Fussballgeschichte
Das Auge stolpert
Immer mehr "Stolpersteine" erinnern an die Ermordung jüdischer Mitbürger während der Nazizeit. Mit dem Hamburger SV gedenkt erstmals ein Bundesligist auf diese Weise seiner getöteten Spieler. Aber nicht jeder Klub hält das für eine gute Idee
Julius Hirsch und Gottfried Fuchs waren Stars. Das kongeniale Stürmerduo hat 1910 den Karlsruher FV zur Deutschen Fußballmeisterschaft geschossen. Auch in der Nationalmannschaft sorgten die beiden für viel Furore: Legendär die zehn Tore von Fuchs beim 16:0 gegen Russland während der Olympischen Spiele 1912, unvergessen auch das 5:5 in den Niederlanden im selben Jahr. Vier Tore markierte dabei Hirsch, das fünfte Fuchs. Das Spiel in Zwolle galt lange Jahre als das beste der Nationalmannschaft. Noch 29 Jahre später schwärmte das "Kicker Jahrbuch" von dieser Partie: "Der Halblinke ließ wieder das Feuerwerk seiner Schießkunst steigen." Das war Julius Hirsch, dessen Name aber im ganzen Text nicht erwähnt wird.
Stürmerstar Hirsch wird in Auschwitz getötet
Sein Verhängnis war, dass er Jude war, in Deutschland, im Jahr 1941. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Nazis längst veranlasst, die Juden aus den Fußballannalen zu streichen. In der Nationalmannschaft gab es zwei: Juller Hirsch und Gottfried Fuchs. Doch deren Unterdrückung begann schon früher. Am 10. April 1933 las Hirsch in der Zeitung, dass die süddeutschen Spitzenklubs beschlossen hatten, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen. Um der Schmach zuvorzukommen, kündigte er von sich aus nach 31 Jahren die Mitgliedschaft bei seinem KFV. Besonders hat er darunter gelitten, dass Menschen, die ihm vorher zugejubelt hatten, Fans, die ihm früher auf dem Bürgersteig zu seinem letzten Tor gratuliert hatten, nun die Straßenseite wechselten. Er durfte nicht einmal mehr als Besucher das Fußballstadion betreten. Aus Liebe zu seinem Sport ging er weiterhin zu den Spielen, aber nur, weil ein alter Kontrolleur ihn durch einen Hintereingang schleuste. Ab 1941 versteckte er den Judenstern hinter einer Aktentasche. Sein Sturmpartner Gottfried Fuchs war da schon längst ins Ausland nach Kanada geflüchtet.
Julius Hirsch jedoch ging den Weg, den Millionen europäischer Juden damals gingen. Im Februar 1943 kommt die Aufforderung, sich zum Transport für einen "Arbeitseinsatz" einzufinden. Selbst als darauf ein befreundeter Postfahrer ihm zur Flucht verhelfen will, lehnt Hirsch ab. Er will noch immer nicht glauben, dass seine deutschen Landsleute ihm noch schlimmer zusetzen könnten. Immerhin ist sein Bruder Leopold im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen. Am 1. März wird er von Karlsruhe nach Auschwitz deportiert. Zwei Tage später schreibt er eine Geburtstagskarte an seine Tochter; das ist sein letztes Lebenszeichen. 1950 erklärt ihn das Amtsgericht Karlsruhe für tot.
Der KFV hat kürzlich Insolvenz angemeldet und ist derzeit in Auflösung begriffen. Vor dem maroden Stadion an der Hertzstraße ehrt noch eine Bronzetafel die "Fürs Vaterland gefallenen Helden in treuem Gedenken". Auch Leopold Hirsch wird erwähnt. Aber für dessen Bruder Julius, neben Gottfried Fuchs der größte Spieler, den der kleine Fußballverein jemals hervorgebracht hat, hielt man keine Erinnerung für nötig.
Das wollen Hirschs Enkel jetzt nachholen. Eine kleine Messingplatte soll in der Kronenstraße 62 daran erinnern, dass ihr Großvater aus diesem Haus heraus deportiert worden ist. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt seit einigen Jahren diese so genannten "Stolpersteine" in ganz Deutschland. Das Auge soll über die handtellergroße Plakette stolpern, die ebenerdig im Bürgersteig eingelassen wird und die Aufschrift trägt: "Hier wohnte Julius Hirsch, Jg. 1892, deportiert 1943 nach Auschwitz, ermordet in Auschwitz".
