BundesfreiwilligendienstFrau Muster-Bufdi ruft zum Dienst

Der Zivildienst ist abgeschafft, nun sollen sich Bürger im Bundesfreiwilligendienst engagieren. Doch auf die weltfremde Werbekampagne reagierten nur wenige. Ein Kommentar.

Einer der ersten Bufdis hilft einem Schüler der Alice-Salomon-Schule in Heilbronn.

Einer der ersten Bufdis hilft einem Schüler der Alice-Salomon-Schule in Heilbronn.

Die junge Frau hat die Hände in die Hüften gestemmt und lächelt zufrieden. Sie arbeitet im neuen Bundesfreiwilligendienst, kurz Bufdi, und es macht ihr sichtlich Spaß. "Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden", steht neben ihr auf dem Plakat. Sie ist Teil der Werbekampagne für den Nachfolger des Zivildienstes, die seit Mai läuft.

Die Lächelnde, nennen wir sie Frau Muster-Bufdi, sollte Scharen von Nachahmern anlocken, hoffte die Familienministerin. Vergeblich. Denn für den vorige Woche angelaufenen Bundesfreiwilligendienst gilt bisher: Kaum jemand kennt ihn, geschweige denn weiß man, wie er funktioniert.

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Auf die 35.000 offenen Stellen haben sich bisher nur 3.000 Freiwillige gemeldet . Dazu kommen 14.300 Zivis, die ihren Dienst um einige Monate verlängern. Und so mangelt es vielen Einrichtungen, die bisher Zivildienstleistende beschäftigten, an Personal . Der Sozialverband VdK warnt vor Nachteilen für Pflegebedürftige und Behinderte. Verbandschefin Ulrike Mascher befürchtet, dass gerade Ältere und Menschen mit Behinderung, die bisher von Zivis betreut wurden, künftig "ohne vergleichbare Unterstützung auskommen müssen".

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) hatte angesichts dieser Zustände eine Idee: Eine bundesweite Werbekampagne für den neuen Freiwilligendienst muss her !

Bloß, die gibt es ja schon – Frau Muster-Bufdi und ihre Kollegen lächeln von Tausenden Plakaten in 31 Städten, von Postkarten in Kinos und an Schulen, von der Seite www.bundesfreiwilligendienst.de , von einer Facebook-Seite , sie lächelten auf dem Kirchentag und auf Schülermessen – ohne großen Erfolg.

Kurt Beck jedoch haben sie offensichtlich noch nicht angelächelt. Und so kritisiert er unbewusst – aber treffend – den schwammigen Slogan der Ministeriumskampagne und fordert konkrete Anreize: "Wir müssen den jungen Menschen deutlich machen, was sie neben dem ideellen Wert an materiellem Vorteil haben", sagt Beck.

Leserkommentare
    • Chali
    • 07.07.2011 um 9:49 Uhr

    Donnerwetter! Toll, so was.

    Wer kommt da nicht unmittelbar auf die Idee, das sich alle HartzIV-Empfänger und -Aufstocker verpfichtend freiwillig melden müssen?

  1. Die konkreten Vorteile halten sich aber stark in Grenzen. Wo bestehen die denn? Sowohl das Bedürfnis für gesellschaftliches Engagement, als auch die Weiterentwicklung des Selbst wurden ja vornehmlichst von der Institution Schule eliminiert. Die meisten Sachen, die man dort gelernt hat, konnte man bereits nach einer Leistungskontrolle gerne in die Tonne kloppen - hat auch keinen gestört. Und dann, nach der Schule, sollen die Schüler, denen mit enormen Nachdruck eingebläut wurde, dass sie entweder für die Schule oder bestenfalls für spätere Berufsaussichten (nicht etwa den Berufsalltag selbst!) lernen, diese Schüler nun sollen plötzlich etwas total Uneigennütziges tun? Da hat die Familienministerin irgendwas übersehen, man nennt es Logik.
    Natrülich könnte man sich auf de Vorteile des Bufdis stürzen, aber worin sollten die denn bestehen? Man verdient halt Geld zwischen Schule und Studium/Ausbildung. Das wars aber auch. Versicherung und Unterkunft hat man höchstwahrscheinlich auch ohne. Und arbeiten kann man auch woanders, wenn man nicht gerade Hartz4 Urlaub machen will. Der Bufdi bietet also keine exklusiven Vorteile, hat dafür aber den faden Beigeschmack, welcher auch dem Zivi noch von vielen Seiten nachgesagt wurde. Der Bufdi it einfach ein Fehlkonzept, da nützt auch Werbung nichts. Die einzigen, denen er etwas bringt, sind die Leute, die unsicher sind, ob sie in den sozialen bereich wollen und es deswegen einmal ausprobiern möchten. Aber das ersetzt nicht den Zivi.

