WeinRouten Antwerpen
Die belgische Hafenstadt ist auch als JERUSALEM DES NORDENS bekannt, nun schickt sie sich an, zu einem Zentrum für vinophile Lebensfreude zu werden
Freitag abend halb elf. Im „Pazzo“ geht es laut zu, die Weinbar im Hafenviertel von Antwerpen ist gerammelt voll. Besitzer William Wouters und seine vier Sommeliers kommen keine Sekunde zur Ruhe, dennoch bleiben sie gelassen, kein Gast muss lange warten. „Bring uns erstmal den gleichen Sekt wie gestern“, ruft ihm ein Stammgast zu. Doch William schnappt sich zwei Flaschen und bringt sie an den Tisch. „Hier ist der von gestern – ein Ruinart –, aber den kriegt Ihr doch überall. Probiert auch mal diesen, ein Schorpion, ein Brut nature aus Belgien.“ Solche Szenen sieht man hier häufiger: Kurz darauf schleppt William vier Flaschen an den Nachbartisch und lässt die Gäste probieren. Obwohl es in der Bar so voll ist, nimmt er sich Zeit, um jedes Gewächs zu erklären. „Ich bin eben weinverrückt“, grinst er. Daher auch der Name der Bar: „Pazzo“ ist Italienisch und heißt verrückt. „Ja, das ist er“, stimmt ein italienischer Stammgast mit lautem Lachen zu.
Seit acht Jahren betreibt Wouters – mehrfach zum besten Sommelier Belgiens gekürt – diese Weinbar. Ursprünglich war es ein Kornlagerhaus, grobe Balken und ungeputzte Mauern verweisen auf die frühere Nutzung. Im Souterrain führen Wouters und sein Team Seminare durch, zudem werden hier Gruppen bewirtet, im Erdgeschoss befindet sich das Restaurant – mit ganz einfachen Alutischen und -stühlen. Insgesamt ist auf beiden Etagen Platz für 100 Gäste. Glas, Holz und Metall gehen eine gelungene Symbiose ein. Einige Stufen geht’s zur Weinbar hinauf, dem Herz des Ensembles. Auf den ersten Blick ein Kulturschock: Rote Coca-Cola-Kisten beherbergen die edelsten Tropfen: eine moquerie, ein Spaß des Patrons. Alle acht bis zehn Wochen wechselt seine Weinkarte, etwa 200 Positionen bietet er an, davon 40 auch offen – eine große Auswahl von Entdeckungen, die nicht auf der Karte stehen, kommt noch hinzu. „Eine lustige Herausforderung“, sagt er lächelnd, „Spitzenweine zu einem tollen Preis zu finden.“ Der „Wine Spectator“ ehrte seine Karte als „one of the outstanding winelists of the world“. Der riesige geschwungene Tresen aus Polyester wird von innen angestrahlt und erinnert an eine große Eisscholle. Die Karte ist dadurch leider schwer zu lesen – und somit muss William ran. Er bringt einen Rosé-Sekt, einen Vinho Espumante Beiras (35 Euro), produziert von seiner neuen Lebensgefährtin, der Portugiesin Filipa Pato. „Endlich habe ich eine Frau gefunden, welche die Liebe zum Wein mit mir teilt.“ Mit glänzenden Augen berichtet er von grandiosen Süßweinen von Madeira, und deutschen Rieslingen von Heymann-Löwenstein, Van Volxem oder Reichsrat von Buhl. Alles mit hohem Spaßfaktor – so etwas wie das „Pazzo“ hätte man gern als Kantine.
Fünf Minuten nur ist es bis zum „Lux“, direkt am Hafen in einem alten Reedereigebäude aus dem 18. Jahrhundert. Von außen unscheinbar, von den benachbarten Bürohäusern kaum zu unterscheiden. Der Eindruck ändert sich schlagartig, wenn man das Lokal betritt. Beeindruckende Marmorsäulen, ein imposanter Treppenaufgang und holzvertäfelte Wände – der totale Kontrast zum „Pazzo“. Hier wurde richtig Geld investiert, die Stimmung in dieser ganzen Pracht ist allerdings eher steif. Doch auch moderne
Elemente prägen das Interieur – und die Küche lohnt allemal den Besuch im „Lux“. Bert Zaman zelebriert typische belgische Küche mit französischen und italienischen Akzenten. In der Lounge und im Restaurant werden 24 Weine offen angeboten, die alle zehn
Wochen wechseln, dazu 180 Weine flaschenweise aus aller Welt.
Abseits der Altstadt, mitten im Schlachterviertel, residiert Bart Adriaenssens. Aus seinem Vornamen entstand der Name der Bar: „Bar t-a-vin“. Der Laden brummt, mittags wie abends, ohne Reservierung läuft hier nichts – und ohne kundigen Taxifahrer ist das Lokal kaum zu finden. Früher wurden hier Schweine zerlegt, heute sputet man sich, die maximal 30 Gäste reibungslos zu bedienen. Schon die Kacheln mit den Motiven glücklicher Schweine machen Lust auf den Genuss der charcuterie. Bart hat Weinwissenschaft in Montpellier studiert und schwört auf Bioweine. „William vom ‚Pazzo‘ – ein lieber Kumpel von mir – macht sich gern darüber
lustig.“ Seine Karte umfasst 150 Positionen, sehr frankophil, glasweise etwa zehn Weine, aber man sollte stets den Patron nach weiteren Empfehlungen fragen. Koch Tom Vanderborght zaubert mit viel Ruhe und Konzentration schmackhafte einfache Gerichte wie Steak Tartare mit Basilikum.
