Occupy Frankfurt Bankengegnern glückt Bewährungsprobe

Es werden nicht weniger: Rund 15.000 Menschen umzingelten heute Banken- und Regierungsviertel in Frankfurt und Berlin. Die Proteste haben sich etabliert.

Demonstranten halten in Frankfurt einen Banner mit der Aufschrift "Banken in die Schranken" hoch.

Demonstranten halten in Frankfurt einen Banner mit der Aufschrift "Banken in die Schranken" hoch.

Es ist kurz vor 15 Uhr an diesem kalten Samstagnachmittag im Frankfurter Bankenviertel, als eine der Einheizerinnen per Mikro den Erfolg verkündet, der so bitter nötig war für sie und ihre Mitstreiter: "Ich kann das Ende des Zuges gar nicht sehen!", ruft sie den Demonstranten von ihrem Wagen aus zu, "es ist so toll, dass wir so viele sind." Es klingt beinahe ein wenig erleichtert.

Rund 9.000 Menschen, so die Angaben der Polizei, haben heute das Frankfurter Bankenviertel mit einer Menschenkette "umzingelt", die Veranstalter sprechen von 10.000. Damit haben die Banken-Gegner zumindest bewiesen, dass sie ihre Dynamik nicht eingebüßt haben, dass sie Tausende auf die Straßen kriegen können, zumindest alle paar Wochen.

Wie viel von der Beteiligung an der heutigen Demonstration abhing, wie nervös auch die Organisatoren im Vorfeld waren, zeigt sich schon daran, dass sie vorher keine Schätzungen zur Anzahl der Teilnehmer abgeben wollten – damit man sie hinterher nicht daran messen kann, damit sie die Aktion auf jeden Fall als Erfolg verkaufen können. In den vergangenen vier Wochen, seit der ersten Großdemonstration am 15. Oktober, hatte gerade das globalisierungskritische Netzwerk Attac, das den Großteil der Organisation stemmt, immer wieder auf den heutigen Tag verwiesen. Wenn nur ein paar hundert oder wenige tausend Menschen zu den Samstags-Demos kamen, sagten sie: Wartet ab, das sind normale Wellenbewegungen. Am 12. November, da werden es wieder mehr sein. So haben sie selbst die Umzingelungs-Aktion zur Bewährungsprobe für die Proteste ausgerufen.
 

Und in der Tat sah es am Anfang eher mau aus. Als die Protestler sich gegen halb eins vor dem Hauptbahnhof sammelten, erstreckte sich ihre Menge gerade einmal über einen Straßenblock,  500 Menschen waren es vielleicht. Unter einem großen Starbucks-Schirm stand da Jonas Brückl, mit einer weißen "Ordner"-Binde um den Arm und schaute etwas skeptisch. "Wir müssten schon 8.000 sein, damit es ein Erfolg ist", sagte er, "das ist bisher schon ein bisschen enttäuschend". Brückl, der als Kameramann arbeitet, engagiert sich seit zweieinhalb Jahren politisch, wie er sagt. Vor allem im Netzwerk "Zeitgeist", dass sehr eng mit den Occupy-Protesten verbunden ist. Im Camp vor der Europäischen Zentralbank (EZB) schaut er regelmäßig vorbei, auch wenn ihm die Debatten da noch zu wenig "lösungsorientiert" sind. Brückl würde sich wünschen, "dass wir zügiger über konkrete Vorschläge diskutieren".

Denn noch sind die Proteste ein Sammelbecken verschiedenster Gruppierungen und Strömungen, auch heute. Deutlich mehr "Organisierte" als an den vorangegangenen Wochenende sind mit Ihren Fahnen dabei: Gewerkschafter von der IG Metall und Verdi, Parteimitglieder von den Grauen Pantern und den Linken, daneben die Naturfreunde und natürlich Attac. Auf manchen Schildern wird grundsätzliches propagiert, wie "Marx hatte recht", andere fordern konkretes wie eine Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte. Zu diesem Zeitpunkt scheint es noch, als würde sich der Trend der vergangenen Wochen bestätigen: Die Profi-Aktivisten und Alten Demo-Hasen bestimmen zunehmend das Bild der Proteste, die ihren Ursprung doch auf so besondere Weise in der Mitte der Gesellschaft haben.

