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Warum schreit das Ich so laut?

Vom Selfie-Wahn bis zum personalisierten Kaffeepott: alles schön individuell, bitte. In der Abscheu vor dem Wir und den anderen zeigt sich unsere pubertäre Gesellschaft.

Individualität: Warum schreit das Ich so laut?
© Elvis Ma/Unsplash.com

Ich habe weder einen Garten noch einen Balkon. Ich habe auch keine Pflanzen in der Wohnung. Das sei nur deshalb erwähnt, um klarzustellen, dass es für mich keinen, aber auch gar keinen Grund gibt, auch nur die Existenz eines Gartenbedarfsartikelfachgeschäft zu bemerken. Subjektive Wahrnehmung, die uns beobachtungslos durch den Alltag führt: Als Nichtraucher weiß man nicht, wo die Tabakläden im eigenen Viertel sind, und wer kein Haustier hat, dem fällt meist nicht auf, dass sich in der Straße nebenan Der Hundling oder Die Zierfisch-Oase findet. Letztens aber blieb ich doch, wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben, vor dem Schaufenster eines Garten-Centers stehen, Samenpäckchen, Schaufeln jeder Größe mit unterschiedlichsten Griffen im Schaufenster, ein gestreifter Liegestuhl auch, außerdem ein menschengroßer Blumentopf aus Plastik. Auf dem Topf ein Schild: „Hier können Sie Ihren Blumentopf individualisieren.“

Das war so ein Tag: Trump hatte sicherlich wieder getwittert, und noch sicherer waren Kinder in Syrien ermordet worden, im Mittelmeer kämpften Geflüchtete ums Überleben, überhaupt starben sehr viele Menschen, überall und aus unterschiedlichen Gründen, Kinder verhungerten, und Deniz Yücel saß immer noch in Haft. Währenddessen ließen sich andere, Garten- und Pflanzenliebhaber in dem Fall, ihre Blumentöpfe individualisieren. Mit Namen (dem eigenen oder dem der geliebten Pflanze, die möglicherweise Egon heißt, weil man hofft, die altertümliche Ironie dieses Namens erhebe einen über die Tatsache, dass man meint, seine Pflanzen benennen zu müssen) in eigens und mit aller Ruhe („Darf ich das in Avenir noch einmal sehen, aber dann in dem dunklen Blau?“) dafür ausgewählten Schriftart oder möglicherweise mit Bildchen. Hier erreichte meine Wie-Fantasie eine Grenze: Was für Bilder ließ man auf Blumentöpfe drucken?; das Warum hatte schon lang die seine erreicht.

Ich stellte mir so eine Wohnung, einen Balkon, eine Terrasse, eine Dachterrasse, einen Garten vor, in denen individualisierte Blumentöpfe standen. Ich stellte mir Brunch-Besucher der Gastgeber vor, die diese individualisierten Blumentöpfe kommentierten oder sich, stockend ob des Begutachtens, des Befremdens, des Fremdschämens, eines Kommentars enthielten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie die Brunch-Besucher weder staunten noch sich schämten, sondern sofort in ein Gespräch über individualisierte Blumentöpfe verfielen, stolz von Kreationen auf dem eigenen Balkon berichteten oder sich nach einer Visitenkarte des Blumentöpfe individualisierenden Geschäftes erkundigten. Dazwischen wusste ich keine Antwort auf die Frage nach dem Huhn und dem Ei: War zuerst das Ich und dann die Einsamkeit gewesen oder war es genau andersherum?

Die Angst, nicht mehr Ich zu sein

Wann ist das passiert, dass der Zwang eines Wir – eines großen, gesellschaftsförmlichen; eines frei gewählten wie dem eines Fußballvereins, einer Pfadfinder- oder Tupperwarenparty-Gruppe oder eines den kleinen, natürlichen, verwandtschaftlichen Beziehungen wie einer Familie geschuldeten – so unerträglich wurde, dass das Ich nach Aufmerksamkeit zu schreien begann? Und nicht mehr damit aufhörte und immer lauter und immer breiter wurde und in auf alles gedruckten, in alles geprägten, eingemeißelten, eingravierten Buchstaben seinen Ausdruck suchte? Der Thermobecher mit Eigenbeschreibung („Der frühe Vogel kann mich mal“), die Grillzange mit Namen („Grillmeister Tom“), die Sneaker, die man sich im Onlineshop selbst designt hat („Start with a Color. Start with a material. Start with an Innovation.“) und alles andere auch, eben hin bis zum Blumentopf. Selbstexpression, die sich in jedem Alltagsdetail, in jedem tatsächlichen Gegenstand findet und die durch die persönliche, digitale Vermarktung (mit individuellem Filter fotografiert und mit eigenen Hashtags versehen, um so, perfekt und individuell ausgestattet, in den sozialen Medien präsentiert zu werden) ihre Wahrnehmung außerhalb des eigenen Ichs sichert. Und die Angst, es nicht mehr zu sein oder nicht mehr als solches wahrgenommen zu werden: ein Individuum.

