"The Voice Of Germany"Echt mal so richtig musikalisch, ey!

Von wegen niveauvolle Unterhaltung: Auch in "The Voice of Germany" werden die Schwachen vorgeführt. Auch diese Castingshow täuscht das Publikum. von Sebastian Leber

Die Jurymitglieder der Show zeigen, dass sie auch was können: Xavier Naidoo, Hoss, Nena, Boss, Rea Garvey (von links).

Die Jurymitglieder der Show zeigen, dass sie auch was können: Xavier Naidoo, Hoss, Nena, Boss, Rea Garvey (von links).  |  © SAT.1/ProSieben

Freitagabend war wieder so ein The-Voice-Moment. Natascha Bell, 22, stand auf der Bühne und sang permanent an den richtigen Tönen vorbei. Dieter Bohlen hätte sie dafür fertiggemacht. Hätte gepöbelt und ihr verboten, je wieder nach einem Mikro zu greifen. Vielleicht hätte Natascha geweint. In dieser Show passiert das nicht. Hier schwindelt der Juror: "So schief war das doch gar nicht." Schwupps ist Natascha eine Runde weiter.

The Voice of Germany will anders sein als alle übrigen Castingshows. Vor allem anders als Deutschland sucht den Superstar und das Das Supertalent, den beiden Bohlen-Formaten auf RTL, in denen schwache Leistungen verhöhnt, Außenseiter gezielt vorgeführt werden.

Anzeige

Nach sechs Sendungen – donnerstags auf ProSieben, freitags auf Sat 1 – und dem Abschluss der ersten Castingphase steht fest: The Voice of Germany ist die Quotenüberraschung dieses Herbstes, erreicht annähernd jeden Dritten in der Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren. Die Sendung bedient eine Sehnsucht. Draußen in der Wirklichkeit mag eine Krise der nächsten folgen, mag Europa am Abgrund stehen, mögen Nazi-Banden morden und Kriege Tote fordern. Im Studio von The Voice sind alle nett zueinander. Willkommen in der Kuschelzone.

Eigentlich galt das Genre als auserzählt. 34 Staffeln Superstar, Popstars, Supertalent, Star Search, Unser Star für Oslo, Beste Stimme und X Factor haben alle denkbaren Kandidaten-Dramen – schwere Kindheit, Lampenfieber, Stimme weg – ausführlich beleuchtet. Vor allem aber hielten sie ihr Versprechen nicht, gute Popmusiker zu produzieren. Nicht mal eine Handvoll konnte sich anschließend länger als ein Jahr im Geschäft halten. Wer Glück hatte, fand Anschlussbeschäftigung beim Perfekten Promidinner oder einer anderen Resteverwertung. Auch The Voice gaukelt seinen Zuschauern vor, hier werde der nächste "Musikstar Deutschlands" gesucht. Leider ist es nicht der einzige Täuschungsversuch.

Der dreisteste ist die penetrant wiederholte Behauptung, bei The Voice zähle allein die Stimme der Kandidaten. Schließlich konnten die Coaches Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey und BossHoss in der ersten Runde wegen ihrer umgedrehten Jurysessel nicht sehen, wer gerade sang. Optik und Alter der Kandidaten seien also egal, heißt es. Das ist geschummelt. Es gab eine Vorauswahl, bei der selbstverständlich aufs Aussehen geachtet wurde. Die meisten Kandidaten, die es in die Show schafften, sind ganz offensichtlich kameratauglich. Bei den ganz wenigen, die aus dem Rahmen fallen, wird – und das ist wohl das Perfideste an diesem Konzept – stets hervorgehoben, dass diese Leute in jeder anderen Castingshow aussortiert worden wären. Weil sie zu dick, alt oder hässlich sind. Mit derselben Logik könnte einer behaupten, kein Rassist zu sein, weil er sogar mit Schwarzen spreche.

Die übergewichtige Nina aus Offenbach darf vor ihrem Auftritt erklären, warum sie so dermaßen aus der Form geraten ist (Hormonprobleme). Die 53-jährige Pamela – für Castingshow-Verhältnisse megaalt – filmen die Kameras zunächst konsequent von hinten oder auf die Füße, damit sich der Zuschauer ausmalen kann, wie abgewrackt die wohl aussieht. Doch, auch bei The Voice werden Außenseiter vorgeführt, bloß eben etwas subtiler als beim "Supertalent".

Das zweite große Täuschungsmanöver ist das Versprechen, bei dieser Show würden ausschließlich "Talente" ans Mikro gelassen. Es suggeriert, bei den Kandidaten handele es sich um frische, unverbrauchte Amateure, die bloß auf eine niveauvolle Castingshow wie diese gewartet haben. Tatsächlich treten reihenweise Musical-Darsteller, Popsternchen der Neunziger und Gescheiterte aus anderen Castingshows an. Manche breiten in der Sendung bereitwillig ihre Vergangenheit aus. Andere verheimlichen das lieber.

Leserkommentare
    • ikarus7
    • 12. Dezember 2011 10:32 Uhr

    So verblüfft war ich schon länger nicht mehr.
    Ich finde den Artikel dennoch ganz gut bzw. notwendig.

    The Voice verkauft sich als nicht oberflächlich und niveauvoll.
    Eine Schande, dass die Zuschauer diese Lüge akzeptieren -
    es geht wie in allen Casting-Shows darum, sich über Demütigungen von Verlierern zu freuen, zu lästern und sich über Ausnahmeerscheinungen, der kleine amerikanische Traum des deutschen Wohnzimmers - zu freuen.

    Danke, daß man dieser Mobbing-Gesellschaft einen Spiegel bereitstellt.

