Medien und Moral Wer "Lalleluja" titelt, darf nicht über die Moral anderer urteilen

Bedenkliche Fotos, verwerfliche Schlagzeilen: Durch Doppelmoral und Häme bringen sich die Medien in Misskredit. Ein Kommentar

Viel war zu lesen in der vergangenen Woche über die Vereinbarkeit von Amt und Alkoholfahrt, aber auch über die Verträglichkeit versteckter Kameras mit der Privatsphäre von Politikern. Im Fall Margot Käßmann warfen Kommentatoren Fragen nach der Aufrichtigkeit, Vorbildwirkung und der moralischen Verantwortung von Deutschlands ranghöchster Protestantin auf. Im Fall der Illustrierten Bunte klagte der Stern an, dass Prominente mithilfe dienstbarer Zuträger gezielt beschattet würden. Zwei unterschiedliche Vorgänge, die aber Parallelen zeigen.

Denn es lohnt ein Blick auf diejenigen zu werfen, die unsere Gesellschaft prägen, indem sie moralische Fragen veröffentlichen und oft gleichzeitig auch beantworten. Sie legen dabei nämlich an sich selbst nicht immer die Maßstäbe an, mit denen sie andere messen.

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Nachdem die alkoholisierte Käßmann ihr Fahrzeug bei Ampelrot nicht zum Stehen brachte, ergoss sich kübelweise Häme auf die Titelseiten: "Die Sünderin" (Berliner Zeitung), "Lalleluja" (Berliner Kurier), vom "eingelegten Rückwärtsgang" war die Rede, "Zum Wohl" hieß es (in der taz, am Tag nach dem Rücktritt). Käßmann erklärte ihre Autorität für irreparabel beschädigt. Der morgendliche Pressespiegel wird sie darin bestärkt haben, für den Nachmittag eine öffentliche Rücktrittserklärung anzusetzen. Funktioniert so die Gesellschaft, die wir wollen?

Die Versuchung ist groß, im Ringen um Aufmerksamkeit, dem Medien sich nun mal stellen müssen, die eigene Moral in der Umkleidekabine liegen zu lassen. So kritisierte der Stern die Arbeit der Illustrierten Bunte, die ein Rechercheunternehmen beauftragte, das mit Kameras und allerlei unjournalistischen Tricks im Stile von Privatermittlern, prominenten Politikern nachstellte, darunter Franz Müntefering. So zu arbeiten, ist mindestens ebenso verwerflich wie eine Alkoholfahrt über die rote Ampel.

Aber der Stern gibt zugleich freimütig zu, selbst ein Foto aus dem Angebot dieses Rechercheunternehmens gedruckt zu haben: Horst Seehofers Geliebte. Und hier beginnt die Doppelmoral. Besonders deutlich macht das der Hinweis des Magazins, man habe nie selbst den Auftrag zu zweifelhaften Recherchen erteilt. Ist das die Gesellschaft, die wir wollen?

Es gab Argumente, die für Käßmanns Bleiben im Amt sprachen und ebensolche für ihren Rücktritt. Doch einen Rücktritt durch Verletzungen provozieren zu wollen, ist ebenso verwerflich wie die verdeckte Kamera zu verdammen, deren Foto aber nicht. Manch ein Schlagzeilendichter dieses Landes muss sich fragen lassen, ob er nicht selbst im Titelrausch vergaß, vor dem Druck der Seiten den Fuß vom Gas zu nehmen.

Häme ist eine Folge von einem Defizit an Moral. Und beides fordert Opfer, im Extremfall solche, über die Journalisten dann wiederum berichten können. Laut Allensbach-Institut sind übrigens Journalisten nur bei elf Prozent der Deutschen hoch angesehen, lediglich Offiziere, Gewerkschaftsführer, Politiker und Buchhändler genießen noch weniger Achtung.

 
Leser-Kommentare
  1. Die armen Buchhändler ! Nicht sehr nett im Zusammenhang mit den anderen Berufsgruppen genannt zu werden.

  2. bis zum Totalversagen der deutschen und amerikanischen Medien um das Jahr 2001.

