Nationalelf Mittel gegen das "Werder-Syndrom" benötigt
Klinsmann überprüft den Leistungsstand seiner Nationalspieler am vergangenen Wochenende und sucht nach der passenden Formation für das Länderspiel gegen Frankreich. Eine Vorschau von Christian Helms
Den zwölften Spieltag der Fußball-Bundesliga erlebte Jürgen Klinsmann ausnahmsweise nicht im heimischen Wohnzimmer. Der Bundestrainer folgte der freundlichen Einladung der beiden Task-Force-Mitglieder Uli Hoeneß und Klaus Allofs und nutzte die seltene Gelegenheit, in der Münchener Allianz-Arena gleich acht aktuelle Nationalspieler in Augenschein zu nehmen. Zu wichtig ist das anstehende Länderspiel in Paris, als dass der Schwabe durch neuerliches Rumtanzen in Kalifornien (Zitat Uli Hoeneß) den gerade erst geschlossenen Burgfrieden von Frankfurt auf die Probe stellen wollte.
Der Vergleich mit der französischen Auswahlmannschaft wird das Stimmungsbild im vorweltmeisterschaftlichen Deutschland lange prägen; erst im März bekommt das deutsche Kollektiv seine nächste Chance, die dürftigen Darbietungen der jüngeren Vergangenheit vergessen zu machen. So reiste Klinsmann am Sonntag weiter nach Mönchengladbach, um dort mit Marcell Jansen und Oliver Neuville zwei weitere Kandidaten zu begutachten.
Und Klinsmann Dienstreise war unterhaltsam, allein die erste Hälfte des Spitzenspiels zwischen dem FC Bayern und dem SV Werder wog die Unannehmlichkeiten seiner Transatlantikreise gänzlich auf. Doch welche Konsequenzen ergeben sich für die Startelf von Saint-Denis? Welche taktischen Überlegungen sind gegen das Team von Raymond Domenech sinnvoll? Einige Positionen im vom systemkonservativen Klinsmann favorisierten 4-4-2 besetzen sich dabei fast von selbst: An Miroslav Klose führt nicht nur wegen seiner zwölf Saisontore kein Weg vorbei, physisch wie balltechnisch ist der Bremer der stärkste deutsche Angreifer. An seiner Seite dürfte Kevin Kuranyi zuletzt sowohl im Champions League-Spiel gegen Fenerbahce Istanbul wie auch gegen den MSV Duisburg Schütze des Führungstreffers den Vorzug gegenüber Lukas Podolski erhalten. Podolskis Einsatz hätte nach der bislang komplett enttäuschenden Saison mit dem 1. FC Köln eher therapeutischen Wert.
Kapitän Michael Ballack ist im Mittelfeld gesetzt, auch Sebastian Deisler, Torsten Frings und Bastian Schweinsteiger hinterließen am Wochenende einen guten Eindruck. Zudem drängen sich mit Tim Borowski von Werder Bremen ("Ich will mich auch für Deutschland reinhauen.") und Fabian Ernst von Schalke 04, hochkarätige Alternativen auf, mit denen die deutsche Elf eine respektable Vielfalt an offensiven wie defensiven Kombinationsmöglichkeiten vorweist.
Beim Torwart halten Klinsmann, Löw und Köpke auch im fünftletzten Spiel vor WM-Beginn am Rotationsprinzip fest. Gegen David Trezeguet, der am Mittwoch im Delle Alpi gegen die Bayern schon so eindrucksvoll demonstrierte, wie flüssig man Ballannahme und Abschluss zu einem einzigen Bewegungsablauf verbinden kann, darf Jens Lehmann wieder sein Glück versuchen. Das Argument, ein Keeper müsse sich mit seinen Vorderleuten einspielen, findet weiterhin kein Gehör und kann höchstens mit dem perfiden Hinweis, dass zu diesem Zeitpunkt schließlich auch noch niemand wisse, welche deutsche Abwehr im Juni 2006 auflaufen wird, gekontert werden.
Die Nationalelf insgesamt krankt am "Werder-Syndrom": Sie ist in der Lage, eigene Treffer zu erzielen, nur kassiert sie eben im Gegenzug auch zu viele. Die Infusion einer weiteren Dosis Patrick Owomoyela erscheint daher weniger sinnvoll als die klassische Behandlung mit Arne Friedrich. Der deutschen Viererkette Stabilität zu verleihen, sollte Priorität genießen. Der Berliner Friedrich spielt zwar ebenfalls noch keine herausragende Saison und ist Owomoyela in technischer Hinsicht leicht unterlegen, doch denkt und handelt Friedrich eben häufiger wie ein echter Rechtsverteidiger. Auf der anderen Seite das gleiche Problem: Bastian Schweinsteiger hat im ersten Spielabschnitt gegen den SV Werder das Offensivspiel der Münchener auf der linken Seite wieder unermüdlich mit Flanken, Dribblings und Distanzschüssen unterstützt sobald er jedoch Zweikämpfe führen musste, traten seine Schwächen auf dieser Position deutlich zu Tage. Kurzfristig spricht also vieles für Marcell Jansen, mittelfristig bleibt die Hoffnung auf Philipp Lahms Comeback.
Im Zentrum haben Per Mertesacker und Christoph Metzelder beste Karten, wie schon gegen die Chinesen, von Beginn an zu verteidigen. Aber: Robert Huth nicht wenigstens eine Halbzeit, wie schon gegen die Chinesen praktiziert, spielen zu lassen, könnte wiederum Christian Wörns verärgern, der ja mit dem expliziten Hinweis auf den jungen, oft etwas ungelenken Chelsea-Akteur nicht eingeladen wurde. Dass Huth in London momentan ähnlich weit von einem Stammplatz entfernt ist wie sein Chef José Mourinho von einem bescheidenen Wesen, schwächt seine WM-Perspektiven ohnehin weiter. Seinen letzten Einsatz im Verein hatte er beim Aus im Liga-Pokal gegen Charlton Athletic, als er nicht nur das einzige Gegentor in der regulären Spielzeit verschuldete, sondern am Ende auch noch den entscheidenden Strafstoß verschoss.
Bei allen Spekulationen - der nach dem schleppenden Auftakt in die WM- Qualifikation wieder ins Nationalteam zurückgekehrte Zinedine Zidane wird der "Equipe Tricolore" am Wochenende wegen einer Adduktoren- Verletzung nicht zur Verfügung stehen. Und noch ein Detail steht bereits jetzt fest: Dietmar Hamanns mittlerweile fünf Jahre alten Freistoßtreffer im Wembleystadion wird das ZDF uns mit Sicherheit wieder zeigen...
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