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Lächelt die Kinder doch wenigstens an!

Israel hat eine sehr viel höhere Geburtenrate als Deutschland. Kein Wunder. Dort sind Kinder Teil der Gesellschaft. In Deutschland stören sie. Wie kann das angehen?

Lächelt die Kinder doch wenigstens an!
Gabby Orcutt/unsplash.com/photos/9mzGpUpqUpw

Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren Mutter. In Deutschland und in Israel. Wir pendeln monatlich zwischen Berlin und Tel Aviv. Und immer, wenn wir zurück aus Tel Aviv kommen, sagt Ettas Tagesmutter: „Etta ist ja so gut drauf!“ Sie hat recht damit. Und die Antwort, warum Etta so wahnsinnig gut drauf ist, wenn wir aus Tel Aviv zurückkommen, ist einfach: Sie tankt Beziehung in Israel. So jedenfalls nenne ich das, was rund 4.000 Kilometer entfernt von Deutschland passiert.

Sobald wir das Flugzeug von El Al, der israelischen Fluglinie, besteigen, begrüßt man sie freundlich. Nein, nein. Nicht nur die Stewardessen. Alle. Wir laufen den Gang zu unserem Sitzplatz runter, und wirklich jeder, der Passagiere, jedenfalls alle, die Israelis sind, gucken ihr ins Gesicht, lächeln sie an und schreien hysterisch „Chamuda!“ Chamuda heißt „Süße“. Man fragt sie, wie es ihr geht, und mich, wie alt sie ist und wie sie heißt. Sobald der Flieger in der Luft ist und die Anschnallzeichen leuchten und uns darüber informieren, dass wir die Gurte ablegen dürfen, muss ich mich um Etta nicht mehr kümmern. Sie wird beschäftigt. Die israelische Stewardess nimmt sie auf den Arm und bedient gleichzeitig die Passagiere oder zeigt ihr das Cockpit. Die Studentin drei Sitze vor uns liest ihr aus einem Buch vor. Die ältere Dame fünf Reihen hinter uns erzählt ihr, während Etta auf ihrem Schoss sitzt, von ihrer Kindheit im sozialistischen Israel. Die Schüler, die einen Ausflug in die KZs Deutschlands gemacht haben und nun wieder ins Gelobte Land zurückfliegen, machen Selfies mit ihr. Und ich? Ich kann in Ruhe essen und lesen und aus dem Fenster schauen. Keiner ruft mir zu „Kümmern Sie sich mal um ihr Kind, das läuft den Gang hoch und runter und belästigt die anderen Passagiere!“ Beim Ausstieg verabschieden sich wieder alle bei Etta, geben ihr die Hand und Küsse auf die Wange.

Und was im Flieger beginnt, geht in Tel Aviv einfach so weiter. Ob wir nun einfach durch die Stadt spazieren und Passanten, die uns entgegenkommen, auf sie mit fröhlichem Winken oder begeistertem Lächeln reagieren oder ob wir in Cafés und Restaurants sitzen. Ich bin nicht allein mit Etta. Ich werde nicht allein gelassen. Weder wenn ich in Ruhe etwas essen will und die Kellnerin Etta schnappt und ihr erst mal Küche und Lagerraum zeigt, sodass ich ungestört und konzentriert in mein Croissant beißen kann, noch wenn Etta umherläuft und mich nicht mehr findet. Das Restaurant passt auf sie auf. Gäste nehmen sie auf ihren Schoss oder an die Hand und bringen sie nach erfolgreichem Mäandern zurück an unseren Tisch. Und wenn diese Gäste das machen, dann reagieren sie nicht genervt oder geschockt darüber, dass ich mein Kind rumrennen lasse, nein, sie erklären mir, wie süß Etta ist, und kommen mit mir ins Gespräch. Wenn wir in Tel Aviv sind, dann lächelt Etta mehr, sie plappert mehr, sie rennt frei herum und setzt sich bei Personen, die sie sich auswählt hat, einfach auf den Schoss. Und da bleibt sie dann sitzen und lauscht den Gesprächen, die geführt werden.