Die alte Handels- und Hafenstadt Antwerpen ist nicht nur die Heimat so hervorragender Maler wie Rubens, van Dyck und der Brueghels, sie gilt auch als „Jerusalem des Nordens“ – spanische Juden importierten Diamantenhandel und -handwerk. Belgiens zweitgrößte Stadt gilt zudem als Zentrum von Mode und Design. Faszinierend sind vor allem die traditionellen flämischen Häuser in der Altstadt, in der das Leben bis spät in die Nacht tobt. Cafés, Bars und Restaurants sind noch weit nach Mitternacht brechend voll – ein geradezu südliches Flair.
Kenny Burssens ist Besitzer und Sommelier des „Invincible“. Die Pacifiatiestraat ist noch etwas heruntergekommen, die Straßen der Umgebung aber zählen nach umfangreichen Renovierungsmaßnahmen bereits zur Antwerpener Szene. Schlicht ist das Restaurant, mit einfachen Bistro-Tischen und braunen Lederstühlen. Eine Weinkarte gibt es nicht – Kenny möchte den Gästen seine Entdeckungen lieber persönlich vorstellen. „Ich gehe auf jeden Gast ein und empfehle ihm den passenden Wein zum Essen – und umgekehrt.“ Die Trouvaille zum Apéritif: Domaine Champinnot, ein belgischer Sekt aus Champagner-Rebsorten, ohne Dosage, das Glas für sieben Euro. Die Küche ist kreativ, sehr fein, mit ausgeprägt mediterranem Einfluss.
Einige Ecken weiter liegt „La Patine“, mitten im pulsierenden Lebens der Antwerpener Altstadt. Die Weinkarte ist groß, aber nicht besonders anspruchvoll – das gilt auch für das Speisenangebot. Hier treffen sich junge Leute mit Spaß am Weintrinken, aber ohne große Ansprüche, mit Freunden.
Nicht weit davon ist die Kloosterstraat im Antiquitätenviertel. Hier wirkt Antwerpen wie ein einladendes Dorf. Die Portale der Häuser animieren die Besucher, durch große Räume und Innenhöfe zu stöbern. Hinter einer sehr schönen alten Fassade verbirgt sich das Wein-Restaurant „Hecker“. Patron und Herrscher der Küche ist der 34-jährige dänische Koch Kasper Kundahl. Sein beruflicher Parcours beeindruckt durch große Namen: Er war bei Roger Souvereyns im „Scholteshof“, bei Ducasse in Paris und bei Ferran Adrià im „El Bulli“. Selbstsicher ist er, unkonventionell und charmant, acteur auf seiner Bühne, und er bezieht den Gast liebevoll mit ein. Nur 50 Sitzplätze hat sein Lokal, schwarze Wände mit Werken des belgischen Fotografen Tony le Duc und Bilder von Patrick Sellinger – nicht erdrückend, sondern Ruhe ausstrahlend. „Mister Belgium“, frozzelt Kasper über seinen Sommelier Gunther Landuyt, ein gebräunter Sonnyboy mit langen blonden Haaren, „einer der besten Kellner Antwerpens.“ Die Küche ist kreativ und fein, erstaunlich preiswert für dieses Niveau. Denn das ist Kasper Kundahls Philosophie: „Sehr gute Qualität, wie ich sie in den Drei-Sterne-Restaurants gelernt habe, aber zu bezahlbaren Preisen.“ So etwa auch die Sardinen mit Granatapfel und Minze für 13 Euro als Vorspeise und ein Octopus-Carpaccio mit deutlichem Meeresgeschmack für 13,50 Euro. Jeder zweite Gast bestellt das geradezu gierig machende Entrecôte mit Mesclun-Salat und hausgemachten Pommes frites wie aus Großmutters Küche für 18 Euro. Seit drei Jahren ist dieses Gericht auf der Karte, der Preis ist unverändert, „auf Grund der Nachfrage kann ich das auf keinen Fall von der Karte nehmen.“ Auf der befinden sich auch 200 Weine, alle fair kalkuliert, je acht Rote und Weiße auch glasweise von 3,50 bis 7 Euro.
Neben dem Großmarkt – am Rathaus vorbei, durch die Weynmackerstraat (Weinmacherstraße) –, auf einem der schönsten Plätze Antwerpens, eingereiht zwischen Cafés, Bistros und Pizzerien, findet man das „Raga“ mit nur 24 Sitzplätzen auf zwei Etagen, sehr eng, mit einer so schmalen Treppe, dass man sie nach dem dritten Glas meiden sollte. Zehn offene Weine werden hier angeboten, insgesamt etwa 100 Positionen. Eine gute Auswahl – ohne große Namen. Dazu gibt es eine ausgezeichnete Käseplatte für zehn Euro, Tapenade, Antipasti und Pata negra-Schinken.
