Der Pranger galt im Mittelalter als eine praktische Einrichtung: Er bot Delinquenten mit unstetem Lebenswandel festen Halt für einige Stunden. Die mittelalterlichen Justizvollzugsbeamten wussten in dieser Zeit sehr genau, wo der Straftäter sich aufhielt. Die Bevölkerung konnte dem Bösen ins Angesicht schauen. Und Steine werfen. Oder den Täter bespucken.

Im Vergleich zum Handabhacken oder Ohrschlitzen, ebenfalls mögliche Strafen in der "Peinlichen Halsordnung", war der Pranger regelrecht human. Anschließend konnte der Verurteilte sich die Spucke aus dem Gesicht wischen, die Stadt vor Toresschluss verlassen und woanders sein Glück versuchen. Im Mittelalter gab es eben noch keine Bild -Zeitung, die sich die erneute Bestrafung von entlassenen Schwerverbrechern, die ihre Freiheitsstrafe bereits verbüßt haben, auf die publizistische Fahne geschrieben hat.

In schlimmster Boulevard-Manier verfolgt das Blatt eine Kampagne gegen die angebliche Welle von Entlassungen von "Schwerverbrechern". "157 Kriminelle warten auf ihre Entlassung!", schrie Bild voll ungerechtem Zorn am Mittwoch in die Welt hinaus. Darüber brachte die Redaktion die "Deutschland-Karte der freigelassenen Schwerverbrecher". Das letzte Wort in blutroten Buchstaben.

Am Rand stehen Kurzbiografien von Männern, die meist eine hohe Gefängnisstrafe verbüßt haben. Männer, die ihre Bürgerrechte zurückbekommen haben, die wieder selbst über ihr Leben entscheiden dürfen. Doch das scheint der Redaktion von "Europas größter Zeitung" (Angabe des Axel-Springer-Verlages) nicht recht zu sein. Und so nimmt das Blatt den Männern das Recht auf Resozialisierung.

"Gutachter bescheinigen: Dieser Mann muss für immer weggesperrt werden. Frei seit 2006", steht da am Rand. So sieht der Pranger im Jahr 2010 aus. Oder so: "Frauenmörder. Erschlug seine Schwägerin mit einem Hammer, weil sie keinen Sex wollte. (...) Im Gefängnis drohte er, Aufseher zu töten. Frei seit 2006, mittlerweile nicht mehr überwacht."

Das klingt wie die Aufforderung zum Steine schmeißen. Bild stellt Männer an den Pranger, die ihre Strafe verbüßt haben. Der mediale Pranger hat keinen praktischen Nutzen. Dieses Bestrafungsinstrument ist eine Erfindung des Mittelalters, und dort gehört sie auch hin. 

 

Die hier geschilderten Fälle liegen vier Jahre zurück. Die Männer sind seit vier Jahren auf freiem Fuß. In vier Jahren begingen sie offensichtlich keine Straftat – sonst wären sie kaum in Freiheit. Beide haben mit dem aktuellen Streit um die anstehende Entlassung von Straftätern, die noch in der Sicherheitsverwahrung sind, also nichts zu tun. Bild interessiert das überhaupt nicht: Wozu an Fakten halten, wenn sich so schön auf der Klaviatur der Emotionen spielen lässt.

Wer 2006 aus dem Gefängnis kam – der gehört nicht zu den rund 80 Gefängnisinsassen, die von dem höchstrichterlichen Spruch des Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte profitieren, der die nachträgliche Sicherheitsverwahrung kippte. Die Kampagneros der Bild vermischen Fakten, schüren Zorn und Hilflosigkeit, versuchen, die Politik unter Druck zu setzen. Wer will schon die Verantwortung übernehmen, wenn ein Entlassener erneut ein Verbrechen begeht?

