Leser Steffen Neumann war sieben Jahre alt, als die Mauer fiel. Seine Jugend in Ostdeutschland verbrachte er in ständiger Angst vor rechtsextremer Gewalt.
Ich bin Ende zwanzig und ein sogenanntes Wendekind. Ich wurde geboren in einem Land, das nicht mehr existiert. Mein Kindergarten ist keiner mehr, der Eisverkauf seit Jahren geschlossen und der kleine Spielplatz, der meinen Freunden und mir damals gehörte, ist schon lange Geschichte.
Während der wichtigsten Zeit meines Lebens hatte ich Angst vor Gewalt. Das merke ich immer wieder, wenn öffentlich über Rechtsextremismus in den neuen Bundesländern diskutiert wird, wie jüngst wegen der Zwickauer Terrorzelle.
Ich habe nie einen Menschen verprügelt, verachte Gewalt in jeder Form. Trotzdem ist gerade die rechte Gewalt in meinem Kopf, weil ich sie miterlebt habe in meinem Heimatort. Ich habe sie gesehen. Ich kenne das Gefühl der Einsamkeit und die ständige Angst, niemandem vertrauen zu können. Ich kenne auch die Angst davor, einfach so zusammengeschlagen werden zu können. Denn diese Gefühle prägten meine Kindheit.
Es spielte keine Rolle, ob du Ausländer warst, Punk oder ganz unauffällig aussahst, so wie ich. Es herrschte unter rechtsextremen Jugendlichen Hass auf alles andere. Das war das Gefährliche.
Damals gab mir die Nacht oft Sicherheit, denn in der Dunkelheit konnte ich mich rechtzeitig verstecken. Mit 14 Jahren erlebte ich, wie wichtig dieser Vorteil war. Ich wollte einen Freund abholen, der in einer Tankstelle arbeitete. Dort baten uns zwei Jugendliche um Geld, welches wir nicht hatten.
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© BeneA / photocase.com
Auf dem Nachhauseweg verfolgten sie uns. Da waren sie bereits zu viert. Wir gingen ruhig weiter, nur um bei der nächstmöglichen Gelegenheit losrennen zu können. Ich weiß nicht mehr, was ich in dem Moment fühlte. Mir war aber klar, dass nichts Gutes passieren würde, wenn sie uns erwischen. Ich rannte wie der Teufel. Damals hatte ich Glück, ich konnte entkommen.
Einige Zeit später gab es eine Situation, die nicht so glimpflich ausging. Ich wurde verprügelt, weil ich am falschen Ort war. Ich war 16 Jahre alt und brachte in der Nacht einen Freund nach Hause. Auf dem Weg fingen uns drei Jugendliche ab. Wir wollten sie ignorieren.
Aber als sie mir mit ihren Messern klar machten, dass Schlimmeres passieren könnte, wusste ich Bescheid. Ich ließ es über mich ergehen. Es war schrecklich, einfach so verprügelt zu werden, sich nicht wehren zu können, weil man es nicht schlimmer machen will.
Ich gehöre nicht zu den Kindern, die sichtbare Narben oder Knochenbrüche davongetragen haben. Ich gehöre zu den Kindern, deren Narben unsichtbar sind.
Meine Vergangenheit ist Erinnerung. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin.
Der Name Steffen Neumann ist ein Pseudonym des Autors. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.
- Datum 05.01.2012 - 10:59 Uhr
- Quelle Leserartikel
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Entfernt. Verzichten Sie auf unsachliche und polemische Äußerungen. Die Redaktion/mak
Falsches Viertel mit viel an häusliche Gewalt Gewohnten, jungen "machos" gegen "falsche Herkunft" oder lange Haare. Nur wehrte man sich, auch um den Preis von härteren Schlägen, oder man hatte selber die richtige "Art zu reden" konnte man Respekt gewinnen.
Und eben das ist der Unterschied. Die rechtsextreme, von den gesellschaftlichen Verhältnissen im Grunde unabhängige Gewalt, "wächst sich nicht aus", will nicht "raufen", sondern Anerkennung und Zustimmung bevor sie Ruhe gibt. Sie verhandelt nicht und kann auf Zustimmung bei den erwachsenen Verantwortlichen bauen. Das macht sie ungleich bedrohlicher, denn eigentlich gehört sie damit zum Leben. Im Grunde ein kriminelles Milieu mit Gewalt, Erpressung, Demütigung und Einschüchterung als Grundlage des Profits.
"Die rechtsextreme, von den gesellschaftlichen Verhältnissen"
Wie kommst du darauf die sei von der Gesellschaft unabhängig?
Gabs rechte Schläger im Osten auch schon? Ich kann mich gar nicht dran erinnern. Da waren die selbe Art junge Männer idR brave angepasste Schäfchen, machten ihre Ausbildung und gründeten irgendwann Familien.
