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Amerika als T-Shirt

Ist es immer nur rechts gegen links? Wer verstehen will, wie Amerikaner denken, sollte sich ihre T-Shirt-Slogans ansehen. In Iowa findet man besonders schöne Exemplare.

© Jason Reed/REUTERS

SORRY ABOUT BETSY DEVOS, AMERICA NEEDS LESBIAN FARMERS, JUST ANOTHER SLUT ON BIRTH CONTROL. Betsy DeVos ist bekanntermaßen die frischgebackene Bildungsministerin der Vereinigten Staaten, und eines ihrer proklamierten Ziele ist es, die Förderung staatlicher Schulen abzuschaffen. Dass Amerika mehr lesbische Landwirtinnen bräuchte, ist als Replik auf eine abwertende Aussage des konservativen Radiomoderators Rush Limbaugh zu lesen. Und eine slut, die sich für birth control einsetzt: is definitely reclaiming some four-letter-word. Ich befinde mich im T-Shirt-Laden Raygun im East Village von Des Moines, dem hippen, gentrifizierten Viertel der Hauptstadt des Bundesstaates Iowa. Die T-Shirts mit aufgedruckten Sprüchen in allen Farben, die zeitnah auf die politischen Ereignisse in Amerika reagieren, sind ein Produkt des Mittleren Westens, das humorvoll den Patriotismus der Rednecks mit den Slogans der linken Protestkultur mixt. MAKE AMERICA GREAT AGAIN ist als Parole auch hier ein Verkaufsschlager, allerdings illustriert mit den Porträts von Michelle und Barack Obama. YES WE CAN, hieß bekanntlich dessen Wahlspruch im Präsidentschaftswahlkampf 2008, und rückblickend liest sich dies wie der hoffnungsfrohe Beginn eines Halbsatzes, der nun weitergelesen werden muss: YES WE CAN MAKE AMERICA GREAT AGAIN. – Um sich ein vollständiges Bild von Amerika zu machen, ist es wohl nötig, den gesamten Satz zu lesen.

Ich frage mich, was hat sich verändert, seit ich im Herbst 2015 das letzte Mal hier gewesen bin für einige Monate? Es ist dieselbe Landschaft mit ihren grünen Hügeln und den gelben Maisfeldern, die Grant Wood in den 1920er und 1930er Jahren so naiv-sachlich und prägnant gemalt hat. Im Des Moines Art Center, einem großartigen dreiteiligen Museumsbau von den Architekten Eliel Saarinen, I. M. Pei und Richard Meier zwischen den 1940er und 1980er Jahren gebaut und erweitert, hängt noch, wie beim letzten Besuch, Grant Woods Ölgemälde The Birthplace of Herbert Hoover. Es zeigt ein Grundstück, auf dessen Rasen zwischen Haus und Hecke ein schlankes Männlein steht, das mit der rechten Hand auf seinen Besitz zu deuten scheint. Seht, das gehört mir. Vielleicht ist es Herbert Hoover selbst, der bis eben noch angeblich unbeliebteste Präsident der amerikanischen Geschichte, der hier steht, nun deutet und einen Schatten wirft.

Noch immer fahren über solchen Rasen die gelb-grün-lackierten Mähfahrzeuge von John Deere, der hier ein Monopol zu haben scheint auf alles, was Lärm macht. Der Autor und Reiseschriftsteller Bill Bryson, selbst in Des Moines geboren, schrieb Ende der 1980er Jahre darüber so liebevoll-spöttelnd in The Lost Continent, zu Deutsch: „Straßen der Erinnerung“. Und immer noch kutschieren die schwarz gewandeten Amish mit ihren Pferdewägen auf der rechten Spur der Landstraße zu ihren Feldern, während nebenan der Monsanto-Konzern sein gentechnisch verändertes Saatgut produziert.