In der Pubertät färbte ich meine Haare ein paar Monate lang grün. Das war, nachdem ich auf die Tür meines Zimmers „Bitte anklop-fen“ gesprüht hatte, das „-fen“ stand vereinsamt in der nächsten Zeile, es hatte nicht in die Türbreite gepasst. Das talentlose Sprühen war ein Versuch, eine Grenze zu ziehen zwischen meine Eltern und alles, was ich in ihnen sehen wollte. Aber das Blau und das Schwarz dieser Worte reichten nicht aus, damit ich mich selbst fühlen konnte, also kam das Grün in den Haaren hinzu, so stellte ich sicher, dass ich auch in der Schule auffiel, unter all den anderen, die wie ich Levi’s 501 und Turnschuhe trugen, und die ich in einem zur selben Zeit verfassten Gedicht als „schwarze Masse“ bezeichnete. Die grünen Haare wuchsen dann raus, wie ich auch aus der Levi’s rauswuchs und aus dem fanatischen Bestreben, mein Ich in Farben, Gedichten und sonstigen Individualisierungsdemonstrationen zu zeigen und vielleicht mehr noch zu fühlen. Man sagt dazu: Ich wurde (langsam) erwachsen. Langsam, es dauerte, und es dauert bis heute noch, dass ich lernte, mich aus dem familiären Wir nicht mehr erheben zu müssen, dass ich Teil dessen sein konnte, was meine Eltern waren, dass ich Stärke aus unseren Verschiedenheiten, Eigenheiten und Fremdheiten zu ziehen begann, anstatt demonstrieren zu müssen, dass ich vor allem eines bin: Ich. Dass ich sie stehen lassen konnte und mich und damit uns alle.

Erwachsene in der Dauerpubertät

In einer Gesellschaft, in der der Selbstausdruck eines Ichs zu einer permanenten Aufgabe, einer undifferenzierten Zurschaustellung, beinahe einem Zwang verkommt, in der das Ich nicht nur präsentiert, sondern optimiert werden muss auf so vielen Ebenen zugleich, geht das Wir automatisch verloren. Da ist keine Mitte, da ist nur die Pubertät. Wer sein Ich laut schreien muss, der hat keine Stimmbänder mehr, um im Wir gemeinsam zu rufen. Wer seine Individualität in sichtbaren Details wie Bekleidung (oder Bekleidung des Kindes, des Hundes, des Telefons) zeigen muss, meint vielleicht, in dem, was er denkt, fühlt, tut, das, was sein inneres Ich bewegt, nicht genügend erkannt zu werden; möglicherweise in einer Gesellschaft, die das Eigendenken zu wenig schätzt. Plakativ zusammengefasst heißt es, dass einem, der seinen Blumentopf individualisieren lässt, möglicherweise auch ganz einfach die Zeit fehlt, sich mit Menschen zusammenzutun, die ähnliche gesellschaftspolitische Ansichten haben – oder eben andere. Auch für das Gespräch, das Streitgespräch, ist zwischen personalisierten Weihnachtskugeln und Schlüsselbund mit Lebensmotto vielleicht kein Raum.

Das mag vereinfacht und überspitzt klingen und ist dennoch Teil der Antwort auf die Frage, warum all diejenigen, die sich in jeder Umfrage gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit aussprechen würden, nicht so laut zu hören sind wie die, die sie gern „die anderen“ nennen, während sie „die Bösen“ meinen. Denn diese Strömungen – die rassistischen, die fremden- und frauenfeindlichen – richten sich nicht zuletzt gegen jede Art von Persönlichkeitsausdruck, der sich in einer anderen Glaubens-, Lebens- oder Weltanschauungsart zeigen könnte. Sie richten sich gegen all die Ichs, die sie nicht kennen und nicht kennenlernen wollen, sie richten sich gegen alles, was anders sein könnte. Und sie haben die perfide Masche perfektioniert, alle, die ihr Ich vielleicht nicht zeigen oder fühlen können oder befürchten, in der Masse der vielen verschiedenen Ichs verloren zu gehen, in einem Wir zu vereinen, das auf Hass und Ausgrenzung basiert. Es gälte, dem ein anderes Wir entgegenzusetzen, eines, das ebenso laut und sichtbar ist, eines, das aus Individuen bestehen dürfte, bei dem kein Austausch notwendig ist: Das Ich wird dem Wir nicht automatisch geopfert. Da würden jetzt viele nicken. Ein Nicken, ein zustimmendes Ja. Und dann verschwindet jeder in seiner eigenen Welt.