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    ...sondern schon 1988 kam es zu einem Totalversagen deutscher Medien, nämlich im Zusammenhang mit dem Gladbecker Geiseldrama. Journalisten hofierten die Kriminellen Rösner und Degowski auf der Sucher nach einem sensationellen Interview, manche versuchten sogar Polizeiwagen von der Fahrbahn zu drängen.
    Es ist gut möglich, dass die zwei Todesopfer, die das Drama forderte, sich im Falle eines anderen Verhaltens der Journalisten noch leben könnten.
    Ein Jammer, dass die der Polizei erlaubten Mittel gegen Personen, die wissentlich die Ergreifung von Verbrechern, Hilfeleistungen oder gar die Rettung von Menschenleben behindern, überhaupt begrenzt sind. Wer so etwas tut, sollte dies auf jeden Fall auf eigene Gefahr tun und für SÄMTLICHE Folgen für sich und andere selbst die VOLLE Verantwortung tragen.
    Völlig klar ist, dass jemand, der zur nicht einmal mehr tragisch zu nennenden Entwicklung des Geiseldramas beigetragen hat, als Journalist eine lebenslange Sperre erhalten sollte.

    ...sondern schon 1988 kam es zu einem Totalversagen deutscher Medien, nämlich im Zusammenhang mit dem Gladbecker Geiseldrama. Journalisten hofierten die Kriminellen Rösner und Degowski auf der Sucher nach einem sensationellen Interview, manche versuchten sogar Polizeiwagen von der Fahrbahn zu drängen.
    Es ist gut möglich, dass die zwei Todesopfer, die das Drama forderte, sich im Falle eines anderen Verhaltens der Journalisten noch leben könnten.
    Ein Jammer, dass die der Polizei erlaubten Mittel gegen Personen, die wissentlich die Ergreifung von Verbrechern, Hilfeleistungen oder gar die Rettung von Menschenleben behindern, überhaupt begrenzt sind. Wer so etwas tut, sollte dies auf jeden Fall auf eigene Gefahr tun und für SÄMTLICHE Folgen für sich und andere selbst die VOLLE Verantwortung tragen.
    Völlig klar ist, dass jemand, der zur nicht einmal mehr tragisch zu nennenden Entwicklung des Geiseldramas beigetragen hat, als Journalist eine lebenslange Sperre erhalten sollte.

  3. ... findet man die armen Buchhändler eigentlich unter den Reihen der wenig geachteten?
    Gut, es ist schon eine Ewigkeit her das ich ein Buch nicht online gekauft habe, aber ich fand Buchhändler in der Regel recht freundlich, hilfsbereit und intellegent.
    Bei den andreren Berufen bin ich eigentlich nicht überrascht.

    • CM
    • 01.03.2010 um 15:25 Uhr

    Manchmal nicht nur - die Häme, die derzeit containerweise über die Lobbykraten bei Union und FDP niedergeht, hat ihre Ursache nicht in einem Versagen der Medien nach sondern vor der Wahl, denn man war ja gewarnt und hat dennoch eine schwarz-gelbe Geldsucht-Selbsthilfegruppe an die Macht geschrieben und in die Regierung kommentiert. Damals ging es gegen die SPD, und auch sie hatte es in vieler Hinsicht verdient - aber eben nicht nur.

    Allerdings hat die "Bunte" eine Grenze überschritten, die Journalisten von Hetzern unterscheidet, und das schaffte bislang nur "Bild", wenn auch regelmäßig. Hier paßt auch der Satz "Sie legen dabei nämlich an sich selbst nicht immer die Maßstäbe an, mit denen sie andere messen." Wenn es danach ginge müßten Springer und Burda sich aus dem politischen Journalismus verabschieden und dürften nur noch über Stars, Sternchen und das Wetter berichten.

    Mein Vorschlag für die letzte Überschrift der doppelmoraligen Kampfblätter:

    "Wir sind Sch*****!"

  4. Öffentliches Leben ist ein Scheuersack. Wer für sich entscheidet, dass er im öffentliche Leben stehen möchte, dem ist bekannt, dass von nun an Privatsphäre weitgehend Vergangenheit ist und vieles, was über einen geschrieben wird, falsch verstanden bis frei erfunden ist.

    Wer diese seit Beginn der Menschheit geltenden Grundregeln menschlicher Gemeinschaften nicht anerkennt, lügt sich was vor.

    Bei Frau Käßmann war die Sachlage in meinen Augen eine andere.