Ganz neu eröffnet hat das „Bouffe & Bollinger“, direkt neben dem Stadttheater und unweit des Rubenshauses. Erstmals gibt das Champagnerhaus seinen Namen einem Restaurant, ganz in Rot und Schwarz gehalten – die Farben von Bollinger und das Rot der Theatervorhänge. Der rechte Ort, um sich nach dem Einkaufsbummel entspannt auf einen Champagner niederzulassen – die Kellnerin intoniert schon mal aus heiterem Himmel einen Mariah Carey-Song. Dann trällert die Empfangsdame ein Chanson – Erlebnisgastronomie im Stil der „Bouffes Anversois – Cafés chantants“ des 19. Jahrhunderts. Neben der umfangreichen Karte bietet die abgeteilte Loungebar 15 offene Weine (das Glas Bollinger zu 11 Euro), Sommelier Miguel Verschuerens Angebot umfasst 70 Positionen. Dazu gibt es preiswerte Tapas und Sushi aus der Küche von Restaurantchef Alain Smet. Beim Abschied noch ein Tipp von Barkeeper Alberto Signer: „Gehen Sie unbedingt beim Präsidenten unserer Sommelier-Union vorbei, der ist Patron im ‚Pazzo‘.“
Beim Wein führt in Antwerpen tatsächlich kein Weg an William Wouters vorbei.
Info
In Deutschland wählt man nach der
Ländervorwahl 0032 die angegebene
Telefonnummer ohne die vorstehende 0.
Bart-à-vin
Lange Slachterijstraat 3-5, B-2000,
Tel. 036 63 27 13,
Fax 036 63 27 14,
bartavin@skynet.be,
www.bartavin.be
,
Restaurant tgl. 12-13.30 und 18.30-21 Uhr,
Bar bis 0.30 Uhr
Eine Oase im Schlachterviertel. Gute Weinkarte, täglich wechselnde Speisen. Vorher reservieren!
Bouffe & Bollinger
Theaterplein 1, B-2000,
Tel. 032 89 27 50,
Fax 032 89 27 59,
info@bouffe-bollinger.com,
www.bouffe-bollinger.com
,
Bar: tgl. 9-1 Uhr,
Restaurant: tgl. 12-15
und 18-22.30 Uhr
Neu eröffnet.
Eine gute Adresse, um nach einem Bummel beim Champagner zu entspannen.
Hecker
Kloosterstraat 13, B-2000,
Tel. 032 34 38 34,
info@hecker.be,
www.hecker.be
,
Restaurant: Di, Do-So 12-15
und 19-22.30 Uhr, Mo 19-22.30 Uhr,
Bar: Di, Do-So 10-1 Uhr, Mo 19-0 Uhr
Sehr kreative Küche, Kasper Kundhal sammelte
Erfahrungen bei den Besten. Gute Weinauswahl.
Invincible
OT Zuid, Pacificatiestraat 3, B-2000,
Tel. 032 94 48 78,
Fax 032 94 55 95,
info@restaurantinvincible.be,
www.restaurantinvincible.be
.
Di-Fr 12-13.30 und 18-22 Uhr,
Sa 18.30-22 Uhr
Keine Weinkarte, Sommelier Kenny Burssens berät. Sehr fantasievolle Küche.
Lux
Adriaan
Bouwerstraat 20, B-2000,
Tel. 032 33 30 30,
nfo@luxantwerp.com,
www.luxantwerp.com
,
Bar: So-Do 11-1 Uhr, Fr 11-2 Uhr,
Sa 18-2 Uhr, Restaurant: Mo-Fr,
So 12-14.30 und 18-23 Uhr, Sa 18-23 Uhr
Exzellente belgische Küche, aufmerksames Personal, Lounge in kühler Atmosphäre.
La Patine
Leopold de Waelstraat 1,
B-2000,
Tel. 032 57 09 19,
patine.bistro@yahoo.com,
www.wijnbistropatine.be
,
Di-So 9-1 Uhr
Studententreff mit kleiner Weinauswahl.
Pazzo
Oude Leeuwenrui 12, B-2000,
Tel. 032 32 86 82,
Fax 032 32 79 34,
pazzo@skynet.be,
www.pazzo.be
,
Restaurant Mo-Fr 12-15 und 18-23 Uhr,
Weinbar 15-2 Uhr
Mit Abstand die beste Weinadresse im Antwerpener Hafenviertel. Lebhafte Atmosphäre, im Restaurant hat man ohne Reservierung keine Chance.
Raga
Hendrik
Conscienceplein 11, B-2000,
Tel. 034 85 66 56,
www.raga.be
,
Mo, Mi-So 14-2 Uhr
Einer der schönsten Orte in Antwerpen, um einen netten Abend bei Wein und Tapas zu beenden.
- Datum 13.02.2007 - 03:36 Uhr
- Serie geniessen
- Quelle WeinGourmet/Jahreszeiten Verlag
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