Norbert Niemann

Unsere Leitkultur heißt Bauchgefühl

Populisten geben primitive Antworten auf komplexe Fragen. Wenn sich weltweit – auch in Deutschland – so viele Menschen von ihnen angesprochen fühlen, müssen wir dringend unsere Kommunikationsformen ändern.

© Andreas Rentz/Getty Images

Die Populisten, ach – wir haben uns doch inzwischen schon fast an sie gewöhnt. Ihre Peinlichkeiten, Entgleisungen, irren Ansichten sind Alltag. Sie beginnen uns zu langweilen. Zumindest sind wir uns einig, wie am besten mit ihnen umzugehen ist: Wir machen uns über sie lustig. Einerseits erregen wir uns zwar weiterhin und vollkommen zu Recht über ihre Forderungen, ihre Vorhaben und – wo sie an der Macht sind – ihre Entscheidungen. Andererseits – was für Idioten! Donald Trump ist natürlich ihr Obertrottel. Längst gibt es ganze Witze-Seiten über ihn im Netz. Weiter„Unsere Leitkultur heißt Bauchgefühl“

Norbert Niemann

Feindschaft als letzte Freiheit

Recht hat, wer Erfolg hat. Gut ist, was laut ist. Die Werte unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens werden gerade zerstört. Wir schauen seelenruhig zu.

Populismus: Feindschaft als letzte Freiheit
© Riccardo Botta//EyeEm

Seit geraumer Zeit befinden wir uns in einer Phase enormer Zuspitzungen. Überall und ständig verhärten sich die Fronten. Als wären wir in eine Beschleunigungsspirale geraten, wird der Ton beinahe täglich schärfer. Positionen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Man will einander nicht mehr zuhören, geschweige denn aufeinander eingehen. Reizwörter reichen, um dem Gegner das Wort abzuschneiden, während Einigkeit herrscht unter Gleichgesinnten. Sie befeuern einander mit den technischen Hilfsmitteln sogenannter Schwarmintelligenz. Im Übrigen schafft man Fakten, der Rede vom postfaktischen Zeitalter zum Trotz. Weiter„Feindschaft als letzte Freiheit“

Norbert Niemann

Mischt euch ein!

Die Oscarnacht kann eine Bühne für politische Statements werden. Das sollte sie auch. Künstler tragen die Verantwortung, der Gesellschaft Impulse zu geben.

Erst die Dankesrede, dann ein politisches Statement
Meryl Streep bei der Verleihung der Golden Globes © Paul Drinkwater/NBC Universal/Getty Images

Bei der diesjährigen Oscarverleihung geht es nicht nur um die Vergabe der Preise. Mit Spannung erwartet wird auch der Moment, wenn die Prämierten ans Mikrofon treten. Geben sie, neben den Dankesworten, auch ein politisches Statement ab? Sollten sie das überhaupt? Die Frage, ob Künstler sich ins politische Tagesgeschäft einmischen sollten, wird seit jeher diskutiert. Tragen sie gar die Verantwortung dafür? Wir haben diese Frage dem Schriftsteller Norbert Niemann und der Schriftstellerin Lucy Fricke gestellt, die sie in einem Pro und Kontra diskutieren.

 

Öffentliche politische Stellungnahmen in der Form, wie sie nicht erst heute, sondern seit Jahrzehnten immer mehr gängige Praxis geworden sind, bereiten mir schon lange Unbehagen. Vor bald zwanzig Jahren fing ich an, diese Praxis – gleichfalls öffentlich – zu kritisieren. Es ging mir dabei allerdings nie darum, die Rolle der Schriftsteller und Künstler als öffentliche Intellektuelle grundsätzlich infrage zu stellen. Im Gegenteil wollte ich stets ihre nach meiner Überzeugung essenzielle Bedeutung für jede offene Gesellschaft verteidigen. Denn meine Kritik zielte gerade auf jene Mechanismen und Automatismen der politischen Meinungsbildung und des Verhaltens, die das öffentliche Argumentieren, nicht zuletzt auch das selbstkritische Nachdenken, zugunsten einer Anstiftung zur rein emotionalen Solidarisierung mit bestimmten Positionen – und seien sie noch so richtig und begrüßenswert – an den Rand drängten. Weiter„Mischt euch ein!“

Norbert Niemann

Du bist Fake-News

Politik, die bewusst mit falschen Tatsachen argumentiert, bedroht die Existenz jedes Einzelnen von uns: Wir werden weggewischt wie eine Falschmeldung von gestern.

© Annie Spratt/unsplash.com (https://unsplash.com/@anniespratt)

Um es vorweg zu sagen: Ich habe keine Erklärung parat für das, was mich – wie so viele andere Menschen auch – derzeit beinahe täglich in Fassungslosigkeit stürzt. Ich vertrete auch keine Meinung, die man liken oder disliken könnte. Kaum eine Nachrichtensendung, bei der mir nicht plötzlich das Realitätsbild verrutscht und ich mich frage: Bin ich in irgendeiner dystopischen Kinofantasie gelandet? Was machen die da? Wie reden die? Was für eine Wirklichkeit wird da durch Worte und Bilder geschaffen? Wie konnte es so weit kommen? Weiter„Du bist Fake-News“