Idol Der kleine Mann
Warum Diego Maradona in Italien wieder der Star der einfachen Leute ist
Nach 14 Jahren, in denen er einen Bogen um Neapel gemacht hatte, war Diego Armando Maradona am 9. Juni 2005 ins Stadio San Paolo eingelaufen, als wenn nichts gewesen wäre. Eigentlich zur Abschiedspartie für den früheren Mannschaftskameraden und späteren Juventus-Spieler Ciro Ferrara. Aber auf dem riesigen Spruchband, das die Kurve überzog, stand nur: »Diego The King.«
Als der König nach der Pause zum ersten Mal den Ball berührte, kannte sein Volk kein Halten mehr. 70000 waren gekommen, lange hatte es ins Stadio San Paolo nicht mehr so ein Publikum gegeben, der SSC Neapel spielt nämlich inzwischen im zweiten Jahr in der dritten Liga. Im Stadion nahm Maradona ein Mikrofon. Er war aufgeregt. »Ihr habt mir gefehlt. Ich sehe, dass ihr mich auch nicht vergessen habt. Hoffentlich führt mich mein Weg nach Neapel zurück.«
Diego Maradona ist nach seiner Genesung von Drogensucht und Fettleibigkeit zurück – nirgends in Europa gilt dies so sehr wie in Italien. Ist er in Deutschland ein weiterhin eher gemiedener Held, vermag er in Italien jede Samstagabend-Fernsehshow zu schmücken. Er erfüllt hier in etwa die Funktion von Beckenbauer oder Bohlen. In diesem Sommer war er der umhegte Gast der Samstagabend-Sendung Bellando con stelle (»Tanzen mit dem Star«) im Ersten Programm des staatlichen Senders RAI. Dafür soll er angeblich 300000 Euro bekommen haben, die RAI dementiert diese Summe zwar – der Fiskus konfiszierte die Gage jedenfalls. Maradona hatte noch Schulden.
Schulden, positive Doping-Befunde – solche Dinge konnten der Lichtgestalt Maradona in Italien keine dunklen Flecken verleihen. Sein Abbild überstrahlt als überlebensgroßes Fresko die tristen Fassaden der Wohnpalazzi in der von Camorra-Kriegen gegeißelten Peripherie, seine Miniaturfigur ist Verkaufsschlager der Krippenmacher. Neapel trägt sein Porträt in der Brieftasche, gleich neben der heiligen Rita. Neapolitanische Professoren setzten sich im Fanzirkel »Te Diegum« (Für Diego) seit Jahren dafür ein, dass Maradona die Ehrendoktorwürde verliehen wird.
Zwei Meistertitel, einen Uefa-Cup, einen Italien-Pokal. Niemals zuvor und nie wieder danach hat der SSC Neapel so viel gewonnen wie mit Diego Armando Maradona. Als im März 1987 Napoli Tabellenführer war, versammelte sich eine Abordnung des italienischen Wahrsagerverbandes Associazione Maghi d’Italia, um den bösen Blick der siegesgewohnten Nordmächte Juventus Turin und AC Mailand auf den ungeschützten Emporkömmling aus dem Süden abzuwenden. Stundenlang zogen gut vierzig Magier um eine eigens zu diesem Zweck errichtete, mit Maradona-Postern tapezierte Strohhütte vor den Toren der Stadt. Am Vorabend des entscheidenden Spiels gegen Juventus spickten sie sogar den Boden des Stadio San Paolo mit Knoblauchzehen und sprühten, doppelt genäht hält besser, Weihrauch darüber. Das half. Neapel wurde Meister, und die Tifosi schrieben an die Friedhofsmauer: »Ihr wisst ja nicht, was ihr verpasst habt.«
Natürlich kannte man die Schattenseiten Maradonas. Das Foto, das ihn in der muschelförmigen Badewanne des Camorra-Paten Giuliano zeigte, war um die Welt gegangen. Zwielichtige Freundschaften und ein Leben, das genauso prekär geworden war wie das vieler seiner Tifosi. Der Superstar war drogenabhängig, einer von Zehntausenden im Moloch Neapel, in dem die Stadtmafia Camorra damals wie heute das Kokain-Monopol hält. Maradona war nur einer ihrer Kunden, wenn auch der prominenteste. In Neapel hat deshalb nie jemand den Daumen über ihn gesenkt. Er hatte sie nach ganz oben gebracht, deshalb ließen sie ihn nicht fallen.
»Ich bin ein Sohn Neapels«, hat Maradona einmal gesagt, auch wenn er tatsächlich in Villa Fiorito, Argentinien, geboren wurde. Aber er fühlte sich heimisch in der Armut Neapels. »Wenn ich zum Metzger geschickt wurde und wir wieder nicht bezahlen konnten, gab er mir kein Fleisch«, erzählte er einmal über seine argentinische Jugend. Armut bedeutete immerwährenden Hunger, dauernde Demütigung. Plötzlicher Reichtum aber verhieß Freiheit und Essen ohne Grenzen. Neapel hungert seit Jahrhunderten, und Maradona aß, als ihn sein Genie reich gemacht hatte, fast sein Leben auf.
