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Nichts gegen Osnabrück

Hamburg, das bedeutet: Alster, Hafen, Strandperle. Das ist große Liebe und Schicksal zugleich. Aber was, wenn man wegziehen muss? Und das ausgerechnet nach Osnabrück?

© Ulrich Baumgarten / Getty Images

Mein Geburtsdorf ist meine erste große, kindliche Liebe. Meine erste große erwachsene Liebe aber ist Hamburg. Mehr noch, Hamburg ist mein Schicksal. Unabhängig davon ist Hamburg eine wirklich unglaublich schöne Stadt. Auch wenn sie Gefahr läuft, zu einem einzigen großen Business Improvement District zu verkommen. Auch wenn man nur noch selten hört, wie einer übern s’pitzen S’tein s’tolpert. Auch wenn man sie sich als Heimatstadt kaum noch leisten kann. Wer als Normalverdiener einmal raus ist aus zum Beispiel Eimsbüttel, kommt nie wieder rein. Man möchte, mit Verlaub, Labskaus kotzen.

Nichtsdestoweniger bleibt Hamburg eine sagenhaft schöne Stadt. Wird wohl an den viel zitierten Attributen liegen, viel Hafen, viel Grün, viel Alster etc. pp. An diesen unvergleichlichen Blickachsen, die sich auftun, wenn man kreuz über die ein oder andere Straße und quer durch die Lücke im ein oder anderen Häuserblock plötzlich diese ätherische Luftigkeit erahnt, wie sie sich über dem ein oder anderen Kanal … ach, kurzum: Ich vermisse Hamburg. Sehr.

Nach vierzig Jahren bin ich unlängst – aus guten Gründen, die hier nichts zur Sache tun – weggezogen. (Vorübergehend; sonst hätte ich’s nicht getan.) Nun bin ich wieder Niedersachse. Ich lebe in einer bezahlbaren Wohnung innerhalb einer ehemaligen Zigarrenfabrik mit runtergerocktem Wabi-Sabi-Charme, idyllischem Innenhof und Parkplatz in zwei Metern Entfernung, in der ich mich sehr wohl fühle. Bloß, sobald ich vor die Wohnungstür trete, ist da eben Osnabrück.

Nichts gegen Osnabrück. (Sportlich schon mal gar nicht. Nachdem bereits das benachbarte Lotte mit seinem VfL Sportfreunde Lotte unlängst spektakuläre Siege gegen Bundesligavereine wie Werder Bremen und Bayer 04 Leverkusen eingefahren hatte, schlug neulich Drittligist VfL Osnabrück Erstligist Hamburger SV. Und zwar nicht 1:0 oder 2:1, sondern 3:1. Und zwar in Unterzahl. Und zwar über siebzig Minuten lang.) Nein, nichts gegen Osnabrück, aber selbst wenn man vierzig Jahre lang bloß tot über einem Hamburger Zaun gehangen hätte, fiele es einem nicht leicht, Osnabrück mit offenen Armen zu empfangen.

Umgekehrt tut das aber durchaus Osnabrück.

Na gut, in nächster Nähe einen Gemüsetürken zu finden, wie es ihn in Hamburg an jeder Straßenecke gibt – vergiss es. Musst du eben in einen anderen Stadtteil fahren oder bis Samstag warten, wenn Altstadt-Markt ist. Da kriegst du dann aber fast alles fast so schön wie auf’m Isemarkt (um es ein drittes Mal zu sagen: fast). Und wenn du dann mit überraschend schrill quietschenden Fahrradbremsen ein Pärchen in mittlerem Alter von hinten erschreckst, fährt es zwar zusammen, wie es sich gehört, lacht sich aber umgehend eins und bleibt überaus freundlich.

Überhaupt sind die Leute hier einfach noch Leute – freundliche Leute. Als zehrten sie immer noch von dem fünfzehn Jahre alten Umfrageergebnis, demzufolge die glücklichsten Deutschen in Osnabrück leben. Die Bedienung in der Bäckereifiliale am Altstadt-Bahnhof rennt einem sogar bis auf den Bahnsteig eine Treppe höher nach, wenn man seinen Kaffee mitzunehmen vergessen hat.

