Viktor Martinowitsch

Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!

Um Proteste zu verhindern, sind in Belarus Verleger, Journalisten und Aktivisten „präventiv“ festgenommen worden. So schlimm war es seit den dreißiger Jahren nicht mehr.

Polizisten vor der Demonstration in Minsk am 24. März (© Vasily Fedosenko/Reuters)

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Die in Belarus per Präsidialdekret Nr. 3 eingeführte Arbeitslosensteuer hat seit Mitte Februar in Minsk und anderen Großstädten in Belarus viele Menschen auf die Straße getrieben. Zunächst forderten sie die Rücknahme der Strafen für „Parasiten“ (als „Parasit“ gilt, wer nicht bereit ist, für den Monatslohn von 100 Dollar zu arbeiten, der vom Arbeitsamt für freie Stellen in Aussicht gestellt wird). Nikalai Statkewitsch, Ex-Präsidentschaftskandidat, hat die Regierung aufgefordert, das Dekret bis zum 25. März zurückzunehmen. Für den 25. März, den Unabhängigkeitstag, wurde eine Großdemonstration angekündigt. Weiter„Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!“

Viktor Martinowitsch

Du sollst nicht duckmäusern

Osteuropa war ein Imperium der Feigheit. Der Schriftsteller Michail Bulgakow hat das Aufbegehren dagegen gelehrt. Nun erlebt man in Belarus das Aufblühen des Mutes.

© Maxim Malinovsky/AFP/Getty Images

Meine erste Begegnung mit Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita hatte ich Anfang der Neunziger, als mein Vater einen Samisdat-Matrizenabzug mit blassen Buchstaben und improvisiertem Wachstucheinband mit nach Hause brachte. Schon auf den ersten Seiten, auf denen zwei sowjetische Schriftsteller, die an Patriarchenteichen Aprikosenlimonade trinken, dem als Ausländer verkleideten Satan einreden wollen, er existiere in Wirklichkeit gar nicht, war mir klar, dass dieser Text mit großer Vorsicht zu genießen ist. Weiter„Du sollst nicht duckmäusern“

Viktor Martinowitsch

Wer schmarotzt, zahlt Strafe

Der Staat unterstützt Bedürftige. Nicht so in Belarus. Die „Parasitensteuer“ verpflichtet Arbeitslose jetzt, extra Abgaben zu zahlen. Ein Rückfall in finstere Zeiten

Straßenverkäuferin in Zhytkavichy, Belarus © Viktor Drachev/AFP/Getty Images

Am 13. Januar 1964 wurde der Schriftsteller Joseph Brodsky wegen Parasitentums verhaftet. Nach dreiwöchiger psychiatrischer Begutachtung wurde er zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt und mit mehreren Schwerverbrechern in eine Strafkolonie überführt. 1991, in den letzten Monaten der UdSSR, löste das Gesetz „Über den Beschäftigungsstand der Bevölkerung“ den sowjetischen Parasiten-Ukas ab und legalisierte den Arbeitslosenstatus. Weiter„Wer schmarotzt, zahlt Strafe“

Viktor Martinowitsch

Crashkurs in totalitärer Linguistik

Der Westen unterstellt gern, Wahlen in Osteuropa würden undemokratisch ablaufen. Das ist natürlich Unsinn. Man meint nur etwas anderes, wenn man von Demokratie spricht.

© STR/Getty Images
© STR/Getty Images

Im belarussischen Parlament wurden zum ersten Mal seit zwölf Jahren zwei Oppositionelle gesichtet. Trotzdem entsprach die Parlamentswahl nach Einschätzung des OSZE-Büros für Demokratische Institutionen und Menschenrechte nicht den internationalen Standards. Vorausgegangen waren komplizierte Hintergrundgespräche. Nun fühlen sich beide Seiten an der Nase herumgeführt und zeigen sich verärgert: sowohl diejenigen, die angeordnet haben, die Opposition ins Parlament zu lassen und denen jetzt die Anerkennung aus Europa verweigert wird, als auch diejenigen, die einen ehrlichen Wettstreit erwartet hatten und denen die Verkündung der Ergebnisse nun sauer aufstößt. Weiter„Crashkurs in totalitärer Linguistik“

Viktor Martinowitsch

Am Ende siegt immer das Böse

Blutrünstigkeit und Machthunger führen zum Erfolg. Diese Moral von Game of Thrones mag man verwerflich finden. Postsowjetische Politik bildet sie erschreckend genau ab.

"Game of Thrones": Am Ende siegt immer das Böse
© Helen Sloan/HBO

Der russische Philosoph und Altphilologe Alexej Lossew erklärte in seiner Geschichte der antiken Ästhetik, die Kluft zwischen der Welt schöngeistiger Fiktion und der realen Welt sei zur Entstehungszeit der Ilias nicht besonders groß gewesen, falls sie überhaupt bestanden habe. Die Belagerung Trojas, die Verführung und Einschläferung des Zeus durch Hera – all dies wird uns vom Autor (oder den Autoren) als tatsächliches Ereignis dargestellt, da man die Fiktion, das zentrale Attribut der schöngeistigen Literatur, im 8. Jahrhundert vor Christus noch nicht kannte. Weiter„Am Ende siegt immer das Böse“

Viktor Martinowitsch

Er nun wieder

Unter Putin gelangt Stalin zu immer neuen Ehren. Vorbehaltlos wird er sogar im Museum gefeiert. Warum verschreibt das heutige Russland sich wieder diesem Mann?

© Alexander Aksakov/Getty Images
© Alexander Aksakov/Getty Images

Im Dezember 2015 eröffnete im russischen Pensa ein Stalinzentrum. Das Zentrum sollte, so die frappierende Erklärung der Gründer, „Praktiken aus der Stalinzeit popularisieren und aktualisieren, die heute noch aktuell sind“. Bereits im September 2015 wurde in der Siedlung Schelanger (Republik Mari El) ein überlebensgroßes Stalinstandbild enthüllt. Russische Kommunisten erklärten, das Interesse an der Person des ambivalenten Herrschers habe seit dem Rückgang der Industrieproduktion und der Verhängung der westlichen Sanktionen zugenommen. Weiter„Er nun wieder“

Viktor Martinowitsch

Der Harnisch der Gerechtigkeit

Sein Leben bestand daraus, auf den tödlichen Schuss zu warten. In welchem Krieg er sich befand, war gleichgültig geworden. Der fiktive Monolog eines Scharfschützen

© Yannis Behrakis/Reuters
© Yannis Behrakis/Reuters

Im Saal steht, vor einer Reihe mit Rüstungen, ein Tisch. Daran sitzt ein Mann in Tarnfleck mit Rucksack. Der Mann schaut sich eine Weile aufmerksam im Raum um, dann holt er eine Flasche Wodka und zwei geschliffene Gläser aus dem Rucksack. Weiter„Der Harnisch der Gerechtigkeit“