Meinungsforschung Allensbach-Gründerin Noelle-Neumann ist tot

Elisabeth Noelle-Neumann gilt als Pionierin der Meinungsforschung in Deutschland. Im Alter von 93 Jahren ist sie gestorben.

Die deutsche Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann im Jahr 2001 in ihrem Privathaus in Allensbach am Bodensee

Die deutsche Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann im Jahr 2001 in ihrem Privathaus in Allensbach am Bodensee

Als "Pythia vom Bodensee" wurde Elisabeth Noelle-Neumann bezeichnet – denn Allensbach liegt am Bodensee. Dort gründete sie zusammen mit ihrem Mann Erich Peter Neumann im Jahr 1947 das bekannteste Meinungsforschungsinstitut in Deutschland. Einen besonderen Namen machte sich das Institut in Allensbach in der politischen Meinungsforschung und bei Wahlprognosen.

Jetzt ist die Gründerin des Instituts gestorben. Sie sei am Mittag in ihrem Haus in Allensbach eingeschlafen, sagte ein Sprecher des Unternehmens. An der Arbeit des Instituts ändere ihr Tod nichts, sagte er weiter. Die Gründerin lebte schon seit etlichen Jahren sehr zurückgezogen und hatte bereits 1988 ihre langjährige Mitarbeiterin Renate Köcher in die Geschäftsführung aufgenommen.

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Geboren wurde Noelle-Neumann 1916 in Berlin. Sie studierte ab 1935 Philosophie, Geschichte, Zeitungswissenschaft und Amerikanistik. Nach einem USA-Aufenthalt promovierte sie 1940 mit der Arbeit "Meinung- und Massenforschung in USA" bei Emil Dovifat, einem der Begründer der deutschen Publizistikwissenschaft. Während des Nationalsozialismus arbeitete sie als Zeitungsredakteurin für verschiedene Blätter. Sie schrieb unter anderem für das NS-Propagandablatt Das Reich, für das Propagandaminister Joseph Goebbels regelmäßig den Leitartikel verfasste. Auch ihre Dissertation enthält antisemitisch gefärbte Aussagen.

Im Jahr 1964 wurde sie als Professorin an die Universität Mainz berufen. Dort baute sie das Institut für Publizistik auf. Zu ihren Schülern gehören die Professoren Wolfgang Donsbach, Hans Mathias Kepplinger, Klaus Schönbach, Winfried Schulz und Jürgen Wilke. Regelmäßig veröffentlichte sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Beiträge zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen.

Mit ihren Forschungen über die öffentliche Meinung hat sich Noelle-Neumann international einen Namen gemacht – vor allem durch ihre Theorie der Schweigespirale. "Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen", schrieb Noelle-Neumann. So entstünden verzerrte Mehrheits- und Stärkeverhältnisse in öffentlichen Debatten oder bei Wahlen, da sich eine schweigende Minder- oder gar Mehrheit einer vermeintlichen Mehrheitsmeinung (oft die der links-liberalen Medien) anpasse, aus der Furcht heraus, isoliert zu werden.

Über die in den siebziger Jahren aufgestellte Theorie wurde vor allem in Deutschland kontrovers diskutiert. Nina Grunenberg schrieb 1999 anlässlich Noelle-Neumanns 80. Geburtstag in der ZEIT: "Besonders stolz ist sie auf ihre (...) Schweigespirale, in der sie Einschüchterung als Teil der öffentlichen Meinung interpretiert. Ihre Widersacher verreißen diese Theorie als mehr Demagogie als Demokratie, aber je umstrittener ihre Meinungen sind, desto mehr scheint sie die Auseinandersetzung zu genießen. Sich mit Schwung gegen den Zeitgeist zu stellen ist eine Leidenschaft, der sie auch im Alter von 83 Jahren noch mit großer Entschiedenheit frönt – unbeirrt, umtriebig, rastlos, atemlos, emphatisch, anstrengend, unverbesserlich: So beherrscht sie das Feld der Meinungs- und Wählerforschung seit fast 50 Jahren."

Für ihre Arbeit wurde Noelle-Neumann mit mehreren Preisen geehrt. Zuletzt erhielt sie 1999 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis. Im Jahr 1976 wurde ihr das Große Bundesverdienstkreuz verliehen. Ein Jahr später wurde sie Ehrenbürgerin von Allensbach.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) würdigte die Demoskopin als "Wegbereiterin der modernen Meinungsforschung und überzeugende Stimme in der öffentlichen Debatte in Deutschland". Der Leiter der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, nannte sie ungeachtet methodischer Differenzen zu Allensbach eine der "ganz Großen ihres Fachs in Deutschland und in der westlichen Welt".