Apropos einkaufen: Wer nicht vollkommen stumpf oder gesund ist, wird den Teufel tun und am Freitag Nachmittag gegen fünf einen Eimsbütteler Supermarkt betreten. Ich jedenfalls hatte es mir schon vor rund fünfundzwanzig Jahren abgewöhnt. In Osnabrück flöte ich währenddessen sogar ein Liedchen.

Einigermaßen einmalig dürfte auch der Plan von Lennart Neuffer sein, seine Buchhandlung am 31. August des Jahres für einen ganzen Geschäfts­tag der Kundschaft zu überlassen. Dann nahm die komplette Belegschaft im hannoverschen Schloss Herrenhausen nämlich den „Deutschen Buchhandlungspreis“ entgegen, und zwar das dritte Jahr in Folge. Ich warnte ihn: „Bücherkunden sind nicht sonderlich vertrauenswürdig!“ „Ach, die Klau-mich-Zeiten sind doch längst vorbei, es gibt ja kaum noch Linke …“ „Ja, aber Büchermenschen sind Suchtmenschen!“ Neuffer jedoch blieb gelassen.

Keine Ahnung, warum ich so auf dem Thema Einkaufen herumreite – aber in dem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben der so genannte Westfalentag. (Im hiesigen Sprachgebrauch: „Vandalentag“). Jedes Jahr an Fronleichnam überfallen die Nachbarn aus NRW die niedersächsische Großstadt, die jenes Feiertags entbehrt. (O ja: Mit 156.897 Einwohnern – äh, 156.898 – nimmt Osnabrück locker die Hürde von 100.000, die eine Großstadt mindestens aufweisen muss, um sich Großstadt nennen zu dürfen.) Dann sollte man, so man nicht stumpf oder gesund ist (oder eben die Nachbarn aus NRW von Berufs wegen bedienen muss), besser zu Hause bleiben.

Gut, die Katholizitätsdichte in Osnabrück ist klaustrisch. Dieses ohrenbetäubende und nervenzerdengelnde Gebammel zu jeder möglichen und vor allem unmöglichen Tageszeit … Sonntagmorgens um acht eine Viertelstunde lang! Unverfrorenheit sondergleichen. Andererseits bekommt man – wie meine Lebensgefährtin – allen Ernstes Antwort, wenn man den Klerus ganz gerade heraus fragt, warum zum Teufel das eigentlich sein muss. In Person eines Pressesprechers des Bistums Osnabrück mit dem schönen Namen Hermann Haarmann nämlich: „… wie versprochen, melde ich mich noch mal, weil ich das Thema inzwischen auf einer Konferenz der Bistumsleitung thematisiert habe. Dabei gab es durchaus Verständnis dafür, dass es Menschen gibt, die sich durch ein Glockengeläut (vor allem nachts und am frühen Morgen) gestört fühlen, insbesondere dann, wenn sie in der Nähe einer Kirche wohnen. Da muss man im Einzelfall sehen, was machbar ist. Denkbar ist zum Beispiel, den viertelstündigen Glockenschlag einzuschränken (oder in einem bestimmten Zeitfenster ganz darauf zu verzichten) oder die Dauer des Geläutes zum Gottesdienst zu verkürzen. Einen gänzlichen Verzicht auf ein Geläut wird es wohl nicht geben. Am Osnabrücker Dom dauert das reguläre Geläut zum Gottesdienst übrigens in der Regel 5 bis 7 Minuten, habe ich erfahren. Bei anderen Kirchen sind es z.T. 15 Minuten.“ Na also! Bzw. eben nicht … aber immerhin!

Und überhaupt: ein Snob, wer nicht in einer „Friedensstadt“ leben möchte, die sich zwar aus Vierteln mit Namen wie Fledder und Wüste zusammensetzt, aber eben auch wie Sonnenhügel (meiner); deren Bevölkerung ganz offensichtlich überwiegend aus netten, unprätentiösen Normalos besteht (Hipster-Anteil gefühlt im Promille-Bereich); die ein Rennen von Quietscheentchen auf dem stadteigenen Flüsschen veranstaltet, dessen Name Hase ist; die ihre jährliche Remmidemmi-„Maiwoche“ dieses Jahr mit dem „lustigen Treffen von Kuschelplüschis krönt(e)“ (Zitat Osnabrücker Nachrichten, Anzeigenblatt), darunter very important Plüschis wie Paffi, Zappeltier, Bummelfee, Kirschmonster sowie Blütenbert aus Bad Essen; die mit Erich Maria Remarque und Felix Nussbaum und der zum Zitatenschatz jeder Presseschau, die was auf sich hält, zählenden Neuen Osnabrücker Zeitung aufwarten kann, mit dem EMAF (European Media Art Festival) und dem umtriebigen Veranstaltungszentrum „Lagerhalle“ u.v.a.m. – sowie nicht zuletzt mit einer Presseabteilung der Polizei, wie man sie sich selbst als Anarcho gefallen lassen dürfte:

