Deutschland-Bild : Franzosen erkennen in Angela Merkel die Deutschen
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 Vertrauen sinkt, Rivalität nimmt zu

Das Ereignis der jüngeren Geschichte, das ihr Deutschlandbild am meisten prägt, ist der Fall der Mauer. Die Kriegszeit spielt lediglich bei der älteren Generation noch eine Rolle. Ängste löse bei vielen Franzosen die Frage aus, wie sich das Modell der traditionell starken französischen Sozialversicherung mit den sozialen Einschnitten in Deutschland zugunsten der aufstrebenden Wirtschaft vereinbaren lässt.

Abgenommen hat offenbar auch das Vertrauen in die Deutschen: Während 2003 noch 35 Prozent von Vertrauen sprachen, nannten den Begriff jetzt nur noch 19 Prozent. Öfter taucht unter den Antworten der Begriff Rivalität auf – dem wirtschaftlich stärkeren Deutschland bescheinigt man wachsenden internationalen Einfluss. Immerhin rund zwei Drittel der Befragten war mindestens einmal im Nachbarland zu Gast, die meisten davon als Touristen. Ein Viertel der befragten Franzosen gab an, Deutsch sprechen zu können. 

Junge Franzosen fühlen sich als Südländer

Zwar sehen 45 Prozent der Befragten in Deutschland einen bevorzugten Partner. Unter den unter 35-Jährigen sind es aber nur noch 38 Prozent. 47 Prozent in dieser Gruppe wollen gleiche Beziehungen zu allen Partnerländern. "Die Franzosen schauen jetzt auch woanders hin", bemerkte Fourquet. Unter den Anhängern der Linken sind es sogar 57 Prozent, die sich nicht mehr nur an Deutschland ausrichten wollen. Statt dessen fühlen sich viele Franzosen den südlichen Nachbarländern Spanien und Italien näher. "Wir sind Südländer", sagte einer der Befragten.

Ungeachtet der Differenzen überwiege jedoch bei den Franzosen der Wunsch, gemeinsam mit den Deutschen als wichtigster Pfeiler der Europäischen Union Akzente zu setzen. Die deutsch-französische Partnerschaft sei solide, die Entwicklung schätzten die Befragten allerdings eher positiv und nicht als sehr positiv ein.

Die repräsentative Umfrage unter 1005 Befragten hatte die Deutsche Botschaft in Paris bestellt. Der Hintergrund ist der 50. Jahrestag der deutsch-französischen Elysée-Verträge am 22. Januar 2013.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

de facto ist es doch so

dass Frankreich sich so gerne als "Partner" sieht, weil Frankreich selbst finanziell schwach ist. Da kommt ein wenig Lob natürlich gerade recht (wie war das noch mit der Abwertung von Frankreich)?

Wahre Freundschaft erkennt man dann, wenn es einem selbst schlecht geht. Solange richtig viel Geld von Deutschland nach Frankreich und ins Ausland fließt, ist alles paletti.

Ob die Franzosen auch so gerne für uns zahlen würden?

Passend dazu ein Mitterand-Zitat ggü. Thatcher anlässlich der

Wiedervereinigung Deutschlands und die daran gebundene Währungsunion:

„Deutschland wird, nachdem die Schwierigkeiten der Vereinigung überwunden sind, wahrscheinlich stärker werden, aber ich denke, dass diese Macht durch die Europäische Union und nur durch sie eingedämmt werden kann. Ich sehe daher anders als Sie in den Unruhen im Osten einen Grund mehr, die Union zu verwirklichen. Ohne eine gemeinsame Währung sind wir alle – Sie und wir – dem Willen der Deutschen unterworfen. Wenn sie ihre Zinssätze anheben, müssen wir ihnen folgen, und Sie, die sie nicht dem Währungssystem angehören, tun dasselbe. Mitreden können wir nur, wenn es eine europäische Zentralbank gibt, wo gemeinsam entschieden wird.“

Wenn das keine Freundschaft ist.

"Die Franzosen schauen jetzt auch woanders hin"

Das halte ich für eine durchaus normale und positive Entwicklung für eine (auch) mediterrane Nation.

Eine auf Vernunft begründete Partnerschaft zwischen Nationen halte ich auch für grundsätzlich solider, als die "großen" Emotionen. Wenn uns Franzosen als verläßlichen, redlichen Partner sehen, ist das doch ein großes Lob vom alten Erbfeind.
Kein Grund zur Beunruhigung also.