Studentin Sheila hat mich zu einem kurzen Roadtrip nach Kalona eingeladen, wir sitzen hoch auf dem dunkelroten Pick-up mit four wheel drive, den hier fast alle fahren, meist eben in den Farben Rot, Schwarz oder Silbergrau, und biegen bei zwei Hinweisschildern ab, wovon das eine etwas über unsere Sünden sagt, die uns im Himmel vergeben werden oder für die wir zur Rechenschaft gezogen werden, und das andere auf Erden: FRESH EGGS, $ 1,25. Wir steigen aus, klopfen an die Tür eines der typischen weiß getünchten, holzverkleideten Farmhäuser, und eine ältere Bäuerin in blasslilafarben-mennonitischer Kleidung samt Häubchen über dem grauen Haar öffnet uns. Wir kaufen je zwölf Stück Eier, zählen umständlich die Pennys und Quarter zusammen, und Sheila nutzt die vorsätzlich verstreichenden Minuten, um zu erzählen, dass ihre Reisebegleiterin aus Österreich sei. Keine Reaktion in den Augen unseres Gegenübers. „She speaks German“, versucht Sheila es weiter. „Ah, German!“, plötzlich lächelt die Bäuerin und sagt einen Satz, der hier, zwischen Himmel und Eierkartons stehend, beinah mystisch klingt: „So you must have come a long, long way.“ Die Mennoniten in Kalona sprechen in der Familie Deutsch miteinander, und wir schaffen es noch, ihr ein paar Sätze zu entlocken, die in meinen diesbezüglich unerfahrenen Ohren schwäbisch klingen. Plautdietsch wäre die korrekte Bezeichnung, lese ich später. Ihre Vorfahren kämen aus der Schweiz, sagt die Frau, und ihr Beispielsatz lautet in etwa: „Buben und Mädchen, draußen im Garten ist es chilly.“ Ich sage darauf etwas in meinem Deutsch, doch sie versteht mich nicht.

Was hat sich in eurem täglichen Leben, im Alltag, verändert, seit der neue Präsident im Amt ist, frage ich in Iowa und Chicago immer wieder die Leute, denen ich begegne. Es war doch angeblich immer schon so, die Farmer auf dem Land, die republikanisch wählen, die College-Studenten in der Stadt, die demokratisch wählen? Die progressiveren Städte an der Ost- und Westküste, das konservativere Landesinnere? Ist das Land denn wirklich gespalten zwischen den politischen Lagern? Und was beschreiben die Statistiken über das Wahlverhalten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen? Wie antworten die Menschen, wenn man individuell nachfragt?

Betsy, die Verkäuferin im Western-Boots-Laden in Grinnell, wählte Hillary Clinton, der Partner eines Kollegen vom College, an dem ich momentan arbeite, wiederum Trump. Vor mir auf dem Interstate Highway fährt ein dunkelblauer Ford mit dem alten Aufkleber BERNIE 2016, direkt daneben prangt ein christliches Fischsymbol, in der Parkgarage in Des Moines parkt ein beigefarbener Mercedes mit GUN OWNERS FOR TRUMP und HILLARY FOR PRISON 2016. Ist es wirklich immer rechts versus links?

Oder sind die Bruchlinien woanders zu suchen? Dort, wo vormals ein Konsens vorhanden schien, die demokratischen Rituale nicht grundsätzlich infrage zu stellen? Was passiert, wenn einer, der macht, spricht und entscheidet, sich nicht mehr an die gewohnten Formen des Umgangs hält?

LOVE TRUMPS HATE ist einer der beliebtesten T-Shirt-Sprüche seit der Wahl zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Liebe Trumps Hass! Oder: Liebe übertrumpft Hass. Oder: Liebe, Trumpf, Hass: ein Satz wie ein Blatt Spielkarten. Welche Farbe ziehen wir aus dem Stapel? „Es ist einfach auch die Atmosphäre, die vorherrscht“, sagt meine amerikanische Freundin Kay. „Samt der immer gleichen Antwort auf die Frage, wie es einem gehe: den Umständen entsprechend.“ Wie war das, frage ich sie, als sie beim Women’s March war in D.C., am ersten Tag nach der Amtseinführung des Präsidenten? Was sagt sie zum Op-Ed, dem Gastkommentar eines Journalisten in der New York Times nach dem Marsch, der die pinkfarbenen Mützen und Häubchen der Teilnehmerinnen, die pussyhats, als niedlich und demokultur-nostalgisch belächelt? Zu den anderen Stimmen, die dem Marsch Mangel an Intersektionalität vorwarfen? „Es war definitiv gut, dort zu sein“, sagt Kay. „Es war einfach notwendig, nach der Wahl dieses starke Zeichen zu setzen. Es war eine halbe Million Menschen in Washington, 700.000 in Los Angeles. Die Straßen waren voll, die Bed-and-Breakfast-Zimmer ausgebucht, in der Metro gab es diese Mut machenden Durchsagen eines Mitarbeiters: „Ey, Ladys, am Tag zuvor sind definitiv nicht so viele Menschen zur Angelobung gekommen, that’s fake news, ladies, ich weiß es, ich war gestern auch schon da.“ Kay zeigt mir auf ihrem Smartphone Fotos von einem Polizisten mit pussyhat, von einer Organisatorin mit Kopftuch, die gerade das Mikrofon in Händen hält, von einem jungen Mann mit Transparent, auf dem steht: „I’m too clumsy for your fragile masculinity“. Die meisten der Sprecherinnen und auftretenden Künstlerinnen, die Kay gesehen hat, seien schwarz gewesen, Angela Davis sprach, die ganze Veranstaltung habe sich angefühlt wie der Anfang von etwas noch Größerem. Kay hat ein T-Shirt davon: „Women’s March 2017“ steht darauf geschrieben, dazu Datum und Ort.