"Stoplersteine" erinnern an die Deportierung
Nicht nur prominente Fußballer wie Fuchs und Hirsch wurden Opfer der Nazis. Auch Tausende von Hobbyspielern, die unter dem Dach des DFB kickten, wurden ermordet. Erst jetzt, 60 Jahre nach Ende des braunen Terrors, stellt sich der DFB seiner Geschichte. Im September präsentierte er in Berlin eine unabhängige Studie, in der die Rolle des Verbandes im Dritten Reich erforscht wird. Außerdem hat der DFB verkündet, dass er ab sofort jährlich einen Julius-Hirsch-Preis für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Diskriminierung stiften wird, der mit 20.000 Euro dotiert ist.
Der erste Preisträger soll Bayern München werden, weil der Verein im Juli dieses Jahres ein Match of Peace zwischen seinem U17- Team und einer israelisch-palästinensischen Jugendauswahl ausgetragen hat. "Der FC Bayern München", so die Begründung des DFB, "hat mit dieser Begegnung ein weithin deutliches Zeichen für Frieden und Völkerverständigung gesetzt und damit eine soziale Tradition ohnegleichen fortgesetzt. Damit schließt sich ein Kreis. In kaum einem anderen unserer Vereine haben sich die Fußballer so lange den Vereinnahmungsversuchen der NSDAPMitglieder widersetzt wie beim FC Bayern. Noch im Jahr 1940 zog der Verein den Zorn der Nazis auf sich, als die Mannschaft geschlossen ihrem ehemaligen jüdischen Vorsitzenden Kurt Landauer, der in die Schweiz emigrieren musste, einen Besuch abstattete."
Kurt Landauers Bruder Leo, der ebenfalls Mitglied der Bayern war, wurde nach Majdanek deportiert und dort ermordet. Und der ehemaligen Jugendleiter Otto Beer ist in Kaunas ermordet worden. Auf die Anfrage, ob der Rekordmeister Stolpersteine für diese beiden jüdischen Vereinsmitglieder verlegen lassen wolle, antwortete Markus Hörwick: "Wir möchten an dieser Geschichte nicht teilnehmen." Die Begründung des Pressesprechers: "Wir kriegen so viele Anfragen zu Dingen, die wir tun könnten, wir konzentrieren uns auf unsere Hauptaufgaben."
Dass man auch offensiv mit seiner Vergangenheit umgehen kann, beweist der Hamburger SV. "Als wir gehört haben, dass ehemalige HSV-Mitglieder für solche Stolpersteine in Frage kommen, haben wir ohne zu überlegen gesagt: Klar, da machen wir mit", so Christian Reichert, dritter Vorsitzender des Vereins. "Selbstverständlich blenden wir die dunklen Kapitel unserer Vereinsgeschichte nicht aus." In diesem Monat lässt der HSV für zwei langjährige Mitglieder Stolpersteine verlegen. Trotz seiner Hauptaufgaben.
Infos unter www.stolpersteine.com
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Die Stolperstein-Aktion ist eine gute Initiative, um jehnseits der großen Gedenkstätten den Opfern des Nationalsozialsimus zu gedenken. Durch die Verteilung der Stolpersteine über das Stadtgebiet wird gerade eines der bizarrsten und unverständlichsten Aspekte an den Verbrechen deutlich - das die Opfer ein Teil der Gesellschaft waren die sich gegen sie wandte - ein in allen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffender Teil der Gesellschaft, keine Randgruppe.
Anders jedoch als im Artikel dargestellt handelt es sich jedoch bei der Stolperstein Aktion nicht um eine Initiative zum Gedenken an die Opfer des Holocaust, sondern an alle Opfer des Nationalsozialismus. (Siehe auch: www.stolpersteine.com/ oder: www.freundschaften-hambur...)
Einen Mord zu gewichten, und sei es dadurch, daß nur den Opfern des Völkermords oder des Holocaustes durch Stolpersteine gedacht würde wäre meiner Ansicht nach moralisch auch nicht zu vertreten. Jedes Opfer hat das Recht gleich gedacht zu werden, ob es nun zum Opfer durch köperliche Unterschiede, politische Gesinnung, sexueller Orientierung sowie kultureller oder religiöser Andersartigkeit geworden ist.
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