Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, eine rasche Antwort ist gefordert: Nein, er kann es nicht - zumindest nicht sehr gut, besonders, wenn man gewisse literarische Ansprüche stellt. Was heißt aber "literarische Ansprüche"? Wann ist ein Gedicht ein Gedicht? Was bedeutet Kreativität? Fragen über Fragen, die auch ohne große Sachkenntnis endlos diskutiert werden können. Kann man wissenschaftlich sinnvoll dazu Stellung nehmen? Ich glaube, ja. Denn: Mittlerweile gibt es verschiedene anerkannte Verfahren zur automatischen Gedichterzeugung mittels Computer, und 2003 wurde an der renommierten School of Informatics der University of Edinburgh ein junger Mann mit einer Arbeit zum Doctor of Philosophy promoviert, deren Thema die Erzeugung von Gedichten mittels Computer war. Nein - nicht die Frage nach der Möglichkeit. Als Ergebnis der Dissertation entstand ein Programm, das Gedichte schreibt. Der Autor, Hisar Maruli Manurung, ist außerhalb von Fachkreisen weitgehend unbekannt. Bekannter ist Hans Magnus Enzensberger, der sich schon um 1974 mit der Frage der Möglichkeit eines Poesieautomaten beschäftigt hat. Enzensberger war aber nicht der erste, wie er selbst in seiner Arbeit anmerkt: Spekulationen gibt es nachgewiesenermaßen seit 1777, aber erst in den letzten Jahren hat die Forschung auf diesem Gebiet einen Aufschwung erfahren, der mit der Rolle der automatischen Sprachverarbeitung im Rahmen der Artificial Intelligence-Forschung in einem engen Zusammenhang steht.

Literatur und Informatik

Berührungspunkte zwischen Literatur und Informatik gibt es schon lange. Oft nehmen dabei Schriftsteller indirekt Entwicklungen in der Informatik vorweg. Ein Beispiel dafür ist Andreas Okopenkos "Lexikonroman", der auf unzählige Arten gelesen werden kann, je nachdem, welchen der Querverweisen in den einzelnen Artikeln, die lexikonartig alphabetisch organisiert sind, man wann folgt. Zur Zeit als der Roman entstand, existierte der Begriff noch nicht, heute denkt man sofort an Hypertext bzw. das Internet und seine verlinkten Seiten. Ähnliches thematisiert Borges in seinem "Sandbuch", einem Buch, in dem die ganze Welt enthalten ist, eine einmal aufgeschlagene Seite aber praktisch nicht mehr wieder auffindbar ist - hier ist die Informatik allerdings seit dem Auftreten der Suchmaschinen einen Schritt weiter gekommen... Eine andere Idee ist die des Computers als Werkzeug für den Dichter, angedacht schon bei Paul Valéry, prototypisch ausgeführt von Franz Josef Czernins Poe - einem Programm, das dem Dichter Textvorschläge liefern sollte, die genau festgelegten metrischen, morphologischen, syntaktischen oder semantischen Restriktionen genügen. Der "selbsttätig" dichtende Computer geht aber einen Schritt weiter.

Die Phantasie vom "intelligenten" Computer

Enzensberger hat in seiner oben erwähnten Schrift u.a. literarische und medientheoretische Aspekte angesprochen. Der informatische Begriff, der sich heute bei automatischer Gedichterzeugung aufdrängt, ist der der Artificial Intelligence. Der Computer faszinierte von Anfang an durch seine Möglichkeiten als "denkende", "intelligente" Maschine, wobei sich aber mit der Zunahme der Fähigkeiten des Computers, d.h. mit der Erstellung komplexerer Programme, die oft qualitative Sprünge darstellten, der Intelligenzbegriff stets verlagerte: galten vor der Verbreitung des elektronischen Taschenrechners Fertigkeiten im (Schnell-) Rechnen noch als intelligent, änderte sich diese Auffassung rasch. Der nächste Schritt war der Wunsch nach einem Computer, der nicht nur schnell rechnen konnte, sondern auch planen - nachgewiesen etwa durch die Fähigkeit zum Schachspiel. Mit dem Aufkommen von immer besseren Schachprogrammen auf Meister- und auch Großmeisterniveau hat sich der Intelligenzbegriff neuerlich gewandelt: nun wird auf Kreativität abgestellt, auf künstlerische Fertigkeiten, wie etwa die Komposition von Musik oder auch das Schreiben von Gedichten. Es sei aber angemerkt, dass schon Alan Turing in seiner klassischen Arbeit aus dem Jahre 1950 die Fähigkeit zum Umgang mit Sprache als Inbegriff von und Maß für Intelligenz ansah. In der Folge entstanden immer wieder Diskussionen darüber, ob Computer Sprache "verstehen" können.

Verstehen oder nicht? Eine Scheinfrage?

Searle hat die Frage provokant durch sein "Chinese Room Argument" zugespitzt: ein Mensch, dem Fragen in chinesischer Schrift präsentiert werden, die er nicht versteht, der aber mit Hilfe von genau festgelegten Regeln in der Lage ist, wieder Antworten auf Chinesisch zu Papier zu bringen, versteht nach Searle genauso wenig chinesisch, wie ein Computer, der letztendlich nur Symbole manipuliert. Die in der Folge entstandene Literatur pro und contra Searle ist reichhaltig. Unabhängig von der letztgültigen Beantwortung der Frage, ob der Computer jetzt "versteht" oder nicht, hat sich aber die Artificial Intelligence längst als angesehene Forschungsdisziplin etabliert. Einer ihrer Zweige ist die automatische Sprachverarbeitung, und zwar nicht nur von gesprochener Sprache (Diktiersysteme, Sprachsynthese), sondern auch von schriftlichen Texten - Analyse und Generierung.