 
Leser-Kommentare
  1. Noelle-Neumann war keine Meinungsforscherin, sie war eine Meinungsmacherin und Kohl-Propagandistin und sie schrieb im 3. Reich für die Nazi-Propagandazeitschrift "Das Reich".
    In diesen Funktionen hat diese Frau m.E. maximalen Schaden angerichtet. Falsche Pietätsbezeugungen wären in diesem Falle fehl am Platze.

  2. Die Theorie ist interessant. Leider war Noelle-Neumann selbst politisch eher konservativ und hat ihre Theorie auf dem Aspekt einer veröffentlichten linken Meinung gestützt, die von der schweigenden Mehrheit nicht gestützt werde. Wer Meinungsumfragen durchführt und solche Theorien verbreitet, sollte seine politische Neutralität behalten. RIP

  3. ...entgleist. Allensbach ist schon ein wenig älter als Frau Noelle-Neumann.

    • j-ap
    • 25.03.2010 um 19:02 Uhr

    Die Befragung repräsentativ ausgewähler Synapsen in meinem Hirn brachte kein eindeutiges Meinungsbild hervor, aber immerhin einen Trend:

    71%: "Möge sie in Frieden ruhen!"
    19%: "93 Jahre ist ein gesegnetes Alter."
    7%: "Mache ich mir ein Wurstbrot zu Abend oder doch Salat?"
    2%: "Diese Umfrage ist ein Scherz, oder?"
    1%: "71 19 7 2 1 = 100 — nicht verrechnet, yeah!"

    • Girgel
    • 25.03.2010 um 21:51 Uhr

    Wie vom ersten Kommentator schon angemerkt, wäre es nicht verkehrt wenn in einem Nachruf auch eine kritische Auseinandersetzung mit der betreffenden Person stattfinden würde.

    Noelle-Naumanns Dissertation enthielt antisemitische Andeutungen.

    Mit ihrer Theorie der Schweigespirale hat sie letztlich nur rechtspopulitische Argumentationen pseudowissenschaftlich aufbereitet (siehe z.B. Westerwelle, der auch glaubt mit seinen Hartz-4-Tiraden die "schweigende Mehrheit" zu vertreten), ohne diese Theorie jemals auch nur annähernd empirisch belegt zu haben.

    Den letzten Preis, den sie erhalten hat, war übrigens nicht der Hans-Martin-Schleyer-Preis, sondern der Löwenthal-Preis von der Jungen Freiheit (Sprachrohr der Neuen Rechten).

    Ich glaube das sagt alles.

    Schlaf gut, Elisabeth.

  4. muss ich leider schreiben: ich kann gar nicht so viel essen, wie ich jetzt kotzen könnte.

    Möge Elisabeth in Frieden ruhen.

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    • j-ap
    • 26.03.2010 um 13:05 Uhr

    es ist sowieso Fastenzeit, vomieren können Sie nach Ostern immer noch.

    • j-ap
    • 26.03.2010 um 13:05 Uhr

    es ist sowieso Fastenzeit, vomieren können Sie nach Ostern immer noch.

  5. "aber je umstrittener ihre Meinungen sind, desto mehr scheint sie die Auseinandersetzung zu genießen."

    Dann wird sie sicherlich traurig sein, dass wir in der Oberstufe einen Ihrer Texte auseinander nehmen mussten - mit dem Ergebnis, dass wir alle einer Meinung waren: Was für ein Blödsinn.

    Aber sicherlich gab's da die schweigende Mehrheit, die in Wahrheit hinter ihren Ausführungen stand.

  6. Elisabeth Noelle-Neumann ist sicher die wirkliche Begründerin einer eigenen deutschen Demoskopie, die uns nach ihrem Aufenthalt an der Chicagoer Universität im Kontakt mit einer modernen amerikanischen Sozialforschung eben diese nach Deutschland gebracht hat. Sie wusste es weiter auch, diese Methoden „zu verkaufen“ und hat uns eine gänzlich neue Sichtweise gebracht und unser Bild der Meinungen der Menschen erheblich erweitert, wenn nicht sogar erst möglich gemacht.

    Betrachteten die deutschen Sozialwissenschaftler „den Arbeiter“ oder „den Bürger“ in „verstehenden Soziologien“ aus dem Elfenbeinturm, ging sie hin und fragte ihn nach der Meinung, ein Meilenstein der politischen Kultur in Deutschland; und frischer Wind in den deutschen Sozial- und Zeitungswissenschaften nach dem Krieg.

    Eine große Frau und auch die erste große Frau ihrer Zunft. Und auch ihr Theorem der „Schweigespirale“ bedeutete doch und vor allem immer auch ein Interesse am Menschen und einem mündigen Staatsbürger, Kritik an den Medien sowie ein tiefes, manchmal etwas zu intuitives Verständnis für den Otto-Normalverbraucher und eine Theorie der öffentlichen Meinung.

    Wir werden die „Pythia vom Bodensee“ sehr, sehr vermissen.

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