Projekt "weltwärts" Entwicklungshilfe beginnt in Deutschland
Abenteurerreise für deutsche Ethno-Touristen: Der Freiwilligendienst "weltwärts" steht in der Kritik. Die Teilnehmer entgegnen ihr mit Engagement nach der Rückkehr.
Sie wollte einfach mal raus aus Berlin. Ins Ausland, ohne Charterflug und All-Inclusive. Indien, das schien Marie Lessing die fernste aller Kulturen. Seit vier Jahren studiert sie Germanistik und Geschichte auf Lehramt, möchte an einer Schule in Kreuzberg oder Neukölln unterrichten. Das war 2008. Lessing sucht damals nach Freiwilligendiensten in Indien, findet jedoch ausschließlich Offerten, bei denen sie Flug, Kost und Logis selbst bezahlen muss. Doch das kommt für die junge Studentin nicht in Frage. Sie wird auf das Programm weltwärts aufmerksam.
Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Entwicklungshilfeministeriums richtet sich seit 2008 an junge Menschen zwischen 18 und 28 Jahren, die nach der Schule oder Ausbildung für 6 bis 24 Monate an Projekten in Entwicklungsländern mitarbeiten wollen. Mit über 200 Entsendeorganisationen arbeitet das Ministerium zusammen. Für den Auslandseinsatz der Freiwilligen erhalten die Organisationen 580 Euro pro Person und Monat vom Staat, um für Unterkunft, Verpflegung, Reisekosten, Versicherung und ein Taschengeld in Höhe von 100 Euro aufzukommen. Für die Freiwilligen bleibt das Programm im Wesentlichen kostenlos, so dass auch Jugendliche aus einkommensschwächeren Familien teilnehmen können.
Im August 2008 reist Lessing nach Nagpur, dem geografischen Mittelpunkt Indiens. Ihre Entsendeorganisation ist der Verein Deutsch-Indische Zusammenarbeit e.V. Morgens wird die Studentin von einem Schwarm lärmender Papageien geweckt, durch die Küche tollen kleine Affen. Lessing ist überwältigt von Indien und der Gastfreundschaft der Menschen. In Nagpur, einer Industriestadt mit mehr als zwei Millionen Einwohnern, betreut sie Workcamps, beteiligt sich an einem Wassermanagement-Projekt, sammelt Spenden und vergibt Mikrokredite.
Gut für junge Deutsche, nicht für die Dritte Welt
Lessing ist eine von 4200 weltwärts-Freiwilligen, die seit dem Start des Programms in über 70 Länder der Erde ausgeschwärmt sind. Sie arbeiten in Südafrika in Heimen mit Schwerbehinderten, unterrichten Kinder in Brasilien. Bis Ende 2009 soll sich ihre Zahl auf 7000 erhöhen. Die Initiatorin, Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), nennt weltwärts "Globalisierung mit menschlichem Antlitz". Kritiker jedoch bezeichnen das Programm als Reiseveranstaltung für abenteuerlustige Ethno-Touristen, die mit dem Freiwilligendienst im Entwicklungsland ihren Lebenslauf aufwerten wollen.
Christian Wienberg widerspricht den Vorwürfen: "Die Entsendeorganisationen prüfen im Vorfeld, ob Bewerber Engagement zeigen und sich für den Dienst im Ausland eignen." Von 2002 bis 2003 half der Physik-Student selbst als Freiwilliger bei einem Solarenergie-Projekt in Tansania, heute ist er im Vorstand der Freiwilligenvereinigung grenzenlos e.V. und tauscht sich regelmäßig mit anderen Freiwilligen aus.
In Tansania erklärte Wienberg als Lehrer einer Dorfschule Kindern, wie eine Werkstatt geführt. Deutsche Gründlichkeit für Afrika. Auch als ungelernte Hilfskraft habe er helfen können, meint Wienberg. Eine Ausnahme? Für Kritiker steht fest: Das BMZ schickt in die Dritte Welt das, was dort am wenigsten gebraucht wird: ungelernte Arbeiter.
Auch Wienberg bemängelt, 21 Monate nach dem Start des Programms sei noch nicht ausreichend evaluiert, welche Einsatzpläne für die jungen ungelernten Hilfskräfte überhaupt praktikabel seien und welche Entsendeorganisationen den Qualitätsstandarts des Ministeriums tatsächlich entsprächen.
