272 Tage nach ersten Hinweisen auf einen Wett- und Schiedsrichter-Skandal im deutschen Fußball stehen die vermeintlichen Haupttäter vor Gericht. Im Saal 500 des Berliner Landgerichts kommt es dabei im spektakulärsten Fußball-Prozess seit über 30 Jahren zum ersten Aufeinandertreffen des geständigen Schiedsrichters Robert Hoyzer mit seinen Auftragebern aus der kroatischen Wettmafia. Neben dem Berliner Ex-Referee sowie den Brüdern Ante, Filip und Milan Sapina sind in dem am Dienstag beginnenden Verhandlungsmarathon Schiedsrichter Dominik Marks und Ex-Profi Steffen Karl wegen "gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs" angeklagt und müssen bei einem Schuldspruch mit Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren rechnen.

"Es ist ein seltsames Gefühl, sie wiederzusehen. Ich habe denen eingeschenkt, die können ja das Gleiche tun", erklärte Hoyzer einen Tag vor dem Auftakt der Hauptverhandlung vor der 12. Großen Strafkammer dem "Tagesspiegel" (Montagausgabe). Hoyzer ist nicht nur Beschuldigter, sondern auf Grund der Geständnisse gegenüber der 40- köpfigen Sonderermittlungsgruppe "Fußball" bei der Berliner Staatsanwaltschaft auch Kronzeuge in dem Prozess. "Die Anklageschrift fußt zu größten Teilen auf Aussagen meines Mandanten", bekannte der Essener Anwalt Thomas Hermes, der wegen der Kooperation Hoyzers mit den Ermittlungsbehörden darauf hofft, dass sein Mandant mit einer zweijährige Bewährungsstrafe davon kommt.

Am Dienstag werden unter Leitung der Vorsitzenden Richterin Gerti Kramer nach Aufnahme aller Personalien der sechs Beschuldigten 32 Seiten der insgesamt 289-seitigen Anklageschrift verlesen. Danach dürfen sich die Angeklagten bereits zu den Anschuldigungen äußern, so dass schon zum Auftakt zumindest das Statement von Hoyzer erwartet werden darf. Der 26-Jährige wird weiterhin die Strategie verfolgen, durch Aufdeckung aller Details ein mildes Urteil zu erwirken. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der durch den Skandal schweren Schaden erlitt, hat Hoyzer auf Lebenszeit gesperrt.

"Ich habe sehr lange gebraucht, bis mir vieles klar war", sagte Hoyzer, der sich in den zurückliegenden Monaten vom arrogant wirkenden Karriere-Typ zum reuigen Sünder gewandelt hat. Erst sehr spät sei ihm die ganze Dimension seiner Verfehlungen bewusst geworden: "Der Ballast wird vielleicht nie ganz abfallen". Durch seine Manipulationen in ihm vorgeworfenen neun Fällen - darunter das verschobene DFB-Pokalspiel SC Paderborn gegen Hamburger SV (4:2) - hatte Hoyzer letztlich sein gesamtes berufliches und privates Leben zerstört: Jetzt lebt er von Arbeitslosengeld II.

Der DFB erwartet vom Prozess eine Bestätigung der eigenen Ermittlungen und Sportgerichts-Urteile. "Ich gehe davon aus, dass wir mit den Ergebnissen unserer Ermittlungen im DFB, die im April abgeschlossen wurden, richtig liegen", erklärte der Geschäftsführende Präsident Theo Zwanziger, der persönlich nicht in Berlin sein wird. Wenn es die eine oder andere neue Erkenntnis gebe, werde man über Konsequenzen beraten. Die Wertungen für die vergangene Saison aber blieben auf jeden Fall unangetastet. Der DFB hatte lediglich zwei Spiele neu angesetzt, die von Hoyzer und Marks geleitet worden waren.

Einzig der "Navigator" des Wettskandals, der Kroate Ante Sapina (29), sitzt wegen der schweren Anschuldigungen und des Verdachts auf Fluchtgefahr weiter in Untersuchungshaft und wird auf unterirdischen Wegen vom Haftgefängnis in Moabit in den Verhandlungssaal geführt. Wie sein Bruder Milan und Steffen Karl hat auch der Hauptdrahtzieher der Affäre, der durch die Betrügereien zwischen dem 10. April und dem 3. Dezember 2004 rund zwei Millionen Euro an Wett-Erlösen erzielt haben soll, Teilgeständnisse abgelegt. Alle anderen Beschuldigten hatten nach wenigen Tagen in Untersuchungshaft Haftverschonung erhalten, da kein Verdacht auf Verdunklungs- oder Fluchtgefahr mehr bestand. Hoyzer muss sich drei Mal wöchentlich bei der Polizei vorstellen.

Durch Hoyzers Aussagen vor Gericht könnten noch weitere Spieler und Trainer belastet werden. Bisher geht man davon aus, dass es bei insgesamt 23 Spielen Manipulationen oder Betrugsversuche gegeben hat. Wie ein Gerichtssprecher bestätigte, werde gegenwärtig noch gegen 19 Beschuldigte weiter ermittelt, darunter mehrere Zweitliga-Profis. Sie müssen sich unter Umständen auf Folgeprozesse einstellen.