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Als sich der Frankfurter Demo-Zug in Bewegung setzt, schwillt er schnell zu respektabler Größe  an. Plötzlich sind sie wieder dabei, die Demo-Neulinge und Mittelschichts-Protestler, die in den vergangenen Wochen immer seltener auftauchten, und die dieses Phänomen zu etwas so besonderem machen. Familien mit Kindern strömen durch die Straßen des Bankenviertels, Ordner auf Klapprädern dirigieren sie hin und her. Es herrscht Demo-Stimmung im besten Sinne: Alle wirken leicht berauscht vom Gefühl, gemeinsam für eine Sache zu kämpfen. Auch wenn kämpfen heute nur heißt, sich für eine Menschenkette an die Hände zu fassen.

Um viertel nach zwei Uhr dann werfen Gunhild R. und ihre Freundin Sabine die Hände in die Höhe und jubeln. Es ist geschafft, die Menschenkette ist geschlossen, zeitgleich mit der in Berlin. Die beiden Frauen schließen dabei die Lücke in einer kleinen Seitenstraße, kaum 50 Meter Luftlinie von den Hochhäusern der Deutschen Bank und der Schweizer Großbank UBS. In der Villa, vor der sie stehen, sitzt eine Firma namens "Frankfurt Finanzdienstleistung Management AG", und irgendwie sind es genau solche Unternehmen, wegen denen Gunhild R. heute dabei ist: "Die politischen Entscheidungen werden viel zu stark durch Lobbyisten bestimmt", sagt sie, und deutet mit der ausgestreckten Hand in Richtung der Villa, in Richtung der dahinter liegenden Bankentürme. Sie will die Banken nicht "vernichten", aber sie will, dass sie "nur noch Geschäfte machen, die man auch verstehen kann". Sie weiß, wovon sie redet, sie arbeitet selbst bei einem der größten deutschen  Institute zur Aus- und Weiterbildung von Finanzfachleuten und Bankern. "Selbst von denjenigen, die sehr nah dran sind, verstehen die meisten nicht, was da auf den Finanzmärkten genau passiert", sagt sie. Über die Wirkung ihres Protests macht sie sich trotzdem keine Illusionen: "Dass wir auf die Straße gehen wird sicher wahrgenommen, aber ändern wird sich dadurch nichts."

Viele ihrer Mitdemonstranten sind da noch romantischer. "Du machst Geschichte, mit jedem Schritt!", dröhnt es bei der Abschlusskundgebung vor der Zentrale der Deutschen Bank aus den Boxen. Die Besetzer selbst im Frankfurter Occupy-Camp vor der EZB spielen heute nur eine untergeordnete Rolle. Während ein paar hundert Meter weiter die Abschlusskundgebung läuft, essen sie Eintopf aus Metallschüsseln oder planen die nächsten Arbeitskreis-Treffen. Solche AK's gibt es mittlerweile zu allem, was so anfällt: "AK Winterfest", "AK Flyer" oder "AK Dynamik". Für letzteren suchen die Besetzer auf ihrer Website gerade "dringen Leute". 

Es scheint, als habe sich der Bankenprotest verstetigt. Im Camp, das viel mit sich selbst beschäftigt scheint, aber auch bei den Demonstrationen, die nun seit Wochen beträchtliche Mengen auf die Straße bringen. Für 7.500 Personen war die Menschenkette beim Ordnungsamt angemeldet. Als wie realistisch sich diese Zahl erwiesen hat, zeigt, dass sich die Proteste auf eine relativ konstante Größe einzupendeln scheinen.

