Islamisten haben die Wahlen in Tunesien gewonnen, in der Türkei sollen sie bereits an der Regierung sein und in Ägypten vielleicht auch schon bald. Und auch die Terroristen der Al-Qaida sind natürlich Islamisten. Ganz klar – wer an Allah glaubt, der muss ein Islamist sein. Aber wo sind eigentlich die Muslime geblieben?

Mit dem Anschlag auf das World Trade Center schuf Al-Qaida dem Westen endlich wieder ein klar definiertes Feindbild. Damit füllte sie eine schmerzhafte Lücke, die durch den Wegfall der kommunistischen Bedrohung entstanden war. 9/11 war die Geburtsstunde des Begriffs des Islamismus. Das Wort klang wissenschaftlich und hatte eine bedrohliche Endung, die fatal an Terrorismus, Faschismus und Kommunismus erinnerte.

Natürlich hatte es schon vorher Fanatiker im Namen Allahs gegeben, Chomeinis Revolution im Iran und die Mudschaheddin in Afghanistan. Aber seither ist überall nur noch vom Islamismus zu lesen und zu hören. Die Experten sprechen davon, die Medien berichten davon und die Politiker warnen davor. Auch beim arabischen Frühling muss natürlich vor allem vor den Islamisten gewarnt werden.

Der Islam wird als größte Bedrohung des 21. Jahrhundert dargestellt. Jeder Gäubige, der ihm angehört, ist ein potenzieller Terrorist, ein Schläfer, ein Eiferer, der sich vielleicht nur modern gibt. Der Umstand, dass kein muslimischer Staat militärisch für uns eine wirkliche Bedrohung darstellt, stört dieses Bild kaum. Schließlich können sich diese Fundamentalisten jederzeit als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen, wie in Madrid oder London. Und wenn die Frauenrechte in Saudi-Arabien missachtet werden, liegt das natürlich am rückständigen Islam. Wenn aber in Jamaika oder Indien Frauenrechte missachtet werden, dann liegt es an den regionalen Traditionen.

Das Unwort Islamismus verdeckt wunderbar die wahren Ursachen für die Wut vieler Muslime. Wut über die despotischen und vom Westen unterstützten Regime in ihren Heimatländern; über die Perspektivlosigkeit der Jugend; über ihre oft desolate wirtschaftliche Lage; über die militärischen Interventionen des Westens und über die eigene Ohnmacht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Umgang mit Frauen- und Menschenrechten sowie mit Andersgläubigen ist in den meisten muslimischen Ländern problematisch. Ebenso ist Terrorismus immer zu verurteilen. Aber die Kämpfer der nordirischen IRA bezeichnete auch niemand als Christianisten, obwohl auch sie religiös motivierte Terroristen waren.

Islamismus ist ein Kampfbegriff und üble Propaganda. Übel deswegen, weil er in der gesamten Gesellschaft akzeptiert wird. Und er ist eine unverzeihliche Beleidigung für all jene, die friedlich ihren Glauben leben. Wenn wir das Wort Islamismus verwenden, machen wir damit klar, dass wir nicht an einem friedlichen Miteinander in der Welt interessiert sind, sondern Feinde brauchen, um von unseren eigenen Fehlern abzulenken.