EinwandererdebatteSarrazin schrammt knapp an der Lüge vorbei

Thilo Sarrazin vermischt Wahrheiten mit Halbwahrheiten und Unsinn. Gerade auf dem Feld der Bildung halten seine Thesen dem Faktencheck nicht stand, kommentiert M. Spiewak. von 

Integration: Die Bildungsentwicklung der türkischen Migranten ist keineswegs konstant negativ

Integration: Die Bildungsentwicklung der türkischen Migranten ist keineswegs konstant negativ  |  © Sean Gallup/Getty Images

Ein Vorwurf lautet, Thilo Sarrazin zeichne ein Schwarz-Weiß-Bild, wenn er mit seinen öffentlichen Äußerungen die deutsche Einwanderungsgesellschaft beschreibt. Das stimmt nicht: Der Bundesbankvorstand kennt überhaupt kein Weiß, nur Schwarz. Er vermischt Fakten und Vorurteile und braut daraus einen trüben Cocktail. Indem er Halbwahrheiten zu mutigen Statements stilisiert, schrammt er stets knapp an der Lüge vorbei.

So ist es richtig (und alles andere als neu), dass in sämtlichen Schulstudien die türkischen Migrantenkinder besonders schwache Leistungen erbringen. Bei Pisa kommt jeder zweite deutsch-türkische Jugendliche in der neunten Klasse beim Lesen und Rechnen nicht über das Grundschulniveau hinaus. Ebenso richtig ist aber auch, dass italienische Einwandererschüler noch schlechter abschneiden – und die sind nun einmal gute Katholiken. Die These vom muslimischen Macho, dem seine Religion beim Lernen im Wege steht, trifft auf sie nicht zu.

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Würde der Islam per se Bildung und sozialen Aufstieg verhindern, wie Sarrazin suggeriert, müssten man die muslimischen Einwanderer in den USA ganz unten in der amerikanischen Gesellschaft finden. Das Gegenteil jedoch ist der Fall. Ebenso spricht die Entwicklung der Türkei nicht für die (religiös bedingte) Stagnation. Der rasante wirtschaftliche Aufschwung in den vergangenen zehn Jahren geht einher mit einer nie da gewesenen Bildungsexpansion in dem Land. Als wichtigen Träger der gesellschaftlichen Umwälzung haben Soziologen die neue gläubige Mittelschicht ausgemacht. Dieser "calvinistische Islam" setzt auf Fleiß – und Bildung.

Die Muslimthese stimmt auch in Deutschland nicht. Zwar ist richtig, dass auch marokkanische und arabische Jugendliche zu den Problemschülern gehören. Andererseits ist kaum eine andere Einwanderergruppe so erfolgreich wie die Iraner. Auch sie stammen bekanntlich aus einem islamischen Land. Anders als die türkischen Einwanderer, die meisten als Hilfsarbeiter nach Deutschland kamen, stammen sie jedoch meist aus wohlhabenden und bildungsbewussten Familien.

Genau das macht auch den Unterschied zu den asiatischen Schülern aus, die Sarrazin als gelungene Vorbilder preist. Vietnamesische Schüler zum Beispiel gelten hierzulande als Musterbeispiele des Schulerfolgs. Tatsächlich gehören sie in den (ost-) deutschen Gymnasien zu den besten Schülern – obwohl auch sie in teilweise schwierigen sozialen Umständen aufwuchsen und ihre Eltern wie die Türken der ersten Generation nur schlecht Deutsch sprechen. Dennoch können die vietnamesischen Jugendlichen gegenüber ihren türkischen Alterskollegen einen entscheidenden Startvorteil vorweisen: Ihre Eltern brachten in der Regel einen guten Bildungsabschluss aus der Heimat mit. Fast alle (DDR-) Vertragsarbeiter, die zu Arbeit und Ausbildung ins sozialistische Bruderland entsandt wurden, verfügten mindestens über einen mittleren Schulabschluss.

Wie sehr Sarrazin, die Fakten verdreht, wird deutlich, wenn er im ZEIT-Interview den neuesten Ländervergleich der Kultusministerkonferenz zitiert. Bei dieser innerdeutschen Pisa-Untersuchung schnitten die Schüler mit einem türkischen Migrationshintergrund erneut schlechter ab als alle anderen Einwanderergruppen. Dazu führt Sarrazin aus: "Dieser Abstand kann, so sagt die Studie, durch sozioökonomische Faktoren nicht erklärt werden." Es müssen also andere Gründe sein, denkt der Leser, die hier eine Rolle spielen, wahrscheinlich die Intelligenz beziehungsweise die Gene.