Bei Walmart, dem 24-Hours-Superstore für Kinderspielzeug, Schusswaffen und Vitamintabletten, sieht die Welt der bunten Sprüche ein wenig anders aus. Neben Muttertagskarten, die in kleinen Gedichten der Frau im Hause noch immer (Noch immer! I CAN’T BELIEVE I STILL HAVE TO PROTEST THIS FUCKING SHIT!) die Rolle der herzensguten Arbeitsbiene zuweisen, finden sich T-Shirts in den Größen Small bis XXXL mit Sprüchen wie: I’M NOT RUDE, I’M HONEST, I DON’T USE MACHINES BECAUSE I AM ONE, I’M SURROUNDED BY IDIOTS, MY SHIRT IS BRIGHTER THAN YOUR FUTURE, BECAUSE AMERICA. Es gibt zur Auswahl aber auch heulende Wölfe vor amerikanischer Flagge, die Minions und die Simpsons, es gibt tanzende Würstchen mit Gesichtern darauf, und es gibt alle möglichen Katzen, die durch den Weltraum fliegen, nachdem sie vermutlich LSD zu sich genommen haben.

„Die Welt als T-Shirt“, denke ich mit einem Titel von Beat Wyss aus den späten 1990er Jahren. Amerika lässt sich auch anhand seiner Slogans auf T-Shirts und Werbetafeln lesen, anhand seiner Aufkleber und Klosprüche, anhand der gebastelten Pappkartontafeln und Transparente, die jetzt zahlreich in den Gängen der Colleges, vor Wohnungstüren und in Stiegenhäusern zwischengeparkt sind, bis sie wieder, bald, hervorgeholt werden und zum Einsatz kommen.

Noch ein paar Sätze, die ich im Vorbeigehen aufgesammelt habe: BLACK LIVES MATTER im Vorgarten eines Häuschens in Madison, Wisconsin. I STAND WITH MY MUSLIM NEIGHBOR im Buchladen Prairie Lights in Iowa City auf einem hellblauen T-Shirt. Und soeben in Chicago, von einem Obdachlosen, der um Geld bittet, auf Pappkarton gekrakelt: MAKE AMERICA NICE AGAIN. Weiter daneben steht ein überdimensionaler betonierter Blumentopf, auf dessen Vorsprung die Menschen sitzen, es ist ein schwüler Tag im Mai, und Eis essen. Auch der Blumentopf hält ein Schild für uns bereit: „Please do not sit on Planters“.

 

 

Teresa Präauer verbringt ein knappes Semester als Visiting Professor und Writer in Residence in den USA. In vier Episoden schreibt sie hier über Beobachtungen aus dem Inneren des Landes: aus dem Bundesstaat Iowa im tiefsten Midwest, wo kleine Campusstädte gedeihen inmitten von Rinderzucht und Maisfeldern.

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1 Kommentar

  1.   pensionierter pauker

    „Samt der immer gleichen Antwort auf die Frage, wie es einem gehe: den Umständen entsprechend.“
    Bei uns heißt die Antwort „Muss ja“ und als Verstärkung obendrauf „Nützt ja nichts“
    Antwortet einer aber „Gut“, dann weiß man, das es ihm schlecht geht und er nicht darüber sprechen möchte.