Dunkeldeutschland

Zurück in Deutschland grinst sie jeden an, der ihr auf dem Gehweg begegnet, und wartet darauf, dass man sie, so wie sie es aus Tel Aviv kennt, begrüßt. Aber niemand reagiert auf sie. Niemand reagiert, wenn sie zu den Passanten läuft, vor ihnen stehen bleibt und winkt. Die deutschen Passanten gehen einfach weiter. Ohne eine Reaktion, ohne einen Blick. Im Kindercafé im Prenzlauer Berg lasse ich Etta genauso herumlaufen wie in Tel Aviv, aber keine der herumsitzenden Mütter, die es schließlich besser wissen müssten, interagiert mit ihr. Keine schaut sie an, keine spricht sie an, keine nimmt sie auf den Schoß und drückt ihr ein Stück Waffel in die Hand, wenn sie darum bittet. Der starre beziehungslose Blick verschwindet nur dann, wenn es um das eigene Kind geht. Und manchmal nicht mal dann.

Neulich waren Etta und ich im Museum. Auch dort ließ ich sie rumlaufen. Etta machte Geräusche. Sie ist ja ein Mensch. Und Menschen kommunizieren mit Lauten. Und weil Kinder auch Menschen sind, hört man sie eben. Etta ruft am liebsten „Dideldideldideldi“ oder „Graaaagraaa“, manchmal auch „Wauwau“, obwohl da kein Wauwau ist, einfach, weil sie Hunde liebt und gerne „Wauwau“ sagt. Seit ich ihr beigebracht habe, wie Löwen machen, macht sie gerne in der Öffentlichkeit einen Löwen nach. Im Museum jedenfalls rief sie irgendeinen ihrer Lieblingssounds, und ein Besucher kam auf mich zu, schaute mich wütend an und brüllte: „Nehmen Sie ihr Balg und gehen Sie damit auf den Spielplatz. Das ist hier ein Museum! Merken Sie nicht, dass sie alle stören?!“

Ich habe das Museum selbstverständlich nicht verlassen, ich verlasse auch nicht das Café, wenn mir die Gäste zurufen, ich solle mich doch bitte um meine Tochter kümmern, diese würde an ihrem Tisch stehen und die Arme in die Luft werfen. Merken Sie nicht, dass das Kind auf Ihren Schoss möchte, denke ich dann. Manchmal sage ich es auch. Dann gucken mich die deutschen Gäste angeekelt an. Wie? Ihr? Kind? Will? Auf? Meinen? Schoss? Ja, ist das nicht wundervoll? Dieses Kind hat sie ausgewählt und will mit Ihnen in Beziehung treten.

Unterschiedliche Geburtenraten

Israel hat die höchste Geburtenrate der westlichen Welt. Eine Frau bekommt dort durchschnittlich 3,1 Kinder. In Deutschland sind es 1,7. Aber auch nur, weil in den letzten Jahren mehr Kinder geboren wurden. Deswegen ist sie gestiegen. Lange Zeit lag sie bei 1,5. In Israel werden nicht nur so viele Kinder geboren, weil das irgendwie biblische Pflicht ist, sondern weil der Umgang mit Kindern in der Gesellschaft so normal ist, dass man damit nicht so wie in Deutschland allein gelassen wird. Kinder sind einfach willkommen und stören nicht. Egal, wo man ist. Sie sind Normalität, nicht Ausnahme.

In den Tagen nach Tel Aviv verfällt Etta immer in eine Minidepression und ich mit ihr, weil alle wie Roboter an ihr und uns vorbeilaufen. Sie lächelt und winkt am Anfang immer noch um die Wette, aber weil niemand auf sie reagiert, gibt sie nach ein paar Tagen auf.

Vor einer Woche liefen wir die Auguststraße entlang, und eine kleine Gruppe von fünf Geschäftsmännern lief an uns vorbei und die Menschenmasse machte Etta schwindelig und sie fiel hin. Die Männer blieben kurz stehen, schauten auf das Ergebnis auf dem Boden herunter und gingen weiter. Wie geht so etwas? Wie kann das sein?

Ich weiß es nicht. Wirklich. Aber ich wünschte mir, dass der Umgang in Zukunft anders wird. Ich wünsche mir, dass man mein Kind berührt. Dass man meinem Kind hochhilft, wenn es hingefallen ist. Dass man Etta ganz selbstverständlich auf den Schoß setzt, wenn sie signalisiert, dass sie das möchte. Ich wünsche mir, dass man ihr ins Gesicht schaut, sie anlächelt und sie fragt, wie es ihr geht.

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176 Kommentare

  1.   andenhorn

    Ja, so ist das hier. Hat aber nicht nur Nachteile, man möchte sein Kind nicht bei jedem auf dem Schoss wissen. Aber natürlich wäre es schön, wenn Kinder in Deutschland willkommener wären, als sie es sind. Ich freue mich auch immer wenn ich Kinder sehe und wende meinen Blick nicht ab. Traurig macht mich ihr Beitrag trotzdem, ich möchte Kinder auch immer fröhlich wissen.