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50 Kommentare

  1.   Ragna Eyjadóttir

    I do not see how this is remotely a new developement. Creativity, individualism have almost always been around with a younger generation – sometimes staying as they aged, sometimes changing. Often expressed with music (rock/punk) or art (graffity, stencil art) – fashion (applying ornaments to the clothes hardly is a new thing) – those things become established or forgotten over time.

    From my point of view – there really is no new focus on the Self – vs. a We. The self almost inevitably becomes a we over time. Millenials try to be unique – but as they all try to be unique – they all kind of become very similar. Foodies, Fahionistas, Social network enthusiasts .. they are not individuals. Even people taking deadly selfies in the most idiotic places like cranes, cliffs, moving trains – hanging from high cables or similar – are not unique anymore. It is a trend and they are part of many who try hard to be individuals.

    Past generations were just as smitten with themselves, too. Glam rock bands of the 70s or 80s were probably just as narcisistic – artists like Andy Warhol probably quite smitten with himself, too – in a good and artistic way – but still.

    In a „global“ political way – i do see a sort of neo nationalism arising – mostily out of ignorance and fear. With Brexit and other movements for indepdendence – the „we“ feeling certainly got tainted a little – but thats on a global stage, – the personal stage is – as i wrote – kind of unchanged – its always been so.

  2.   Eresh

    Liberalismus in Selbstdemontage,
    denn wo kein Gemeinsinn, kein Sinn für die Gesellschaft.

    Schöner, nachdenklicher Text!

  3.   wolf de gang

    weil yücel in haft sitzt und trump twittert darf monika mustermann ihren blumentopf nicht bekritzeln?
    und überhaupt, gibt es hier mal einen text, der ohne syrien auskommt?
    wie dem auch sei. dass das individuelle was pubertäres sei, ist mir neu. ich dachte immer, das gegenteil sei der fall: dass man ja schön gleich sein will in der peer group (die grünen haare und besprayten türen hatte sicher die anderen freundinnen auch).
    rites de passage, nach dem übergang wirds individuell. denn dann beginnt das sexuelle spiel, dann will man auffallen. sich abgrenzen.
    aber vllt macht das ja auch das pubertäre aus: dass man es immer bei den anderen wittert

  4.   Johannes_J

    Geborgenheit in der Gruppe und Absetzen von Anderen sind zwei widersprüchliche, aber dennoch notwendige menschliche Bedürfnisse.
    Zu beobachten ist das beim Fußball: Wir sind die Guten, die sind die Blöden.
    Und dafür haut man sich auch gerne mal gegenseitig aufs Maul.
    Wenn man heute attestieren kann, daß die Individualisierung in belanglosen Bereichen stattfindet, beispielsweise Blumentöpfe oder Kaffeetassen bedruckt werden, dann wäre die interessantere Frage, in welchen Bereichen die Individualisierung nicht mehr möglich ist. Wo vielleicht von der Gruppe vorgegeben wird, wie man zu sein hat, wenn man dazugehören möchte.

    „Plakativ zusammengefasst heißt es, dass einem, der seinen Blumentopf individualisieren lässt, möglicherweise auch ganz einfach die Zeit fehlt, sich mit Menschen zusammenzutun, die ähnliche gesellschaftspolitische Ansichten haben – oder eben andere. Auch für das Gespräch, das Streitgespräch, ist zwischen personalisierten Weihnachtskugeln und Schlüsselbund mit Lebensmotto vielleicht kein Raum. “

    Vielleicht heißt es stattdessen, daß andere gesellschaftspolitische Ansichten immer weniger toleriert werden, so daß allein der Blumentopf bleibt, um die eigene Persönlichkeit darzustellen, weil jede von radikal-linker Ideologie abweichende Meinung sozial sanktioniert wird.

  5.   Johannes_J

    „Denn diese Strömungen – die rassistischen, die fremden- und frauenfeindlichen – richten sich nicht zuletzt gegen jede Art von Persönlichkeitsausdruck, der sich in einer anderen Glaubens-, Lebens- oder Weltanschauungsart zeigen könnte.“

    Das entspricht nun überhaupt nicht der Realität. Heute ist es die Linke, die zunehmend autoritärer und totalitärer agiert, zunehmend faschistische Methoden anwendet und abweichende Meinungen nicht mehr zuläßt.
    Den heutigen „Rechten“, die ‚gestern‘, vor dem Linksruck des letzten Jahrzehnts, noch die Mitte stellten, fordern mitnichten völlige Homogenität, sondern erwarten lediglich einen kleinsten gemeinsamen Nenner, der auch von denen eingehalten wird, die ihre Religion vor sich hertragen wie eine Monstranz.

