Cybermobbing

Quälerei im virtuellen Raum

Ein 15-jähriges Mädchen stürzt sich in den Tod, weil es im Internet beschimpft wurde. Cybermobbing ist in Europa meist ein Phänomen unter Pubertierenden. In Südkorea betrifft es schon die ganze Gesellschaft.

Soziale Netzwerke wie Facebook sollen helfen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Doch inzwischen dienen sie auch häufig als Hilfsmittel zum Mobbing

Soziale Netzwerke wie Facebook sollen helfen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Doch inzwischen dienen sie auch häufig als Hilfsmittel zum Mobbing

Holly Grogan war 15 Jahre alt, als sie vergangene Woche nahe der englischen Stadt Gloucester von einer Brücke sprang. Sie wurde in Online-Netzwerken wie Facebook gemobbt. Ihre Eltern machen deshalb diese Netzwerke für den Selbstmord ihrer Tochter verantwortlich. Cybermobbing nennt sich die Quälerei im Netz, die seit einiger Zeit die ganze Welt beschäftigt, vor allem Jugendliche.

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Obwohl Facebook, Schüler- und StudiVZ, Myspace und Bebo helfen sollen, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, können sie auch das Gegenteil bewirken: Freundschaften zerstören und Mitschüler bloßstellen und erniedrigen. Auch in Deutschland ist Cybermobbing seit einigen Jahren präsent. Das Zentrum für empirische pädagogische Forschung (Zepf) an der Universität Landau-Koblenz hat nun 2000 Schüler der ersten bis 13. Klasse zu diesem Thema befragt. Laut der nicht repräsentativen Studie kennen 40,5 Prozent der Befragten direktes Mobbing, 16,5 Prozent wurden schon einmal selbst Opfer.

Im Jahr 2007 hatte das Zepf zum ersten Mal diese Studie durchgeführt. Die Ergebnisse waren ähnlich. "Die Zahlen sind eigentlich konstant geblieben", sagt Diplom-Psychologin Julia Rebel, die an der Studie beteiligt ist. Trotzdem hält sie die Zahl der Betroffenen für relativ hoch.Mit ihrer Studie im Jahr 2007 betrat das Zepf neues Terrain, denn sie war in Deutschland die erste Untersuchung zu dem Thema.

Sicher ist: Das Internet vernetzt die Welt und macht es den Mobbern leichter. Besonders in Südkorea, einem der bestverkabelten Länder. Dort ist Cybermobbing bereits ein gesellschaftliches Problem über alle Generationen hinweg. Etwa 200.000 Fälle von "Cyberviolence", wie es dort heißt, gab es bereits im Jahr 2007, eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr.

Zudem erschütterte in dem Zusammenhang eine Selbstmordserie im November 2008 die Südkoreaner und die Welt. Für besonderes Aufsehen sorgte der Tod der 39-jährigen Choi Jin Sil, Südkoreas meistgeliebter Schauspielerin, die sich in ihrer Dusche erhängte. Angeblich aufgrund der Gerüchte, die im Netz über sie verbreitet wurden. Allerdings hatte die Schauspielerin unabhängig davon psychische Probleme, die Mobbing-Attacken im Internet kamen noch dazu. 

Die konservative Regierung verabschiedete daraufhin das "Choi-Jin-Sil-Gesetz". Nun dürfen Kommentare auf Internetseiten nur noch unter realem Namen verfasst werden. Eine speziell dafür eingerichtete Internet-Polizei soll über die Einhaltung der Regelung wachen. Denn schon in den Jahren zuvor hatten sich sowohl Prominente als auch Privatpersonen in Südkorea das Leben genommen, weil sie den verbalen Attacken im Internet nicht mehr standhalten konnten.Diplom-Psychologin Julia Riebel sieht jedoch keinen kausalen Zusammenhang zwischen Selbstmord und Cybermobbing: "Es ist zwar für die Opfer belastend, aber ich halte es für vermessen, im Cybermobbing den alleinigen Schuldigen für einen Selbstmord zu sehen."