  2.   EugenO

    In Deutschland lieben die meisten Eltern nur ihre eigenen Kinder!

  3.   wd

    Ihre Tochter ist mir nicht begegnet. Ich schaue griesgrämig in die Welt. Das hat der liebe Gott so gemacht. Allerdings beginne ich automatisch zu lächeln, wenn mir ein Kind bis ca. 4 Jahre begegnet. Das wird auch durch keinerlei Verhalten des Kindes verändert. Und wenn es mich anstrahlt, dann winke ich zuerst.

  4.   Mucius Scaevola

    Wenn ich im Supermarkt an der Kasse einem Zwerg im Einkaufswagen vor mir, der mich neugierig beäugt, freundlich zuzwinkere, kommt eine gefühlte 100tstel Sekunde später die besorgte Frau Helikopter mit einem bösen Blick……und ich gehe mit einem Gefühl nach Hause, ein Schwerverbrecher zu sein.
    Wenn auch nicht alles, so war das zu meiner Jugendzeit , ja , besser.
    Da kommt dann in Folge auch kein kurzer, freundlicher und unschuldiger Smalltalk zustande (Tratsch sagte man dazu).
    Kurz , die Kommunikation ist ins Digitale übertragen. Das Miteinander geht vor die Hunde.
    Finde ich richtig Sch…

  5.   Mama mit Herz und Seele

    Wie wahr. Aber ist es nicht so, dass die Deutschen sich schlichtweg nicht trauen mit Kindern in Kontakt zu treten?
    Als ich ein Kind war, dufte der Nachbar uns noch schimpfen. Ach was, das gesamte Dorf hat die Kinder erzogen! Wie herrlich bunt. Heute, ja heute werde ich ermahnt, auch nur der Freundin meiner Tochter zu sagen, dass ihr Verhalten nicht korrekt sei.
    Ich persönlich habe Sorge einen Sonnenschein wie Ihren auf den Schoß zu nehmen und ihr ein Stirnbussi zu geben. Was, wenn Sie denken, ich habe schlimmes im Sinn?
    Aber wissen Sie was? Ab heute versuche ich es einfach…

  6.   A. Vatar

    Vielen Dank, Frau Funk, das war sehr aufschlussreich! Ich hätte nie gedacht, dass die Unterschiede so gravierend sind.

    Gleichzeitig aber habe ich keinerlei Ahnung, wie man so etwas ändern könnte.

  7.   Herr Name

    Ich bin 34 Jahre alt und männlich, zwar verheiratet aber noch kinderlos. Dies nur vorab, um folgende Aussage in einen Kontext stellen zu können: Ich gehe ebenfalls – äusserlich – emotionslos an Kindern vorbei. Es sei denn ich befinde mich in einer Situation in der die Mutter oder der Vater vorab Gelegenheit hatte mich zu „inspizieren“ und ich positive Signale zu empfangen glaube. Etwa wenn sie mit ihrem Kind hinter mir in der Schlange an der Supermarktkasse stehen und bei einem Blickwechsel lächeln.

    Der Grund für dieses Verhalten ist schlicht die Sorge als potentieller Vergewaltiger oder Kindsentführer wahrgenommen zu werden. Hysterisch? Vielleicht. Aber auf der sicheren Seite. Dieses Verhalten zeige ich übrigens nur im zentraleuropäischen Raum. In Italien, der Türkei sowie den USA – alles Länder in denen ich wohnhaft war – lege ich eine abgeschwächte Form des im Artikel beschriebenen Israel-Verhaltens an den Tag. Mag alles Einbildung sein, aber ich habe das Gefühl dort von nahezu allen Menschen, proaktiv, positive Signale zu bekommen und habe deswegen keine Angst Kinder anzulächeln oder mit ihnen ohne Aufsichtsperson zu sprechen.

  8.   bjrnfrdnnd

    Wuerde mich gerne so verhalten, wie die Leute in Israel.
    Problem: wenn ich das tue, habe ich verstaendnislose Eltern am Hals, die mich als Kindesbelaestiger verstehen.
    Darum: Moeglichst teilnahmslos Kindern gegenueber sein. Ist besser, als fuer Freundlichkeit Vorwuerfe zu bekommen oder ins Gefaengnis zu kommen.

