Der frühere IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat in seinem ersten Fernsehinterview seit seinem Rücktritt einen "moralischen Fehler" eingeräumt. "Ich bedauere es unendlich", sagte der 62-Jährige angesprochen auf den Sexualkontakt mit einer Hotelangestellten in einem New Yorker Hotel. Er sei nicht stolz darauf und bedauere das, was er mit der Frau erlebt habe. Es sei unbedacht gewesen – aber einvernehmlich. Sein Fehler habe sowohl seine Ehefrau Anne Sinclair, als auch seine Kinder und seine Landsleute getroffen.

Strauss-Kahn war im Mai in New York wegen des Vorwurfs der versuchten Vergewaltigung verhaftet worden und daraufhin als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgetreten. Die US-Justiz hatte das Strafverfahren Ende August aber eingestellt, weil sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hotelangestellten hatte, die Strauss-Kahn beschuldigte.

Der Sozialist gab erstmals zu, dass er ursprünglich eine Kandidatur für die Wahl 2012 geplant hatte, will sich jetzt aber nicht mehr in den Wahlkampf einmischen. "Ich habe meine Begegnung mit den Franzosen verpasst", ergänzte er. Umfragen hatten ihm bis zu seiner Festnahme Mitte Mai monatelang die besten Chancen von allen möglichen Bewerbern bescheinigt. Einen kompletten Rückzug aus der Politik kündigte er dennoch nicht an. Er wolle sich zunächst "ausruhen" und "Zeit zum Nachdenken" haben, sagte er.

Es habe keine Gewaltanwendung gegeben

Während des Gesprächs wirkte Strauss-Kahn laut Beobachtern angespannt. Er hatte den Bericht des US-Staatsanwalts mit ins Fernsehstudio gebracht, auf den er wiederholt verwies. Aus dem Dokument gehe hervor, dass es beim Sex mit der Hotelangestellten keine Gewaltanwendung gegeben habe. Die US-Justiz hatte das Strafverfahren wegen versuchter Vergewaltigung Ende August eingestellt, da sie Zweifel an der Glaubwürdigkeit Diallos hatte.

Die negativen Reaktionen von Frauenverbänden auf die Geschehnisse in der Suite des Hotels verstehe er. "Ich habe Respekt vor den Frauen", versicherte Strauss-Kahn, gegen den vor dem Sendegebäude von TF1 rund 50 Frauenrechtlerinnen demonstrierten. Er habe für seinen Fehler bezahlt und bezahle immer noch dafür.

Frankreichs Feministinnen zeigen wenig Gnade für diese Reumütigkeit. Der Auftritt des 62-jährigen Politikers sei "jämmerlich" gewesen, sagte die Vorsitzende der Organisation Paroles de femmes, Olivia Cattan. Strauss-Kahn habe "keine Erklärung" geliefert, was in dem Hotelzimmer passiert sei. Der ganze Auftritt sei ein "Theaterstück" gewesen, mit dem Strauss-Kahn auf die politische Bühne zurückwolle, sagte Cattan.

In Frankreich liegt ebenfalls eine Anzeige gegen Strauss-Kahn wegen versuchter Vergewaltigung vor. Die Schriftstellerin Tristane Banon wirft ihm vor, 2003 bei einem Interview über sie hergefallen zu sein. Strauss-Kahn sprach von einer "eingebildeten Version". Laut Ermittlungskreisen gab der 62-Jährige einen Annäherungsversuch zu, allerdings ohne Gewaltanwendung. Banons Mutter, die sozialistische Lokalpolitikerin Anne Mansouret, kritisierte nach dem Interview, Strauss-Kahn habe eine "dramaturgische Lehrstunde" abgehalten, ohne etwas zu erklären.