Nach der Erdbebenkatastrophe in Japan hatten viele von uns erwartet, dass die Menschen im Katastrophengebiet fluchtartig ihre Häuser und sogar das Land verlassen. Auch hat uns verwundert, dass japanische Medien mit größerer Zurückhaltung als bei uns in Deutschland berichteten. Und dann wandte sich die Regierung des Landes am Ende zu unserem Erstaunen nicht Hals über Kopf von der Atomenergie ab.

Hätten wir uns jedoch mit dem kulturellen Hintergrund der japanischen Bevölkerung auseinandergesetzt, hätten wir die Reaktionen der Betroffenen auf die Folgen des Tsunami nicht nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen.

Die japanische Denkweise wird vor allem durch Shinto und Buddhismus geprägt. Beide Religionen betonen als eine zentrale Tugend das stoische Ertragen des Unausweichlichen. Nach außen hin zur Schau gestellte Emotionen wie Verzweiflung, Panik und Wut werden dagegen als wenig hilfreich erachtet. Das ermöglichte den Menschen, so scheinbar gelassen auf die furchtbaren Ereignisse zu reagieren.

Außerdem setzen sich Japaner nur mit der Lösung von Problemen auseinander, die auch mit Sicherheit eintreten werden. In christlich geprägten Kulturen gehen wir dagegen zunächst vom Schlimmstmöglichen aus. Wenn die japanische Regierung also anfangs nicht von einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima sprach, dann weil es noch keine Beweise dafür gab. Erst als Anhaltspunkte für die sich zunehmend verschlechternde Situation im Atomkraftwerk offenkundig wurden, beschäftigte man sich damit.

Ideale, so wie wir sie kennen, sind in ostasiatischen Kulturen unbekannt. Dort geht es einzig um Interessen und deren Ausgleich. Dementsprechend beansprucht niemand in Japan, im Besitz einer allumfassenden Wahrheit zu sein. Es wird akzeptiert, dass andere Parteien ihre eigenen Interessen mit der gleichen Berechtigung verfolgen. Zwangsläufig wird nach Kompromissen gesucht.

Die japanische Kompromisskultur ist also keine Folge mangelnder Streitbereitschaft, sondern kulturelle Konsequenz. In diesem Sinne wird in Japan auch der weitere Umgang mit der Atomenergie diskutiert. Die verschiedenen Interessen der Beteiligten werden durch intensive Diskussionen unter allen Betroffenen miteinander in Einklang gebracht. 

Wir selbst sollten begreifen, dass nicht die ganze Welt auf westliche Denkmuster ausgerichtet ist. Andere Kulturen lösen ihre Probleme auf ihre eigene Art und Weise. Vor dem Hintergrund der sinkenden globalen Bedeutung des Westens müssen wir uns an diese Erkenntnis gewöhnen. Die Zeit des westlichen Werte-Imperialismus ist endgültig vorbei.