Seit soziale Netzwerke wie Schüler- und StudiVZ oder Facebook und Myspace den Alltag der Kinder und Jugendlichen erreicht haben, benutzen es auch die jugendlichen Mobber. Das größte der Netzwerke ist Facebook mit mehr als 300 Millionen Mitgliedern. Das entspricht der Einwohnerzahl der USA. Das erhöht jedoch nicht die Zahl der Angreifer, denn fast immer mobben nur die eigenen Mitschüler. Sie nutzen hier aber andere Werkzeuge als auf dem Schulhof: Hassgruppen und gefakte Profile zum Beispiel.

"Mobbing ist kein Problem der Medien", sagt Sabine Heimann, Diplom-Soziologin vom ServiceBureau Jugendinformation, "die Wurzeln dafür liegen im realen Leben". Aber die Beschimpfung per Handy und Internet lässt den Opfern keinen Rückzugsraum mehr. Vor den Zeiten des Internet war es so, dass die Attacken lediglich in der Schulzeit, also vormittags stattfanden. Nun kommen die Kinder aus der Schule und es geht zu Hause weiter.

Sabine Heimann findet, Cybermobbing habe subjektiv zugenommen: "Es gibt inzwischen kaum eine Schule, die damit noch nicht zu tun hatte." Und sogar unter Grundschülern gebe es das Phänomen bereits, sagt Riebel. Trotzdem sei die Hochphase in der siebten und achten Klasse. In Europa also bisher ein überwiegend pubertäres Problem.

Ein Internetverbot hält Julia Riebel für unsinnig. "Die Kinder geraten dann ins soziale Abseits", sagt sie. Lieber sollten die Eltern ihre Kinder zum richtigen Umgang mit dem Internet erziehen.

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Leser-Kommentare

  1. Mir ist das, was die beiden Wissenschaftlerin so sagen, doch etwas zu harmlos.
    Dass ein Selbstmord auch Ursachen im "realen" Leben hat, ist banal. Entscheidend aber ist doch, wer oder was ihn am Ende ausgelöst hat. Und wenn dies Internet-Mobbing war, dann gehört das vor Gericht. Punkt.
    Fragwürdiger schon ist die Feststellung, dass Internet-Mobbing seinen Ursprung im realen Leben habe.
    Richtig ist wohl, dass, wenn überhaupt, noch viel zu wenig darüber geforscht wurde, wie sich das Internet-Dasein auf die Psyche auswirkt:
    - Kann jemand gut sozialisiert werden, wenn er einen Großteil seiner Sozialisation im virtuellen Raum erlebt? Gibt es da einen erziehungsfreien Raum?
    - Könnte es sein, dass man da Wesentliches unzureichend erfährt, weil man nur einen Teil der menschlichen Signale wahrnimmt, die das eigene Handeln auslöst?
    - Könnte es sein, dass die "Freiheit" des Internets auch auf die eine oder andere Psyche desintegrierend wirkt, weil die äußere Wahrnehmung eingeschränkt ist? Könnte es bei Menschen, die im "realen" Leben noch einigermaßen funktionieren und sich unter Kontrolle haben unter den Bedingungen der Virtualität zu "psychopathischen" oder gar "psychotischen" Entgleisungen kommen?
    - Könnte es sein, dass unter den Bedingungen des Internet Menschen, die sonst einigermaßen gesetzestreu handeln plötzlich Lust an Straftaten bekommen? Und was für Konsequenzen hat es, wenn man damit 10 oder 20 Jahre lang aufgewachsen ist?
    Nur ein paar Fragen...

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    Gute Frage   cyclomethicone

    "Könnte es bei Menschen, die im "realen" Leben noch einigermaßen funktionieren und sich unter Kontrolle haben unter den Bedingungen der Virtualität zu "psychopathischen" oder gar "psychotischen" Entgleisungen kommen?"

