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Ich wurde zum Meer

Flucht bedeutet auch den Verlust der Sprache. In dem Projekt „Weiter Schreiben“ treffen sich geflüchtete und deutsche Autoren. Text wird übersetzt, Horizont geöffnet.

"Weiter Schreiben": Ich wurde zum Meer
© Sandra Weller

Goldene Flächen, in einer Reihe, abends. Die Fenster neben den Kränen werfen Sonnenlicht zurück. Es ist 19 Uhr. Hier oben endet Berlin am Horizont. Vor den Menschen, die sich an der Brüstung dieser Dachterrasse im 16. Stock eines Hochhauses an der Grenze von Kreuzberg zu Mitte anlehnen, liegt die Stadt ausgebreitet wie eine zufällige Sammlung Stahl, Beton und Asphalt unter einem von Kondensstreifen durchkreuzten Himmel. Es ist fast Sommer, Mai, 28 Grad. Ich sitze jetzt einsam / am runden Tisch / ich sitze rund / um mich selbst herum / gleiche jetzt einem Tisch, an dem niemand sitzt / sitze jetzt / irgendwie / rieche nach Tabak / und Verlust. Das Gebäude ist ein Asylbewerberheim. Die Terrasse gehört zur Bibliothek Baynetna.

In dieser arabischen Bibliothek stellt die Schriftstellerin Annika Reich zusammen mit Ines Kappert, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts, Weiter Schreiben vor; es ist die Auftaktveranstaltung dieser Initiative, die Autorinnen und Autoren, die ein Land verlassen mussten, in ein Gespräch mit deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern bringt, um gemeinsam an Texten und deren Übersetzung zu arbeiten, aber auch, um sie vertraut zu machen mit dem, was Literaturbetrieb genannt wird, dessen Strukturen und Besonderheiten.

Der Raum ist dicht bestuhlt; durch die Fingerabdrücke auf dem Glas ist der Atrium Tower auf einem langsam dunkler werdenden Hintergrund zu sehen, als der jemenitische Lyriker Galal Al-Ahmadi, 1987 in Saudi-Arabien geboren, auf einem roten Sofa Vom Krieg zu erzählen beginnt, ruhig, mit gleichbleibender Stimme. Diese Sprache der Erschöpfung – wie in der deutschen Übersetzung, von der Schriftstellerin Svenja Leiber vorgelesen, für jemanden, der nicht Arabisch spricht, verständlich wird – folgt dem Verlauf einer Kugel, fast teilnahmslos, als könnte diese Sprache nur noch feststellen; das Mindeste sagen: Die Kugel dringt ein / durch / den Ansatz der Seele / den Blick / ein Fenster, geschaffen zu diesem Zweck / dringt ein / durch / das Buch eines anonymen Schriftstellers / dilettantisches Erzählen / Fantasielosigkeit. / Die Kugel dringt / in den Rücken / den Wirbel / da, wo sie halbseitig lähmt.

In dieser stillen Deskriptivität ist auch das andere Gedicht, das Al-Ahmadi liest, geschrieben worden. Zu Hause – die Titel, die er beiden Texten gab, müssen zusammengelesen werden, in dieser Reihenfolge: Vom Krieg Zu Hause – zu Hause, dort, wo jemand an einem Tisch sitzt, einsam / am runden Tisch, abwesend und ohne Bewegung, bis der Körper von diesem kaum mehr unterschieden werden kann, dieses zu Hause gibt es nicht: Ein abgetrennter Kopf in meinem Kühlschrank. / Ich weiß nicht, was er an so einem kalten Ort macht. / Das heißt, jemand hatte gestern / im Schlaf keine Albträume. / Ich kann mit dem Ding auf der Schulter / durch die Straßen gehen / und mit allen sprechen / ohne dass jemand etwas bemerkt. / Bemerkt, dass die Wörter nicht an der richtigen Stelle herauskommen.

Aber sie kamen, aus einer Stelle, aus einer Entfernung: fünftausend Kilometer weit, bis an diesen Ort und bis in diese Sprache. Es ist noch hell, hell genug, um die Wolkenformation zu erkennen, die aus dem 106 Meter hohen Turm des Atrium Towers zu steigen scheint. Die ersten Lichter wurden in den Häusern um das Asylbewerberheim in der Stresemannstraße angeschaltet, und auch in den U-Bahnen, die vom Gleisdreieck zur Möckernbrücke und in die entgegengesetzte Richtung fahren, brennt Licht, helle Flächen, in einer Reihe; Bewegung.

