Christian Konrad ist sauer. Der CSU-Bürgermeister von Leipheim, einer kleinen Stadt in der Nähe von Ulm, versteht seinen Parteikollegen und Verkehrsminister Peter Ramsauer in Berlin nicht: "Ich glaube nicht mehr an die Ernsthaftigkeit der Integrationsdebatte", sagt Konrad. Dann erzählt er von der Hermann-Köhl-Straße, in die zu Beginn der neunziger Jahre "viele Aussiedler und Asylanten" zogen. Die meisten von ihnen ohne Arbeit und Perspektive. "Es kam zu erheblichen Ausschreitungen, Diebstählen, Körperverletzung, bis hin zu einem Todesfall."

Quartiersmanagement in der Hermann-Köhl-Straße in Leipheim

Das Gebiet wurde daraufhin 2002 in das Förderprogramm Soziale Stadt von Bund und Ländern aufgenommen. "Wir haben die Schule neu gemacht, die Straße neu gemacht und das Viertel parallel aufgewertet." Ein Quartiersmanager bezog sein Büro in der Straße, "das wurde viel besser angenommen als die Sozialberatung im Amt". Zum Stadtteilfest kam in den ersten Jahren "kein einziger der alteingesessenen Leipheimer", sagt Konrad. "Inzwischen haben sie die Multikulti-Atmosphäre der Straße angenommen." Der Erfolg des Programms lasse sich auch in Zahlen messen: "Die Kriminalitätsrate ist stark gesunken."

Geschichten wie jene aus Leipheim gibt es viele im Süden der Republik, wo mittelgroße Industriestädte mit ihren Werkhallen große Zahlen ungelernter Migranten und Spätaussiedler anzogen. Mancherorts haben mehr als 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

In das Würzburger Neubauviertel Heuchelhof kamen nach der Wende Spätaussiedler, sie stellen heute fast die Hälfte der über 9000 Bewohner. Der Volksmund nennt das Gebiet H1 um den Straßburger Ring deshalb "Klein Moskau". Siegfried Scheidereiter vom Sozialreferat der Stadt Würzburg sagt: "Die Kommune hatte im Heuchelhof eine riesige Aufgabe zu meistern: Arbeitslosigkeit, Sprach- und Schulprobleme. Die drohenden sozialen Spannungen konnten wir in Würzburg abwenden."

Einen wesentlichen Anteil daran habe auch in Würzburg das Programm Soziale Stadt gehabt, sagt Scheidereiter. Mit den Fördermitteln seien zwei Treffpunkte für die Bürger im Quartier geschaffen worden, der zentrale Platz wurde umgestaltet. Parallel zu den baulichen Maßnahmen wurde ein Quartiersbeirat gegründet, Tanz-, Mal- und Sprachkurse eingerichtet, Ferienangebote im Stadtteil entwickelt.

Das habe funktioniert, weil das Programm von Anfang darauf ausgerichtet gewesen sei, die Betroffenen in die Entscheidungsfindung einzubeziehen, sagt Scheidereiter: "Sie sollen und müssen mitreden."

Das Gebiet H1 im Würzburger Neubaugebiet Heuchelhof

Auf dem Heuchelhof lief das so ab: "In einer Auftaktveranstaltung haben sich alle getroffen. Der Bürgermeister, das Bauamt, die einzelnen Referate der Stadtverwaltung, die Vereine, die Gewerbetreibenden, Vertreter von Migrantenverbänden und die Bewohner. Dann gründeten sich Arbeitsgruppen – die Gruppe Place de Caen, eine für die Spielplätze und eine mit dem Schwerpunkt Wohnraum."

In neun Jahren kostete das gesamte Programm 4,4 Millionen Euro – mehrere Grünflächen, den Umbau des alten Schwimmbads zum Stadtteilzentrum, einen Holzspielplatz und die Personalkosten des Quartiersmanagements inklusive. Etwas mehr als die Hälfte des Geldes kam vom Bund und dem Land Bayern, die Stadt Würzburg steuerte 1,5 Millionen Euro bei.

Deutschlandweit gab der Bund jährlich etwa 107 Millionen Euro für das Programm Soziale Stadt aus. Das ist nicht viel angesichts der 570 Problemviertel, die im gesamten Bundesgebiet gefördert werden. Experten sind sich einig, dass mit kaum einem anderen Förderprogramm so viel mit so wenig Geld erreicht wurde.

Dennoch hat die schwarz-gelbe Koalition die Mittel im neuen Sparhaushalt um fast drei Viertel eingedampft. Der Rumpfbetrag von etwa 28 Millionen Euro soll nach dem Willen der Koalition nicht mehr für Personal oder Stadtteilfeste ausgegeben werden, sondern für investive Maßnahmen, wie es im Behördendeutsch heißt. Bleibende Werte also, Baumaßnahmen wie Straßen, Gebäude und Spielplätze.