  2. Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn

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    wo prozentual mehr chronisch Pflegebedürftige hingebungsvoll zu Hause versorgt werden und zusätzlich allenfalls ein ambulanter Pflegedienst in Anspruch genommen wird, bevor Sie arbeitslose Einwanderer zur 'Freiwilligkeit' verpflichtet sehen wollen. Vielleicht wird Ihnen dann auch klar, daß Pflege gerade in konservativen muslimischen Familien weniger als Beruf, sondern als eine von Frauen unentgeltlich zu verrichtende Arbeit betrachtet wird. Genau so, wie das auch in konservativen christlichen Familien der Fall ist.

    Das aber ist gleichzeitig der Grund der strukturellen Unterbezahlung in der Pflege - aus seltsamen Gründen scheint es ja nicht möglich, ehedem unentgeltlich verrichtete Frauenarbeit als Beruf angemessen zu bezahlen, das Gleiche gilt z.B. auch für die unterbezahlten Erzieher m/w. Eine Diskussion darüber fände ich übrigens weit interessanter als die m.M.n. völlig überbewertete Frauenquote für Spitzenpositionen.

    Es überrascht mich auch angesichts des bisherigen und bekannten, brennenden Pflegenotstands kaum, wie extrem unterschiedlich die Freiwilligkeit künftiger Soldaten und Zivilisten bewertet, bezahlt und beworben wird. Daran wird aber sehr schön deutlich, welche 'Werte' in Deutschland prioritär vertreten werden. Offensichtlich ist de Maizières Fortführung der 'Außen- und Wirtschaftspolitik mit anderen Mitteln' weit wichtiger als die Menschenwürde von alten, kranken und behinderten Menschen und derer, die für sie sorgen.

    Das ist widerwärtig und grundfalsch!

    wo prozentual mehr chronisch Pflegebedürftige hingebungsvoll zu Hause versorgt werden und zusätzlich allenfalls ein ambulanter Pflegedienst in Anspruch genommen wird, bevor Sie arbeitslose Einwanderer zur 'Freiwilligkeit' verpflichtet sehen wollen. Vielleicht wird Ihnen dann auch klar, daß Pflege gerade in konservativen muslimischen Familien weniger als Beruf, sondern als eine von Frauen unentgeltlich zu verrichtende Arbeit betrachtet wird. Genau so, wie das auch in konservativen christlichen Familien der Fall ist.

    Das aber ist gleichzeitig der Grund der strukturellen Unterbezahlung in der Pflege - aus seltsamen Gründen scheint es ja nicht möglich, ehedem unentgeltlich verrichtete Frauenarbeit als Beruf angemessen zu bezahlen, das Gleiche gilt z.B. auch für die unterbezahlten Erzieher m/w. Eine Diskussion darüber fände ich übrigens weit interessanter als die m.M.n. völlig überbewertete Frauenquote für Spitzenpositionen.

    Es überrascht mich auch angesichts des bisherigen und bekannten, brennenden Pflegenotstands kaum, wie extrem unterschiedlich die Freiwilligkeit künftiger Soldaten und Zivilisten bewertet, bezahlt und beworben wird. Daran wird aber sehr schön deutlich, welche 'Werte' in Deutschland prioritär vertreten werden. Offensichtlich ist de Maizières Fortführung der 'Außen- und Wirtschaftspolitik mit anderen Mitteln' weit wichtiger als die Menschenwürde von alten, kranken und behinderten Menschen und derer, die für sie sorgen.

    Das ist widerwärtig und grundfalsch!

  3. Meiner Meinung nach wird das ganze Konzept Bufdi scheitern bzw. niemals den Bedarf an an Personal in diesen Bereichen decken. Der Grund ist simpel. Kaum ein junger Mensch mit gesundem Menschenverstand wird sich auf den Dienst unter diesen Bedingungen einlassen, da er Zeit frisst welche für Bildung und gut bezahlte Arbeit verwendet werden könnte. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich selbst habe damals aus Überzeugung den Zivildienst abgeleistet und behaupte, dass es die für mich persönlich am (positiv) prägenste Zeit meines bisherigen Lebens war. Was allerdings jeder Wissen sollte ist, dass solch ein Dienst, ob jetzt Zivi oder Bufdi, für einen persönlich mehr Nachteile als Vorteile birgt. Der klare Vorteil ist natürlich der Zuwachs an Sozialkompetenzen und das gute Gefühl helfen zu können. Klare Nachteile hingegen sind, dass einem die Arbeit von vielen Patienten nicht gedankt wird, da sie die Unterstützung oft als universelles Grundrecht auffassen und einen dementsprechend behandeln. Des weiteren wird man oft von den Dienststellen als billige Arbeitskraft missbraucht und muss inoffiziell deutlich mehr Arbeitsstunden ableisten als Festangestellte. Und zuletzt erleidet man in der Zeit des Dienstes größere finanzielle Verluste da selbstverständlich das Handgeld, welches man für den Dienst erhält, niemals auch nur annähernd die Lebenskosten abdecken kann.

