WM-Stimmung
"Fußball ohne Bier ist wie Tennis"
Fans haben im Stadion ihre eigenen Riten und Verhaltensweisen. Für Außenstehende ist die Welt rund um den Rasen schwer zu verstehen. Clara Ott beleuchtet dieses Phänomen
Ich habe Ewigkeiten nach einer Erklärung gefahndet, warum Männer kein Fußballspiel - sei es in der ollen Premiere-Kneipe, mit Kumpels zuhause oder als Hardcore-Fans im Stadion - ohne Bier überstehen. 90 Minuten plus die jeweils 30 Minuten Diskussionszeit vor und nach dem Spiel können ohne aktuelles Saisontrikot, ohne einen die angespannten Schultern wärmenden Mannschaftsschal oder sogar ohne Essen im Magen bestritten werden. Aber nicht ohne Bier, bist Du denn verrückt? Unglaublich, dieses untrennbare Band zwischen Fan und alkoholischem Kaltgetränk. Heute endlich bekam mein naives und laienhaftes Fußballfrauenherz die langersehnte Antwort: "Fußball ohne Bier ist wie Tennis!" Im ersten Moment eine verwirrende Lösung, die mir aber erläutern sollte: Tennis ist ein ganz schrecklich langweiliger und öder Sport, der fast nicht mal die Bezeichnung "Sport" verdient. Richtig harte Kerle stehen auf brutalen Fußball mit gestreckten Beinen, fiesen Stürmer- und taktischen Fouls sowie ganz viel Ellenbogeneinsatz. Wenn weißgekleidete Männer stilvoll ihre Vorder- und Rückhand bemühen, um einen Matchball zu gewinnen, lässt sich dazu vielleicht ein Glas Cola Light genießen. Aber beim Fußball trinken Männer eben Wasser mit Malz, Gerste oder Hopfen, gern aus Halbliterbechern oder direkt aus der Flasche. Abgesehen davon, dass man Tennisregelen leichter nüchtern als angetrunken versteht, nimmt das Bier auch die letzten Hemmungen, wenn es um die anderen untrennbaren Nebenaktivitäten beim Fußballschauen geht: Schreien, Schimpfen und gegenseitiges Schulterklopfen.
Ja, ich als Fußballfan-Freundin lerne immer gern dazu, gerade wenn es um uns als Fußballdeutschland geht, das bald "Freunde aus aller Welt zu Gast" haben wird. Sehr stolz bin ich darauf, dass ich mir innerhalb der angelaufenen Bundesligasaison antrainierte, meine Verabredungen mit Freundinnen auf den Samstagnachmittag zu schieben. Keine genervte Reaktion auf die liebevoll gestellte Frage "Wollen wir am Samstag was zusammen unternehmen, Liebling?" mehr, denn im virtuellen Terminplan im Kopf ist ein dickes Bundesligakreuz eingetragen. Und auch unter der Woche bin ich dienstags, mittwochs oder donnerstags erstaunlich oft solo verplant, wenn es UI, UEFA oder CL heißt. Letztes Wochenende passierte es sogar, dass ich beim Putzen die Bundesligakonferenz im Radio hörte. Da war jedoch höllische Konzentration angesagt, weil so schnell zwischen den Spielen gewechselt wird, dass ich am Ende nur noch Geschrei hörte, aber keine Zwischenstände mehr im Kopf behielt. Wenigstens begriff ich nach einer Weile, dass die Frauenstimme dem Bayernspiel galt. Und manchmal erwische ich mich dabei, wie ich mir zuerst aus reiner Höflichkeit Regeln oder Fifa-Vorgehensweisen erklären lasse, die mich aber dann erstaunlicherweise nachhaltig beschäftigen. Morgens um halb sieben klingt es halt doch recht dröge, wenn jemand den Satz: "Bald ist endlich die Gruppenphase zuende und dann stoßen die Teams aus der Champions-League dazu!" von sich gibt. Häh, wie, dazustoßen? Sind die etwa noch nicht dabei? Aber die Fußballwelt ist groß und umfangreich und auch mir als Laien ist klar, dass es viele Länder mit vielen Teams gibt, die auch zwischen den Europa- und Weltmeisterschaften beweisen wollen, wer die Besten sind. Deswegen wurden diese ganzen Ligen ins Leben gerufen.
Und "wir" sind ja auch ganz oben mit dabei. Also, unsere Jungs vom Hamburger Sportverein! Ich bin zwar keine gebürtige Hamburgerin, aber Daniel van Buyten und Raffael van der Vaart sind es schließlich ebenso wenig. In dieser Saison war ich schon zweimal im Stadion und habe mich nach der Niederlage gegen Wolfsburg mit dem "Bayernbezwinger-Freibier" betrunken. Warum? Erstens war es gratis. Und zweitens dachte ich, als Frau würde man sich biertrinkend nicht mehr so fremd in der Männermenschenmenge fühlen. War aber leider nicht so, denn ich hatte trotzdem das Gefühl, irgendwie nicht richtig dazuzugehören. Seit heute weiß ich nun, woran das eigentlich lag. Denn ich hätte eben schon vor dem Spiel anfangen sollen, Bier zu trinken. Anstatt 90 Minuten lang nüchtern dem Spielverlauf zu folgen - mit Cola light.
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- Quelle © ZEIT ONLINE, 7.11.2005
- Kommentare 1
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sie hat recht sie hätte früher anfangen sollen zu trinken.
ABER..das bier in der AOL-Arena ist akoholfrei !
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