EinheitsdenkmalDie Wende-Erinnerung als Fanmeile

Das geplante Einheits-Denkmal symbolisiert perfekt die missglückte Aufarbeitung der Einheit. Denn es verschweigt die Probleme des Zusammenwachsens. von 

Eigentlich müsste nicht Angela Merkel, sondern Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann das Einheitsdenkmal im Oktober 2013 einweihen. Denn aus dem wippenden Siegerentwurf spricht, nein, schreit das Lebensgefühl, das wir uns seit der WM 2006 so gern zuschreiben.

Das Gerüst – vorläufiger Spitzname „Obstschale“ – wird so konstruiert sein, dass es ins Schwingen gerät, wenn sich genügend Menschen auf einer Seite des Konstrukts versammeln. Besucher sollen das Wort „Bürgerbewegung“ auf diese Weise buchstäblich erfühlen können. Die Erinnerung als Fanmeile: Jeder soll sie nutzen, jeder verstehen können. Und das mit viel Spaß. Erst mal ist das keine schlechte Idee.

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Doch dem Entwurf fehlt etwas. Seine Gute-Laune-Orientierung lässt die Einheit als abgeschlossen, die Teilung als überwunden erscheinen – eine realitätsferne Deutung, schaut man sich die Vorurteile an, die auf beiden Seiten der Elbe nicht verschwinden . Nur in einer Hinsicht ist die Idee konsequent: Diese Art der Aufarbeitung wird viele Ostdeutsche an die zwanzig Jahre seit der Einheit erinnern.

Der Osten und alles, was zu ihm gehörte, ist wie ein zugeschlagenes Buch. Bis heute ist nirgends ein Versuch zu sehen, aus den vierzig Diktaturjahren und den zwanzig Jahren schwierigen Zusammenwachsens zu lernen. Viele im Osten haben erfahren, wie Unterdrückung funktioniert – und wie man sich wehrt. Eine teure Mitgift, aus der kein gesellschaftliches Kapital entsteht. Denn noch immer sind es die Eliten der alten Bundesrepublik, die die gesellschaftlichen Diskurse bestimmen.

Das Denkmal spart dieses Prozesshafte der Einheit, die Probleme, das Knirschen und, ja: auch die gefühlte Marginalisierung vieler Ostdeutscher aus. Möglich, dass ein solches Denkmal einmal als Symbol für die verpasste Aufarbeitung der DDR-Zeit wahrgenommen wird.

Warum lässt man es nicht einfach ganz? Wir haben bereits einen Ort, der Teilung, Wende und Einheit überall auf der Welt symbolisiert: das Brandenburger Tor. Ähnlich wie der Schicksalstag der Deutschen, der 9. November, ist auch das Brandenburger Tor nicht nur mit der deutschen Teilung, sondern auch mit ihrer Ursache, dem Nationalsozialismus, verknüpft. Hier fielen sich Menschen weinend in die Arme; hier zogen aber auch die braunen Fackelzüge nach Hitlers Machtergreifung entlang. Das Tor ist ein Ort erwachsener deutscher Erinnerung.

Und wer will, findet hier auch die Abgründe und Höhepunkte der neuen deutschen Fröhlichkeit: Die deutsche Nationalmannschaft lässt sich schließlich regelmäßig hier feiern.

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Leserkommentare
  1. So symbolisiert dieses Mahnmahl die Verschaukelung des deutschen Volkes durch die Demokratie.

    Wechselnde Schatten-Dämonen trampeln und springen auf dem Volk herum und umstricken es in ein Schleudertrauma zur Befriedigung der eigenen Gier nach Spaß und Macht. Der zersetzende Beton wird im Laufe der Zeit den Verfall symbolisieren und übersäät von Rissen werden. Die schwächsten Kanten werden abplatzen und niederfallen.
    Unter dem Unterdrückungsmahl wird sich der Müll und Dreck wiederfinden, der von der pseudo-demokratischen Phrasen-Schale überschattet wird.

    Zum Abschluss ist das Denkmal ringsum komplett eingezäunt, jegliche Alternativen und Öffnungen werden Verboten - nur der Haupteingang, bewaffnet mit Schildern und regierte Öffnungszeiten der Feudal-Kapitaltyrannen ist der einzige Weg ohne erdrückt zu werden.

    Die Symboli wird Überperfekt, wenn für das Schandmahl noch eintritt verlangt wird.

  2. Man kann - wenn man lange genug sucht - natürlich überall "das Haar in der Suppe" finden. Warum können wir uns eigentlich nicht einfach einmal darüber freuen, dass in den letzten zwei Jahrzehnten eine komplette Generation heran gewachsen ist, die die Segnungen der deutschen und europäischen Freiheit und Freizügigkeit als das ansehen, was es ja auch ist: als selbstverständlich!?
    Das Einheits-Denkmal muss gewiss nicht jedermanns Geschmack treffen. Aber: Es ist wichtig, dass es dieses Denkmal geben wird, und es Tagesgespräch der Berliner, der Deutschen und ihrer Gäste sein wird.
    Und es wird mit jedem Tag, der seit dem 9. November 1989 vergangen ist, immer wichtiger.
    Nörgeln kann jeder. Erst einmal besser machen!