    Ich denke, dass das eine Frage der Courage ist.
    Eine Person, die auch im wahren Leben Fuß gefasst hat, hat sowas nicht nötig. Sie benötigt es generell nicht, andere um des eigenen Egos Willen zu erniedrigen.
    Personen mit geschwächtem Selbstvertrauen allerdings haben nunmehr eine weitere Möglichkeit ihr Ego durch solche Handlungen aufzubauen.
    Dabei müssen sie in der Realität gar nicht mal auffällig sein - im Gegenteil!
    Jemanden auf die Ferne runterzuputzen bedarf keinen Mutes - man geht kaum ein Risiko ein, da es einem größtenteils möglich ist, recht anonym zu handeln.
    In der Realität kann es aber durchaus passieren, dass sich das Gegenüber zur Wehr setzt.
    Da kann es dann sprichwörtlich etwas auf's Maul geben.
    Hat man das Bedürfnis, anderen Schaden zuzufügen, ist aber einfach zu feige, einenn Kollegen/Mitschüler/Bekannten im "richtigen Leben" zu schubsen/zu beleidigen, so hat man nun als ein solcher Milchbubi eine passende Alternative gefunden.

  2. Wie mir ein Kriminalbeamter mitteilte, bekäme man über die meisten Täter heute sehr viel mehr über das Internet heraus, als über die Akten. Das ist die Gefahr, der sich die wenigsten bewusst sind. Jede Information im Internet kann und wird missbraucht werden, wenn man sich dort gegenüber Unbekannten zu profilieren versucht. Niemand steigt in einen vollbesetzten Bus und schreit allen Anwesenden entgegen wer man ist, was man macht, wo man wohnt und welche Vorlieben man pflegt. Im Internet passiert dies andauernd. Man kann nur raten: lassen Sie davon ab, sich gegenüber Menschen interessant zu machen, die Sie überhaupt nicht kennen. Der Missbrauch ist vorprogrammiert.

  3. Es ist erstaunlich, dass eine diplomierte Psychologin behauptet, Cybermobbing könne keinen Suizid auslösen.
    Ich halte das für eine Fehleinschätzung und eine unqualifizierte Aussage.

    In der Theorie mag es vielleicht funktionieren, aber in der Praxis ist Mobbing egal welcher Art verletzend und prägend. Da ist es irrelevant, ob dies nun im Cyberspace oder in der Realität geschieht.
    Sicher, es bedarf schon mehr als ein paar dummen Sprüchen unter Fotos, die man ins Netz stellte, um jemanden in den Selbstmord zu treiben.
    Jeder Suizid ist allerdings nicht von nur einem Faktor abhängig zu machen.
    Die Bindungen, die durch das Internet entstehen, dürfen nicht unterschätzt werden. Das gilt für positive als auch für negative Empfindungen, die der Kontakt via Internet auslöste.

  4. "Könnte es bei Menschen, die im "realen" Leben noch einigermaßen funktionieren und sich unter Kontrolle haben unter den Bedingungen der Virtualität zu "psychopathischen" oder gar "psychotischen" Entgleisungen kommen?"

    Ich denke, dass das eine Frage der Courage ist.
    Eine Person, die auch im wahren Leben Fuß gefasst hat, hat sowas nicht nötig. Sie benötigt es generell nicht, andere um des eigenen Egos Willen zu erniedrigen.
    Personen mit geschwächtem Selbstvertrauen allerdings haben nunmehr eine weitere Möglichkeit ihr Ego durch solche Handlungen aufzubauen.
    Dabei müssen sie in der Realität gar nicht mal auffällig sein - im Gegenteil!
    Jemanden auf die Ferne runterzuputzen bedarf keinen Mutes - man geht kaum ein Risiko ein, da es einem größtenteils möglich ist, recht anonym zu handeln.
    In der Realität kann es aber durchaus passieren, dass sich das Gegenüber zur Wehr setzt.
    Da kann es dann sprichwörtlich etwas auf's Maul geben.
    Hat man das Bedürfnis, anderen Schaden zuzufügen, ist aber einfach zu feige, einenn Kollegen/Mitschüler/Bekannten im "richtigen Leben" zu schubsen/zu beleidigen, so hat man nun als ein solcher Milchbubi eine passende Alternative gefunden.

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  • Von Wiebke Baden
  • Datum 23.9.2009 - 17:20 Uhr
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