  6.   ThomasKeller

    Da geht es leider wild durcheinander. Das Ich ist die primäre Abgrenzung. Es ist eine Abgrenzungsmaschine es braucht Abgrenzung, um zu existieren und Emotionen und ständige gedankliche Wiederholung, um sich zu festigen. Das ist keine Wertung und eigentlich auch moralisch neutral. Es ist der Ursprung von „Rassismus, Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit“, aber auch von jedem anderen -ismus. Dieses Ich lässt sich auch mit einem Trump-Hass oder mit einer free-Deniz Yücel-Haltung formen. Dazu braucht es keine weiteren Symbole wie Blumentöpfe.

    Aber das „Wir“ wird nicht helfen, weil es auch nur zur Abgrenzung benutzt wird. Wer wirklich das Ich erkennen und verstehen will, muss seine Transparenz durchschauen. Dazu gibt es viele (spirituelle) Wege, aber zum Anfang kann man auch mal bei Thomas Metzinger nachlesen.

  7.   akomado

    Die Diagnose von Lena Gorelik stimmt. Über die Ursachen ließe sich mehr sagen, als sie es tut. Die Gegegensetzung von „bösem“ und „gutem“ Wir finde ich irreführend. Zum einen ist es unsere Art von Wirtschaft und Gesellschaft, die über Jahrzehnte konsequent das Wir-Gefühl (man kann es auch Solidarität nennen) aus uns ausgetrieben und durch ein trügerisches Ich-Gefühl ersetzt hat, nach dem halt jeder seines Glückes Schmied sei und man sich um Not und Elend der anderen nicht zu kümmern habe. Trügerisch deshalb einmal, weil jedes dieser „Ichs“ eben Gefahr läuft, in der Not verlassen zu sein. Zum anderen, weil wir so nichts mehr gemeinsam durchsetzen können, somit gesellschaftlich passiv werden (und damit einen Gutteil unserer angeborenen Geselligkeit unterdrücken). Trügerisch schließlich deshalb, weil viele dieser besonders ichbetonten „Ichs“ in der entfremdeten Welt an dem leiden, was die Psychologie Ich-Schwäche nennt, die sie durch jene vermeintliche „Individualiät“ zu kompensieren trachten, welche die Warenwelt anbietet: das viel zu große und zu teure Auto, den kleinen Palast auf der grünen Wiese, das neueste iPhone mit „individueller“ Hülle oder eben – den „individualisierten“ Blumentopf. Alles Illusionen. Die regelmäßig über kurz oder lang keinen Spaß mehr machen und durch neue ersetzt werden müssen. – Bis jemand erkennt, daß dies alles keinem Menschen nützt, es stattdessen aber Spaß machen kann, zusammen mit den anderen das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und zu verändern, was alle kaputt macht. Wenn wir soweit gekommen sind, wird Pegida vergessen sein.

  8.   zambaqia

    Die Angst, nicht mehr Ich zu sein…. Hat das vielleicht auch irgendetwas mit dem Kapitalismus zu tun, der den Einzelnen mit seinen Begehrlichkeiten, Überzeugungen, Merkmalen so ergründet, dass man alles auf das Individuum zuschneiden kann um ihm die Illusion zu geben, es sei Einzigartig. Und gleichzeitig haben wir eine Standardisierung der Warenangebote: in jeder Stadt dieselben Malls, in jeder mall dieselben Ketten… Meine These: die Gleichförmigkeit der Warenwelt und die Vorgaukelung des Wählen-Könnens (wie bei Starbucks) schaffen erst die Not, in der das Individuum sich zu finden versucht.

  9.   victa

    Es ist ganz einfach: Internationale Solidarität braucht es und Klassenbewusstsein statt Rassenwahn. Schluss mit der nach oben buckelnden und nach unten tretenden, verlogenen bürgerlichen Gesellschaft. Schluss mit der Träumerei von einer besseren Welt durch den allmächtigen Ersatzgott des Marktes. Schluss mit diesem System, aus dem langfristig immer wieder die gleichen Ungeheuerlichkeiten emporsteigen. Freiheit statt Kapitalismus!
    Ziel sollte es sein, ein ausgeglichenes Verhältnis von jedem zwischen dem Ich und dem Wir zu erreichen und jegliches „wir gegen die“ zu überwinden.

  10.   GeWu

    Doch bisschen arg prätentiöser Schreibstil – könnte man auch etwas weniger pseudointellektuell schreiben und trotzdem den Kerngedanken des Themas treffen.