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  4. Es ist geradezu typisch für Politiker, etwas als "überzeugend" zu bezeichnen, das nicht funktioniert, keine Wirkung zeigt und an der Lebensrealität der Angesprochenen vorbei geht. In der Privatwirtschaft würde eine solche Werbekampagne mit anderen Worten bezeichnet werden.

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  5. Ich persönlich gebe dieser Totgeburt (gemeint ist der Bundesfreiwilligendienst, nicht unsere Familienministerin!) noch maximal 2 Jahre. Danach dürfte der Leidensdruck auf allen Seiten hoch genug sein, um die allgemeine Wehrpflicht wieder auszumotten, allerdings diesmal lediglich mit der freiwilligen Option auf Wehrdienst. Damit dürfte man Zivis genug haben, vor allem, wenn man auch Frauen einbezieht.
    Ich freue mich auch schon auf das bereits garantierte Geschrei über "Nachteile" deutscher Schulabgänger im "Internationalen Wettbewerb" (tm). An die Vorteile, die die gesamte Gesellschaft aus diesem Dienst zieht, denken die Schreihälse allerdings nie.

  6. Tja, nachdem man den jungen Leuten jahrelang eingebläut hat dass sie schnell durch die Schule müssen (Stichtwort: "G8") und schnell studieren müssen (Studiengebühren) damit sie die von den Arbeitgebern geforderte Berufserfahrung schnell bekommen - da darf man sich nicht wundern wenn diese jungen Leute nun kein Jahr für den Bufdi aufwenden wollen.

    Und wenn man sich anschaut wie die Rentenaussichten so sind - und dass ja sowieso nur der etwas Wert in unserer Gesellschaft ist der Arbeitet und ordentlich verdient - da ist es eine vollkommen nachvollziehbare Haltunf NICHT zum Bufdi zu gehen.

    Da sieht man auch mal wie sich manche Branchen an den geringbezahlten Zivis eine goldene Nase verdient haben.
    Wir reden über Mindestlohn auf der einen Seite - aber Zwangsarbeiter wie Zivis und 1€ Jobs soll es dann doch geben...

    Die Verlogenheit des Kapitalistischen Systems k... mich an!

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  7. Schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeit erhält seit Jahren in Deutschland offenbar immer wieder neue Namen. Dass bislang ein Großteil unserer sozialen und medizinischen Versorgung von Zivildienstleistenden anstatt von gut bezahlten und speziell ausgebildeten Fachkräften geleistet wurde, ist in sich schon bedenklich. Dass nun mit Wegfall dieses Dienstes Ersatz bei nicht bezahlten "Freiwilligen" gesucht wird, ist schlicht eine Farce des Systems Sozialstaat.

    Von der "Generation Praktikum" (meist wenn auch schlecht bezahlt) zur "Generation Freiwillige" (unbezahlt)?

    "Freiwillig" - was heisst das eigentlich? Freiwilliges soziales Jahr, ökologisches Jahr, weltwärts, Europäischer Freiwilligendienst, Bürgerarbeit...

    Laut einer Studie von 1999 ist jeder dritte Bundesbürger über 14 Jahren ehrenamtlich in Vereinen, Verbänden, Initiativen oder Kirchen tätig. Viele Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens würden ohne Ehrenamtliche kaum mehr existieren. Was hat es also mit dieser "Bufdi" Initiative der Bundesregierung auf sich? Alles kalter Kaffee und somit überflüssig. Eine Riesenwerbekampagne für etwas, das es schon seit Jahrzehnten gibt.

    Auf einen Vergleich zur der Euphemie: "Freiwilliger Wehrdienst" ("Der Freiwillige Wehrdienst ist zudem attraktiv. So gewährleistet der Dienstherr neben dem Wehrsold unentgeltlich Verpflegung, Unterkunft und medizinische Versorgung." Webseite der Bundeswehr.) verzichte ich an dieser Stelle...

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