    Die Dame hat sich als das moralinsaure Gewissen der Nation aufgespielt. Sie hat ihr Amt zudem bewusst für parteipolitische Agitation missbraucht. Hierfür benötigte sie die von ihren Vorgängern erarbeitete Reputation des Amts, die jedoch schnell verbraucht war.

    Frau Käßmann ist nicht zurückgetreten, weil sie Scham o.ä. über ihr Handeln empfunden hat. Dann hätte sie bereits Sonntag oder Montag das Büßerhemd anlegen müssen.

    Nein, Frau Käßmann ist erst dann zurückgetreten, als ihr Verhalten öffentlich bekannt wurde. Diese Doppelmoral, dass eben nicht das Fehlverhalten, sondern dessen Bekanntwerden die entscheidende Rolle spielt, ist für eine Kirchenfrau wesentlich schlimmer als ein paar Gläser Wein.

    Denn genau das ist die Verlogenheit, die mit dem Spruch "Wasser predigen, aber Wein saufen!" zum Ausdruck gebracht wird.
    Genau das macht Käßmann in meinen Augen zu einem Menschen ohne Ethik und Moral, dafür aber mit Machtgeilheit.

    Presse reißt den Mächtigen gelegentlich die vertuschende Maske vom Gesicht. Gut so!

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    Häme ist eine Folge von einem Defizit an Moral.

    Frau Käßman war gerade nicht "moralinsauer", sie hat auch gewiss nicht "parteipolitische Agitation" betrieben und meiner Ansicht nach in ihrer Amtsführung auch keine Reputation "verbraucht".

    Ihnen scheint die ganze Richtung nicht zu passen. Und versuchen jetzt, nachdem Frau Käßmann einen Fehler gemacht hat, ihr sogar noch aus dem Rücktritt "Machtgeilheit" zu unterstellen. Selbst wenn Sie ihre Meinungen nicht teilen, sollten Sie gerade einer öffentlichen Person "im Scheuersack" einen Moment der Besinnung zugestehen, bevor Äußerungen fallen, die sich nicht wieder rückgängig machen lassen.

    "Presse reißt den Mächtigen gelegentlich die vertuschende Maske vom Gesicht", schreiben Sie. Da überschätzen Sie die "Macht" eines EKD-Ratsvorsitzenden. Man könnte sich eher fragen, warum und von wem die Presse unmittelbar nach dem Alkoholverstoß davon erfahren hat -- und da wären wir wieder beim Thema des Artikels.

    • ohopp
    • 01.03.2010 um 16:28 Uhr

    wie sich Käßmann nach ihrer Fahrt(ohne Schaden für Andere) verhalten hat, ist aber im Gegensatz zu dem Ihnen politisch nahe stehenden Herrn Althaus in unserer Gemeinschaft fast einzigartig(leider). Da gab es doch eine 100 prozentige Solidarität der CDU, erst der Wähler hats trotz Springer gerichtet. Doppelmoral war schon immer eine der größten Probleme in jeder Gesellschaft.

    spricht nicht für Sie. Frau Käßmann hat mit ihrem Rücktritt ein Zeichen gesetzt, auf das wir bei Roland Koch schon seit Jahren warten. Oder Seehofer und die Ehe - ein Bollwerk der christlichen Moral. Und so könnte ich Ihnen noch etliche Politikernamen und die dazugehörigen Anlässe nennen, die einen Rücktritt unter Berücksichtigung Ihrer Massstäbe erfordern.

    Das seinerzeit (1960) Konrad Adenauer seinem Kontrahenten Willy Brandt sogar seine nichteheliche Abkunft vorgehalten hat, zeigt wie sehr sich die CDU von Ihren Moralvorstellungen entfernt hat.

    daran sein 2 Tage nachzudenken und dann seinen Entschluss zu fällen? Mit allen Konsequenzen.

    Häme ist eine Folge von einem Defizit an Moral.

    Frau Käßman war gerade nicht "moralinsauer", sie hat auch gewiss nicht "parteipolitische Agitation" betrieben und meiner Ansicht nach in ihrer Amtsführung auch keine Reputation "verbraucht".