Ist das nun ein Erfolg oder müssten es eigentlich viel mehr sein? Für die Organisatoren ist die Antwort klar: Beides. Auf die Seite eines der Demo-Wagen haben sie geschrieben, adressiert an ihre Gegner: "Was glaubt ihr, was hier los wäre, wenn mehr wüssten, was hier los ist?" Dabei zeigen Umfragen, dass die Banken-Gegner sich schon jetzt auf einen viel breiteren Rückhalt in der Bevölkerung stützen können. Um wirklich auf die Straße zu gehen, scheint die Wut aber bei den meisten nicht zu reichen. So sieht es auch der Demo-Ordner Jonas Brückl: "Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug."
 

 
Leser-Kommentare
  1. Hier gibt es eine Abschrift der Berliner Occupyrede von der Kundgebung: http://www.alex11.org/201...

    Eine Leser-Empfehlung
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    • joG
    • 13.11.2011 um 10:29 Uhr

    ....so viel fehl gerichtete Wut zu sehen. Wenn sie etwas sinnvolles erreichen wollen, sollten sie darüber nachdenken, nach wessen Gesetzen und Regeln da gehandelt wurde und wer die Schulden und Zusagen gemacht hat, die uns nun als Gesellschaft bedrohen.

    • joG
    • 13.11.2011 um 10:29 Uhr

    ....so viel fehl gerichtete Wut zu sehen. Wenn sie etwas sinnvolles erreichen wollen, sollten sie darüber nachdenken, nach wessen Gesetzen und Regeln da gehandelt wurde und wer die Schulden und Zusagen gemacht hat, die uns nun als Gesellschaft bedrohen.

  2. Mit Abstand die weltgrößten und einflussreichsten Kapitalisten sind bekanntlichheute die Chinesen. Also wann wird die Occupy-Bewegung den Tian Anmen-Platz besetzen?

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    Sobald der freiste Staat der Welt (zugleich der zweiteinflussreichste Staat der Welt, nach Ihrer These) seine Grenzen zu Mexiko öffnet.

    Sobald der freiste Staat der Welt (zugleich der zweiteinflussreichste Staat der Welt, nach Ihrer These) seine Grenzen zu Mexiko öffnet.

  3. "Es werden nicht weniger: Rund 15.000 Menschen ..."
    Die Quantität der Anwesenden hat mit der Qualität ihrer Argumente und der Sinnhaftigkeit ihres Handelns nicht zwingend etwas zu tun. Bei der happeningartigen Großdemonstration gegen die Nachrüstung 1981 traten sich über 300.000 Menschen im Bonner Hofgarten gegenseitig auf die Füße.
    Zum Glück hat keiner der politischen Verantwortungsträger auf sie gehört. Sonst hätten wir heute kein friedlich vereinigtes Europa, sondern die Außengrenze des Warschauer Paktes am Atlantik!

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    welche einen am glücklichsten macht

    Wenn Südkorea und Taiwan nicht in der NATO wären, wären sie sicher auch schon lange von der rotarmistischen Übermacht überrollt worden.

    Aber verzweifelte Argumentlosigkeit drängt mich nicht zu dieser Aussage.

    • eeee
    • 13.11.2011 um 17:26 Uhr

    dann wäre dieser nämlich ein paar Jahrzehnte früher zusammengebrochen.

    welche einen am glücklichsten macht

    Wenn Südkorea und Taiwan nicht in der NATO wären, wären sie sicher auch schon lange von der rotarmistischen Übermacht überrollt worden.

    Aber verzweifelte Argumentlosigkeit drängt mich nicht zu dieser Aussage.

    • eeee
    • 13.11.2011 um 17:26 Uhr

    dann wäre dieser nämlich ein paar Jahrzehnte früher zusammengebrochen.

  4. sollte endlich Nägel mit Köpfen machen, die Banken nicht nur umzingeln, sondern sie mit dicken Ketten absperren, nur um die Mitarbeiter zynisch auf Plakaten zu fragen, ob sie endlich kapiert hätten, dass man Geld nicht essen kann.

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    Der Kommentar wurde wieder hergestellt. Die Redaktion/mk

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    • WiKa
    • 12.11.2011 um 20:40 Uhr

    … die Banken sind nicht das Problem. Es ist schlicht unser kaputtes Geldsystem und die daraus resultierende falsche Verteilung. Mehr Problem ist da tatsächlich nicht und man kann immer wieder nur mahnen, hier auf den Punkt zu kommen.

