend noch eine Ausstellungseröffnung oder ähnlich Dienstbezogenes „mitzunehmen“. Diesmal entschied ich mich aus Dekadenz und Eigenliebe für den ICE auf der kurzen Strecke, was im Wesentlichen bedeutet: 40 Minuten Fahrtzeit, 1. Klasse, Steckdose, Wifi, Knöpfe im Ohr, Beschallung, Beschleunigung. Easy. An diesem Abend bin ich zum Gespräch aufgelegt, habe die Kopfhörer vergessen. Alles kann passieren, ich bin seltsam hoch gestimmt, stelle mir vor, das sei so ein Abend, von dem man später den drei angenommenen oder gar adoptierten Kindern erzählt: An genau diesem Abend traf ich euren Vater! Tatsächlich traf ich dort, direkt an der Spitze des Zuges, auf diesen Plätzen in diesem kleinen Abteil, das direkt hinter der nebligen Scheibe des Schnellzugcockpits liegt: Inge Schmitt.

Im Folgenden gebe ich von unserem Gespräch wieder, was mir im Gedächtnis geblieben ist. Frau Schmitt: erste Zeile(n), ich: zweite Zeile(n).

 

Hallo! Ich kenne Sie! Ich kenne Ihr Gesicht! Sind Sie im Fernsehen?

Hahaha, das fängt ja hier gut an. Guten Abend. Ja, ich bin im Fernsehen. Manchmal.

 

Dann kenne ich Sie! Ich kenne Sie! Wusste ich es doch, dass ich Sie kenne! Was tun Sie?

Ich moderiere manchmal und werde manchmal im Fernsehen was gefragt.

 

Na, sehen Sie! Ich liebe Fernsehen! Ich habe Autogramme gesammelt! Immer!

Aha?

 

Bis mir dann meine Autogrammbücher – ich hatte richtige Bücher voll mit Autogrammen! – Marika Rökk! Ich habe noch eines von Marika Rökk! Ich bin immer ins Kino gegangen!

Och, das ist ja schön.

 

Bis ich 1945 meine Heimat verlassen musste. Ich hatte so viele, dicke Autogrammbücher.

Oh, Ihre Heimat?

 

Ja, ich bin in Katowice geboren. Katowice sagen sie heute.

Äh, das ist nicht Czernowitz, nein? Oder doch?

 

Nein, nein, DAS ist da ja in Russland! Ich bin in Polen geboren. In Katowice.

Wie meine Mutter! Sie ist in Krakau geboren. Murmel: Czernowitz ist in der Ukraine.

 

Krakau, ja, da war ich viele Male. Das war eine wunderschöne Stadt.

Das IST eine wunderschöne Stadt. Ich war just vor einer kleinen Weile da.

 

Ich müsste lügen, wenn ich sagen müsste, wann ich das letzte Mal da war.

Nein, nein, besser nicht lügen! Haha.

 

Also wie heißen Sie denn?

Nora Gomringer.

 

Gormiger. Grummiger. Grummel. Gerstner, Gerstner! Sie moderieren Mona Lisa, die Hausfrauensendung!

Nein. Ohje. Nein, nein. Gom-ringer. G-o-m und Ringer wie Boxer. Sagt meine Mutter immer so.

 

Was?

Meine Mutter sagt das immer so: G-o-m und Ringer wie Boxer.

 

Gom-ringer. Also nicht Gerster?

Nein. Außerdem interessant, dass sie „Hausfrauensendung“ sagen. Das ist doch eine Sendung für alle Frauen. Und Männer. Mögen Sie keine Hausfrauen?

 

Na ja. Ich mag nicht Kochen.

Müssen Sie das denn oft?

 

Nein. Ich mache nichts mehr, was mich nervt.

Das ist gut. Das ist Freiheit!

 

Kann ich Ihr Autogramm haben? Ich MUSS Ihr Autogramm haben.

Äh, wenn Sie möchten. Klar.

 

Ich suche – kramt – nach einem Stift.

Warten Sie. Ich hab Stift und Postkarte.

 

Postkarte! Sie haben sogar Autogrammpostkarten! Ich wusste es gleich.

Nein, ist eher so eine Promokarte für mein Buch.

 

Ihr Buch!

Ja, Gedichte.

 

Ich liebe Gedichte. Sie haben was von Marika Rökk.

Oh, das gefällt mir. Während ich meinen Namen auf die Karte krakle, frage ich:

Haben Sie auch ein Autogramm von Theo Lingen?

 

Ja! Natürlich! Von Theo Lingen, Hans Moser, Schneider, Magda, Romy. Und … Grummel

Oh wie schön. Ich liebe Magda Schneider. Und Romy.

 

Ach, so viele Unterschriften! Danke für Ihre Karte. Ist ja toll!

Gerne. Das macht mich ganz verlegen. Wie lustig.

