Die Diskussion nach 100 Jahren Frauentag läuft so: Die einen meinen, Frauen hätten heute alles erreicht. Die anderen halten dagegen, von echter Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau könne noch längst nicht die Rede sein. Man wirft sich entsprechende Fakten an den Kopf und den anderen wahlweise Verbissenheit oder Blauäugigkeit vor.

Doch das ist die falsche Debatte.

Denn die Linie der Diskriminierung verläuft nicht einfach zwischen den Geschlechtern, sondern sie verheddert sich in einem Geflecht aus sozialer Schicht, Herkunft und sexueller Orientierung. Das ist kompliziert. Kein Wunder, dass sich viele Feministinnen in Deutschland lieber mit der Nabelschau begnügen.

Dabei ist eine Erweiterung des feministischen Horizonts nötig. Wer Ungerechtigkeit auf die Geschlechtszugehörigkeit reduziert, übersieht andere gesellschaftliche Faktoren, die eine Rolle spielen. Frau ist nicht gleich Frau. Viel zu selten wird gefragt: Wie unterscheiden sich die Diskriminierungserfahrungen einer hessischen Bürokauffrau von denen einer Wirtschaftswissenschaftlerin mit iranischen Eltern? Und was lässt sich gegen die Diskriminierung jeweils unternehmen?

Frauenquote in Führungsetagen, ja gerne! Dass Selbstverpflichtungen zu nichts führen, haben wir gesehen. Aber ist die schwarzarbeitende Putzfrau aus Vietnam und die Minijobberin in der Kita, die der Aufsichtsrätin den Rücken freihalten, wirklich eine Errungenschaft für die Gleichberechtigung?

An deutschen Universitäten ist gut die Hälfte aller Erstsemester Frauen. Allerdings sind darunter nur zwölf Prozent Frauen, deren Eltern nicht studiert haben. Männer und Frauen mit Migrationshintergrund haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als jene, deren Eltern aus Deutschland stammen, auch wenn sie das gleiche Bildungsniveau haben, bestätigt eine Studie der OECD .

Doch das neoliberale Mantra, jede Frau könne es schaffen, wenn sie sich nur anstrenge, sorgt dafür, dass weiße Mittelstandsfrauen ihre Lebensläufe optimieren und denken, sie seien gleichberechtigt. Hurra, das ist doch was zum Jubiläum des Frauentages!

Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist nur ein Teil des Problems. Die wichtigste Einsicht nach 100 Jahren wäre deshalb: Die Grenze verläuft nicht nur zwischen Männern und Frauen.