Ein Rabbiner am Brandenburger Tor in Berlin während der Feiern zum jüdischen Chanukka-Fest im Dezember © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Judenfeindliche Einstellungen sind einem Expertenbericht zufolge in "erheblichem Umfang" in der deutschen Gesellschaft verankert. Antisemitismus sei auch jenseits der rechtsextremen und islamistischen Milieus zu beobachten: Bei etwa einem Fünftel der Bevölkerung gebe es einen latenten Antisemitismus. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht, den ein unabhängiges Expertengremium zum ersten Mal im Auftrag des Bundestages erstellt hat . Die Wissenschaftler forderten die Politik auf, entschlossen Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Es gebe mittlerweile eine " bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken", heißt es in dem Bericht. Diese Ansichten und Taten basierten auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auch auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum.

Vor allem von Rechtsextremisten werde Antisemitismus verbreitet – er sei dort ein bedeutendes ideologisches Bindeglied. "Das wird insbesondere durch die Tatsache unterstrichen, dass mehr als 90 Prozent der antisemitischen Straftaten von Tätern begangen werden, die diesem Spektrum zuzuordnen sind", sagte der Wissenschaftler Peter Longerich.

Judenhass auf dem Fußballplatz

Das Internet spielt den Experten zufolge bei der Verbreitung von Antisemitismus eine besondere Rolle. Rechtsextreme, Holocaust-Leugner und extremistische Islamisten nutzten das Netz mit großer Selbstverständlichkeit als Plattform für ihre Propaganda. Ein anderes Beispiel sei der Sport: Auf deutschen Fußballplätzen seien rassistische, rechtsextreme und antisemitische Parolen weiterhin an der Tagesordnung. Betroffen seien etwa jüdische Fußballvereine. Sätze wie "Juden gehören in die Gaskammer", " Auschwitz ist wieder da" und "Synagogen müssen brennen" seien bei Wettkämpfen in der Regionalliga keine Seltenheit. In Schulen gehöre das Schimpfwort "Jude" vielerorts schon fast zum Allgemeingut.

Die Experten kritisierten, dass eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland nicht existiere. Dieser lasse sich aber nur langfristig und mit nachhaltigen Maßnahmen angehen. Die bisherigen Projekte liefen uneinheitlich und unkoordiniert. "Sie gehen von unterschiedlichen Vorstellungen aus, was unter Antisemitismus zu verstehen ist und wie er zu bekämpfen ist", sagte die Wissenschaftlerin Juliane Wetzel. Ein großes Problem sei, dass viele Projekte nur zeitlich befristete staatliche Förderungen erhielten.

Antisemitismus in Europa weit verbreitet

Insgesamt nehme Deutschland bei der Verbreitung antisemitischer Einstellung unter der Bevölkerung im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. Zum Teil extrem hohe Antisemitismus-Werte gebe es in Polen , Ungarn und Portugal .

Nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss im Jahr 2008 zum 70. Jahrestag der November-Pogromnacht hatte der Bundestag 2009 den Expertenkreis eingesetzt, um verstärkt gegen Antisemitismus vorzugehen. Für ihren ersten Bericht werteten die Wissenschaftler unterschiedliche Untersuchungen aus, die auf Meinungsumfragen basieren.