Um die Jahreswende ging der Fall jenes Parkverstoßes vor den Schranken der Polizeidienststelle in der Osnabrücker Augustenburger Straße bundesweit durch die Medien. Auf Facebook fahndete man nach einem flüchtigen Verkehrsteilnehmer, der ein rotes Bobbycar ordnungswidrig abgestellt hatte. Etliche Tage später vermeldete die Pressestelle, er sei gefunden worden: „Offenbar war der dreijährige Jim dem immensen Fahndungsdruck nicht mehr gewachsen.“ Als Verwarnung gab es eine Tafel Schokolade und ein Malbuch.

Gut, zugegebenermaßen verspüre ich manchmal eine selbsthassenswerte, dekadente Sehnsucht nach dem Anblick von Jorge González oder Sylvie Meis, wie sie inkognito durch Eppendorf streunen. Dann mache ich zur Buße einen kleinen Spaziergang, indem ich ums Eck eine wunderschöne Allee von uralten Platanen aufwärts steige und den Bürgerpark besuche, der botanisch und in puncto Kontemplationskompetenz durchaus mit dem ein oder anderen hamburgischen Park mithalten kann. Und wenn ich den Anblick von einem der riesigen Pötte vermisse, die an der Strandperle in Oevelgönne vorbeigeschleppt werden, mache ich rasch einen Abstecher zur Angers-Brücke, die vom Erich-Maria-Remarque-Ring in die Innenstadt leitet, lehne mich aufs Geländer und schaue mir den zusehends versandenden Kaffeepott an, den ein Unbekannter in die dahinplätschernde Hase geworfen hat, übe mich in Osnabrücker Bescheidenheit und träume vom Tag der dickhosigen Rückkehr.

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16 Kommentare

  1.   Automatic

    Ich kenne ebenfalls beide Städte gut, habe mich aber bewusst für Osnabrück und gegen Hamburg entschieden. Nun muss ich eventuell beruflich nach Hamburg und mir graut es schon davor. Aus diesem Blickwinkel ist das sehr amüsant zu lesen. Schön, dass die Menschen so unterschiedlich sind 🙂

    Grundsätzlich kann man aber sagen, dass diese beiden Städte nicht zu vergleichen sind.

  2.   CarstenH

    Ich bin (eher zufällig) in Osnabrück geboren, habe die Stadt aber schon mit sieben Jahren verlassen und bin seither nur ein einziges Mal, als Erwachsener, wieder dort gewesen: Wie klein dort alles ist! Die „große“ Straße, die ich in meiner Kindheit auf dem Weg zum Kindergarten überqueren musste, sie hat noch nicht einmal einen Mittelstreifen…
    Hm, ich sollte mal wieder hinfahren.

  3.   hamburg-liebhaber

    ahjeh. was wenn man erstmal ‚aus guten Gründen‘ nach Canada umziehen muss – so wie ich. Das ist noch viel schlimmer. Quasi täglich – und das schon nach 27 Jahren auf dem anderen Kontinent – denke ich an HH. Im Geiste wandle ich durch ‚meine‘ alten Gegenden, was ich dann inzwischen einmal pro 18 Monate aber auch echt tue – und fühle mich dann sooooo daheim. Insofern: alles Gute in Osnabrück, es gibt welche die sind härter betroffen – mit Ozean dazwischen. 😉 – ach übrigens, hier gibts auch ein Quietscheentenrennen auf einem Flüsschen – der heisst Rennies River.

  4.   Es ist immer jetzt

    Immer noch Strandperle?
    Es ändert sich wohl nie was. Nur statt Butterfahrt Bustouren in Richtung Cats, jetzt halt die Elbphilharmonie. Wie öde. Gut, daß ich schon ewig lange nach Berlin gewechselt bin. Die Schanze als das winzige gespielte Berlin-Mircro-Minaturland.