Die Lyrikerin Lina Atfah, 1989 in Syrien geboren, kam über den Libanon nach Deutschland. Mit siebzehn wurde sie der Gotteslästerung und Staatsbeleidigung beschuldigt und von der Teilnahme an allen kulturellen Veranstaltungen ausgeschlossen. Atfah steht. In der linken Hand hält sie das Papier, das zweifach gefaltet war, wie die Spuren auf der Rückseite erkennen lassen, der Zeigefinger ihrer rechten Hand zeigt nach oben. Die Bilder der Trauer, die sie im Gedicht Nach der Asche, das die Schriftstellerin Ulla Lenze auf Deutsch liest, verwendet, lösen sich in schneller Folge gegenseitig ab, und trotz dieser geräuschlosen Geschwindigkeit bleiben sie, jedes für sich, bestehen und allein. Es gibt keine Überlappungen. Sie erhalten ihre Bedeutung von der Imagination des Todes – vom Tod als Objekt der Imagination, als der Imaginierte, aber auch als ihr Subjekt: als der Imaginierende. Aus ihm leiten sie sich ab: Die Lieder sind dort der Tod. / Sie sind die Zugvögel, / die von Geburt an das Ziel ihrer Wanderung kennen, / die vertraut sind mit Orten, an denen sie nie waren. / Du hörst ein Lied / und du hast Sehnsucht nach deiner Kindheit, / nach dem Leben der Menschen, die du geliebt hast. / Die Jahre vergehen wie im Tiefschlaf. / Du siehst die ertrunkenen Saatfelder. Ein Glas zerbricht. Der Vers ist noch nicht zu Ende. Atfah liest weiter, ohne vom Papier aufzusehen, als wäre nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.

„Weiter Schreiben“ – das sei die Antwort gewesen, die Annika Reich von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die vor einem Krieg nach Deutschland geflohen waren, auf die Frage, was sie sich wünschen würden, erhalten habe. Der Name dieses Projekts besitzt mindestens einen doppelten Sinn: das Adjektiv weiter kann als Positiv, aber auch als Komparativ verstanden werden – als Fortsetzung oder Fortdauer des Schreibens und als Erweiterung oder Ausdehnung durch das Schreiben. Der Verlust, der Flucht bedeutet und immer bedeuten wird, wiederholt sich auch in der Sprache; er sieht anders aus für Menschen, die mit, also: in der Sprache, d.h. gegen und über sie, arbeiten: er zeigt sich auch in Form des Verlusts von Leserinnen und Lesern oder – nach der Übersetzung – von Bedeutung. Die Unmöglichkeit der Übersetzung aber ist ihre Möglichkeit.

Die Lyrikerin Monika Rinck, die zusammen mit dem syrisch-palästinensischen Lyriker Ramy Al-Asheq das Gedicht Fatma trägt zwei Wunden in der Hand ins Deutsche übersetzte, erinnert auf weiterschreiben.jetzt, der Homepage des Projekts, daran, dass ein „besprechbarer Verlust an Bedeutungsnuancen bei der Übertragung von einer in die andere Sprache (…) gleichzeitig einen Zuwachs an Verständnis“ bringt: „über die Erfahrungen, die in der Sprache sedimentiert sind und die Grammatik des Denkens, in der sie sich mitteilen.“

Ramy Al-Asheq, 1989 in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und in Syrien aufgewachsen, schrieb Fatma trägt zwei Wunden in der Hand, als seine Mutter allein über das Mittelmeer nach Deutschland fliehen wollte, vor ihrer Ankunft; die Schriftstellerin Annett Gröschner liest die deutsche Übersetzung. In den Häusern aus dieser Entfernung sind Bewegungen zu sehen; kein Mensch ist von hier oben zu erkennen. Al-Asheqs Text ist, im Grunde genommen, ein Dokument des Wartens; er ist auf einen unbestimmten, ungewissen Ort ausgerichtet; er kommt langsam voran, bewegt sich in Wellen, formal: Strophen, die Titel tragen und deren Anordnung die Bewegung des Meers zu imitieren scheint, dieses Wiegen, Schaukeln. Die leere Zeile zwischen den Absätzen könnte die Spur sein, die das Schlauchboot im Wasser hinterlässt und die es wieder nimmt. Es liegt auf der Hand: Dieses Gedicht soll das Meer beruhigen. Der Sohn ist es geworden: Von Angesicht zu Angesicht / sehe ich sie nicht, und sie sieht mich nicht. / Ich wurde zum Meer. / Mein Leib blieb ohne Salz. (…) // Und jetzt Fatma, meine Wunde. / Und jetzt Mutter, mein Salz. / In der versperrten Reichweite ist eine Hauptstadt zu verkaufen. Al-Asheq ist in Damaskus aufgewachsen. Zwischen Damaskus und Berlin liegen 3673, 22 km. Das Wort Übersetzung erinnert an das Übersetzen von einem Ufer ans andere. Weiter Schreiben bietet durch Übersetzungen, durch Gespräche mit deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen sowie durch die Veröffentlichung von Texten online auf der Projektseite und in einer Anthologie, die nächstes Jahr im Blumenbar-Verlag erscheinen wird, das, was diese Initiative bereits im Namen trägt: Fortsetzung. Fortdauer. Erweiterung. Ausdehnung. Weiter Schreiben, und auch das ist ein weiterer Sinn dieses Namens, kann nicht nur im Indikativ stehen: es kann auch als ein selbstformulierter Imperativ verstanden werden.

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1 Kommentar

  1.   Emil Conta

    Sehr schöne Initiative!
    Guten Artikel!
    Bravo!