"Im Grunde ein kriminelles Milieu mit Gewalt, Erpressung, Demütigung und Einschüchterung als Grundlage des Profits."
Da kann ich eher zustimmen und nichts ist gesellschaftsabhängiger und gefährlicher als kriminelle Milieus, besonders dann, wenn sie nicht nur skrupellos sind, sondern sich auch bewusst organisieren.
nur das es das vor der "wende" im osten niemals in dem außmaß gegeben hat. schwache familien hatten von allen seiten einen halt und unterstützung. so etwas habe ich in meiner kindheit im osten nie erlebt, wobei sich kinder und jugendliche schon auch geprügelt haben, aber vorher war ein streit.
"Die rechtsextreme, von den gesellschaftlichen Verhältnissen"
Wie kommst du darauf die sei von der Gesellschaft unabhängig?
Gabs rechte Schläger im Osten auch schon? Ich kann mich gar nicht dran erinnern. Da waren die selbe Art junge Männer idR brave angepasste Schäfchen, machten ihre Ausbildung und gründeten irgendwann Familien.
"Im Grunde ein kriminelles Milieu mit Gewalt, Erpressung, Demütigung und Einschüchterung als Grundlage des Profits."
Da kann ich eher zustimmen und nichts ist gesellschaftsabhängiger und gefährlicher als kriminelle Milieus, besonders dann, wenn sie nicht nur skrupellos sind, sondern sich auch bewusst organisieren.
nur das es das vor der "wende" im osten niemals in dem außmaß gegeben hat. schwache familien hatten von allen seiten einen halt und unterstützung. so etwas habe ich in meiner kindheit im osten nie erlebt, wobei sich kinder und jugendliche schon auch geprügelt haben, aber vorher war ein streit.
Ohne ihre Erfahrungen herabwürdigen zu wollen aber das ist heute doch genauso.
Ob man in der U-Bahn von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beraubt oder Verprügelt wird und dann um sein Leben rennt.
Oder von Hobby Nazis macht doch keinen Unterscheid.
Sollte es zumindest nicht.
Es wechseln nur die Menschen und ihre Gesinnung die Gewalt beleibt.
Ansonsten gut geschrieben erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen.
Naja, das könnte uns sagen, dass Sie so aussehen, dass Nazis nicht auf die Idee kommen, Sie zu verprügeln.
"Hobby-Nazis" geht schon in diese Richtung. Sind ja gar nicht ernstzunehmen, sind ja "nur Hobby-Nazis". Das haben wir ja kürzlich gesehen, wie intensiv das "Hobby" von den rechten Terroristen gepflegt wurde.
Verharmlosung. Relativierung. Verleugnung. Das gibt´s immer noch gratis dazu, wenn von Nazischlägern die Rede ist.
Ich kenne solche Situationen auch. Als ich noch klein war, wurde ich oft von Jugendlichen aus der Nachbarschaft verprügelt - und von deren Müttern! Ich bin in den 1960-ern im Westen aufgewachsen und sehe nicht ausländisch aus. Der Grund für die Gewalt war ein anderer; ich ging aufs Gymnasium, wie meine Geschwister auch. Auf dem Gymnasium, so wurde behauptet, werden die Jungs verweichlicht, lernen die Härte des Lebens nicht kennen. "So welche kannste totmachen!"
.
Das Gleiche läuft heute an vielen Schulen ab. Die Gewalt wird wohl nicht aus der Welt geschafft, wenn man nur die Neonazis bekämpft. Rassen- und Klassenhass entspringen der gleichen Quelle.
Naja, das könnte uns sagen, dass Sie so aussehen, dass Nazis nicht auf die Idee kommen, Sie zu verprügeln.
"Hobby-Nazis" geht schon in diese Richtung. Sind ja gar nicht ernstzunehmen, sind ja "nur Hobby-Nazis". Das haben wir ja kürzlich gesehen, wie intensiv das "Hobby" von den rechten Terroristen gepflegt wurde.
Verharmlosung. Relativierung. Verleugnung. Das gibt´s immer noch gratis dazu, wenn von Nazischlägern die Rede ist.
Ich kenne solche Situationen auch. Als ich noch klein war, wurde ich oft von Jugendlichen aus der Nachbarschaft verprügelt - und von deren Müttern! Ich bin in den 1960-ern im Westen aufgewachsen und sehe nicht ausländisch aus. Der Grund für die Gewalt war ein anderer; ich ging aufs Gymnasium, wie meine Geschwister auch. Auf dem Gymnasium, so wurde behauptet, werden die Jungs verweichlicht, lernen die Härte des Lebens nicht kennen. "So welche kannste totmachen!"
