Diskussionen mit André Heller im Jahre 2004 über Aspekte des Kunst- und Kulturprogramms zur Fußball-WM resultierten in der Idee, den Poesie-Automaten, den Hans Magnus Enzensberger bereits 1974 in Form eines kleinen Büchleins "Einladung zu einem Poesie-Automaten" erfand, umzusetzen. Der Gedanke, Software zu erstellen, die selbsttätig Gedichte erzeugen kann, schien ein interessantes Experiment zu sein, ein Wagnis, auf das man sich einlassen konnte.

Gemeinsam mit Virgil Widrich, einem der Gesellschafter der Wiener Multimediafirma Checkpoint Media, wurde ein Konzept zur Projekterstellung erarbeitet und Ende 2004 als ein Vorschlag zum Kunst- und Kulturprogramms eingereicht. Der Vorschlag sah vor, eine einfach zu implementierende Internet-Schnittstelle zu definieren, die von dritten Firmen, so genannten Multiplikatoren, übernommen werden konnte, die dann ihrerseits die entstehenden Gedichte verbreiten. Eine Art kostenloser Großhandel mit Poesie sozusagen.

Es wurde in der wissenschaftlichen Disziplin der "Künstlichen Intelligenz" recherchiert, hier insbesondere im Bereich der Computerlinguistik. Es wurden verschiedenste Programme im Hinblick auf ihre Tauglichkeit für die gestellte Frage geprüft: Erzeugen von Gedichten, die auf Fußballspiele Bezug nehmen. Nach langer Suche und nach Beratung durch Hans Magnus Enzensberger und unter Beachtung des Regelwerks von "Einladung zu einem Poesie-Automaten" wurde schließlich beschlossen, den Algorithmus zum Automaten komplett selbstständig zu programmieren.

Es wurde ein System gewählt, bei dem eine große Datenbank aus vorgefertigten Satzteilen erstellt wird, aus welcher der Computer auf zufälliger Basis zuerst Sätze und dann Gedichte formt. Eine Art computerisiertes, linguistisches Legospielen also. Von jedem Spiel wiederum werden die wichtigsten und spielentscheidenden Momente von einem kleinen Redaktionsteam in Echtzeit in eine separate Datenbank eingebaut: Die Standarddatenbank wird "geimpft" und der Poesie-Automat gelangt auf diesem Weg zu "Wissen" über das Spielgeschehen und kann die entsprechenden Gedichte erzeugen.

Nun stand natürlich die Angst im Raum, die entstehenden Gedichte (deren Qualität schwer vorherzusagen ist) könnten als albern oder wenig niveauvoll empfunden werden. Um diesem Problem zu entgehen, wurden - nach einer Empfehlung von Robert Menasse - verschiedenste Gedichtkategorien zugrunde gelegt, die dem Nutzer der Software immerhin ermöglichen sollte, selbst zu wählen: Sollte die Gedichtkategorie "Standard" nicht gefallen, kann man sich auch japanische Haikus, zen-buddhistische Koans oder einfache Reime aussuchen.

Beispielgedichte

Ausgangspunkt: Das WM-Finale 1994, Brasilien-Italien mit 3 : 2 nach Elfmeterschießen. Eine insgesamt wenig begeisternde Begegnung, bei der Roberto Baggio, einer der besten Spieler der italienischen Mannschaft, den entscheidenden Elfmeter verschießt und dadurch zur tragischen Figur wird.
Dieses Ereignis läßt sich in verschiedenen Poesiearten verarbeiten. Dafür kennt der Poesieautomat mehrere Kategorien: