Joachim Gauck war vor etwas mehr als einem Jahr der Präsidentschaftskandidat der Herzen. Die Deutschen schrieben Lobeshymnen, die sie sich auf den Straßen und Plätzen gegenseitig vorsangen. Welch heller Klang lag über unseren Städten! Wenn die Menschen nach Hause kamen, schütteten sie Blumen auf den Flur und riefen ihren Kindern zu: "Flechtet! Flechtet Blumenkränze für unseren neuen Präsidenten!" Worauf die Kinder fröhlich und munter ans Werk gingen.

Im Internet gründeten sich Initiativen, welche die Kandidatur Gaucks unterstützten. Die Zeitungen titelten: "Yes, we Gauck", "Der bessere Präsident", "Es ist Sonne über Berlin". Zu schön war die Vorstellung von einem Präsidenten aus der Mitte der Gesellschaft, der für Freiheit und Bürgerrechte steht und dafür, dass "auch Deutsche Revolution können".

Offensichtlich handelte es sich dabei jedoch um ein kolossales Missverständnis, wie sich jetzt zeigte, als Gauck die Demonstranten gegen die Großbanken als alberne Romantiker bezeichnete. Viele von diesen albernen Romantikern waren vielleicht Unterstützer Gaucks und denken jetzt voller Scham an ihre damaligen Gefühle. Die Lobeshymnen werden umgedichtet und Kinder, die Blumen flechten wollen, werden zornig weggeschickt.

Der Pfarrer Joachim Gauck ist nun wie eine Jugendliebe, die mittlerweile Glatze und Bauch bekommen hat, oder wie die längst vergessene CD einer Boygroup aus alten Tagen, die vom Besuch im Wohnzimmerregal entdeckt wird, oder besser noch, wie die Schlaghose auf dem Urlaubsfoto – eben eine peinliche Erinnerung.

Doch nicht nur die Protestbürger haben ihre Meinung über Gauck geändert. Über die fehlgeschlagene Präsidentschaftswahl ist niemand glücklicher als die SPD und die Grünen, die Gauck gegen Christian Wulff antreten ließen. Hätten sie mit ihrem Kandidaten Erfolg gehabt, dann hätten wir heute ein Staatsoberhaupt, das öffentlich Position gegen Bürger bezieht, die sich um die Zukunft sorgen und deshalb auf die Straße gehen.