In Jugendherbergen habe ich Amerikaner und Brasilianer getroffen, die auf ihrer Europatour "the thrill of" Auschwitz nicht verpassen wollen. So schrecklich und deshalb so schrecklich interessant, finden sie. In dem englischen Film The History Boys fragt sich ein Lehrer, ob die Besucher dort Sandwiches essen und Fotos machen dürfen, auf denen sie lächeln und Händchen halten. Die Konzentrationslager seien jenseits aller Erfahrung, meint er, und deshalb sei Schweigen die einzige Antwort.

Gaststudenten, die sich tatsächlich dafür zu interessieren schienen, habe ich versucht, meine Gefühle zum Holocaust zu erklären. Was herauskam, war ein immer schneller werdender Schwall von nicht zu Ende geführten Sätzen. (Manchmal kommt es mir seltsam vor, dass die Worte "führen" und "Führer" nicht für immer aus der deutschen Sprache ausgeschlossen werden – selbst wenn sie sich auf Sätze oder auf Museumsbesuche beziehen.)

An meinem Gymnasium konnte man den Eindruck gewinnen, das Wissen um die Verbrechen unserer nationalsozialistischen Vorfahren (zwar hält jeder seine eigenen Großeltern für unschuldig, doch irgendwo muss es ja Übergänge zwischen den Generationen geben) sei mindestens so sehr Ziel der Ausbildung wie die Kenntnis der deutschen Grammatik.

In der siebten Klasse las unsere Deutschlehrerin mit uns Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, das von der Flucht einer jüdischen Intellektuellenfamilie handelt. Sie entkommen. Ein Mitschüler bekam jedoch den Auftrag, ein Plakat zum Holocaust zu gestalten, und wir wurden zum ersten Mal mit Zahlen konfrontiert. Millionen, Millionen Tote – unsere Stadt hatte nur dreihunderttausend Einwohner.

Ein engagierter Geschichtslehrer in der Mittelstufe brachte, statt in erster Linie das Tagebuch der Anne Frank zu behandeln, ein dickes Buch über die in den Konzentrationslagern durchgeführten Experimente mit. Der Band enthielt seitengroße Bilder der Opfer, und ich war ungefähr dreizehn. Das Versteck hinter dem Bücherregal in Amsterdam habe ich schon als kleines Kind gesehen, als es noch Teil einer traurigen, aber abenteuerlichen Geschichte zu sein schien.

Auf der Abschlussfahrt nach Prag letztes Jahr verbrachten wir einen Tag mit einer Art Vergangenheitsbesichtigung. Im Gestapo-Gefängnis bei Theresienstadt gab es Zellen und Gänge zu sehen, in der Stadt selbst ein Zimmer im Auffanglager, ein Museum und einen Dokumentarfilm. Natürlich gingen diese direkten Erfahrungen nicht an allen Schülern vorbei, ohne sie zu schockieren, aber die meisten fotografierten begierig, so viel es ging, und schliefen in der Dunkelheit des Kinos dann ein.

Meine Freunde haben mich nie darauf angesprochen, dass ich mich gegen die Grausamkeit des Holocaust nicht abschirmen kann. Meine Familie ist sich einig, dass unverzeihliche Dinge geschehen sind, aber diese werden nur am Rande erwähnt – ähnlich wie überwiegend in den Medien – wenn irgendein Politiker öffentlich respektlose Kommentare abgibt.