Neapel versteht alles und verzeiht ihm alles. Dass er in der Stadt einen Sohn gezeugt hat, den er niemals wirklich anerkannte. Kann passieren, wenn einer exzessiv lebt. Dass er über 30 Millionen Euro Schulden beim italienischen Fiskus hat und deshalb Hals über Kopf die Teilnahme an der Tanzshow abbrechen musste. Nun ja, Steuerschulden. Wer hat die nicht? Victor Uckmar, einer der bekanntesten Steuerrechtler des Landes, verteidigt jetzt Maradona im Prozess gegen die Repubblica Italiana. Von Uckmar stammt der Satz: »Fußballaktien zu kaufen sollte man Witwen und Waisen gerichtlich verbieten.« Für Maradona arbeitet er gratis.
Den Deutschen fällt zu Maradona spontan die »Hand Gottes« ein, jener Körperteil, mit dem er ein regelwidriges Tor erzielte gegen England bei der WM in Mexiko 1986. Vor allem wegen dieses Handtores hat Maradona im Norden Europas bis heute einen zweifelhaften Ruf, der zweite Treffer im selben Match wird dort weniger erinnert. Dabei ist es dieses Tor, das nachfolgenden Generationen die Erklärung dafür bieten könnte, warum ein Fußball genanntes Spiel ihre Ahnen so maßlos fasziniert hat – der Augenblick, als ein kleiner, nicht gerade schlanker Argentinier mit dem Ball am Fuß aus der eigenen Hälfte startete, sieben Gegenspieler in einem atemberaubenden Slalomlauf umdribbelte und ein Tor schoss.
»Uns Italienern hat auch die Hand Gottes nicht missfallen«, sagt Lucio Caracciolo, Chefredakteur der geopolitischen Zeitschrift Limes und bekennender Fußballfan. »Den Stärkeren hereinzulegen, ihn in eine Falle laufen zu lassen und auszutricksen, daran haben wir Spaß. Italiener lieben den c alcio furbo, den listigen Fußball.« Maradona war sein bisher größter Prophet. »Wer einen Räuber beklaut, dem wird hundert Jahre lang vergeben«, hat er kürzlich im argentinischen Fernsehen gesagt, als er endlich zugab, der liebe Gott persönlich habe beim Handball-Treffer doch nicht eingegriffen. Mit Räubern waren die Engländer gemeint, die wenige Jahre vor dem Handtor mit Argentinien um die Falklandinseln Krieg führten.
Maradona versteht sich als Fürsprecher des gedemütigten, entrechteten, ewig hungrigen Südens. Deshalb füllt er heute in Südamerika die Stadien mit politischen Parolen. 40000 lauschten ihm in der Arena im argentinischen Mar del Plata, als er gegen US-Präsident Bush wütete, der sei »menschlicher Müll«, den Amerika loswerden müsse. Süden gegen Norden, die Nummer kennt er aus Neapel, nun spielt er sie auf einer größeren Bühne. Maradona will in die Politik. Der ehemalige Fußballspieler George Weah hat es ihm in Liberia vorgemacht. Und Maradona hat bereits erfahren, wie leicht er die Massen beeinflussen kann. Als er 1990 zum WM-Halbfinale gegen Italien ausgerechnet in Neapel gegen die Auswahl der Gastgeber antrat, warb Maradona unverblümt um die Gunst seiner Tifosi: »Wollt ihr wirklich zur Squadra Azzurra halten? Sonst gehört ihr doch auch nicht zu Italien. Nur jetzt geben sie euch ausnahmsweise das Gefühl, dass ihr Neapolitaner auch Italiener seid.« Im Stadio San Paolo war das Publikum auf Maradonas Seite. Es pfiff Italien aus.
Der Fußballer hatte die Südfrage erfasst. Eine Südfrage, die im reichen Italien bis heute ungelöst ist. Arbeitslosigkeit, Armut und Schulschwänzerraten sind in Neapel dreimal so groß wie in Mailand. Im Jugendgefängnis auf der Insel Nisida sitzen 90 Prozent Einheimische, der Rest sind Ausländer. Im Norden ist es genau umgekehrt.
»Wenn Maradona heute als Bürgermeister von Neapel kandidieren würde, bekäme er 105 Prozent der Stimmen«, sagt Lucio Caracciolo, der geopolitische Chefredakteur. »Aber es scheint, er habe Größeres vor: Präsident von Argentinien zu werden.«
* Von Birgit Schönau ist soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienen: »Calcio – Die Italiener und ihr Fußball«
- Datum
- Quelle © DIE ZEIT 01.12.2005 Nr.49
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Tja ... was eine operative Magenverkleinerung alles bewirken kann!
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