    Damit reagiere ich lediglich auf Ihre Behauptung, dass hier den anderen (also Erwachsenen, die auf Ihr Kind treffen) ein Vorwurf zu machen ist.
    Sehe ich nicht so.
    Ich mache den Vorwurf den Eltern, die den anderen das Leben zur Hoelle machen, wenn sie ein fremdes Kind auf den Schoss nehmen.

  9.   Grails_Knight

    Ich glaube, das Problem kommt nicht vond er allgemeinheit sondern vom Elternverständnis der Deutschen.

    Als ich meiner Oma mal die Weisheit, das man um ein Kind zu erziehen ein ganzes Dorf brauche, erzählte, war diese, zu meiner überraschung, vollkommen entrüstet. Man könne doch ein Kind nicht einfach vonFremden aufziehen lassen, die Erziehung müsse aus einer Hand kommen und ausserdem sei es ja schliesslich IHR Kind. Das mag heute nicht mehr ganz so extrem sein, aber man bemerkt noch, dass das mal der Standard der Kindererziehung war. Eltern gerade in Deutschland schätzen es garnicht, wenn man in ihre Erziehung „hineinpfuscht“ oder sich fremden Kindern nähert, auch wenn das Kind einen anspricht nicht. Da holt man sich durchaus mal einen Rüffel ab, oder eine Handfeste Standpauke was man mit anderer Leute Kinder zu schaffen habe, man solle sich gefälligst eigene machen.

    Und das ist auch das Problem: In Deutschland sind Kinder keine Bürger sondern persönlicher Besitz der Eltern (bis zu gewissen, reichlich engen, Grenzen). Da hat niemand „reinzupfuschen“ und Erwachsene, die sich mit Kindern abgeben sind mindestens komisch, vermutlich aber gefährlich. Da herrscht fast schon Hysterie. Nichtmal Lehrer sind davon ausgenommen und dürfen sich gerne mal „Erziehungstipps“ von Eltern geben lassen, die ohnehin qua Geburt des Kindes mit aller Weisheit gesegnet wurden (meist aber eben doch nur mit einer Menge Hystherie)

    Kinder sind in Deutschland reine Schutzbedürftige, arme würmchen, denen man nur die Autonomie zugesteht, die man als Elternteil für richtig hält. Das Kind darf bis zum Bürgersteig an der hausecke, aber nicht um die hausecke herum (denn da sieht man es ja nicht). Es scheint eine diffuse Angst vor einer Armee von Kinderdieben umzugehen. Kein Wunder, das Deutschland sozial verarmt, wenn schon Kindern der Forschungsdrang und der Drang zur sozialen Interaktion, zum dazugehören wo man dabei sein möchte, abgewöhnt wird.

    Es erklärt finde ich auch, warum es hier so wenig Kinder gibt. Für eine Einzelperson (Oder auch ein Berufstätiges Paar) ist dieses Ideal einfach nicht einzuhalten, Kinder allein nach dem eigenen Konzept (also nach einem einzigen Konzept, mit möglichst wenig vielfalt, zu erziehen. Das sieht man auch häufiger, wenn andere versuchen, einem Kind etwas zu sagen und die Eltern sofort wie von der Tarantel gestochen daneben stehen und einen Streit losbrechen. Hier weis jeder am allerbesten, wie Kinder zu erziehen sind und hält alle anderen für vollidioten. Besonders Kinderlose können ja sowieso schonmal aus Prinzip keine Ahnung von der Mühsal der Kinderzucht haben, das sind für die meisten Eltern richtigggehende Untermenschen, von denen man sich schonmal garnichts sagen alssen muss und deren ideen sowieso schwachsinn sind. Für mich ein deutliches Zeichen von kollektiver Überforderung durch ermangelung eines Kollektivs.

    Ich möchte betonen, dass das nicht auf Alle Eltern zutrifft, aber es ist hierzulande schon ein recht verbreitetes Phänomen.

  10.   Maulwurfschanze

    Die Deutschen sind sehr ängstliche Menschen und schützem sich mit so einer Art unsichtbaren Barriere. Viele junge Leute sind aber nicht mehr so, das ändert sich glaub ich Generationenbedingt.

    Ich habe, seit dem ich in Deutschland lebe, es nie geschafft so ernst mit Gesichtslähmung zu sein. Bei Bewerbungsgespröchen sagten mir LEute, es sei ein Zeichen von Verlegenheit zu lächeln, oder auch von Nervösität. Ich wollte da gerne immer sagen, dass sei normal, wer nicht lächelt hat da vielleicht irgendwo einen Stock zu…
    Ach lassen wir das. Das ist schade dass man mit Leuten Alkohol trinken muss, damit die normal unverkrampft werden.