    Ihnen scheint die ganze Richtung nicht zu passen. Und versuchen jetzt, nachdem Frau Käßmann einen Fehler gemacht hat, ihr sogar noch aus dem Rücktritt "Machtgeilheit" zu unterstellen. Selbst wenn Sie ihre Meinungen nicht teilen, sollten Sie gerade einer öffentlichen Person "im Scheuersack" einen Moment der Besinnung zugestehen, bevor Äußerungen fallen, die sich nicht wieder rückgängig machen lassen.

    "Presse reißt den Mächtigen gelegentlich die vertuschende Maske vom Gesicht", schreiben Sie. Da überschätzen Sie die "Macht" eines EKD-Ratsvorsitzenden. Man könnte sich eher fragen, warum und von wem die Presse unmittelbar nach dem Alkoholverstoß davon erfahren hat -- und da wären wir wieder beim Thema des Artikels.

    • ohopp
    • 01.03.2010 um 16:28 Uhr

    wie sich Käßmann nach ihrer Fahrt(ohne Schaden für Andere) verhalten hat, ist aber im Gegensatz zu dem Ihnen politisch nahe stehenden Herrn Althaus in unserer Gemeinschaft fast einzigartig(leider). Da gab es doch eine 100 prozentige Solidarität der CDU, erst der Wähler hats trotz Springer gerichtet. Doppelmoral war schon immer eine der größten Probleme in jeder Gesellschaft.

    spricht nicht für Sie. Frau Käßmann hat mit ihrem Rücktritt ein Zeichen gesetzt, auf das wir bei Roland Koch schon seit Jahren warten. Oder Seehofer und die Ehe - ein Bollwerk der christlichen Moral. Und so könnte ich Ihnen noch etliche Politikernamen und die dazugehörigen Anlässe nennen, die einen Rücktritt unter Berücksichtigung Ihrer Massstäbe erfordern.

    Das seinerzeit (1960) Konrad Adenauer seinem Kontrahenten Willy Brandt sogar seine nichteheliche Abkunft vorgehalten hat, zeigt wie sehr sich die CDU von Ihren Moralvorstellungen entfernt hat.

    daran sein 2 Tage nachzudenken und dann seinen Entschluss zu fällen? Mit allen Konsequenzen.

  5. Über das Spektakel im Zusammenhang mit der Alkoholfahrt von Frau Dr. Käßmann wir ich ebenfalls erstaunt. In meinem ZEIT online - Kommentar schlug ich ihr vor, auf ihre Gesundheit Rücksicht zu nehmen (schließlich war sie an Brustkrebs operiert worden). Ich denke, das war das entscheidende Argument für ihren Rücktritt. In unserer schrecklichen Mediengesellschaft brauchen diese immmerwieder "Futter". Deshalb hetzen die Reporter wie wild "Klatsch und Tratsch" hinterher. TV-Sendungen, wie BRISANT,HALLO DEUTSCHLAND, EXCLUSIV usw. brauchen Bilder für das abendliche "Medienspektakel" ("Brot uns Spiele" für die Einschaltquoten). Dieser Zirkus hat eindeutig die "Regenbogenpresse" ersetzt und ist unkontrollierbar geworden.

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM

    • Logeg
    • 01.03.2010 um 15:42 Uhr

    Das mit den Buchhändlern verstehe ich nicht. Ich habe sie immer als sympathisch empfunden.

    • Fifty4
    • 01.03.2010 um 16:00 Uhr

    Es ist sicher nicht die Gesellschaft die wir wollen. Aber es ist die Gesellschaft, die wir haben. In der Tat sind nur die wenigsten Journalisten einer Moral verpflichtet. Es ist die Auflage die ihr Handeln bestimmt. Aber es gibt noch etwas Wichtigeres. Journalisten möchten neben dem Beschreiben auch immer was aufdecken. Dann sind sie nämlich nicht nur Verbreiter von Nachrichten sondern auch Akteure im Geschehen. Da fühlt man sich doch gleich besser. Wenns dann nichts aufzudecken gibt, wird ebenmal was erfunden, hinzugedichtet oder gelogen. Wen kümmerts schon. Das ist mittlerweile Alltag. Quellen dürfen ja geheim gehalten werden. Viele Jounalisten gehören deshalb in die unterste Schublade der Gesellschaft. Denn sie befriedigen damit nur niedere Bedürfnisse.

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