Leserkommentare
    • sunyata
    • 30. August 2010 23:04 Uhr

    Ulrich etc. baten Herrn Sarrazin im Interview, sich über das Niveau der "Zeit" keine Sorgen zu machen.
    Besser hätten sie das Niveau nicht definieren sorgen, um dass ich mir nicht nur gegenwärtig Sorgen mache, sondern immer öfter, wenn ich Artikel aus diesen Federn lese.
    Ich vermisse saubere Recherche und fundierte Bildung über die Themenkreise, zu denen sich diese Journalisten leider, dieser Ausdruck sei erlaubt, versteigen. Beim Alpinismus hofft man dann auf gute Absicherung. Bei der Zeit pflegt man derzeit den ungesicherten Vorstieg.

    • wise
    • 31. August 2010 1:53 Uhr

    mal ganz interessant zu sehen,dass die Redaktion Kommentare wegen 'Pauschalisierungen' entfernt, jemand wie Sarrazin aber (nicht zuletzt wegen der super PR) jetzt wahrscheinlich unmengen von Geld solchen Dingen verdienen wird....

    @Spiewak: Ich finde es erfreulich, wie sie schon bei Necla Kelek aufzuklären versuchten und auch jetzt wieder den Fokus auf erhebliches richten. Nur leider ist es eben nicht offensichtlich populär genug, denn sonst würden wir diese Dinge diskutieren und nicht die Gespinste eines Sarrazins...

    @Sarrazin: Back to the 60s, wo Mehrsprachigkeit mit Dummeheit Hand in Hand zu gehen schien (ZIMMER, Dieter.E (1996).: Mehrsprachigkeit: Wie wird der Kinderkopf damit fertig?In: http://www.zeit.de/archiv... Stand 19.01.2005), so jedenfalls die Annahme. Diese alten Kamellen sind anscheinend immer noch nicht ausgelutscht genug.
    Ich empfehle ein bißchen soziologische Literatur. Dort sind Ursachen und Bedingungen sowie zukünftige Notwendigkeiten bereits seit Jahrzehnten bekannt. Aber weder Politik noch Sie sind ja tatsächlich daran interessiert Abhilfe zu schaffen. In Wahrheit versuchen die einen Stimmen zu fangen und die anderen (wie Sie) Geld zu machen...eine Frage nur: Warum sind sie nicht bei der CDU. Die können sich jemand, wie sie leisten und hätten sogar akuten Bedarf, nach Koch's Rücktritt!!

  1. Wieso sich ueber die Meinung eines Mannes aufregen, denn Herr Sarrazin uebt nur sein Recht als freier Mensch aus. Aufregung nur von denen die nicht das Buch gelesen haben. Wenn die Politik scharf angreift, warum sagt niemand etwas gegen den Verlag, der das Buch veroeffentlichte? Wenn Sarrazin unethisch gehandelt haben soll, und nun angeprangert wird, laesst man den Verlag weiter in grosser Auflage druecken. Sarrazin wird verteufelt, aber nichts wird gegen den Verlag unternommen, denn das Geschaeft steht ganz oben. Und je mehr die Medien und die Politik sich aufregen, desto mehr garantieren sie, dass Sarrazins Werk zum Bestseller empor klettern wird. Und somit haben Herr Sarrazin und sein Verleger ihr Ziel erreicht. Kluge Strategie.

  2. Herr Spiewalk sollte doch eigentlich wissen wie das mit der Wahrheit ist. Jeder hat einen anderen Blickwinkel und die sogenannten Halbwahrheiten, die Herr Spiewalk mit seinen Fakten zu widerlegen versucht, bleiben doch nicht ganz von der Hand zu weisen. Insgesamt gesehen hat Sarazzin sich getraut Dinge anzusprechen, die in der großen Politik aus welchen Gründen auch immer, tabu sind. Man möge das Ganze betrachten unter der Devise: In der Übertreibung liegt die Anschaulichkeit" und damit liegt Sarazzin also völlig richtig.
    Übrigens sind die "Fakten" des Herrn Spiewalk so wie er sie darstellt auch nicht richtig. Wie man es halt braucht..........