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    • kfmb
    • 15. April 2011 20:20 Uhr

    empfinde ich die Freiheit bei weitem nicht. Und wenige der DDR-Leute wird Freiheit als "selbstverständlich" sehen. Hoffentlich nicht! Das würde sonst ja bedeuten, dass die gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen schon genügten und für alle Zeit genügen.

    Die Wende ist noch nicht abgeschlossen, da stimme ich dem Autoren zu. Sie ist vor allem noch nicht abgeschlossen, weil die ostdeutsche Lebenserfahrung quasi vom westdeutschen Konservatismus geschluckt wurde. Es gab ja auch keine Veränderung in Westdeutschland. Die jungen Leute machten das, was sie immer machten. Für die jungen Leute aus Ostdeutschland änderte sich in den 20 Jahren eine ganze Welt! Über diese Veränderung konnten sie wenig mitbestimmen. Viele nutzten die neue Welt, um etwas aus sich zu machen - Wo? Im Westen!

    Das Denkmal symbolisiert nicht, wie hunderttausende junger Leute aus ihrer einstigen Heimat in die Welt zogen, um die Freiheit zu leben, und thematisiert auch nicht, dass sich für die westdeutschen jungen Leute eigentlich nichts an ihrer Lebensweise geändert hat.

    Die Wende war eine Anpassung einer Seite an die andere, des Ostens an den Westen. So war es und so kann man es doch auch thematisieren. Warum denn nicht? Das war der historische Lauf und wenn man sich ein Denkmal über diesen Lauf geben möchte, dann kann man doch ehrlich sein. Warum auch nicht ein Denkmal, der den Ostblock einbeschließt?

    Warum also eine Schaukel? Warum nicht eine Gruppe von Skulpturen, die mit aller Macht nach Westen drängen?

    • kfmb
    • 15. April 2011 20:28 Uhr

    Die Freiheit ist deshalb nicht selbstverständlich, weil die Erfahrung der Freiheit in Ostdeutschland nach der Wende keine gesamtdeutschen Wirkungen hervorgerufen hat. Sie hat die Parteipolitik nicht beeinflusst und sie is als Phase der immensen Kreativität und des Drangs nach Neuem irgendwann in Luft aufgegangen.

    Gutes Beispiel ist die FDP. Nichts hat die Partei aus der Wendezeit in sich aufgenommen! Nichts von der Wende ist in ihr gewachsen, was ihre Haltung in den Konflikten in Deutschland und der Welt heute beschreiben würde. Die Wahl des letzten Bundespräsidenten war symbolisch dafür. Deutschland hätte einen Gauck gebraucht. Die FDP hätte damit ein Zeichen gesetzt. Auch für sich selbst.

    Die erste Frage, die ich mir stelle, ist: Sollte man etwas in dieser Dimension bauen, solange Schüler im gleichen Land in völlig verrotteten Schulen sitzen müssen?
    Im Gegensatz zum Freiheitsfreund bin ich nicht der Meinung, das ein solches Denkmal nötig ist. Es hilft in keiner Weise, irgendjemandem den Wert der Freiheit zu erläutern. Könnte man z.B. durch einen besseren Geschichtsunterricht erreichen....
    Darüber hinaus hat es in Westdeutschland trotz diverser Mahnmale diverse Generationen gegeben, die die nach dem zweiten Weltkrieg neuerlangte Freiheit als selbstverständlich hingenommen haben. Ich wüsste nicht, was ein weiteres Monstrum daran ändern sollte.

    • tabe
    • 15. April 2011 19:50 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich und respektvoll. Danke. Die Redaktion/km

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    vielleicht ist für SIE die wende nicht abgeschlossen, für meine generation (jahrgang 1991) ist die wiedervereinigung in fragen toleranz und eingliederung niemals ein problem gewesen. zwischen wessi und ossi sehen wir keine unterschiede, erkennen sie sogar meist nicht als solche. wenn die alten generationen ausgestorben sind, werden sich diese probleme von ganz alleine lösen. schließlich gibt es für uns nur das wiedervereinigte "ganze" deutschland! das einzige was es für uns aufzuarbeiten gibt, sind die demographischen und wirtschaftlichen differenzen zwischen ost und west. im großen und ganzen sehe ich wenigstens in dieser hinsicht positiv in die zukunft.

    • kfmb
    • 15. April 2011 20:22 Uhr

    Tut mir leid!

    • Carla6
    • 15. April 2011 20:25 Uhr

    Vielen Dank für diesen sehr guten Artikel. Ich sehe ebenso wie der Autor dieses Denkmal mit gemischten Gefühlen. Beim Thema Deutsche Einheit will einfach keine Fröhlichkeit aufkommen, nicht einmal ein gutes Gefühl. Vielleicht für einige, aber viele Menschen, hüben wie drüben belügen sich halt nicht gern.

    "Viele im Osten haben erfahren, wie Unterdrückung funktioniert" ... und eine neue kennengelernt.