 

Ich bin Inge Schmitt. Das sagt Ihnen nichts. Mein Name sagt Ihnen nichts. Aber so heiße ich: Inge Schmitt. Ich bin niemand, aber ich bin auch wer. Ich habe keine Angst.

Guten Abend, Frau Schmitt. Das kann doch keiner bezweifeln, dass Sie wer sind.

 

Ich bin 92 Jahre alt! Und habe keine Angst!

Wow. Wie mein Vater, der ist auch in Ihrem Alter. Ist ein guter Jahrgang!

 

Jaha! Ach, Sie haben einen Vater in meinem Alter?

Ja.

 

Manchmal vergesse ich Sachen. Mein Gedächtnis verlässt mich dann, lässt mich im Stich …

Och, wir haben uns bisher doch sehr nett unterhalten.

 

Ja. Ich koche nicht gerne. Ich habe Polyneuropathie. Kein Gefühl in den Händen.

Oh. Ich kenne jemand, der das auch hat. Der ist aber DJ. Das ist schlimm. Ich hab Angst um den.

 

Ich kriege jede Woche eine Spritze, dann geht es. Aber eben kein Gefühl mehr.

Und dann haben Sie keine Schmerzen?

 

Nein. Die haben aufgehört. Auch in den Füßen. Weg.

Hm.

 

Ich hatte zwei Schlaganfälle!

Wow. Sie sind ja aber total fit. Da hat man sich gut um Sie gekümmert.

 

Ja. Und schnell. Das ist ja wichtig. Ich kann alles wieder alleine. Den Fernseher an, aus.

Ich bewundere das. Toll, dass Sie dann auch reisen.

 

Ja. Und Gerne! Sieht raus. Ich wollte ja eigentlich was sehen!

So von der Welt, meinen Sie?

 

Nein. Von Erlangen bis Nürnberg.

Ach so. Hahaha, ich so ganz nostalgisch.

 

Dann haben sie hier so Zäune, sieht man gar nichts. Starrt hinaus.

Na ja, die sind für den Lärmschutz.

 

Lärmschutz!? Ist doch ganz still.

Ja, HIER drin schon. Aber der ICE …

 

Ich hab mir nicht viel aus Männern gemacht.

So? Wie kommt denn das Thema …?

 

Na, Sie sehen so aus, als würden Sie heute ausgehen.

Äh, ja. Ich sehe mir eine Ausstellung an. In Nürnberg. Und treffe vielleicht einen Freund.

 

Ich fahre schon seit Berlin im Zug.

Lange Zeit.

 

Ihr Vater ist auch 92?

Ja. Frau Schmitt, schätzen Sie mal, wie alt ich bin.

 

Mustert mich und sagt dann: 36.

Wow! Right on! Ich bin 37. Ist ja toll.

 

Ja, Sie sind jung. Und ich habe Modezeichnen gemacht. Nie genäht, außer Puppenkleider.

Ah, Sie können sehr gut beobachten.

 

Ja, Ihre Silhouette. Ich hätte Ihnen was Schönes gezeichnet. Sie können viel anziehen.

Oh, das ist aber nett, dass Sie das sagen. Ich bin ja eher eine mit vollerer Figur.

 

Ja, das ist gut für die Stoffindustrie.

Hahah, ja, glaub ich auch.

 

Meine Mutter – die haben mich damals weggeschickt. Ich wurde verschickt und in einem Heim musste ich Puppenkleider nähen.

Das klingt wie Oliver Twist.

 

Was? Ich musste Kleider für Puppen nähen, weil meine Mutter mir das gezeigt hatte.

Im Krieg.

 

Ja. Verschickt. Und die liebten meine Puppenkleider in dem Heim.

Das kann ich mir vorstellen.

 

Meine Mutter war eine tolle Schneiderin. Meine Mutter ist schon so lange tot.

Murmel: Das tut mir leid.

 

Ich habe erlebt, wie ganz viele Firmen, die heute Fabriken hinstellen, anfingen mit einem Tisch auf dem Jahrmarkt. Knoblauch eingelegt, Meerrettich.

Ach, Sie meinen die ganzen Firmen hier so.

 

Ja. Ich war ein ganz kleines Mädle. Männer haben mich nie interessiert. Ich hab mich eher auf die Arbeit konzentriert. Und auf mich.

Das versuche ich irgendwie auch.

 

Ach, Sie sind jung!

Hm. Das fühlt sich manchmal gar nicht so an.

 

Ja, für Kinder sind Sie zu alt. Aber so für sich. Da sind Sie doch gerade mal in Ihre Haut gewachsen.

Das ist gut! Ja. Und es stimmt. Endlich friedlich mit sich. Also ich mit mir. Das bin ich.

 

Ja. Das hätte ich zeichnen können. Jetzt geht das nicht mehr. Polyneuropathie.

Aber Sie können noch so viel. Ist toll. Beeindruckt mich sehr.

