Ich bin Ende zwanzig und ein sogenanntes Wendekind. Ich wurde geboren in einem Land, das nicht mehr existiert. Mein Kindergarten ist keiner mehr, der Eisverkauf seit Jahren geschlossen und der kleine Spielplatz, der meinen Freunden und mir damals gehörte, ist schon lange Geschichte.

Während der wichtigsten Zeit meines Lebens hatte ich Angst vor Gewalt. Das merke ich immer wieder, wenn öffentlich über Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern diskutiert wird, wie jüngst wegen der Zwickauer Terrorzelle.

Ich habe nie einen Menschen verprügelt, verachte Gewalt in jeder Form. Trotzdem ist gerade die rechte Gewalt in meinem Kopf, weil ich sie miterlebt habe in meinem Heimatort. Ich habe sie gesehen. Ich kenne das Gefühl der Einsamkeit und die ständige Angst, niemandem vertrauen zu können. Ich kenne auch die Angst davor, einfach so zusammengeschlagen werden zu können. Denn diese Gefühle prägten meine Kindheit.

Es spielte keine Rolle, ob du Ausländer warst, Punk oder ganz unauffällig aussahst, so wie ich. Es herrschte unter rechtsextremen Jugendlichen Hass auf alles andere. Das war das Gefährliche.

Damals gab mir die Nacht oft Sicherheit, denn in der Dunkelheit konnte ich mich rechtzeitig verstecken. Mit 14 Jahren erlebte ich, wie wichtig dieser Vorteil war. Ich wollte einen Freund abholen, der in einer Tankstelle arbeitete. Dort baten uns zwei Jugendliche um Geld, welches wir nicht hatten.

Auf dem Nachhauseweg verfolgten sie uns. Da waren sie bereits zu viert. Wir gingen ruhig weiter, nur um bei der nächstmöglichen Gelegenheit losrennen zu können. Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Moment fühlte. Mir war aber klar, dass nichts Gutes passieren würde, wenn sie uns erwischen. Ich rannte wie der Teufel. Damals hatte ich Glück, ich konnte entkommen.

Einige Zeit später gab es eine Situation, die nicht so glimpflich ausging. Ich wurde verprügelt, weil ich am falschen Ort war. Ich war 16 Jahre alt und brachte in der Nacht einen Freund nach Hause. Auf dem Weg fingen uns drei Jugendliche ab. Wir wollten sie ignorieren.

Aber als sie mir mit ihren Messern klar machten, dass Schlimmeres passieren könnte, wusste ich Bescheid. Ich ließ es über mich ergehen. Es war schrecklich, einfach so verprügelt zu werden, sich nicht wehren zu können, weil man es nicht schlimmer machen will.

Ich gehöre nicht zu den Kindern, die sichtbare Narben oder Knochenbrüche davongetragen haben. Ich gehöre zu den Kindern, deren Narben unsichtbar sind.

Meine Vergangenheit ist Erinnerung. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin.

Der Name Steffen Neumann ist ein Pseudonym des Autors. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.