    Es sind einfach zu viele in Ihren Grundfesten erschütterte Menschen auf der Strecke geblieben. Die Befriedigung von Grundbedürfnissen (Wohnung, Essen, existenzielle Sicherheit) wurde gegen die Befriedigung von Sekundärbedürfnissen (Reisefreiheit, Selbstverwirklichung, Meinungsfreiheit) eingetauscht. Reisefreiheit und ein sogenanntes Freiheitsgefühl steht halt auf der Bedürfnispyramide viel weiter oben und fällt halt viel weniger ins Gewicht.
    Es gibt wenig zu feiern, also seien wir Realisten und machen das Beste draus. Und gut ist.

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    Es gibt wenig zu feiern?
    Ich bin Jahrgang '87 und in der ehemaligen DDR geboren. Ich würde mir ein denkmal meiner Generation wünschen, was denen dankt, die für uns (für mich) die Freiheit erkämpft haben. Sicher gab es "Wendeverlierer", aber für alle, denen es möglich war in einem freiheitlichen, demokratischen Land aufzuwachsen, gibt es viel zu feiern. Unsere Eltern haben uns ermöglicht in einem vereinten Deutschland zu leben und genau dieser Generation, den Wende- und Nachwendekindern sollte es erlaubt sein diese Freiheit zu feiern.

    • kfmb
    • 15. April 2011 20:28 Uhr

    Die Freiheit ist deshalb nicht selbstverständlich, weil die Erfahrung der Freiheit in Ostdeutschland nach der Wende keine gesamtdeutschen Wirkungen hervorgerufen hat. Sie hat die Parteipolitik nicht beeinflusst und sie is als Phase der immensen Kreativität und des Drangs nach Neuem irgendwann in Luft aufgegangen.

    Gutes Beispiel ist die FDP. Nichts hat die Partei aus der Wendezeit in sich aufgenommen! Nichts von der Wende ist in ihr gewachsen, was ihre Haltung in den Konflikten in Deutschland und der Welt heute beschreiben würde. Die Wahl des letzten Bundespräsidenten war symbolisch dafür. Deutschland hätte einen Gauck gebraucht. Die FDP hätte damit ein Zeichen gesetzt. Auch für sich selbst.

    Antwort auf "Nörgeln kann jeder"
  3. .......geschleift haben, die voerher alliierte Bomberverbände zerhauen haben. Gräfin Gloria von Thurn und Taxis mokierte sich über den Wiederaufbau des Schlosses: Man könne Historie nicht einfach wiederholen!
    [...]
    Gekürzt. Bitte äußern Sie Kritik sachlich und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/wg

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    Entfernt. Bitte diskutieren Sie das Artikelthema anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

    • tabe
    • 15. April 2011 22:32 Uhr

    Was interessiert uns "Gräfin Gloria von Thurn und Taxis"? Die ist irrelevant. Bei diesem Denkmal geht es um deutsche Einheit, aber es ist nur eine hässliche Schaukel. Das Humboldtforum dagegen ist für die öffentliche Debatte, das ist spannend. Die Bürger haben am liebsten eine hübsche Kuppel. Auch das gibt es beim Schloß.

    • th
    • 16. April 2011 18:41 Uhr

    aber man sollte es nicht ideologisch, soziologisch, politologisch, ökonomisch usw. überlasten!

    Ein Erinnerungsstück an die 1990 vollzogende Wiedervereinigung Deutschlands (bis auf das endgültig abgeschriebene verlorengegangene historische östliche Viertel) braucht jedenfalls nicht für die ganze seitherige Geschichte geradezustehen.

    Es gab 1989-90 eine einmalige Chance, an die kaum noch jemand geglaubt hat; wir, mit Kohl an der Spitze haben diese Chance ergriffen und genutzt - was wir danach daraus gemacht haben, steht auf einem ganz anderen, neuen Blatt.

    Was die Benachteiligung des Ostens angeht, so hat sie stattgefunden - aber immerhin ist eine Ost-Frau seit Jahren Kanzler, die 5 Ost-Bundesländer werden inzwischen nicht mehr von Wessi-Importen regiert - Berlin ist wiedervereinigt und Bundeshauptstadt - und viele Regionen sind dabei, sich wirtschaftlich zu berappeln.

    Hätte uns jemand das alles noch 1988 vorausgesagt, er wäre schallend ausgelacht worden in Ost und West. Nur in Polen hätte man ihn ernst genommen (schon 1980!). Jetzt wo der Jackpot geknackt ist, wird gemäkelt.

    Genügend Grund für ein Denkmal - warum es nun ausgerechnet eine teilvergoldete Schaukel sein soll ist eine andere Frage.

    Zitat:
    "Doch dem Entwurf fehlt etwas. Seine Gute-Laune-Orientierung lässt die Einheit als abgeschlossen, die Teilung als überwunden erscheinen – eine realitätsferne Deutung, schaut man sich die Vorurteile an, die auf beiden Seiten der Elbe nicht verschwinden."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Jürgen Klinsmann | Denkmal | Nationalmannschaft | Nationalsozialismus | Elbe
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