Und das zu verhindern, braucht Deutschland nicht die Bild -Zeitung, sondern mehr Bewährungshelfer, mehr Betreuungseinrichtungen, mehr Psychiater, mehr Präventionsexperten. Eine vernünftige Forderung an die Politik ist also, mehr Geld in den Strafvollzug und mehr Geld in Einrichtungen für ehemalige Straftäter zu investieren.

Dies ist kein Plädoyer gegen die Sicherheitsverwahrung. Sie macht bei besonders gefährlichen Gewalttätern Sinn – wenn die Straftäter nicht einfach nur weggesperrt und mit ihren Problemen alleine gelassen werden. Dass Bild nun versucht, den Männern ihren Anspruch auf Resozialisierung zu nehmen, ist ein Skandal. Das Blatt hat kein Recht, Menschen, die ihre Strafe verbüßt haben, in die Öffentlichkeit zu zerren. Ob ein Straftäter nach Verbüßung seiner Freiheitsstrafe weiterhin eine Gefahr für die Gesellschaft ist, müssen aber Richter und Gutachter entscheiden – nicht die Redaktion der Bild .

Das Blatt nennt aber lieber Fälle, die den Volkszorn schüren sollen: "Vorbestraft, fiel mehrere Male wegen sexuellen Missbrauchs auf. (...) Ein Ermittler: Der ist eine tickende Zeitbombe." Das reicht Bild aus, um einen Mann mit einem nicht ganz so häufigen Vornamen an den medialen Pranger zu stellen. Das darf nicht sein. Auch ehemalige Straftäter haben eine Menschenwürde. Selbst wenn ihre Straftaten brutal, pervers und unmenschlich waren. Dafür müssen sie hart bestraft werden – danach haben sie aber wieder die gleichen Rechte wie jedermann.

Damit lässt sich aber die Auflage nicht steigern. Und deswegen hetzt Bild weiter, bedient Stammtischrunden mit Klischees, erfreut die Leser mit brutalen Geschichten. Das ist gezielte Panikmache. Die Polizei muss längst nicht mehr nur ehemalige Gefängnisinsassen überwachen, weil sie eine Gefahr für die Gesellschaft sein könnten – sondern auch, um sie vor Lynchjustiz zu bewahren. Den Opfern dieser Kampagne wird niemand beispringen. Wer stellt sich schon auf die Seite von Vergewaltigern, Päderasten und Mördern? 

Paparazzi, die Bilder von Prominentenvillen veröffentlichen oder die Privatsphäre von Caroline von Monaco und ihrer Kinder verletzen, werden von schneidigen Medienanwälten zu Strafzahlungen von Zigtausenden Euro verurteilt. Das ist ihr gutes Recht.

Aber werden Männer gegen den Boulevardgiganten klagen, die zum Teil Jahrzehnte ihres Lebens im Gefängnis waren, die ein eigenständiges Leben gar nicht kennen? Vermutlich nicht. Das Blatt rechnet halt nüchtern die möglicherweise anstehenden Anwalts- und Gerichtskosten gegen die erwartete Steigerung der Auflage. Was bei dem Zahlenspiel heraus kommt, kann man täglich nachlesen. Rudolf Augstein wollte seinen Spiegel zum "Sturmgeschütz der Demokratie" machen. Chefredakteur Kai Dieckmann formt seine Bild zum Pranger der Populisten. Schon einmal hetzte Bild gegen angebliche Straftäter. Danach wurde Rudi Dutschke erschossen. Dieckmann sollte aufpassen, dass das Blatt nicht zum Henkerbeil wird.

Wie formulierte der Verleger und Bilderfinder Axel C. Springer noch vor 30 Jahren im Gespräch mit ZEIT-Redakteur Ben Witter so treffend: "Ich leide wie ein Hund darunter, daß manches in meinen Blättern steht, womit ich überhaupt nicht einverstanden bin. Und wie oft leide ich, wenn ich morgens die Bild-Zeitung lese." Seitdem hat die Qualität der Bild nicht zugenommen – gelesen wird sie trotzdem. Leider.