 

Jaha! Ich komme herum. War schon viermal in diesem Jahr in Berlin.

Was ist in Berlin?

 

Familie! Ich reise und gebe all mein Geld aus. Macht ja keinen Sinn. Nix hohe Kante, keine Zinsen!

Ja, stimmt. Find ich toll, dass Sie dann so 1. Klasse fahren und es sich gut gehen lassen.

 

Ja. Und ich fahr auch immer ganz vorne beim Lokführer. Woanders kann man ja gar nicht sitzen. Sie macht die lustigste verschwörerische Hähä-Grimasse, die je gesehen habe.

Hihi, sicher haben Sie recht.

 

Wir müssten doch gleich in Nürnberg sein? Die Ansage nuschelt so.

Ja, gleich sind wir da. Soll ich was helfen? Raustragen? Den Rollator?

 

Nein. Ich habe Polyneuropathie. Es kommt eine Hilfe an den Bahnsteig.

Junge Bahnbegleiterin kommt mit einer Schale Gummibärchen und bietet uns welche an. Frau Schmitt nimmt eine Packung.

Das ist gut.

 

Ha! Lachgummi! Hat man was zu lachen. Mit 92. Ich bin 92. Nur manchmal vergesse ich …

Vielleicht ziehen Sie schon mal Ihre Jacke an …

 

Lachgummi, Lachgummi. Haha. Da sind so Gesichter. Was es gibt. Ich habe alles schon erlebt.

Wir sind da. Soll ich helfen?

 

Ja. Die Bahnbegleitern schnappt alle Taschen und stützt Frau Schmitts Arm. Die Hilfe steht schon vor der Tür am Bahnsteig. Ich heb den Rollator raus. Frau Schmitt flötet: Danke!

Ich umfasse ihr Handgelenk zum Abschied und sage: Frau Schmitt, das war schön, Sie zu treffen heute Abend. Danke für das Gespräch!

 

Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Ich sitze immer an der Spitze des Zuges, wenn ich von Berlin nach Nürnberg reise.

Gut, das merk ich mir. Man sieht sich ja immer zweimal im Leben. Ich halte Ausschau nach Ihnen, Frau Schmitt! Kommen Sie gut heim.

 

Das Gespräch ließ mich dankbar und von Herzen froh zur typisch verlegen-stiffen Ausstellungseröffnung gehen. Ich grinste den ganzen Weg durch den Bahnhof zu den Taxen. Eine 92-jährige, so lebendige Reisende, die „alles schon erlebt“ hatte. Ich erinnerte mich an den Satz von Dietrich Bonhoeffer: „Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen, und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung für den anderen Menschen auferlegt.“

Und Frau Schmitt und ich hatten kein Gespräch über Weltbewegendes geteilt und doch Liebe, Verlust, Sehnsucht, Heimat, Erinnerung, Jugend und auch indirekt den Tod angesprochen. Ein Gespräch anno 2017 in Deutschland, zwei Frauen, 55 Jahre Altersunterschied, kein Interview, einfach nur lose Enden, manchmal Übereinstimmungen, Ton- und Themenvorgabe durch die Furchtlose, die Ältere. Doch will es mir scheinen: Same struggle, same gain.

________________

Sie möchten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. Hier können Sie ihn abonnieren.

 

7 Kommentare

  1.   BloggerMagga

    Schön!

  2.   Ansas

    Danke auch.

  3.   wbuehler

    Oh, ja, das ist hübsch. So etwas hätte vielleicht Thomas Mann geschrieben, wenn er heute lebte. ZauberbergICE.

  4.   Yogaschneck

    Ein ganz wunderbarer Text, eine tolle Begegnung. Das passiert einem nur im Zug, nicht im Flugzeug, Bus oder der Straßenbahn. Man trifft besondere Menschen, vorausgesetzt man ist aufmerksam und lässt sich auf die Person ein. Bestimmt war die nette alte Dame genauso beschwingt nach der Zugfahrt.

  5.   tokio2013

    Eine schöne Begegnung, ein schöner, warmer Text voller Menschlichkeit. Danke!

  6.   Denkerman

    Mag ich

  7.   Charlotte van H.

    Ja, es sind die kurzen Begegnungen, die einen großen Teil unserer Erfahrungen bilden. Es gefällt mir, dass Sie mir die Gelegenheit geben, ihrer ICE-Begegnung beizuwohnen, als sei ich wieder einmal die unsichtbare Zuhörerin im Zug.

    Ganz gleich was einem Anderen widerfährt, sei es Schmerz oder Freude, so ist meine Vorstellung immer daran gebunden, dass ich sie mir einverleibe … und sie somit nachempfinde. Wir können nur über uns selber den Anderen erfahren. Sind wir von uns selber abgetrennt, so sind wir auch nicht in der Lage etwas vom Anderen zu fühlen. Mitzufühlen.