    Für jene die dieses kaputte Geld-System erhalten wollen gibt es hier einen interessanten Vorschlag, der die bisherigen Nutznießer durch Hartz IV Bezieher ersetzt. Das System bleibt das Alte, nur die Umverteilung wird neu sortiert. Hier der Ansatz: „BfA will Banken Gründungswelle in Deutschland“ … Link, nicht ganz frei von Zynismus, ist aber dennoch eine echte Alternative für den Fall des Festhaltens am System. Sollten sich auch die Occupy's mal vergegenwärtigen, denn zu diffuser Protest kann auch daneben gehen.

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    hab mal reingesehen - da schimmelt aber gewaltig das Amt ...
    was da herleuchtet ist eine Art staatszentralistisch-kontrolliert streng ueberwachte Umstruktuerierung ala Mammutbuerokratismus wie man sie vom Osten her kannte - nun in den Westen neu aufgepflanzt werdend!
    Warum statt dessen nicht die Einfuehrung eines maximal unbuerokratischen Grundeinkommens ? Warum muss denn alles unter strengster Verwaltungsueberwacheung laufen sollen, wo sich dann vor lauter Vorschriftenbeachtung gegenseitig auf die Fuesse getreten wird ?

    hab mal reingesehen - da schimmelt aber gewaltig das Amt ...
    was da herleuchtet ist eine Art staatszentralistisch-kontrolliert streng ueberwachte Umstruktuerierung ala Mammutbuerokratismus wie man sie vom Osten her kannte - nun in den Westen neu aufgepflanzt werdend!
    Warum statt dessen nicht die Einfuehrung eines maximal unbuerokratischen Grundeinkommens ? Warum muss denn alles unter strengster Verwaltungsueberwacheung laufen sollen, wo sich dann vor lauter Vorschriftenbeachtung gegenseitig auf die Fuesse getreten wird ?

  5. na endlich kommt man bisschen bewegung in die bude:) ich finde es toll, dass die leute endlich mal von ihren glotzen wegkommen und laut sagen was für eine riesen sauerei die banken mit uns machen. und der ganze lobbyismus hat längst nicht mehr zu vertretende ausmaße angenommen.
    ja den meisten geht es noch zu gut. aber es ist anfang. es ist ein zeichen gesetzt, dass wir jetzt ein auge auf sie haben und uns nicht so leicht verarschen lassen. und sollten sie so weiter machen, werden eines tages alle auf die straße gehen. dann sollten die verursacher des ganzen schlammasels sich aber warm anziehen...

    • Ijon
    • 12.11.2011 um 20:51 Uhr

    "Das wir auf die Straße gehen wird sicher wahrgenommen, aber ändern wird sich dadurch nichts."

    ... Aua.

    Richtig wäre: "Dass wir auf die Straße gehen"

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Das Problem sind nicht nur die Banken, oder die Spekulanten, sondern das aktuelle Geldentwertungssystem.

    Warum frägt sich an dieser Stelle niemand, warum viele Nationalbanken private Anteilseigner haben, welche das Monopol besitzen, Geld aus dem Nichts zu schaffen, welches keinen (Deckungs)Wert hat.

    Als Rettung für dieses Entwertungsarmageddon werden uns Entdemokratisierungsprozesse und weitere Verschuldung (Entwertung) angeboten.

    An dieser Stelle sei zum Xten Male die Frage aufgeworfen, inwiefern der Qualitätsjournalismus noch seine Funktion auch nur annähernd rechtfertigt.

    Da die sogenannten Bewegungen nicht für etwas sind, sondern gegen zig verschiedene eher unwichtige Symptome anprotestieren, anstatt der Krankheit den Garaus zu machen. Sprich gescheitert!

    14 Leser-Empfehlungen
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    Selbst die Bank für internationalen Zahlungsausgleich hat private Anteilseigner. Ein Skandal.

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