    Nicht mal die Luft ist gut. In der Strandperle sind durch die Schifffahrt mit die höchsten Feinstaubwerte Deutschlands. Da kann ich dann gleich in Berlin bleiben, oder mal in Münster oder eben Osnabrück vorbeischauen.

  5.   lunarius

    Bei mir ist es genau andersrum gewesen, aufgewachsen im Dunstkreis von osnabrück bin ich irgendwann nach Hamburg gezogen. Dementsprechend HAbe ich ihren Text doch sehr genießen können, Werde ich doch bis heute nicht mit den Hamburgern warm. Mir fehlt das offenherzig, freundliche aus Osnabrück. Die Stadt hat ihren Charme, alleine schon durch den „Schlosi“ (Schlossgarten) und der schönen Altstadt

  6.   Antje Neumann

    Prima!

  7.   zambaqia

    Was für ein liebevoller Artikel. Ich kenne das Kaff zwar nicht, werde aber demnächst aus NRW anreisen. Versprochen.

  8.   Sabine Todt

    Lieber Herr Schulz, ich danke Ihnen für diesen facettenreichen Beitrag, den ich hier auf meinem neuen Osnabrücker Balkon lächelnd lesen durfte. Wir sind im Mai von Ottensen nach Osnabrück gezogen und bewundern die Lebensqualität und Entschleunigung, nicht nur auf dem Weg zur Arbeit ohne einen U1 Umstieg am Jungfernstieg morgens um acht … Ich denke, die Osnabrücker können doch stolz auf ihre Stadt sein! Das vermitteln sie angesichts der pausenlos geschockten Reaktionen, wenn man im Amt oder sonstwo sagt, man sei von HH nach OS gezogen, allerdings nicht. Ich wünsche Ihnen weiterhin ein glückvolles OS, Ihre Sabine Todt. PS Mein Mann hat mir letzte Woche glücklich berichtet, er habe eine türkische Ladenenklave in Schinkel gefunden…

  9.   polo1234

    Der Autor liegt richtig: Osnabrück ist ein übles Loch!

    Grüße aus Münster

    😉

  10.   Thomas Spich

    Lieber Herr Schulz,
    ich kann Ihre Hamburgversessenheit gut verstehen, lebe ich doch in dieser schönen Stadt. Dass Sie jedoch bei der Nennung der Schönheiten oder sage ich lieber, der lokalen Besonderheiten von Osnabrück, das großartige Restaurant vergessen zu erwähnen, dass in Osnabrück lokalisiert ist und stets eine Reise wert ist, das irritiert mich dann doch. Goutieren Sie nicht die gehobene Küche ? Machen Sie sich etwa mit den „einfachen“ (sic!) Leuten gemein, die sich lediglich an Currywurst und Pommes als das Größte aller Genusserlebnisse laben und verächtlich vor Kartoffelstroh mit Imperialkaviar die Nase rümpfen? Das kann und will ich Ihnen nicht abkaufen!
    Im besagten Restaurant, dessen Namen das Leben rühmt, gibt es Köstlichkeiten, die als kaum von dieser Welt stammend in einem einfach als wunderbar zu bezeichnenden Ambiente von unglaublich kompetenten und dazu noch überaus freundlichen Menschen serviert werden. Da geht mir das Herz auf. Und Sie erwähnen diesen Tempel der Glückseligkeit nicht? Ich spare mir in jedem Jahr viel Geld (zugegeben), um einmal dort dinieren zu dürfen. Darf ich mir erlauben, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten?
    Schlendern Sie einfach mal ganz entspannt durch die Bierstraße und schauen Sie sich um. Dort finden sich die Lokalitäten, die – vereinzelt – bereits in den Erinnerungen von einem großen Deutschen Schriftsteller Erwähnung fanden. Vom Hotel bis zum Restaurant sind es nur wenige Schritte für mich als Besucher aus Hamburg, aber dann überschreite ich eine Schwelle und befinde mich sogleich in der besten aller kulinarischen Welten!
    Probieren Sie mal.
    Und wenn Sie nach dem Studium der Speisekarte immer noch skeptisch sein sollten, rufen Sie mich an. Schreiben Sie mir. Dann komme ich nach Osnabrück und wir essen gemeinsam auf meine Kosten an dem Ort meiner kulinarischen Sehnsucht, dort, wo das kulinarische Leben gefeiert wird.
    Herzlichen Gruß aus Hamburg
    Ihr Thomas Spich