  3. ...wenn nämlich jemand Wahres, Halbwahres und Unwahres miteinander vermengt. Genau so sind Menschen wie Hitler, Mussolini, Stalin, F. J. Strauß, Berlusconi und George W. Bush groß geworden, mit teilweise wahren, teilweise habwahren zund teilweise absolut falschen Argumenten, die, entsprechend aufbereitet von gleichgeschalteten Medien über das jeweilige Land verbreitet wurden.

    Gottseidank sind wir in der Bundesrepublik noch nicht ganz so weit wie in Italien oder den USA, auch wenn FJS damals durch die Einführung der privaten Fernsehsender, deren Propaganda von der breiten Masse der Bevolkerung nahezu kritiklos hingenommen wird, letztendlich dieses Ziel verfolgt hat.

    Bei uns gibt es zum Glück noch Medien, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Stichwort: Anzeigenkunden) durchaus kritisch sind und deshalb bin ich guter Dinge, dass unsere Demokratie auch einen Herrn Sarrazin verträgt, wie sie auch einen Herrn Schill und viele andere vertragen hat.

    Letztendlich haben sich all diese Leute irgendwann selbst ins Abseits gestellt.

  4. viele iraner in deutschland sind ehemalige anhaenger und beguenstigte des shahregimes die hierher kamen mit unmengen von geld im koffer und ihrwr beziehungen aufrechterhalten. viele von ihnen sind einfach sagenhaft reich gewesen.
    die wenigen tuerken die in der usa sind haben den hohen einreisebedingungen entsprochen und schon grundvorraussetzungen mitgebracht. somit ist der ganze kommentar hier fragwuerdig da die argumentation sich lediglich auf zahlen beruft und nicht auf erklaerende zusammenhaenge zu den zahlen bezugnimmt.
    schade fuer die zeit, die eigentlich eine zuverlaessige arbeit abliefert!

  5. Es ist schon eine riesige Anmassung, wie dieser Mensch sich ihm wildfremden wissenschaftlichen Disziplinen bedientz: Der Humangenetik, der Soziologie, der Erziehungswissenschaften, der Geschichte, der Relisgionswissenschaften.... Von all dem hat er nicht mal eine blaße Ahnung. Nur vom Hören-Sagen und Passagen abgeschrieben ohne Sinn und Verstand.
    Da er behauptet an seinem Buch wissenschaftlich gearbeitet zu haben, würde ich ihm seinen Dr. Titel aberkennen. Er hat nämlich nichts dazu gelernt.
    Für mich ist er ein gefärlicher Populist, ein Querulant, ein "Ewiggestrige", stur bis zum geht nicht mehr, rechthaberisch und anmaßend.
    Ich würde mich nicht wundern, wenn er einen Ehrentitel und eine Ehrenposition bei der NPD bekommen würde.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn sich jeder nur zu dem Thema äußern würde, das er an der Uni studiert hat, wäre es wohltuend still im Blätterwald. Insbesondere die Interpretation von Statistiken sollte dann vom normalen Journalisten unterbleiben. Ab wann dürfte das denn Ihrer Meinung nach geschehen? Reicht ein Semester Stochastik im Rahmen eines Ingenieursstudiums? Muß es ein vollständiges Mathematikstudium sein?

    Übrigens paßt Ihr Tonfall nicht zu den gezeigten Rechtschreibleistungen.

    rhadamanthys

    P.S. die Schreibung gem. Regeln vor RSR ist beabsichtigt.

  6. Zitat:

    "Bei Pisa kommt jeder zweite deutsch-türkische Jugendliche in der neunten Klasse beim Lesen und Rechnen nicht über das Grundschulniveau hinaus. Ebenso richtig ist aber auch, dass italienische Einwandererschüler noch schlechter abschneiden – und die sind nun einmal gute Katholiken"

    Wie bitte? Wie kommt man mit so elementaren Defiziten überhaupt in die neunte Klasse? Aus Mitleid? Zu meiner Zeit wäre man Förderungsbedürftig gewesen, und wäre im Zweifelsfall in die Sonderschule gekommen. Unabhängig vom Migrationshintergrund.

    Wenn ich sowas lese, dann ist es mir egal, ob Sarrazin alle Fakten genannt hat. Hauptsache es wird überhaupt eine Debatte entfacht, ob in unserem Lande wirklich alles so richtig läuft.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Thilo Sarrazin | DDR | Eltern | Intelligenz | Jugendliche | Schüler
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