    • flxw
    • 12. Dezember 2011 10:35 Uhr

    Das ist bezeichnend für die deutsche Presselandschaft: Da wird einmal versucht etwas im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten des Privatfernsehens besser zu machen und schon wird nach Negativem gesucht um es in's Unermessliche zu potenzieren.

    Warum die erwähnten Kritikpunkte natürlich essentiell für so ein Showformat sind, könnte man der ZEIT-Online-Redaktion vielleicht an folgendem Beispiel erläutern: so wie Sie sich für Clicks prostituieren, prostituiert sich das Fernsehen für Quoten.
    Abhängig von Niveau ist jedenfalls keiner von beiden.

    • jon777
    • 12. Dezember 2011 10:42 Uhr

    Da zur Zeit im Fernsehen nur noch 4 Formate boomen.
    Politiktalkshow, Castingshow, Kochschow und Gesangsshows.

    Man sollte das Alles verbinden.

    4 Kandidaten stehen am Herd und bruzeln was auf Zeit während sie wie
    in der Oper die Thesen von Hans Werner Sinn, Hans Olaf Henkel, Arnulf Baring, Claudia Roth, Oskar Lafontaine und Michael Spreng als Opernarie darbringen.

    Jury: Johannes B Kerner, Reiner Calmund und Joey Kelly

    Moderation: Daniela Katzenberger
    Backtage und Kandidaten Interviews: Kai Ebel

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...sollte man umbedingt noch daran Denken auch Hartz4-Problemfamilien, möglichst entstellte Bauern, oder dumme Neureiche unter die Gäste zu mischen.
    Am besten ziehen alleinerziehende, alkoholabhängige Messi-Mutter, mit mindestens 5 Kindern, wovon eines unheilbar Krank ist - auf dem Weg zurück in die Gesellschaft.

  1. ...sollte man umbedingt noch daran Denken auch Hartz4-Problemfamilien, möglichst entstellte Bauern, oder dumme Neureiche unter die Gäste zu mischen.
    Am besten ziehen alleinerziehende, alkoholabhängige Messi-Mutter, mit mindestens 5 Kindern, wovon eines unheilbar Krank ist - auf dem Weg zurück in die Gesellschaft.

  2. Auch ich habe ein bisschen diese Sendung geguckt, die Ausgabe wo dieser ehemalige Boygroupsänger auftrat. Ich habe da keinen Unterschied gesehen als bei anderen Castingshows. Meine Meinung ist, dass viele Leute solche Shows nur so mitlaufen lassen um ein Hintergrundgeräusch zu schaffen in dem sie entspannen können, ich kenne solche Menschen in meinem Umfeld. Denn wie anders ist es zu erklären, so etwas zwei Stunden auszuhalten und ich meine damit in diesen Stunden ansonsten konzentriert fern zu sehen. Das ist ein tiefgreifendes Problem, wie bei Büchern können auch bei Sendungen, Serien oder Filmen kaum mehr Leute konzentriert dranbleiben. Deswegen wird es bei den jüngeren deutschen Zielgruppen nie sehr hohe Quoten geben für anspruchsvollere Formate, geben tut es sie ja auch kaum mehr. Das Interesse ist schon da, nur die Konzentration darauf, geht mehr und mehr in den Gefilden des Internet sowie des täglichen Lebens unter. Shows wie DSDS oder The Voice sind nicht anspruchsvoll, da können sie sich noch so seriös geben und behaupten bei uns ist alles fair. Castingshows sind immer auch unfair, selbst wenn ein Künstler dort eine große Stimme zeigt, auch er wird unfair behandelt werden, dies ist die Würze jener Formate, ansonsten würden sie nichtmal mehr als Hintergrundgeräusch taugen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es macht auch Sinn, dass das eigentliche Programm mehr so dahinplätschert, damit ist dann mehr Aufmerksamkeit für den wichtigen Teil, nämlich die Werbung übrig.

  3. Möglicherweise liegt der Erfolg der Sendung auch darin begründet, dass es überraschenderweise Menschen in der werberelevanten Zielgruppe gibt, welche dieses „Das Recht des Stärkeren“-Gebaren eines Dieter Bohlen abstößt oder sogar beängstigt. Ich nehme es durchaus als Qualität zwischenmenschlichen Umgangs wahr, wenn auch weniger gute Teilnehmer nicht hemmungslos beleidigt und vor aller Öffentlichkeit erniedrigt werden. Manch einer, wie vielleicht auch der möglicherweise eher sozialdarvinistisch geprägte Autor dieses Artikels, mag darin Schwäche erkennen oder die Tendenz zur „Kuschelzone“, Andere erfreut es, denn gerade für junge Menschen stellt das Verhalten ihrer „Stars“ ein Rollenmodell für das eigene Verhalten dar. Den Erfolg des Formates wage ich kühn hoffend zu interpretieren einen Ausdruck der Tatsache, dass Menschen sich zunehmend abwenden von einem neoliberalen Umgang im Sinne eines animalischen „Der Stärkere darf alles“ hin zu einem menschlicheren und respektvolleren Miteinander.

  4. ...wer glaubt, dass Fernsehshows gerecht sind, der glaubt wohl auch, dass die Medien dieser Zeit die Wahrheit berichten.

    Es ist eine Show zur Unterhaltung, kein Bildungsprogramm. Und absolut keiner wird vorgeführt, die Teilnehmer haben freiwillig daran teilgenommen.
    Und im Prinzip sind all diese Popstars, Topmodels und Gerichtsschow-Schauspieler nicht dumm - denn sie haben erkannt, dass Arbeit sich nicht lohnt.

    • ikonist
    • 12. Dezember 2011 13:25 Uhr

    deutsche fernsehen als ganzes nicht >voice of germany<? ich beziehe diesen artikel auf 99 prozent aller darbietungen der kiste

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service