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Das Gleiche läuft heute an vielen Schulen ab. Die Gewalt wird wohl nicht aus der Welt geschafft, wenn man nur die Neonazis bekämpft. Rassen- und Klassenhass entspringen der gleichen Quelle.
Entfernt. Die Redaktion/vn
Jugendliche ohne Zukunft oder Perspektive neigen zu Aggressivität, das ist kein Phänomen was man nur im Rechtsextremismus findet.
Trotzdem schlimm, dass der Staat dagegen anscheinend damals wie heute kein Mittel finden kann oder will.
Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Es liegt viel eher daran, dass es einen "coolen" Rädelsführer gibt, der eine Kultur der Gewalt züchtet. Armut, Langeweile, häusliche Gewalt, radikalpolitische Einflussnahme und dergleichen begünstigen eine solche Kultur, aber ohne einen Rädelsführer, der Jugendliche unter welchem Deckmantel auch immer für sich instrumentalisiert, bleibt alles friedlich.
Die Schläger waren bei uns (in einem verschlafenen englischen Dorf) politisch völlig uninteressiert, nicht mal Fußball hat eine Rolle gespielt, es war einfach eine Gang im alten Stil. Inzwischen ist sie völlig verschwunden, man kann sich heute nicht einmal vorstellen, dass es so etwas gegeben haben soll.
Kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Es liegt viel eher daran, dass es einen "coolen" Rädelsführer gibt, der eine Kultur der Gewalt züchtet. Armut, Langeweile, häusliche Gewalt, radikalpolitische Einflussnahme und dergleichen begünstigen eine solche Kultur, aber ohne einen Rädelsführer, der Jugendliche unter welchem Deckmantel auch immer für sich instrumentalisiert, bleibt alles friedlich.
Die Schläger waren bei uns (in einem verschlafenen englischen Dorf) politisch völlig uninteressiert, nicht mal Fußball hat eine Rolle gespielt, es war einfach eine Gang im alten Stil. Inzwischen ist sie völlig verschwunden, man kann sich heute nicht einmal vorstellen, dass es so etwas gegeben haben soll.
ich wohne auch im Osten und bin zu dieser Zeit groß geworden.
Wurde nie von Nazis verprügelt und das im ein Gebiet was dafür angeblich bekannnt ist.
Und ich war immer links eingestellt, dass sah man mir auch an, dennoch wurde ich nur einmal verprügelt, von LINKEN (Punks), einfach so beim sitzen im Park, mit langen haaren.
Was sagt uns das?
das glaube ich Ihnen nicht!
Zumindest ist es eine Erfahrung, die nichts mit den meinen zu tun haben. Ich hatte niemals mit Linken irgendwelche Probleme.
Die Gewalt ging immer von rechten aus. Obwohl ich mich als Jugendlicher keiner Gruppe zugehörig fühlte.
das glaube ich Ihnen nicht!
Zumindest ist es eine Erfahrung, die nichts mit den meinen zu tun haben. Ich hatte niemals mit Linken irgendwelche Probleme.
Die Gewalt ging immer von rechten aus. Obwohl ich mich als Jugendlicher keiner Gruppe zugehörig fühlte.
Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls
Viele haben ähnliche Erfahrungen, das ist mir ziemlich klar. Und ja, sie müssen nichts mit Rechtsextremen zu tun haben. Ich bin aber nun einmal in einer Gegend aufgewachsen, wo allgemein Fremdenhass ständig präsent war. Fast jeder Stadtteil hatte seine dominierenden Gruppen und sie waren nun einmal rechtsextrem orientiert.
Allerdings zeigen doch die Aufrufe einiger Kommentatoren, dass Gewalt immer wieder Thema ist und sie ähnliche Erfahrungen mit anderen Jugendgruppen anderer Gesinnung machten.
Allerdings machen wir den Fehler die Schuldfrage bzw. die Frage der Wichtigkeit immer wieder auf bestimmte Gruppierungen zu schieben, anstatt das allgemein verbindende Element dieser verschiedenen Erfahrungen zu behandeln, GEWALT.
Die Politik sollte sich Fragen beantworten, in dem sie mit den Menschen intensiver spricht und zuhört. Fragen wie: Worin die Gewalt begründet ist? Wie ist sie entstanden? Warum entwickeln sich aus ähnlichen Personen-Fällen unterschiedliche Biographien? Wie kommt es, dass der eine Jugendliche gewaltbereites Handeln entwickelt und der andere nicht, obwohl sie gleich aufgewachsen sind?
So sehr meine Erfahrungen mir quasi die Kindheit geraubt haben, prägte ich eine Faszination für die Situation aus. Und ich empfinde auch keine Wut gegen diese Personen von damals, viel mehr bin ich von der Politik enttäuscht, da sie in der eigentlich sichersten, handlungsstärksten und verantwortungsvollsten Position sitzt, aber nicht wirklich was tat bzw. tut.
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