Er fordert zudem einen verantwortungsvollen Umgang mit den Fördermitteln an die Entsendeorganisationen. So wird bezweifelt, ob die 70 Millionen Euro, die das Programm umfasst, sinnvoll angelegt sind, denn "auch mit wenig Geld ließen sich in der Dritten Welt dramatische Verbesserungen der Lebensumstände erreichen". Die 100 Euro Taschengeld beispielsweise, müssten an die Lebensbedingungen im jeweiligen Land angepasst werden. Es könne nicht sein, dass eine ungelernte Hilfskraft mehr verdiene als eine Fachkraft.
Im August diesen Jahres organisierte Wienberg die Rückkehrerkonferenz "undjetzt?!". Rund 150 ehemalige Freiwillige trafen sich in Potsdam, um sich zu entwicklungspolitischem und zivilgesellschaftlichem Engagement auszutauschen und weiterzubilden. Am Ende der Konferenz stand eine Erklärung mit Verbesserungsvorschlägen für weltwärts.
Besonders das ehrgeizige Ziel der Ministerin, im Jahr 2010 zehntausend Freiwillige zu entsenden, sehen die Rückkehrer kritisch: "Qualität vor Quantität" müsse die Devise lauten. Die Erklärung fordert, dass weltwärts "im entwicklungspolitischen Sinne" seine Verantwortung wahrnimmt und auch jungen Menschen aus Entwicklungsländern globales Lernen in Form eines Freiwilligendienstes in Deutschland ermöglicht.
Eine weitere Anregung: Der Freiwilligendienst endet nicht mit dem letzten Tag im Ausland. Viele Freiwillige wollen ihre gesammelten Erfahrungen in langfristiges Engagement umzusetzen – die Konferenz selbst ist das beste Beispiel dafür.
Das Ministerium hat reagiert: Um besondere Initiativen und Projekte der Freiwilligen nach ihrer Rückkehr zu stärken – sei es die Gründung eines Vereins, die Organisation einer Fotoausstellung oder Vorträge an der alten Schule – stellt das Bundesentwicklungsministerium über das Projekt weltwärts und danach Mittel in Höhe von einer Millionen Euro pro Jahr bereit, die zusätzlich zu der Finanzierung der Freiwilligendienste vergeben werden.
Auch Marie Lessing hat einen Antrag gestellt. Ein halbes Jahr nach ihrem Freiwilligendienst in Indien sitzt sie stellvertretend für 1800 Rückkehrer gemeinsam mit Heidemarie Wieczorek-Zeul in der Aula der Leibniz-Schule in Berlin-Kreuzberg. Die Ministerin zieht Bilanz, stellt einen bunten Zahlenreigen vor: 62 Prozent Frauen, 213 Entsendeorganisationen, 78 Länder. Lessing hingegen erzählt, dass Indien nun immer bei ihr sei. Nach ihrer Rückkehr gründete sie die Dependance Berlin des Vereins Deutsch-Indische Zusammenarbeit und am Leibniz-Gymnasium bietet sie eine AG für Abiturienten an, die auf den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst vorbereiten soll.
Für viele Teilnehmer beginnt Entwicklungshilfe dort, wo weltwärts aufhört: in Deutschland. Christian Wienberg sagt, man müsse sich von dem Gedanken lösen, weltwärts sei Entwicklungshilfe, messbar in gebohrten Brunnen und gefüllten Kindermägen. Vielmehr ist es ein Inlands-Dienst: "Es geht um Erfahrung und darum, das Bewusstsein für Entwicklungshilfe in Deutschland zu schärfen."
- Datum 11.09.2009 - 22:41 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Ein guter Schlusssatz, der Kritik und positive Punkte vereint - und mit dem ich nicht wirklich gerechnet hätte. Denn dass die Investition ins Ausland (via Entwicklungshelfer) gleichzeitig eine Investition in die deutsche Mentalität ist, das war mir bisher so nicht bewusst.
Ich finde es toll das der deutsche Staat Freiwillige unterstützt die Entwicklungshilfe leisten wollen! Oft habe ich nämlich das Gefühl als sei Entwicklungshilfe Menschen vorenthalten die sich es einfach finanziell nicht leisten können.
Die ungelernten Hilfskräfte aus Deutschland -gerade wenns um Abiturienten oder Studenten geht (und das ist bei "weltwärts" ja die Regel) haben meist eine bessere (allgemeine!) Ausbildung als die lokalen Fachkräfte. Und das weiß ich aus eigener Erfahrung. Das Problem ist vielmehr, jemanden mit guter Ausbildung als Hilfskraft zu beschäftigen (das haben wir in D. genauso), weil da Ressourcen verloren gehen. Wie wärs mit einer Reform des Programmes hin zu weiterbildenden Stellen, in Stile von inwent? Statt Arroganz wär das doch was.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren